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Das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann der Lippischen Landesbibliothek

Geschichte, Bestände, Erschließung

(zugleich Bericht über eine von der DFG 1979-1981 finanzierte Erschließungsmaßnahme im Grabbe-Archiv)

von Klaus Nellner

Druckfassung in: Grabbe-Jahrbuch 4 (1985), S. 37 - 45.

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1. Entstehungsgeschichte
2. Gliederung des Bestandes
3. Erschließung
Literatur

1. Entstehungsgeschichte

Das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek erinnert mit dem Hinweis auf Alfred Bergmann in seinem Namen zu Recht an den aus Waldheim in Sachsen stammenden Gelehrten (1887-1975); denn als das Land Lippe 1938 seine Grabbe-Sammlung ankaufte, handelte es sich dabei keineswegs nur um einen Grundstock, der erst der Anlaß zum Weitersammeln gewesen wäre; die Lippische Landesbibliothek kam dadurch vielmehr in den Besitz eines Dichter-Archivs, dem ein sehr genaues Konzept seines Initiators zugrundelag und dessen umfangreicher, der vielschichtigen inneren Gliederung entsprechender Bestand an Büchern, Handschriften und Bildern das Ergebnis 35jähriger intensiver und planmäßiger Sammeltätigkeit war.

Das erste Buch der Sammlung war am 25. Februar 1904 gekauft worden, ein Reclam-Bändchen mit dem Text des Dramas „Herzog Theodor von Gothland“, das der Schüler des Annen-Realgymnasiums in Dresden im Deutschunterricht gelesen hatte und davon tief ergriffen war. Dieses Lektüre-Erlebnis wurde für Alfred Bergmann schicksalhaft, die Beschäftigung mit Christian Dietrich Grabbe und seinem Werk gab fortan seinem Leben, wie er selbst schreibt, „vollen Inhalt und rechten Sinn“. Als er 1906 das Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte begann, stand für ihn fest, daß er mit einer Arbeit über Grabbe promovieren würde, und ebenso unabdingbar war ihm, daß er die dafür notwendige Literatur selbst besaß. Das Grabbe-Archiv entstand also nicht aus bibliophiler Sammel-Leidenschaft, von Anfang an sollte es Arbeitsinstrument sein, Werkzeug für die wissenschaftliche Forschung über Grabbe – zwei Ziele, die Bergmann gleichwohl mit Leidenschaft verfolgte.

Seinem Vorhaben, die gesamte Literatur von und über Grabbe sowie vor allem auch Grabbes Handschriften so zahlreich wie möglich zu erwerben und um sich zu versammeln, kamen günstige Umstände entgegen. Bei seiner Suche nach Grabbiana in Antiquariaten und auf Auktionen traf Bergmann kaum auf Konkurrenten. Andererseits gelangten besonders zwischen 1925 und 1935 durch die Versteigerung bedeutender Privatbibliotheken wie der von Georg Eckl, Heinrich Stiebel, Eduard Grisebach, Felix Kaufmann, Leopold Hirschberg, Oskar Planer, Franz G. Messow, Gotthilf Weisstein und der Grafen Stolberg-Wernigerode umfangreiche Bestände für das Sammelgebiet relevanter Literatur auf den Markt.

Als eine Fundgrube erwiesen sich bei ihrer Auflösung auch die Linckesche Leihbibliothek aus Leipzig und die Leihbibliothek der Witwe Katz aus Aachen. Aus ersterer trug Bergmann an die hundert Bände zeitgenössischer Trivialliteratur nach Hause; die andere bot einen bemerkenswert breiten Bestand an zum Teil äußerst seltenen Zeitschriften aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – das „Morgenblatt“ und die „Mitternachtzeitung“ für gebildete Stände, die „Zeitung für die elegante Welt“ und die „Blätter für literarische Unterhaltung“, der „Telegraph für Deutschland“ und „Der Gesellschafter“, „Phönix, Frühlingszeitung für Deutschland“ und „Die Posaune“, „Der Komet“ und „Unser Planet“ –, in denen er die zeitgenössische Sekundärliteratur, die Rezensionen von Grabbes Buchveröffentlichungen und die Nekrologe auf ihn, fand. Sie bildeten die Grundlage für seine Dissertation „Die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse für den Lebensgang und Charakter Christian Dietrich Grabbes. Eine quellenkritische Untersuchung“ (vollständiger Druck Berlin 1933) und für seine Anthologie „Grabbes Werke in der zeitgenössischen Kritik“, die er in sechs Bänden 1958-66 als Jahresgaben der Grabbe-Gesellschaft vorlegte.

