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Geistiges und kulturelles Leben am Hofe Simons VI.

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 79 (1986), 123-137.

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Bibliothek
Malerei
Musik
Astronomie, Alchemie, Ingenieurwissenschaften

Simon VI., Graf und Edler Herr zur Lippe. Ölporträt von Geldorp Gortzius, 1601. (Orig. im Schloß Bückeburg)

Die deutsche Hofkultur in der Zeit zwischen dem Augsburger Religionsfrieden und dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges mit ihrer zunehmenden Aufwendigkeit und nicht seltenen Verwilderung, mit fürstlichem Mäzenatentum und baulicher und gesellschaftlicher Repräsentation hinterließ bereits bei den Zeitgenossen einen recht zwiespältigen Eindruck, dem sich angesichts nachstehender Szenerie auch der heutige Beschauer trotz beeindruckender fürstlicher Bau- und Sammeltätigkeit nicht völlig wird verschließen können. Imponierende Schloßbauten im Stil der Spätrenaissance erheben sich auf dem Terrain und den Grundmauern mittelalterlicher Burgen, die aufgrund der erreichten Waffentechnik ihre einstige Bedeutung verloren hatten; damit einher gingen die planmäßige Aus- und Umgestaltung der Residenzstädte, das Entstehen und der Ausbau der fürstlichen Bibliotheken und Kunstsammlungen, den Wunder- und Raritätenkammern, in denen bei aller Zufälligkeit und Skurrilität erste Anzeichen einer naturwissenschaftlichen Ordnungstätigkeit gesehen werden müssen. Nicht, daß die Fürsten dies alles selbst erfunden hätten, was nun den aufwendigen Zwecken ihrer Repräsentation diente. Mit dem Wachstum fürstlicher Macht und Finanzkraft sammelte sich um diese unaufhaltsam sich ausdehnenden Zentren vieles, was seit spätem Mittelalter und Renaissance an adligen Lebensformen und bürgerlicher Wissenschaft und Kultur sich entfaltet hatte. Gegenüber anderen selbständigen Mittelpunkten der Adelskultur und des städtischen Kulturlebens gewannen aber die deutschen Fürstenhöfe seit dem späten 16. Jahrhundert eine nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ neue und führende Funktion: Gerade in ihrer Vielzahl und trotz des damit oft verbundenen Provinzialismus wurden sie bis ins 19. Jahrhundert und noch darüber hinaus zu tragenden Pfeilern einer deutschen Kulturszenerie, die dem konfessionellen wie politischen Pluralismus und Partikularismus ihre Eigenarten verdankt.

Dieser Hintergrund ist aufzuzeigen, will man dem geistigen und kulturellen Leben am Hofe Simons VI. zur Lippe im Schloß Brake auch nur annähernd gerecht werden.

Unbekannt bleiben die Vorstellungen, die den seit 1579 die Grafschaft Lippe allein regierenden Simon bewogen haben, das bis dahin seiner Mutter Katharina als Witwensitz dienende, dem Stand der Wohnkultur kaum mehr genügende Schloß Brake durch seinen Architekten und Baumeister Hermann Wulff aus Lemgo in den Jahren 1584–92 im Stil der Weserrenaissance ausbauen zu lassen und 1587 mit der Verlagerung auch der Regierungskanzlei zu seiner Hauptresidenz zu erheben. Bauliche Repräsentation allein dürfte kaum ausschlaggebend für diese Entscheidung gewesen sein, denn auch das Residenzschloß in Detmold hatte bereits unter seinem Vater Bernhard VIII. durch die Meister Jörg Unkair und Cord Tönnis die Gestalt der mittelalterlichen Burg weitgehend abgelegt und zeigte sich als stattliches und großzügiges Bauwerk der Weserrenaissance unter Einbeziehung spätmittelalterlicher Bauteile.

So dürfte wohl die unmittelbare Nachbarschaft Brakes zur Hansestadt Lemgo mit ihrer Wirtschaftskraft und ihrem geistigen und kulturellen Leben den Ausschlag gegeben haben. Lemgo sollte ganz offensichtlich Residenzfunktion zukommen. Der Graf zur Lippe schuf sich mit dem neuen Schloß ein Umfeld von ebenso künstlerischer wie räumlich-zweckmäßiger Fülle, das seinem adlig-landesherrlichen Selbstverständnis entsprach; nicht Detmold, sondern das Schloß Brake gedieh zwischen 1587 und 1613 zum politischen, administrativen und kulturellen Zentrum der Grafschaft Lippe. Der regierende Graf selbst wurde mehr als je zuvor zu deren Kristallisationsfigur.

Schloß Brake. Apotheose des Grafen Simon VI. (Ausschnitt). Kupferstich von Nicolaus Boumann (1614) (Orig. Staatsarchiv Detmold D 71 Nr. 86).

Simon VI. hatte die nach den Maßstäben der Zeit notwendigen Bildungsstationen durchlaufen: häusliche Erziehung und Unterricht am Detmolder Hof, vorrangig unter der Führung des lippischen Generalsuperintendenten Magister Johann von Exter, des Verfassers der lippischen Kirchenordnung von 1571, Studienaufenthalt am Gymnasium illustre zu Straßburg 1567/68 unter der Anleitung des akademisch gebildeten Hofmeisters Christoph von Donop, vor allem aber des neuen Präzeptors und Melanchthon-Schülers, des Magisters Nikolaus Todt (oder Thodes), latinisiert Thodenus, der den Grafen auch während des anschließenden vierjährigen Aufenthaltes am braunschweig-lüneburgischen Hof zu Wolfenbüttel betreut hat; seinem prägenden Einfluß ist wohl vor allem die Hinwendung Simons zur „bereinigten Lehre“ zuzuschreiben, die in der Durchführung der sog. Zweiten Reformation in Lippe gipfelte. Thodenus gelangte 1593 erneut als Präzeptor in den Dienst Simons VI., diesmal jedoch für dessen Kinder, was ihn nicht hinderte, dem Grafen selbst mehrmals in der Woche lateinische Lektionen zu halten; aus dieser Zeit (1598) ist in der Lippischen Landesbibliothek ein lateinisches Übungsbuch des Grafen im Autograph überliefert. Simon vermochte mittlerweile erhebliche Fortschritte in der klassischen Sprache aufzuweisen, die es ihm gestatteten, gelehrte Korrespondenz zu führen; ein gutes Jahrzehnt zuvor noch schrieb er in einem 1583/84 geführten „Diarium“ ein eher schauderhaftes Latein.

