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Ein Kreis mit kulturellem Reichtum

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Kreis Lippe. Red.: Hilmar Lotz … München: Bühn 1985, S. 74-87.

→Zur PDF-Fassung (ohne Abbildungen).

Die vielzitierte deutsche Kleinstaaterei mit ihren großen, kleinen und ganz kleinen Residenzen, mit ihren Zollschranken und beschwerlichen Reisekutschen hat eine Vielzahl von Kultureinrichtungen hinterlassen, um die uns manch anderes Land beneidet und in der Tat ehrlich beneiden darf. Theater Museen, Archive, Schloß-, Hof- und Landesbibliotheken, Parkanlagen, Promenaden, Schlösser und Herrensitze der Vergangenheit bereichern die deutsche Kulturlandschaft nicht nur bis zur Stunde, sondern prägen sie teilweise immer noch. Auf dieser historischen Substanz bauen neuzeitliche kulturelle Institutionen auf oder führen mit gleichen oder ähnlichen Inhalten eine bewährte Tradition weiter.

Das gilt auch für den heutigen Kreis Lippe, der weitgehend dem Gebiet der 1789 zum Fürstentum erhobenen Grafschaft entspricht. Das Lipperland – bis 1947 ein selbständiger Staat – ist im Gegensatz zu seinen Nachbarn niemals preußisch geworden. Darauf führt man auch den angeblichen lippischen Stolz zurück, der kulturell aber nirgendwo einen sichtbaren Niederschlag gefunden hat. Festzuhalten ist, daß die kulturgeschichtliche Zugehörigkeit unserer Heimat zu Westfalen nicht übersehen werden darf. Ihre Eigenständigkeit und Vielfalt bleiben davon allerdings unberührt. Die Residenz Detmold und die Alte Hansestadt Lemgo, zwei historisch selbständige Gemeinwesen, gehören der gleichen Kulturlandschaft an; das gilt ebenso für Schloß Brake, das bis 1614 Residenz der lippischen Grafen war, die dann ihr Domizil nach Detmold verlegten.

Grabbe-Archiv in der Lippischen Landesbibliothek Detmold
Foto: Horst Wöbbeke

Verständlich, daß sich in der Residenzstadt Detmold eine Reihe herausragender Kultureinrichtungen etablierten. Die bereits im Schloß Brake vorhandene Privatbibliothek des Grafen Simon VI. zur Lippe († 1613) bildete den Grundstock für die Lippische Landesbibliothek Detmold, heute eine moderne Gebrauchsbibliothek. Mit 350.000 Bänden ist sie die Regionalbibliothek für Ostwestfalen- Lippe und die zweitgrößte hochschulfreie wissenschaftliche Universalbibliothek Nordrhein-Westfalens. Von überregionaler, zum Teil internationaler Bedeutung sind die Sondersammlungen Grabbe-Archiv (Christian Dietrich Grabbe, Detmold, 1801 bis 1836), Musikabteilung mit Lortzing-Archiv (Albert Lortzing, von 1826 bis 1833 Schauspieler und Sänger am Detmolder Hoftheater), Freiligrath-Sammlung, Georg-Weerth-Archiv, Sozial- und Zeitgeschichtliche Sammlung. Darüber hinaus sammelt, archiviert und erschließt die Bibliothek das in Lippe erschienene und auf die Regionen bezogene gedruckte und ungedruckte Schrifttum aller Wissensgebiete und stellt es für die Benutzung bereit.

Auf eine 150iährige Geschichte zurückblicken kann das Lippische Landesmuseum in Detmold. Es ist das größte Regionalmuseum in Ostwestfalen-Lippe mit den Abteilungen Naturkunde, Ur- und Frühgeschichte sowie ostwestfälisch-lippischer Volkskunde, Numismatik und einer Sammlung alt-peruanischer Kunst. In vielen Sonderausstellungen zur Kunst- und Kulturgeschichte des hiesigen Raumes zeigt das Museum Ausschnitte aus seinen verschiedenen Sparten. Darüber hinaus obliegt ihm die Bodendenkmalpflege für Lippe. In der Planung befindet sich derzeit ein Weserrenaissance-Museum zur Erforschung, Dokumentation und Präsentation dieses einzigartigen Baustils im Schloß Brake. – Eine Neugründung aus dem Jahre 1971 ist das Institut für Lippische Landeskunde. Es initiiert und fördert kulturelle Entwicklungen und Vereinigungen, Kunstschaffen und Künstler und setzt damit vielfältige Akzente aktiver regionaler Kulturarbeit. Ein Aufgabenschwerpunkt liegt in der Wiederbelebung des alten Künstlerzentrums Schwalenberg, der traditionsreichen Malerstadt.