Die erste eigenhändige Handschrift Grabbes, einen Brief an den Verleger Carl Georg Schreiner in Düsseldorf, ersteigerte Bergmann schon 1909 bei Boerner in Leipzig, die erste Werkhandschrift, die Niederschrift der Abhandlung „Über die Shakspearo-Manie“, folgte noch im gleichen Jahr. Ein besonderer Triumph war es natürlich für den Studenten der Germanistik, als er 1911 im Seminar von Albert Köster seinem Referat über Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ die soeben erworbene Handschrift dieses Lustspiels zugrundelegen konnte, bei der es sich um diejenige handelte, die Grabbe 1822 an Tieck gesandt hatte und deren Text, was noch bedeutsamer war, an mehreren Stellen von dem gedruckten abwich. Bergmanns Spürsinn gelang es sogar, einige der Bücher, die einmal in Grabbes Besitz gewesen waren, ausfindig zu machen: Sieben Bände der ersten Ausgabe von Schlegels Shakespeare-Übersetzung erwarb er aus der Bibliothek von H.W. Duncker, und 13 Bändchen von Zimmermanns „Taschenbuch der Reisen“, das der zwölfjährige Grabbe in einem dramatisch bewegten Brief von seinen Eltern erbat und auch erhielt, konnte Bergmann nach jahrelangen Bemühungen ebenfalls in Händen halten.

Von seinen Erfolgen und Rückschlägen als Büchersammler, zugleich auch von den Anregungen – besonders durch Anton Kippenberg, dessen Goethe-Sammlung er 1925-28 katalogisierte, – und den Überlegungen, die die Planung seiner stetig wachsenden Sammlung beeinflußten und wiederholt zu systematischer Erweiterung und Vertiefung der Sammelbereiche führten, hat Alfred Bergmann ausführlich in seinem Buch „Meine Grabbe-Sammlung“ (1942) berichtet. Geradezu spannend liest sich dort die Geschichte, wie er an Oskar Blumenthals Grabbe-Handschriften kam. Blumenthal besaß aus dem Nachlaß von Grabbes Frankfurter Verleger Kettembeil eine größere Zahl Werkhandschriften und Briefe des Dichters. Nachdem seine Grabbe-Ausgabe 1874 erschienen war, versuchte er, die Handschriften nach Detmold zu verkaufen, fand dort jedoch keinen Interessenten. Die Handschrift der „Shakspearo-Manie“ schenkte er Julius Stettenheim, der sie an die Firma Boerner in Leipzig veräußerte, von wo sie, wie schon erwähnt, an Bergmann kam. Als Blumenthal 1917 starb, wollte Bergmann sämtliche Handschriften aus dem Nachlaß kaufen, dem stand jedoch die testamentarische Bestimmung entgegen, daß sie in den Besitz der öffentlichen Hand kommen sollten. Der Nachlaßverwalter gab sie nach Detmold, der Empfänger war aber nicht die Lippische Landesbibliothek, sondern der Fürst Leopold selbst. 1925 war Bergmann in Detmold, um die Handschrift von „Scherz, Satire“ für eine Ausgabe zu kollationieren. Bei dieser Gelegenheit schilderten ihm die Hofbeamten die finanzielle Notlage des Fürsten, die dazu zwänge, einen Käufer für die Grabbe-Handschriften zu suchen. Bergmann bekundete aus Leipzig schriftlich seine Kaufabsicht, er erhielt jedoch keine Antwort. Als er ein Jahr später wieder in Detmold zu tun hatte, waren die Handschriften immer noch da, und diesmal unterzeichnete er den Kaufvertrag sofort. Nach Leipzig zurückgekehrt, mußte er, um die Kaufsumme aufzubringen, sich erst einmal mit Hilfe von Anton Kippenberg einen Bankkredit besorgen, an dem er dann jahrelang abzutragen hatte. Diese Belastung wurde jedoch wettgemacht durch die Befriedigung darüber, daß die Handschriften von „Herzog Theodor von Gothland“, „Scherz, Satire“, „Nannette und Maria“, „Marius und Sulla“, „Aschenbrödel“ sowie von 35 Briefen an Georg Ferdinand Kettembeil und zwei an seine spätere Frau Louise Christiane Clostermeier endlich Bestandteil des Archivs geworden waren.

