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Der Nachlaß Luise Küchler

von Klaus Nellner 

Druckfassung in: Heimatland Lippe 78 (1985), S. 192-194.

Der literarische Nachlaß der Detmolder Schriftstellerin Luise Küchler befindet sich seit 1982 in der Obhut der Lippischen Landesbibliothek. Er umfaßt Beleg-Exemplare ihrer im Druck erschienenen Romane und Erzählungen, Werk-Typoskripte, Briefwechsel und persönliche Aufzeichnungen. Er wurde inzwischen geordnet und katalogisiert und im März 1985 in einer Auswahl ausgestellt.

Luise Küchler wurde am 16. Februar 1902 in Neuenwege, einem kleinen Ort bei Oldenburg, als zweites von drei Kindern des Hauptschullehrers Wilhelm Küchler geboren. Nach der Volksschule besuchte sie die Fräulein-Marien-Schule in Wilhelmshaven-Rüstringen, aus kriegsbedingten Gründen allerdings nur bis 1916. Durch ihren Vater wurde ihr die Liebe zur klassischen deutschen Literatur vermittelt, vor allem aber wurde sie geprägt von der tiefen, volksmissionarisch gefärbten Frömmigkeit des Elternhauses. Von 1921 bis 1923 studierte sie am Konservatorium in Sondershausen/Thüringen Klavier und gab dann in Zetel, wohin der Vater 1916 versetzt worden war, Klavierunterricht. Nach der Pensionierung des Vaters zog die Familie 1930 nach Detmold. Hier lebte Luise Küchler – abgesehen von einem Aufenthalt in Berlin in den Jahren 1933 bis 1935 – über 50 Jahre, zusammen mit ihrer Schwester, bis zu ihrem Tod am 20. Mai 1982.

Als Neunzehnjährige hatte Luise Küchler kleine Geschichten zu schreiben begonnen; die erste, betitelt „Ein Sprung ins Freie“, erschien 1922 in „Der Gemeinnützige“, andere wurden in „Der Nachbar, ein illustriertes christliches Volksblatt für Stadt und Land“ und in den „Wandsbeker Heften, Erzählungen für jung und alt“ gedruckt. Das Manuskript ihres ersten Romans, „Dieter Mohrungen und sein Vater“, widmete sie 1928 ihren Eltern. Seit dem Anfang der 30er Jahre wandte sie sich verstärkt der Schriftstellerei zu. 1932 erschien ihr Roman „Wider Meer und Menschen“ in der Zeitschrift „Welt und Haus“, 1934 in Buchform. Es folgten: „Der Kampf um den Höllenschlund“ (1936), „Sturm hinter dem Deich“ (1937), „Dat du muin Schätzken büst“ (1939), „Über die blühende Heide“ und „Liebe, Kies und Ackerduft“ (beide 1941), „Die Lüders von Sielersand“ (1946), „Es liegt an Antje“ (1951), „Die Frau des Dietrich Fehners“ (1953) und, im gleichen Jahr, „Der Geist von Ehnemoor“. Außerdem schrieb sie Erzählungen für die Jugend und zahlreiche Geschichten für Kindergottesdienstblätter. In seinem Aufsatz „Vom Unterhaltungsroman zur evangelischen Botschaft“ in „Heimatland Lippe“, Jg. 1982, Heft 3, hat Ernst Fleischhack dies erzählerische Werk gewürdigt.

Typoskript Arns Holland

Luise Küchler verfolgte mit ihrer Schriftstellerei nach eigenen Aussagen zwei Ziele: Sie wollte, ohne sprachkünstlerischen Anspruch und Ehrgeiz, den „mittleren Schichten“ gute  Unterhaltungsliteratur bieten, und sie sah ihre  Erzähl-Gabe als „Gabe von Gott“ und daher als Auftrag an, „um der christlichen Verkündigung willen“ zu schreiben; sie wollte „christliche Volksschriftstellerin“ sein.