Der genannte mehrjährige Aufenthalt am Wolfenbütteler Hofe, ähnliche, wenngleich kürzere aber wiederholte Besuche der Fürstenhöfe in Kassel, Darmstadt, Jülich, Stuttgart und Celle, später des kaiserlichen Hofes zu Prag (1601, 1602, 1607), seine Teilnahme an den Reichstagen zu Augsburg (1582) und zu Regensburg (1594), sein Mitwirken an einer Gesandtschaft nach den Niederlanden (1591) und zahlreiche weitere Reisen, Gäste und Beraterbesuche im Schloß Brake erweiterten sein Wissen, vermittelten die Bekanntschaft von Gelehrten und forderten nicht nur sein diplomatisches Geschick, sondern vor allem sein Interesse an Wissenschaft, Kunst und Musik; sie kompensierten bei weitem die bereits in dieser Zeit üblichen Kavalierstouren nach Frankreich und Italien, von denen Simon unter Federführung der Vormundschaft Abstand genommen hat. Neben gezielter Ausbildung und den vorgenannten Bildungseindrücken hat vermutlich seit jeher – zumindest aber seit den 80er Jahren – immer die eigene Lektüre eine bedeutsame Rolle gespielt; dies gilt vornehmlich für die Entwicklung seiner kirchenpolitischen Vorstellungen, darf jedoch durchaus verallgemeinert werden.

Bibliothek

Sieht man von einzelnen Hinweisen, wie Bücherkäufen, Bücherschenkungen und  widmungen, Buchbinderaufträgen, ab, so gibt ein „Verzeichnus der Bücher so auff dem Gewelbe zu Bracke Anno 1597 im Dezem[er] disponiret“ umfassenden Einblick in die mittlerweile auf rund 500 Titel angewachsene Privatbibliothek Simons VI. Das Bücherverzeichnis ordnet üblicherweise zunächst nach den vier klassischen Fakultäten, nämlich Theologie, Jura, Medizin und freie Künste, dann nach den Formaten – Folio, Quart, Oktav, Duodez –, innerhalb der Formatgruppen wiederum nach den Sprachen Latein, Deutsch, Fremdsprachen, letztere sind namentlich durch französische und italienische Bücher vertreten. Die Bibliothek Simons VI. erfuhr in der Folgezeit vor allem durch die Übernahme ganzer Gelehrtenbibliotheken erheblichen Zuwachs: bereits 1588 übernahm er die Büchersammlung seines ehemaligen Präzeptors Thodenus für 400 Taler, es folgte 1599 der Ankauf der Bibliothek des Magisters Johann von Exter, auf Vermittlung des Bremer Superintendenten Christoph Pezel erwarb er 1601 Teile einer holländischen Privatsammlung und über denselben gelangten im gleichen Jahr Bücher aus dem Nachlaß eines gewissen Daniel Molinaeus in den Besitz des lippischen Landesherrn. Mit dem Zugang weiterer Büchersammlungen oder Teilen von solchen darf gerechnet werden; denn bei seinem Tode, so läßt sich aus zwei weiteren Bibliothekskatalogen aus den Jahren 1665 und 1707 rekonstruieren, umfaßte die Bibliothek Simons VI. im Schloß Brake rund 3.000 Titel. Es handelt sich also um eine recht beachtliche Sammlung, die in ihrem Umfang etwa größeren Adelsbibliotheken der Zeit entsprach, hinter den Büchersammlungen bedeutender deutscher Fürstenhöfe jedoch zurückstand, eine Feststellung, die allein auf deren Quantität Bezug nimmt – und diese wiederum ist oft eher ein Spiegel der Finanzkraft als des geistigen Horizontes ihrer Besitzer.

Doppelseite aus dem lateinischen Übungsheft Simons VI. (Orig. Lipp. Landesbibliothek Mscr 131)

Zu fragen ist nach Inhalt, Verwaltung, Aufbewahrung und Verbleib der Büchersammlung im Schloß Brake, Die Bibliothek Simons VI. diente nur sekundär höfischer Repräsentation, denn sie ist, wie G. Schormann es ausgedrückt hat, in erster Linie eine „eminent politische Sammlung“, wobei Politik in der hier behandelten Zeit identisch ist mit Kirchen- oder Konfessionspolitik; sie war die Bibliothek eines Berufspolitikers und zeigt in ihrem Kernbestand an theologischen und historischen Büchern exemplarisch den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bücherbesitz und politischem Handeln auf. Die Auseinandersetzung zwischen dem lutherischen und dem reformierten Standpunkt beherrscht weitgehend das Feld, und richtig ist ganz ohne Zweifel, daß sich in dieser Bibliothek die Durchführung der Zweiten – kalvinistischen – Reformation in Lippe, die (innen-)politisch wohl schwerwiegendste Maßnahme Simons VI., widerspiegelt.
Bücher aus den Gebieten Theologie und Geschichte, Publizistik und Politik machen weit mehr als die Hälfte der Bibliothek aus, hinzu treten grundlegende allgemeinbildende Literatur, sprachliche Hilfsmittel, Lexika, Wörter- und Schulbücher sowie der für einen Landesherrn und die landesherrliche Verwaltung unverzichtbare Bestand an philosophischer (Staatstheorie, Staatskunst) und juristischer Literatur; erst danach folgen die übrigen Fach- und Wissensgebiete mit z. T. recht wenigen Titeln zur Medizin, Astronomie und Astrologie, Geometrie, Arithmetik und Musik sowie die heute als Belletristik zu bezeichnende Literatur in Gestalt von Ritterromanen u. ä. Diese allgemein gehaltene inhaltliche Charakteristik der Bibliothek Simons VI. mag hier genügen.