Die „Napoleon“-Handschrift aus Blumenthals Besitz kam – über mehrere Zwischenbesitzer – erst 1959 auf einer Auktion bei Stargardt wieder zum Vorschein. Da gehörte das Grabbe-Archiv schon seit 20 Jahren der Lippischen Landesbibliothek, und es war an ihr, den enormen Kaufpreis aufzubringen, was ihr durch außergewöhnliche Maßnahmen auch tatsächlich gelang. Alfred Bergmann hatte verständlicherweise den Wunsch, daß seine Sammlung „als eine der Erforschung Grabbes dienende Stätte dauernden Bestand“ haben sollte, und suchte Wege, ihrer späteren Auflösung, dem Schicksal vieler privater Sammlungen, vorzubeugen. Er dachte an Detmold, das ihm „als die Vaterstadt des Dichters die berufenste Bewahrerin“ der Sammlung zu sein schien, und als er sich 1935 – zu der Zeit war er Bibliothekar am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar– in dieser Richtung äußerte, nahm Eduard Wiegand, der damalige Leiter der Lippischen Landesbibliothek, die Anregung bereitwillig auf und setzte sich bei der Lippischen Landesregierung mit Nachdruck für den Ankauf ein. Am 15. Mai 1938 konnte der Vertrag unterzeichnet werden, und am 15. Oktober desselben Jahres wurde das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann in den drei Räumen der Lippischen Landesbibliothek, in denen es sich noch heute befindet, eröffnet. Bergmann ging ebenfalls nach Detmold und wurde Bibliothekar an der Landesbibliothek. Als solcher betreute er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahre 1952 das Grabbe-Archiv, überwachte im 2. Weltkrieg seine Auslagerung in ein Salzbergwerk bei Grasleben und seine Rückführung von dort und sorgte für seinen weiteren Aufbau. Danach wurden die Belange des Archivs, vor allem die kontinuierliche Erwerbung der auf Grabbe bezüglichen Primär- und Sekundärliteratur, auch der immer wieder im Handel auftauchenden Grabbe-Handschriften, von den einzelnen Abteilungen der Bibliothek wahrgenommen; erst 1980 konnten alle Archiv-Arbeiten wieder in einer Hand vereinigt werden.

Mit dem Sammeln ging für Bergmann stets das Forschen einher. Für 124 Publikationen von ihm über Chr. D. Grabbe lieferte das Grabbe-Archiv das Material und die Quellen. Das Ziel seiner Monographien, Aufsätze und Editionen war weniger die Interpretation als vor allem, gesicherte Fakten über die Biographie und das Werk des Detmolder Dichters zu vermitteln. Die sechsbändige historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe Grabbes (Emsdetten 1960-73) und die Grabbe-Bibliographie, ebenfalls 1973 erschienen, standen als Erfüllung eines früh gefaßten Vorsatzes am Abschluß einer jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeit im Dienste Grabbes, für die Alfred Bergmann 1968 durch die Verleihung des Professorentitels ausgezeichnet wurde.

2. Gliederung und Umfang des Bestandes

Im folgenden soll ein Überblick gegeben werden über Gliederung und Umfang des Grabbe-Archivs, wie es sich heute darbietet.