Nachdem sie von 1939 bis 1946 in einer Bielefelder Firma als Stenotypistin tätig gewesen war, glaubte sie nach dem Ende des 2. Weltkriegs, daß es nun ganz besonders Aufgabe der Literatur sei, „Helfer zu sein in den Nöten des Volkes, Wegweiser zu Christus hin“ („Eine kleine Biographie“, Typoskript im Nachlaß), und daß sie das Wagnis eingehen könne, freie Schriftstellerin zu werden. Schon bald mußte sie jedoch erkennen, daß sie sich damit auf einen mühsamen, steinigen Weg begeben hatte. Ihr erster „christlicher Volksroman“, „Der Geist von Ehnemoor”, 1947 geschrieben, 1953 schließlich in der Christlichen Verlagsanstalt Konstanz erschienen, brachte nicht den erhofften Durchbruch. Keiner ihrer anderen christlichen Romane fand danach einen Verleger. Ein Passionsspiel, „Um die sechste Stunde“, wurde 1957 von einer CVJM-Laienspielgruppe dreimal aufgeführt, in Brackwede, in Detmold und in Wiedenbrück. Alle weiteren Versuche, für dieses und andere Stücke Bühnen oder Rundfunkanstalten zu interessieren, blieben erfolglos. Der literarische Nachlaß von Luise Küchler, den Frau Elisabeth Küchler nach dem Tod ihrer Schwester der Lippischen Landesbibliothek übergab, dokumentiert den jahrzehntelangen, mit großer Beharrlichkeit geführten Kampf der Schriftstellerin um Anerkennung ihres Werks und um Sicherung ihrer Existenz. Im Nachlaß befinden sich die Typoskripte von rund 60 unveröffentlichten Romanen und Erzählungen und von 18 ungedruckten Schauspielen, darunter die christlichen Romane „Claudius im Nadelöhr“ (1950/51), „Die Thorens vom Stein“ (1956) und „Das Erbe der jüngsten Tochter“ (1961). Eine besondere Stellung nimmt der Roman „Arns Holland, der Fliegende Holländer“ ein. Die Gestaltung des bekannten Sagenstoffes aus christlicher Sicht hat Luise Küchler seit dem Anfang der 40er Jahre bis zu ihrem Tod beschäftigt. Der Roman liegt in drei Fassungen vor (1951, 1953/54, 1969/1982), eine noch frühere, aus dem Jahr 1947, hat existiert, sie wurde als Makulatur zur Niederschrift der nächsten verwandt. Umfangreiches Arbeitsmaterial zu diesem Projekt ist vorhanden, Notizen, Entwürfe, Ausschnittsammlungen vermitteln einen Blick in die Werkstatt der Autorin.

Ein beklemmendes Bild der inneren und äußeren Not der freien Schriftstellerin spiegelt ihr ausgedehnter Briefwechsel mit Verlagen – dem Aussaat-Verlag, dem Born-Verlag, dem Schriftenmissionsverlag –, mit Zeitschriften-Redakteuren und Schriftleitern, mit Laienspielbühnen, Rundfunkanstalten, Verbänden und den verschiedensten kirchlichen Institutionen: Anbieten der Manuskripte, Warten, dringliches Nachfragen; hinhaltende Antworten, dann Schweigen der Redaktionen; Manuskript-Rücksendungen als „leider nicht geeignet“; verzögertes Eintreffen der geringen Honorare, Erbitten von Vorschuß; Bitten um Rezensionen, Widersprüche gegen negative Urteile von Lektoren – eine endlose Serie wiederholter Fehlschläge und enttäuschter Hoffnungen und immer wieder erneuter Versuche, die Manuskripte unterzubringen. Bekannte Namen, von Schriftstellern etwa, sind selten unter ihren Korrespondenten; der Schriftsteller und Kritiker Alfred Wien, der plattdeutsche Dichter Heinrich Diers, der Hörspielredakteur Heinz Schwitzke wären zu nennen. Viele Pastoren gehörten zu ihren Briefpartnern. Eine besonders vertrauensvolle, umfangreiche und langjährige Korrespondenz verband Luise Küchler mit dem Pfarrer Karl Heine (Wiedenbrück, später Hemer) und dem Oldenburger Oberkirchenrat Heinrich Höpken.

Luise Küchler hat zahlreiche Aufzeichnungen über ihr entbehrungsreiches Schriftstellerdasein hinterlassen: Darlegungen ihrer finanziellen und materiellen Notlage, besonders nach der Währungsreform 1948, detaillierte Darstellungen der Chronologie der Widrigkeiten, die das Erscheinen ihrer Romane verhinderten, und fast elftausend, mit der Maschine eng beschriebene Tagebuchseiten aus den Jahren 1950 bis 1979.

So gibt der Nachlaß von Luise Küchler Zeugnis von ihrem „kleinen, ereignisreichen Leben“, wie sie am Schluß ihrer Selbstbiographie schreibt, „das so unscheinbar und so voll Kampf war, ausgefüllt, aber nicht erfüllt“; ein literatursoziologisch bemerkenswertes Zeugnis für das Leben einer Schriftstellerin, die nicht zu den erfolgreichen, den vielgelesenen und vielgenannten gehörte.