Sinn und Wert einer Büchersammlung stehen und fallen bekanntermaßen mit ihrer Ordnung und Erschließung, mit sachkundigem Bestandsaufbau, kontinuierlicher Pflege auch im physischen Sinne, alles Grundvoraussetzungen für eine erkenntnisreiche und fruchtbringende Benutzung. Ein abgekippter Bücherhaufen oder ein kunstvoll aufgebauter Bücherstapel mögen zwar aus vielen geistreichen Einzelstücken bestehen, bilden aber noch lange keine Bibliothek; und noch so akribisch geführte Kataloge entbehren ihres Zweckes, wenn am Standort eine Lücke klafft oder nur mehr der resistente, aber leere Einband gähnt, der Buchblock permanenter Feuchtigkeit, dem regen Appetit diverser Schädlinge oder einfallsreicher Diebeshand zum Opfer gefallen ist.

Tagebucheintrag Simons VI. zum Tode seiner ersten Gemahlin Ermgard von Rietberg am 30.7. 1584 (in: Paul Eber, Calendarium historicum, Wittenberg 1579, S. 252, Handex. des Grafen. Orig. Lipp. Landesbibliothek G 632)

Der Braker Schloßherr dürfte sich im ureigenen Interesse über seine Verantwortung im klaren gewesen sein, wenn er sich zu Ende des Jahrhunderts entschloß, den Magister Johann Philipp Engering als Bibliothekar anzustellen: Es ist anzunehmen, daß dieser die Büchersammlung in Brake ordnete; auch dürfte das „Verzeichnis der Bücher so auff dem Gewelbe ...“ von 1597 auf ihn zurückgehen, möglicherweise sogar von seiner Hand niedergelegt worden sein, was noch näherer Überprüfung bedarf. Engering hatte bis 1609 Wohnung in Lemgo genommen, es dann aber aufgrund der unsicheren Verhältnisse vorgezogen, einen Hof zu übernehmen; er wurde 1616 Rektor der Detmolder Schule, lehrte später in Stadthagen und ließ sich zuletzt als Arzt nieder. Ihm folgte nach 1611 als Bibliothekar und Archivar der seit dem Jahre 1600 am Hofe weilende gräfliche Rat Caspar Pezel, Sohn des reformierten Bremer Superintendenten Christoph Pezel, ein einflußreicher kirchenpolitischer Berater Simons VI. Über sein bibliothekarisches Wirken zu Lebzeiten Simons ist nur wenig bekannt; angeblich soll er einen neuen Bibliothekskatalog angelegt haben, der aber als Verlust gelten muß. Erst nach dem Tode Simons VI. geriet er durch ungeschickten Umgang mit Bibliotheks- und Archivgut in erbrechtliche Auseinandersetzungen zwischen Simon VII. und Otto zur Lippe-Brake, was sich für ihn selbst, mehr aber noch für seine eigenen Erben als nachteilig erweisen sollte. Pezel betreute Archiv und Bibliothek bis zu seinem Tode 1634.

„Verzeichnus der Bücher so auff dem Gewelbe zu Bracke Anno 1597 im Dezemb(er) disponiret“. Bl 34r: Register über die Lateinischen Theologischen Bücher. Ältester Katalog der LIpp. Landesbibliothek (Orig. Staatsarchiv Detmold L 77 A Nr. 3034 Bl. 33r-50v)

„Verzeichnus ...“, Bl. 48v: Es folgen teutsche historische Bücher

Das älteste und bereits mehrfach genannte Bücherverzeichnis von 1597 nennt als Aufbewahrungsstätte der gräflichen Bibliothek zunächst wenig signifikant „auff dem Gewelbe zu Bracke“. Eine Durchsicht des Raumensembles in den neu aufgeführten Gebäuden (Nordflügel, Turm, Pfarrhaus) zeigt, daß vorrangig der Schloßturm – „wohl die genialste architektonische Schöpfung des Baumeisters Hermann Wulff“ (O. Gaul) – für eine Aufbewahrung der Bibliothek infrage kommen dürfte. Als bewohnbare Räume sind dem dortigen Treppenhaus an der Westseite drei Zimmer übereinander vorgelegt. Diese Zimmer werden als „Gewölbe“ bezeichnet, da sie mit segmentbogigen Tonnen eingewölbt sind. Das mittlere und das obere „Gewölbe“ verfügen über teilweise reiche Renaissance-Stukkaturen, das obere „Gewölbe“ hatte zudem noch einen Kamin. Vergegenwärtigt man sich, daß die Bibliothek ein Ort des Verweilens, des Studiums, der Muße und auch der Repräsentation war, so gaben die künstlerisch ausgeschmückten Räume im Schloßturm zu Brake augenscheinlich das entsprechende Milieu für eine fürstliche Büchersammlung ab, gleichgültig, welchen Antrieben diese auch immer ihr Entstehen verdankt. Für die Aufstellung der Bibliothek im Turm spricht sicher auch die Tatsache, daß sich im über dem oberen „Gewölbe“-Zimmer liegenden Stockwerk das Gemach des Grafen Simon befand, es bildete die unterste der drei Wohnungen in den oberen drei Geschossen des Turmes; die Bibliothek wäre dann zwar nicht direkt mit dem Gemach verbunden gewesen, hätte sich aber in dessen unmittelbarer Nähe befunden, ein sicher nicht zu unterschätzendes Indiz. Die Aufstellung der Bücher erfolgte auf Repositorien, die Ordnung wird durch das Bücherverzeichnis selbst wiedergegeben – Fachgebiet, Format, Sprache –, das erhaltene Verzeichnis ist damit zugleich standortgebundener Sachkatalog.