Die Handschriften-Sammlung umfaßt insgesamt 551 Stücke. Werkhandschriften sind vorhanden von: „Herzog Theodor von Gothland“ (Druckvorlage und 2 Bruchstücke), „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, (erste Fassung und die Druckvorlage, sowie 3 Bruchstücke), „Nannette und Maria“ (Druckvorlage), „Marius und Sulla“ (Druckvorlage der zweiten Fassung der unvollendeten Tragödie, z.T. von Schreiberhand, außerdem 1 Bruchstück), „Über die Shakspearo-Manie“ (erste Niederschrift), „Don Juan und Faust“ (1 Bruchstück), „Kaiser Heinrich“ (Probeszene, von Schreiberhand mit eigenh. Korrekturen), „Aschenbrödel“ (erste Fassung, Schreiberhand mit eigenh. Korrekturen), „Napoleon oder die hundert Tage“ (Druckvorlage, z.T. Schreiberhand), „Hannibal“ (3 Bruchstücke), „Der Cid“ (Abschrift von Wolfgang Müller von Königswinter), „Die Hermannsschlacht“ (zeitgenössische Abschrift und 57 Bruchstücke aus den Entwürfen), sowie von 42 Beiträgen zum Düsseldorfer Fremdenblatt und 9 kurzen Prosatexten und Reimversuchen. Von den 246 Briefen Grabbes sind 46 an seinen Frankfurter Verleger Georg Ferdinand Kettembeil gerichtet, 38 an seinen Verleger in Düsseldorf, Carl Georg Schreiner, 36 an den Regierungsrat Moritz Leopold Petri, 27 an die Eltern, 23 an seine Frau, 10 an die Meyersche Hofbuchhandlung in Lemgo, 8 an seinen späteren Biographen Karl Ziegler, 6 an Nikolaus Meyer, je 5 an den Regierungsrat Christian von Meien, Karl Immermann und Ludwig Tieck, 4 an Ludwig Gustorf, je 2 an Friedrich Althof und Theodor Hell, einzelne Schreiben an den Archivrat Chr. G. Clostermeier, Theodor von Kobbe, Martin Runkel u.a.

198 Briefe und Manuskripte stammen von anderen Verfassern, von denen – in Klammern die Anzahl der Autographen – besonders zu nennen sind: der Vater Adolph Henrich Grabbe (23), Grabbes Frau Louise Christiane (17), Christian Gottlieb Clostermeier (3), Ferdinand Freiligrath (37), Heinrich Heine (2), Karl Immerman (2), Karl Köchy (2), Eduard Duller (1), Wolfgang Müller von Königswinter (1), Norbert Burgmüller (2). An sonstigen Schriftstücken finden sich in der Handschriften-Sammlung 4 Schulzeugnisse für Grabbe sowie von seiner Hand 7 Protokolle, 2 Albumblätter, ein Verlagskontrakt und eine Quittung über entliehene Bücher aus der Öffentlichen Bibliothek zu Detmold.

Der Bestand an Druckschriften beläuft sich auf rund 12.500 Bände: Bücher, Zeitschriftenbände und Zeitschriftenhefte, dazu kommen über 7000 Zeitungsausschnitte.

Den Mittelpunkt bildet natürlich die Literatur von und über Grabbe. Alles, was je von ihm gedruckt worden ist, ist vorhanden, und meistens in mehreren Exemplaren: seine frühesten Veröffentlichungen in Zeitschriften, die Erstausgaben seiner Dramen und die späteren Einzelausgaben, alle Gesamtausgaben seit der ersten, die 1870 von Rudolf Gottschall herausgegeben wurde, aber auch die Abdrucke und Auszüge in Anthologien; sodann die Übersetzungen ins Englische, Schwedische, Französische, Italienische, Spanische, Polnische, Tschechische, Russische und Japanische und schließlich die illustrierten Ausgaben und Illustrationsfolgen von Karl Thylmann, Felix Meseck, Rolf Boehlig, Walter Steinecke und Friedrich Leonhard Heubner. Die gleiche Vollständigkeit wird bei der Sammlung der Sekundärliteratur – Monographien, Dissertationen, Aufsätze, Feuilletons, Vortragsreferate, bis hin zu bedeutsamen Erwähnungen – angestrebt, wenn auch nicht immer mit absoluter Lückenlosigkeit erreicht. Eine eigene Gruppe bilden die poetischen Werke über Grabbe, Gedichte und Dramen, Romane und Erzählungen.

Die Rezeption von Grabbes Dramen auf der Bühne wird durch vielfältiges Material dokumentiert: Texte von Bühnenbearbeitungen, Regie- und Soufflierbücher, Programmhefte, Theaterzettel und -plakate, Szenenfotos und die Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften. Zu 24 Inszenierungen sind sogar Bühnenbildentwürfe und Figurinen vorhanden, 400 kleine Kunstwerke aus der gestalterischen Phantasie von Bühnenbildnern, von denen hier nur Charlotte Flemming, Johannes Schröder, Josef Fenneker und Renate Rieß genannt seien.