Aus fürstlicher Zeit stammt das Landestheater Detmold, heute die größte Landesbühne der Bundesrepublik Deutschland. Die hervorragende Entwicklung, die das Theater in den letzten Jahrzehnten mit Angeboten von Werken aus drei Kunstgattungen, der Größe des Wirkungsfeldes und den hohen Vorstellungszahlen (über 600 im Jahr) nahm, haben dem Detmolder Ensemble die liebenswerte Bezeichnung „größtes Wandertheater Europas“ eingebracht.
Das Staatsarchiv Detmold, das ehemalige Lippische Landesarchiv, ist heute neben Düsseldorf und Münster das dritte Staatsarchiv (mit Personenstandsarchiv). Es dient nicht nur einem organisch gewachsenen Besitz an Schriftstücken, die mittlerweile historische Bedeutung haben, als Aufbewahrungsstätte, sondern in zunehmendem Maße – ähnlich wie die Lippische Landesbibliothek – auch als Forschungsstätte von hohem Rang. Außerdem trägt das Staatsarchiv Detmold durch einen weitgefächerten Veranstaltungskanon und Anregung vielfältiger Aktivitäten zu einer interessanten Belebung der kulturellen Szenerie in Lippe bei. Von den anderen Archiven unseres Kreises ist vor allem noch das Stadtarchiv der Alten Hansestadt Lemgo zu nennen, das sowohl aufgrund seiner Bestände, als auch durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit auf sich aufmerksam macht.

Büste des Komponisten Albert Lortzing
Albert Lortzing (1801-1851)
Foto: Kreisarchiv

Eine besondere Position nimmt die 1946 als Nordwestdeutsche Musikakademie gegründete Staatliche Musikhochschule Westfalen-Lippe ein, eine Institution des Landes Nordrhein-Westfalen. Mit ihren Hochschulkonzerten, den Meisterkonzerten mit Interpreten aus aller Welt und den Konzerten des in vielen Ländern Europas bekannten Kammerorchesters Tibor Varga wirkt sie weit über den Kreis hinaus. Studierende aus dem In- und Ausland, ja sogar aus Übersee und dem Fernen Osten erhalten hier ihre Aus- und Weiterbildung und tragen damit ein Stück lippischen Kulturlebens an ihre künftigen Wirkungsstätten. Auch die Nordwestdeutsche Philharmonie ist in der Aula der Musikakademie regelmäßig zu Gast.

Zu den großen Kultureinrichtungen neueren Datums (in Teilbereichen eröffnet 1971) gehört das am Stadtrand von Detmold auf einer Fläche von 80 ha gelegene Westfälische Freilichtmuseum Detmold – Landesmuseum für Volkskunde –, das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe getragen wird. Der Besucher findet hier wichtige und ausgewählte Zeugnisse bäuerlicher bzw. bürgerlicher Baukunst und Wohnkultur sowie des Handwerks und Gewerbes aus allen Landschaften in Westfalen und Lippe. Hinzu kommen Spezialsammlungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte Westfalens sowie deren Präsentation und wissenschaftliche Bearbeitung. Gemeinsam mit dem Lippischen Landesmuseum, dem Städtischen Museum Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, dem Stadt- und Bädermuseum in Bad Salzuflen und dem Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen prägt es die Museumslandschaft unseres Kreises. Das in Aussicht genommene Industriemuseum in Lage-Sylbach wird dieses einzigartige museale Angebot noch erweitern.

56 Stadt- und Gemeindebüchereien, darunter die Stadtbüchereien Detmold, Lemgo, Lage und Bad Salzuflen, die eng mit der Staatlichen Büchereistelle in Detmold zusammenarbeiten, und eine Vielzahl von Ausleihestellen rechtfertigen es, auch von einer Bibliothekslandschaft im Kreis Lippe zu sprechen. Wissenschaftliche und kulturelle Akzente setzt neben der Lippischen Landesbibliothek auch die Bibliothek der Fachhochschule Lippe.

Bibliotheken, Archive und Museen bereichern das kulturelle Angebot nicht nur durch die Vermittlung ihrer Bestände und Sondersammlungen, sondern zusätzlich durch eine bunte Palette von Ausstellungen, Vorträgen, Lesungen, Veranstaltungen und Aktionen verschiedenster Art und zu den unterschiedlichsten Anlässen. Einen nicht unerheblichen Beitrag zu den kulturellen Aktivitäten im Kreis leisten auch die zahlreichen Kantoreien; darunter die von St. Marien und St. Nikolai in Lemgo, die der Christuskirche und der Martin-Luther-Kirche in Detmold, alte Musikpflege auf Burg Sternberg städtische Musikschulen in Lemgo, Detmold und Bad Salzuflen, das Detmolder Jugendorchester und das musikalische Programm des Detmolder Grabbe-Gymnasiums. Das lebendige Chorwesen sowie die vielen kleinen und großen Instrumentalspiel- und Tanzgruppen in nahezu allen lippischen Gemeinden tun ein übriges.

Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle auch die Lippische Gesellschaft für Kunst, Galerien verschiedenster Kunstrichtungen privater Provenienz, Vereine und Gesellschaften, darunter der Historische und Naturwissenschaftliche Verein für das Land Lippe, der traditionsgemäß in Personalunion mit dem Staatsarchiv verbunden ist, die Grabbe-Gesellschaft und insbesondere der Lippische Heimatbund mit seinen zahlreichen Ortsvereinen. Sie alle tragen auf ihre Art zum Kulturleben des Kreises Lippe bei und dokumentieren dessen kulturelle Leistungsfähigkeit.

Gewiß, manches was Lippe an Kultur und Kulturgut zu bieten hat, können andere Kreise ebenfalls vorweisen; doch in dieser Dichte und Fülle wird man es kaum finden. Es hat also seine Richtigkeit, wenn wir vom Kreis Lippe auch im übertragenen Sinne von einer „KuItur“landschaft sprechen, auf die wir stolz sein können!