Nach dem Tode Simons VI. verlegte sein Sohn und Nachfolger Simon VII. die Residenz zurück nach Detmold, wo sie künftig ohne Unterbrechung verbleiben sollte; im Gefolge dessen ließ er die Bibliothek des Vaters gegen den Willen seines Bruders Otto, dem Brake zugefallen war, nach Detmold überführen. Sie wurde 1614 als „Gräflich öffentliche Bibliothek“ im Gebäude der Detmolder Schule in der Schülerstraße aufgestellt. Die Fürstin Pauline ließ diese Bibliothek mit weiteren im Laufe der Zeit entstandenen Büchersammlungen zusammenführen, um daraus die „Fürstlich Öffentliche Bibliothek“, die heutige Lippische Landesbibliothek, zu stiften. Den Altbestand der Landesbibliothek und damit ihr wertvollstes Kapital bildet die Bibliothek Simons VI., und bis auf jene überschaubaren Stücke, die im Laufe der Jahrhunderte auf verschiedenste Art und Weise entfremdet worden sind, befindet sich dieser Buchbestand noch heute im Bibliotheksgebäude an der Hornschen Straße in Detmold. Simons Bücher sind z. T. in recht prächtigen Renaissance-Einbänden mit Porträtstempeln der Reformatoren, biblischen Szenen, Rollen- und Rankenwerk, Streicheisenlinien und Metallschließen versehen; die Mehrzahl jedoch bilden eher einfache helle Schweinsledereinbände mit zentraler Rautenranke, Akanthusblättern, Rollenstempeln und doppelten Streicheisenlinien, als Schließen dienten schmale hellgrüne Leinenbänder, die heute nahezu alle abgerissen sind. Eine ganze Reihe trägt eingeprägt die Initialen des Grafen SGVEHZL (Simon Graf Vnd Edler Herr Zur Lippe) und ist damit auch in ihrem äußeren Erscheinungsbild recht markant.

Malerei

Neben dem hervorragenden Interesse, das Simon der Baukunst zukommen ließ, galt sein besonderes Augenmerk der bildenden Kunst, vornehmlich der Malerei, und der Musik. Der Neubau des Schlosses Brake mit Sälen, Gemächern und der Schloßkapelle bot Gelegenheit und beste Voraussetzungen für die Zurschaustellung einer eigenen Sammlung, repräsentativer Ausdruck adliger Tradition, hoher Wohnkultur und Repräsentation, aber auch von Sammelleidenschaft; damit eröffnete sich das Feld fürstlichen Kunstmäzenatentums, das den eigenen Namen und den des Geschlechts erhöhte und durch Teilhabe am Ruhm des Günstlings gleichsam unsterblich machte.
Wohl für die Wand- und Deckenmalerei im Schloß hatte der Graf den Meister Joachim Schele(n) bis 1590 in seinen Dienst genommen, auch finden in den neunziger Jahren weitere Maler namentliche Erwähnung, ohne daß ihnen bestimmte Tätigkeitsfelder, geschweige denn einzelne Werke zugeschrieben werden können; zudem bleibt unklar, ob es sich bei ihnen mehr um Künstler oder um Kunsthandwerker gehandelt hat. Das Prädikat eines Hofmalers verdient wohl nur der aus Lemgo gebürtige „Contrafeiter“ (= Porträtmaler) Johann Tilmann gen. Schenck. Tilmann arbeitete bereits seit 1595 für Simon, gelangte vier Jahre später als bestallter Hofmaler in herrschaftlichen Dienst und bezog jährliches Gehalt und Deputat. Ihm werden neben dem Bild Johannes’ des Täufers (1598) in der Nikolaikirche zu Lemgo vor allem die heute im Detmolder Schloß vorhandenen Porträts Simons VI. (1600) und seiner zweiten Gemahlin Elisabeths von Schaumburg (1612), beide mit den ausladenden Kragen, der spanischen Krause („Mühlsteinkragen“), zugeschrieben. Ob der Hofmaler an der Ausschmückung der Schloßkapelle in Brake beteiligt gewesen ist, bleibt ungewiß; 1605 war er vorübergehend am Bückeburger Hof tätig, um für Simons Schwager, den Grafen Ernst von Schaumburg, an der künstlerischen Gestaltung der dortigen Gemächer und der Schloßkapelle mitzuwirken.

Einbandinitialen Simons VI. (Simon Graf Vnd Edler Herr Zur Lippe); Lipp. Landesbibliothek Th 127.2°.

Möglicherweise sind von dem kunstverständigen Grafen von Schaumburg, für den so anerkannte und vorzügliche Meister wie Johann Robyn und Adrian de Vries, gearbeitet haben, Impulse auch nach Brake ausgegangen.
O. Gaul ist beizupflichten, wenn er anmerkt, daß es keinem Zufall unterliegt, daß das beste bekannte Bildnis Simons VI. (1601) gerade im Schloß Bückeburg zu finden ist; es soll aus der Palette des niederländischen Porträtisten Geldorp Gortzius stammen, des Lieblingsmalers des Kölner Patriziats.