Zu mehreren Dramen Grabbes gibt es Kompositionen: von Heinrich Hofmann und von Friedrich Siebert zu „Aschenbrödel“, von Edmund von Borck zu „Napoleon“, von Moritz Moszkowski, von Hermann Reutter und von Karl Krenek (letztere ungedruckt) zu „Don Juan und Faust“; die Handschrift von Albert Lortzings bislang ebenfalls ungedruckter Musik zu „Don Juan und Faust“ befindet sich im Lortzing-Archiv in der Lippischen Landesbibliothek.

Es ist das besondere Merkmal des Grabbe-Archivs, daß es nach Alfred Bergmanns Konzeption in einem außergewöhnlich weitgespannten Rahmen angelegt ist. Grabbe wird nicht isoliert, sondern in seiner literarischen Umwelt und vor dem geistigen Hintergrund seiner Zeit dargestellt. Um für die Erforschung dieses Spannungsverhältnisses Vergleichsmaterial zu bieten, erweiterte Bergmann seine Sammeltätigkeit auf zusätzliche Bereiche, die sich wie Ringe um das Zentrum Grabbe legen. Man findet im Archiv daher in großem Umfang auch die Literatur, die Grabbe gelesen hat, die ihm Stoff und Anregung zu eigenem Schaffen bot, die Werke der Autoren, die er in seinen satirischen Dichtungen angriff und in seinen Abhandlungen kritisierte, die Theaterstücke, deren Aufführung in Detmold und Düsseldorf er rezensierte. Einen weiteren Kreis bilden die Werke, die durch Motivverwandtschaft zu Grabbes Werk in Beziehung stehen: Römerdramen, Hohenstaufen-, Faust-, Don Juan- und Arminius-Dichtungen aus der europäischen Literaturgeschichte. Hinzukommen drittens die Publikationen der Schriftsteller, denen Grabbe persönlich begegnete. Da stehen die „Poetischen Versuche“ seines Detmolder Lehrers Chr. F. Falkmann und die Untersuchung „Wo Hermann den Varus schlug“ von seinem Schwiegervater Christian Gottlieb Clostermeier neben den Dichtungen Heinrich Heines, Ludwig Tiecks und Karl Immermanns. Als letzte Ergänzung gedacht ist schließlich eine Sammlung von 737 Gesamtausgaben von 321 deutschen und ausländischen Dichtem aus der Zeit zwischen 1750 und 1850, allein diese Gruppe umfaßt 4800 Bände.

Auf diese Weise ist eine Bibliothek entstanden, die die belletristische Produktion der Zeit in ihrer Vielfalt und gerade auch in ihrer qualitativen Vielschichtigkeit repräsentiert. Außer den wohlbekannten erscheinen dort die Namen längst Vergessener: Iffland, Kotzebue, Raupach, Angely, Contessa, Houwald, Adolf Müllner, Theodor Hell und Carl Blum, Karl Stein und Friedrich Gleich, Fanny Tarnow und Caroline Pichler, Schriftsteller aus den „Niederungen der Tagesliteratur“, wie Bergmann sagt. Durch diesen, über Grabbe weit hinausgehenden Buchbestand und durch die zahlreichen zeitgenössischen Periodika ist das Grabbe-Archiv, wie die Anfragen von Wissenschaftlern beweisen, auch eine wertvolle Quelle für die Erforschung der deutschen Literaturgeschichte in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Dabei zeigt sich, und die vom Auswärtigen Leihverkehr an die – nicht verleihbaren – Archivbestände als einziger Fundstelle gerichteten Ausleihwünsche bestätigen es, daß gerade das einst Weitverbreitete und Vielgelesene heute in den Bibliotheken zu dem äußerst schwer Auffindbaren, zu den Rara gehört.