Zur Ausgestaltung der Braker Schloßkapelle ließ der lippische Renaissancefürst einen zwölfteiligen, auf starke Eichentafeln gemalten „Abrahamszyklus“ (Geschichte Abrahams und Lots, 1. Moses, 12-24) von dem später auch für Ernst von Schaumburg tätigen Hildesheimer Maler Johann Hopf(e) fertigen. Das in Auftrag gegebene Werk gelangte in zwei Fuhren zu jeweils sechs Tafeln im Jahre 1591 von Hildesheim nach Brake, sie haben die Zeiten überdauert und befinden sich heute im Lippischen Landesmuseum. Die Gründe, die den Braker Schloßherrn zu diesem alttestamentlichen Thema bewogen haben, verharren im Dunkeln; ob er in dem biblischen Erzvater das „Vorbild für die eigene Stellung als gottesfürchtiger Landesvater gesehen“ hat, wie geäußert wurde, bleibt offen. Die Bilder Hopf(e)s bedeuten ein interessantes, weil seltenes Zeugnis deutscher Malerei der Spätrenaissance, das der geistigen Urheberschaft Simons zu verdanken ist; Hopf(e) nutzte die Chance, dem Grafen mit der Übersendung des Zyklus’ zugleich ein florentinisches Ölgemälde („ein gewalttiges ollifarben Stücke“), das wohl eigentlich für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg bestimmt war, zu offerieren. Das Exemplar scheint den Weg in die Grafschaft Lippe nicht angetreten zu haben.
Näheren Einblick in den Kunstmarkt und damit einhergehend besondere Anregungen verdankte Simon unmittelbar dem Kaiser selbst, denn nach dem Zusammentreffen mit dem kunstsinnigen und hochgebildeten Rudolf II. auf dem Reichstag zu Regensburg (1594) begann er 1595/96 mit dem Ankauf von Bildern, die er dem Kaiser als Geschenk nach Prag sandte. Die Bilderkäufe wurden wohl im  wesentlichen über Andreas van der Meulen, Kunsthändler in Bremen, abgewickelt; mit ihm beriet sich Simon im Schloß Brake. In den Jahren 1601 und 1603 reiste Johann Tilmann in seinem Auftrag in die Niederlande, um Bilder für den Kaiser aufzukaufen, was nicht immer erfolgreich war; namentlich der Erwerb des „jüngsten Gerichts“ des Lucas von Leiden, „so Ihre Kaiserliche Majestät ... allergnedigst begerendt sein“, gelang nicht. Der Kaiser sammelte in seiner Kunstgalerie ältere italienische und niederländische Werke, beschäftigte am Hof den Kammermaler Bartholomäus Spranger, den Hofmaler Hans von Aachen und den Kammerbildhauer Adrian de Vries und griff zudem selbst zu Pinsel und Palette. Die Gemäldeschenkungen nach Prag bewegten sich im Rahmen des üblichen. Bei Hofe erfreute sich diese Art der Handsalben großer Beliebtheit, sie hielten das Haupt des Reiches auch Duodezfürsten gegenüber gewogen – ein nicht zu gering zu veranschlagender Vorteil angesichts der zahllosen, sich oft über Generationen erstreckenden Klagen und Rechtsstreitigkeiten, die vor das Hofgericht und den Kaiser selbst getragen wurden. Der Kaiser dankte solche Aufmerksamkeit nicht selten mit der Verleihung von Ämtern und Titeln, die trotz der damit verbundenen Verpflichtungen und Bürden der Eitelkeit und der Selbstdarstellung der Empfänger schmeichelten; zuletzt erweiterte die in gewissem Sinne erzwungene Beschäftigung mit der Malerei nicht selten Horizont und Interesse des Schenkers, forderte ihn zur Nachahmung heraus, weckte eigene Sammelleidenschaft oder stachelte vorhandene zu verstärktem Engagement auf.

Es darf wohl davon ausgegangen werden, daß Simon Bilder für das Braker Schloß erworben hat, ohne daß heute im Schloß zu Detmold einzelne vorhandene Werke seinem künstlerischen Interesse zugeschrieben werden können. Wie Kaiser Rudolf II. griff Simon in den letzten Lebensjahren selbst zu den Malutensilien; Johann Tilmann soll ihn in der Malkunst unterrichtet haben. Zwei von ihm im Jahre 1612 gemalte Bilder befinden sich heute im Lippischen Landesmuseum: das eine zeigt den Tanz der Salome vor König Herodes, das andere die Göttin Diana (Artemis) mit ihren Nymphen im Bade, der sie belauschende Jäger Aktaion wird wegen des Frevels in einen Hirsch verwandelt. Gerade das letztgenannte Bild zeigt enge Verwandtschaft zum Stil Bartholomäus Sprangers am kaiserlichen Hofe. Die Anregung, dieses beliebte Renaissancemotiv aufzugreifen, verdankte Simon VI. ganz offensichtlich dem Gemälde „Diana und Aktaion“, das Joseph Heintz, ein weiterer Hofmaler des Kaisers, für Rudolf II. in Prag geschaffen hat und welches dem Braker Grafen zweifellos bekannt gewesen sein dürfte. Seine Verbindung zum Prager Kunstkreis ist mehrfach belegt, mit Hans von Aachen stand er geradezu auf vertrautem Fuße. Er hatte den bei Hofe einflußreichen Maler bereits während seines ersten Pragaufenthaltes für ein Jahresgehalt von 100 Talern für verschiedene Vermittlungsdienste und Gefälligkeiten in seinen Dienst genommen, ließ ihm bisweilen Geschenke zukommen, korrespondierte mit ihm und übersandte ihm aus Brake selbstgemalte Bilder zur Begutachtung, ohne daß bisher in Erfahrung zu bringen ist, um welche Stücke es sich dabei gehandelt hat. Zu einem Mäzenatentum Simons im Bereich der Malerei scheint es indes nicht gekommen zu sein.

Musik

Die Musik am Hofe zu Brake war eng mit dem städtischen Musikleben in Lemgo verbunden. Simon VI. griff die Impulse, die insbesondere von der Lemgoer Kirchenmusik ausgingen, auf, und es entwickelt sich in Brake eine profilierte höfische Musikkultur, der einheimische wie auswärtige Interpreten ein eigentümliches Gepräge vermittelten. Bereits zur Detmolder Zeit Simons finden episodisch sich am Hof aufhaltende Künstler Erwähnung, darunter 1580 ein „Meister so meinem gnädigen Herrn die Passion gespielt“, auch Ludolf Mensching galt als Musiker, diente zugleich als Kammersekretär und wohl vornehmlich als Lehrer des gräflichen Nachwuchses.

Die Reihe der namhaften Musiker im Schloß Brake beginnt 1587 mit Vitus (Veit) Holstein, der daneben als Gerichtsschreiber fungierte; 1612 wurde ihm mit seiner Ehefrau die Kruggerechtigkeit im Dorf Brake verliehen, er selbst zum lippischen Freigrafen ernannt. Die Tätigkeiten als Schreiber und Gastwirt bewegten sich durchaus im Rahmen des üblichen und sind nicht zwangsläufig Ausdruck provinziell-kleinlicher Verhältnisse. Im folgenden Jahr (1588/89) trat mit Bonaventura Borchgreving ein prominenter Mann in gräfliche Dienste, der zuvor als Kapellmeister am Hofe König Christians IV. von Dänemark gewirkt hatte und nunmehr bis zu seinem frühen Tode 1595 für Tafel- und Kirchenmusik verantwortlich zeichnete; „Bonaventuras Gemach“ im Braker Schloß wird 1589 genannt.

Johann Grabbe: Il primo Libro de Madrigali a cinque Voci, Venedig 1609. Widmung an Simon VI. (Aus: Johann Grabbe, Werke. Hrsg. von Heinrich W. Schwab, Kassel 1971, S. XIII-XIV)

Seine Stelle nahm der berühmte und an zahlreichen Höfen begehrte, aus Amersfoort in Holland gebürtige Cornelius Conradi ein. Der Niederländer, ein Schüler Sweelincks, war zuvor Organist der Großen Kirche zu Emden  und ebendort Stadtspielmann. Von ihm wird gesagt, er sei „ein weiser, kluger, kunstreicher vnd wolerfahrner Meister in der edlen herrlichen Kunst, der lieben Musica gewesen ... Ist im singen, Componieren, vdn auff allerley Instrumenten kunstreich und lieblich zu Spielen fertig gewesen, hat viele gelehrte Discipulos gemacht, die grossen Ehren hin vnd wider gekommen.“ Meister Cornelius bewohnte ein Gemach im Ostflügel des Schlosses Brake, hatte einen Diener und bezog ein recht ansehnliches Jahresgehalt von 250 Talern. Seiner Anregung dürfte es zu verdanken sein, daß Simon im Jahre 1600 bei den norddeutschen Orgelbaumeistern Hans Scherer sen. und jun. eine Orgel für die Braker Schloßkapelle in Auftrag gab; der Graf pflegte selbst auf dieser Orgel zu spielen, auch soll er bei Conradi Unterricht genommen haben. Die Musikpflege am Hofe zu Brake hatte mit Cornelius Conradi ihren Höhepunkt erreicht. Sein früher Tod im Jahre 1603 bedeutete einen herben Verlust für das Musikleben in Westfalen; seine Ruhestätte fand er in der Lemgoer St. Nikolaikirche, wo er zeitweilig als Organist gewirkt hatte.

Als Mäzen der Musik zeigte sich Simon in der besonderen Förderung, die er den aus Lemgo stammenden Christoph Grathaus und Johann Grabbe zuteil werden ließ. Grathaus, Sohn des Lemgoer Pastors Hildebrand Grathaus, sandte er zur weiteren Ausbildung nach Emden, ließ ihn später von Conradi unterrichten, so daß er sich als Organist in Lemgo (St. Nikolai, St. Marien) niederlassen konnte.
Fußend auf dem fachkundigen Urteil Cornelius Conradis erkannte der Landesherr offensichtlich rasch die vorzügliche Begabung Johann Grabbes, Sohn des Pastors zu Hillentrup und Kapellknabe im Braker Schloß. Simon VI. gewährte ihm 1607 ein Stipendium von 300 Reichstalern für einen dreijährigen Studienaufenthalt bei Giovanni Gabrieli in Venedig. Hier traf Grabbe u. a. mit dem gleichfalls als Kompositionsschüler in der Lagunenstadt weilenden Heinrich Schütz zusammen; in den frühen Madrigalen beider lassen sich auffallende Übereinstimmungen feststellen. Grabbe veröffentlichte in Venedig „Il primo Libro de Madrigali a cinque Voci“ (1609), in dessen Vorwort in italienischer Sprache er Si mon VI. als seinen Mäzen preist. In die Grafschaft Lippe heimgekehrt, „überbrachte Grabbe ... die klanggewaltige italienische Musiksprache der Spätrenaissance und des Frühbarock“, erhielt die Anstellung als Hoforganist in Brake und – nach Simons Tod – 1614 als Vizekapellmeister, später Kapellmeister am schaumburgischen Hof in Bückeburg.
Wie schon bei Simons Stellung zur Malerei zu beobachten war, scheint er auch in musikalischer Hinsicht bleibende Eindrücke am Hofe zu Prag gewonnen zu haben: Rudolfs II. Hofkapelle war berühmt, sie hat besonders die niederländische Instrumentalmusik wie auch die italienische in Prag heimisch gemacht, wo in den Räumen und Gärten des Hradschin Carmina und Madrigale erklangen. Die Nachricht, daß der Graf in Brake „Ballunen [Ballata, ital. Tanzliedform, 13.-15. Jh.], womit man Prage wol zu spielen pflegt, nebst Barceletten [Barzellata, ital. literar.-musikal. Form, 15.-16. Jh.] und Zubehör“ bestellte, zeigt hinreichend, daß das musikalische Leben in Prag nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist.

Erfreulich ist festzustellen, daß Johann Grabbe dieser Tage wiederentdeckt wird – und mit ihm mittelbar ein Stück Braker Hofkultur. Vermutlich hat Simon noch weiteren Künstlern Unterstützung zukommen lassen, die dies zum Anlaß genommen haben, ihm Kompositionen zu widmen, wie wiederholt belegt ist. Der Braker Schloßherr war der „wirkkräftigste und eifrigste Förderer sowie maßgebliche Initiator einer ersten Blütezeit der Hofmusik im Lippischen“, die erst unter der Regentschaft der Fürstin Pauline mit der Gründung der fürstlichen Hofkapelle wieder aufleben sollte.

Astronomie, Alchimie, Ingenieurwissenschaften

Wie bei zahlreichen Landesherren seiner Zeit und an deren Spitze einmal mehr der Kaiser selbst fanden okkulte und angewandte Wissenschaften das rege Interesse Simons VI.: Astronomie und Alchimie, Astrologie und Magie sowie Ingenieurwissenschaften im weitesten Sinne lernte er an fremden Höfen kennen und war bemüht, mit Vertretern dieser Künste in Verbindung zu treten oder sie an seinen Hof nach Brake zu ziehen. Über seinen Vormund, den Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen, der den geheimen und magischen Wissenschaften besonders zugetan war, ist Simon wohl bei mehreren Aufenthalten in Kassel mit diesen Dingen in Berührung gekommen, denn mehrere Spuren führen in die unmittelbare Nähe dieses Landesherrn, dem die Nachwelt den Beinamen „der Weise“ zuerkannt hat. 1595 berief er den Schweizer Jost Burgi (Byrgi), Mathematiker, Mechaniker, Astronom und Alchimist in einer Person, zu sich nach Brake. Burgi hatte in Wilhelm von Hessen seinen Mäzen gefunden; der Landgraf bezeichnete ihn in einem Brief an Tycho Brahe als zweiten Archimedes. In der Tat handelte es sich bei dem Schweizer um ein wahres Genie, das auch Johannes Kepler hoch schätzte und die Erwartung aussprach, daß man Burgi einst als nicht geringere Koryphäe in seiner Kunst feiern möge als Albrecht Dürer in seiner Malerei, „dessen Ruhm ja auch von Tag zu Tag wachse“. Der lippische Landesherr ließ sich von ihm Uhrwerke und „Instrumente“ anfertigen, ohne daß wir wissen, welcherart es sich bei letzteren gehandelt hat. Bekannt ist, daß Burgi, der – wenig verwunderlich – im Jahre 1604 in den Dienst Kaiser Rudolfs II. trat und sogleich zum Kammeruhrnmacher ernannt wurde, kunstvolle Uhren und Globen, darunter auch Himmelsgloben mit beweglichen Planeten, geschaffen hat. Burgi widmete dem Grafen ein „Büchlein vom Probieren und Schmelzen“, also ein Werk aus dem Bereich der Alchimie, das sich noch heute in der Lippischen Landesbibliothek befindet.