Der Veranschaulichung von Grabbes Zeit und Umwelt dient auch die 330 Nummern zählende Sammlung zeitgenössischer Stiche und Lithographien: Ansichten der Orte, wo Grabbe gelebt hat, Detmold, Leipzig, Berlin, Dresden, Frankfurt a. M., Düsseldorf, und Porträts der Personen, die in seiner Biographie eine Rolle spielen. Von seinen Eltern und auch von seiner Frau gibt es keine Bildnisse. Von Grabbe selbst findet man sowohl die zeitgenössischen Darstellungen – eine Bleistiftzeichnung von Theodor Hildebrandt, ein Stich von Franz Stöber nach einer anderen Zeichnung von Th. Hildebrandt, die Lithographien von W. Severin und von R. Weibezahl nach einer Kreidezeichnung von Wilhelm Pero und eine Lithographie von W. Severin nach einer verschollenen Zeichnung von Wilhelm Joseph Heine – als auch spätere, wie die Tuschpinselzeichnung von John Hoexter (1911), ein Holzschnitt von Wilhelm Geißler und das Ölgemälde von Bruno Wittenstein (1939). Auch Büsten von Christian Dietrich Grabbe stehen zwischen den Regalen des Archivs: die von Ernst v. Bandel, von Emma Bergmann, der Ehefrau des Archiv-Gründers, und die Kleinplastik von Walter Scheufen.

Die Foto-Sammlung des Grabbe-Archivs enthält nicht nur die schon erwähnten Szenenfotos, sie hält auch den Wandel der Grabbe-Stätten in Detmold, des Geburts- und des Sterbehauses und seines Grabes fest und dokumentiert Grabbe-Ausstellungen und Ereignisse anläßlich von Grabbe-Feiern.

3. Erschließung

Als Alfred Bergmann 1952 aus dem Dienst schied, existierten im Grabbe-Archiv ein alphabetischer Katalog und ein systematischer Sachkatalog. Die Erschließung schien damit sichergestellt; bei näherem Hinsehen zeigten sich allerdings erhebliche Mängel. Der Sachkatalog wies keine sichtbaren Leitkarten auf. Wenn sich eine Titelaufnahme über mehrere Zettel erstreckte, was häufig vorkam, hatten die Zettel keine ausgeworfenen Ordnungswörter. Die Zeitungsartikel aus der Zeit vor 1952, noch nicht ausgeschnitten und nach schwer einsehbaren Prinzipien geordnet, waren nirgends katalogisiert. Ein Standortkatalog fehlte völlig. Der Katalog der Handschriften dagegen wurde nur als Standortkatalog geführt.

Die Erklärung für diesen merkwürdigen Sachverhalt war, daß Bergmann bei der Benutzung seines Archivs eines Kataloges offensichtlich nicht bedurfte. In dieser Hinsicht hatte das Grabbe-Archiv also seinen Charakter als Privatsammlung behalten. Erst als die Bibliothekare der Landesbibliothek Bergmanns Arbeit fortsetzen mußten, wurde dies empfindlich spürbar, und den Katalogen wurde größere Aufmerksamkeit zugewendet: Man legte einen Standortkatalog für die Neuzugänge an, man schrieb Leitkarten. Die Handschriften des Grabbe-Archivs wurden in den Gesamtkatalog der Autographen der Lippischen Landesbibliothek aufgenommen, der aus einem alphabetischen Teil und einem Empfänger-Register besteht. Die Zeitungsartikel sind jetzt leichter zugänglich, nachdem sie im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ausgeschnitten und aufgeklebt und nach dem Erscheinungsdatum geordnet wurden, die Theaterrezensionen wurden dabei separat unter dem Titel des jeweiligen Stückes zusammengefaßt.

Zur weiteren Verbesserung der in einem wichtigen Punkt immer noch unzulänglichen Katalogsituation finanzierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine auf 18 Monate begrenzte Vb-Stelle, die vom 16.7. bis 31.10.1979 und vom 1.5.1980 bis 30. 6. 1981 mit Diplom-Bibliothekaren besetzt werden konnte. Mit ihrer Hilfe wurde die Katalogisierung der älteren Zeitschriftenliteratur in Angriff genommen. Die Zeitschriftenhefte lagen, ohne Rücksicht auf ihr Format, nach unterschiedlichen Gesichtspunkten, teils thematisch, teils chronologisch gruppiert, in 77 Kästen. Nur etwa die Hälfte der Hefte war mittels eines lose eingelegten Papierstreifens numeriert. Nachgewiesen waren die Aufsätze im alphabetischen Katalog überhaupt nicht, weder unter ihrem Verfasser noch unter dem Zeitschriftentitel. Im systematischen Sachkatalog waren sie – zumindest ein großer Teil von ihnen – zwar nachgewiesen, dort jedoch war in zahlreichen Fällen die Standortangabe auf der Titelaufnahme unvollständig, beschränkte sich auf die Kasten-Nummer, oder aber die Signatur fehlte ganz. Dadurch war die Suche nach einem bestimmten Aufsatz, ausgehend etwa von der Grabbe-Bibliographie, äußerst erschwert und langwierig, sein Auffinden gelegentlich sogar unmöglich.