Tycho Brahe: Astronomiae Instauratae Mechanica, WAndsbek 1598. Illuminierte Ausg. aus der Bibliothek Simons VI. mit eigenhändiger Widmung des berühmten dänischen Astronomen an den lippischen Landesherrn (Lipp. Landesbibliothek Nl. 70.4°)

Vermutlich ist über den Landgrafen Wilhelm ebenfalls die Verbindung zwischen Simon VI. und dem Astronom und in allen Künsten bewanderten Tycho Brahe hergestellt worden, jenem Mann, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert sagenhaften Ruhm genoß und den nicht nur der Kaiser als „den Seher, den eingeweihten in die Mysterien des Alls, den Wahrsager aus bestem Wissen um die kosmischen Zusammenhänge“ verehrte. Tycho Brahe war durch die Entdeckung eines neuen Sterns im Jahre 1572 berühmt geworden, hatte sich unter der wohlwollenden Gönnerschaft König Friedrichs II. von Dänemark auf der dänischen Insel Hven ein Herrenhaus mit Observatorium eingerichtet, wo er nicht nur Gelehrte empfing, sondern zahlreiche Fürsten zu seinen Gästen zählte; besonders sein Instrumentarium, das er ständig verbesserte und zu bisher nicht erreichter Genauigkeit perfektionierte, ermöglichte neue Beobachtungen und damit Erkenntnisse, die nicht nur seine Zeitgenossen faszinierten. Der dänische Gelehrte folgte 1599 dem Ruf des Kaisers nach Prag. Simon VI. und Brahe sind sich nie begegnet; noch bevor der Graf zur Lippe vom Schloß Brake aus am 1. Dezember 1601 zu seiner ersten Reise nach Prag aufbrach, war der große Astronom bereits seit über einem Monat nicht mehr unter den Lebenden. Wir dürfen unterstellen, daß Simon einem Zusammentreffen erwartungsvoll entgegengesehen hat: sie hatten wohl korrespondiert und Tycho Brahe hatte dem Grafen seine 1598 erschienene „Astronomiae instauratae mechanica“, ein Werk mit detaillierten Beschreibungen und kolorierten Stichen von astronomischen Instrumenten, verehrt und mit einer eigenhändigen Widmung versehen. Dieses Werk und vier weitere aus der Feder Brahes sind ebenfalls über Simons Bibliothek in die Landesbibliothek gekommen, wo sie sich noch immer befinden. Wir wissen, daß sich der Graf zur Lippe nicht nur literarisch mit der Astronomie beschäftigt hat, sondern während seines dritten Aufenthaltes in Prag (1607) astronomische und alchimistische Instrumente erwarb. Wie Falkmann zu Recht vermutet, durften in der Kaiserstadt „die Laboratorien der Künstler des goldenen Gäßchens, Alchimisten, Astrologen, Instrumentenmacher und andere Techniker die Aufmerksamkeit des ... Grafen in Anspruch“ genommen haben. Die wiederholt ausgesprochende Vermutung, Simon VI. habe den breiten Umgang auf dem Braker Schloßturm zur Sternbeobachtung genutzt, gewinnt vor diesem Hintergrund zunehmend an Wahrscheinlichkeit. Durch den Abbruch der Renaissance-Haube des Turmdaches wird der Umgang heute vom heruntergezogenen Dach verdeckt und erschwert das Vorstellungsvermögen des Beschauers; die beiden ältesten Ansichten des Schlosses Brake, die in Kupfer gestochene Apotheose Simons VI. von Nicolaus Boumann (1614) und der schöne Kupferstich des Elias van Lennep (1663) zeigen deutlich den von einer Balustrade eingefaßten Umgang und vermitteln so ein anschauliches Bild von der Situation zu Zeiten des Erbauers.

Mit der Alchimie hatte sich Simon VI. bereits vor seiner ersten Reise nach Prag (1601) beschäftigt. Ihr Ziel, die Veredelung oder Transmutation von Metallen und anderen Stoffen, zog nahezu alle frühneuzeitlichen Landesherren in ihren Bann. Die Suche nach dem Stein der Weisen veranlaßte Fürsten, ganze Heerscharen von Alchimisten anzustellen und trotz dauernder Fehlschläge, trotz der beinahe zwangsläufig umsichgreifenden Scharlatanerie, Schwindel, großen und kleinen Betrügereien fanden sich immer wieder Gönner, die auf die Maxime der Alchimisten „nur die Natur besiegt die Natur“ setzten und auf den experimentellen Goldregen hofften.

Ganz Renaissancefürst beteiligte sich Simon am Glauben an die hermetische Kunst, wenn auch nicht berauscht, so doch mit Beharrlichkeit und schier unerschütterlichem Glauben. Alchimistische Gerätschaften bezog er aus Prag, aber gleichermaßen aus Holland, woher ein Adept nach Brake gelangte, um dort zu experimentieren. Seine Bibliothek barg diverse alchimistische Drucke und Manuskripte: das „Büchlein vom Probieren und Schmelzen“ des Jost Burgi wurde bereits genannt, daneben widmete ihm der Alchimist Christoph Draube aus Kassel 1593 ein „Probierbuch“. So konnte nicht ausbleiben, daß der regierende Graf im Schloß Brake alsbald zwei Goldmachern aufsaß: Hans Lübbecker hatte sich 1594 mit dem Lemgoer Goldschmied Hans Ist und anderen zu einer „Gewerkschaft“ zusammengetan, sich mit dem Bergbauregal vom Grafen belehnen lassen und im lippischen Südosten begonnen, nach edlen oder zumindest veredelungswürdigen Metallen zu graben, was ungeachtet der erheblichen Zuschüsse und Darlehen des Landesherrn fehlschlagen mußte. Den Beweis, aus Schwefelkies Gold gewinnen zu können, blieb Lübbecker trotz beeindruckenden alchimistischen Experimentierens in seinem Laboratorium schuldig. Noch bevor er im Schloß Brake seine Kunst vor Simon demonstrieren konnte, zog er es vor, die Grafschaft Lippe eiligst zu verlassen.

Apotheose Simons VI. Kupferstich von Nicolaus Boumann, 1614 (Orig. Staatsarchiv Detmold D 71 Nr. 86)

Ähnlicher Mißerfolg war dem Lipper beschieden, als er 1604 den vormals hessischen Rittmeister Jobst von Sangerhausen als Hofalchimisten in seinen Dienst nahm, ihm im Schloß ein Laboratorium einrichtete, um selbst vor Ort in die geheimnisvolle Tiefe der Natur zu dringen und an der Umwandlung ordinärer Metalle in Gold und Silber teilzuhaben. Aus der Verpflichtung Sangerhausens, innerhalb von zwei Jahren „gemeine Metalle zu wahrem Golde oder Silber (zu) tingiren“, wurde verständlicherweise nichts, Weder wurde die „wahre unverfälschte Tinktur“, die tinctura philosophica, zur Goldverwandlung geliefert, noch der Stein der Weisen gefunden, obgleich dem Adepten aus damaliger Sicht beste Arbeitsbedingungen geboten wurden und er lange Zeit das uneingeschränkte Vertrauen Simons besaß, bevor er 1611 in Ungnade fiel und gezwungen war, das Land zu verlassen.

Es ist erstaunlich und bezeichnend zugleich, mit welch naiver Zuversicht, Wundergläubigkeit und Begeisterung Simon VI. das zweifellos imponierende und faszinierende Treiben der Alchimisten verfolgt und trotz aller ihm eigenen Rationalität großzügig finanziert hat. Ungewiß bleibt, ob er die Mittelmäßigkeit und Quacksalberei seiner Hofalchimisten je erkannt oder ob die magische Wissenschaft das rechte Augenmaß doch nachhaltig gestört hat.
Mit seinem Interesse an den Ingenieurwissenschaften, vornehmlich der Bautechnik, betrat Simon vergleichsweise festen Boden. Im Bereich des Festungsbaues galten lange Zeit die Niederländer, später dann auch die Franzosen gemeinhin als führend. Geradezu mit Experten auf diesem Gebiet hat man es mit dem holländischen „General der fortificatien“ Johan van Rijyswijck (Ryswick) und dem „ingenieur” Jetze Igns (Ygesz) zu tun, beide stellten ihre Kunst in den Dienst des regierenden Grafen zur Lippe. Besonders Rijswijck hatte sich beim Bau der Festungen und Schanzen in Alkmaar, Utrecht, Ostende, Tiel, Woudrichem und Vlissingen einen Namen gemacht. Für Simon entwarf er die Festung Lipperode (1600), die Jetze Igns in den Jahren 1604-1607 mit einer eigenen Mannschaft errichtete. Daß es dem Grafen beim Bau der Festung eher um die Umsetzung moderner Ingenieurkunst auf lippischem Territorium, als um ein Werk von strategischer Notwendigkeit ging, zeigt wohl die Tatsache, daß die aufwendigen Schanzen schon wenige Jahre nach seinem Tod aufgrund der hohen Unterhaltungskosten geschleift wurden, oder, wie einmal sarkastisch vermerkt wurde, „es ... im Grunde nichts als eine großartige Spielerei war“.

Schloß Brake, Hofansicht des Turmes (aus: Renaissanceschlösser Niedersachsens, bearbeitet von A. Neukirch u. B. Niemeyer, Tafelbd., 1914, S. 48)

Schloß Brake, Nordflügel (aus: Renaissanceschlösser Niedersachsens, bearbeitet von A. Neukirch u. B. Niemeyer, Tafelbd., 1914, S. 48)

Johan van Rijswijck gelangte 1609 erneut in lippische Dienste, nahm Wohnung im Schloß Varenholz, führte den Titel Gräflicher Rat und bezog ein ansehnliches Jahresgehalt. Vermutlich stand er bis zu seinem Tode 1612 dem Grafen in bautechnischen, vorrangig wohl fortifikatorischen und militärischen Fragen als Berater zur Seite. Er fand seine Ruhestätte in der Kirche zu Langenholzhausen, wo noch heute ein prächtiges Epitaph seiner erinnert.

Mit Simon VI. trat am 8. Dezember 1613 ein Renaissancefürst ab, der über einen weitgespannten Bildungshorizont verfügte, der das in seinem Auftrag prächtig im Stil der Weserrenaissance ausgestaltete Schloß Brake in den Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg zu einem Mittelpunkt der Kunst und Wissenschaften hat gedeihen lassen. Spuren eines ebenso gelehrten wie gelegentlich im Stil der Zeit skurrilen Interesses treten in Gestalt seiner Bibliothek, eigenen oder auftragsgemäßen künstlerischen Schaffens und musikalischen Mäzenatentums bis auf den heutigen Tag deutlich zutage. Seinem Wahlspruch „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ (Was Du auch immer tust, das tue mit Bedacht und bedenke das Ende) in allen Lebenssituationen gerecht zu werden, hat er sich zeitlebens bemüht und ist damit dem Vermächtnis seines Vormunds Wilhelm IV. von Hessen, der ihm im Jahre 1574 diesen klassischen Hexameter aus gegebenem Anlaß als Mahnung und zugleich Richtschnur für künftiges Handeln mit auf den Lebensweg gegeben hat, zweifellos gerecht geworden.