Um diesem Mißstand abzuhelfen, wurde in folgender Weise vorgegangen: 859 numerierte Zeitschriftenhefte wurden nach den üblichen drei Formaten getrennt und in neuen Schubern aufgestellt, wobei die vorgefundene Heftzählung übernommen und durch Hinzufügen der Schuber-Nummer ergänzt wurde. Diese Individualsignatur wurde in jedes Heft eingetragen. Ebenso behandelt wurden weitere 780 bislang nicht numerierte Zeitschriften und Theaterprogramme, nachdem sie eine entsprechende Standortsignatur erhalten hatten. Sodann wurden in jedem Heft die auf Grabbe bezüglichen Beiträge ermittelt. Dabei war das Aufsuchen kurzer Notizen und sonstiger versteckter Hinweise sehr zeitaufwendig.

Von jedem für das Grabbe-Archiv relevanten Text wurde eine Titelaufnahme des Aufsatzes und eine des Zeitschriftentitels angefertigt. Bei titellosen Fundstellen (Verlagsanzeigen, Aufführungshinweisen, Anekdoten) wurde nur eine Aufnahme des Zeitschriftentitels mit einer Annotation gemacht. Andererseits fielen mehrere Titelaufnahmen an, wenn ein Heft mehrere Aufsätze über Grabbe enthielt. Die Bearbeitung der insgesamt 1.639 Hefte ergab 2.915 Titelaufnahmen. Von den anstehenden Katalogarbeiten wurde dann mittels eines Satzes der vervielfältigten Katalogzettel ein Standortkatalog angelegt. Damit war die Tätigkeit der von der DFG finanzierten Mitarbeiter aus Zeitgründen beendet. 58 der insgesamt 77 Kästen, also 75% der nicht katalogisierten Zeitschriftenliteratur, waren von ihnen einer ordnungsgemäßen Katalogisierung einen wesentlichen Schritt nähergebracht worden. Die noch erforderlichen Arbeitsgänge wurden von einem anderen Mitarbeiter der Landesbibliothek ausgeführt: 1. Einlegen der Titelaufnahmen in den alphabetischen Katalog des Grabbe-Archivs und 2. Ersatz der unvollständig oder gar nicht signierten Aufnahmen im systematischen Katalog durch einen weiteren Satz der neuen Titelaufnahmen. Dabei ergab sich, daß die Aktion der Neukatalogisierung etwa 700 Titel erfaßt hatte, die bisher auch im Sachkatalog nicht nachgewiesen waren.

Der Restbestand nicht katalogisierter Literatur wird im Zuge der laufenden Katalogisierung der Neuzugänge allmählich aufgearbeitet. Insgesamt gesehen haben die Kataloge des Grabbe-Archivs jetzt den erforderlichen Standard, um auf die vielfältigen Fragen seiner Benutzer – Schüler und Studenten, Verleger und Regisseure, Doktoranden und Hochschullehrer des In- und des Auslandes – die erwünschte zuverlässige Information zu geben.

Literatur

  • Bergmann, Alfred: Meine Grabbe-Sammlung. Erinnerungen und Bekenntnisse. Detmold 1942.
  • Nellner, Klaus: 30 Jahre Grabbe-Archiv Alfred Bergmann in der Lippischen Landesbibliothek. In: Mitteilungsblatt. Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen. Bochum, N.F. 19. 1969. S. 142-145. →Hier online.
  • Bergmann, Alfred: Das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek. Detmold 1973. (Nachrichten. Lippische Landesbibliothek Detmold. H.3.)
  • Hellfaier, Karl-Alexander: Alfred Bergmann und das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek. In: Heimatland Lippe. Detmold. 70. 1977. S. 40-46. →Hier online.