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„Wohllöbliche Hofbuchhandlung ...“. Ein neuer Brief Christian Dietrich Grabbes für die Lippische Landesbibliothek

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 78 (1985), S. 11-16.

Mit dem „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“, das in einem ungewöhnlich weitgespannten Rahmen angelegt ist, besitzt die Lippische Landesbibliothek in Detmold eines der wenigen großen Literaturarchive im deutschen Sprachgebiet. Es ist die bedeutendste Sammlung der Bibliothek und besteht aus drei Abteilungen: den Handschriften, den Druckwerken sowie den Handzeichnungen und graphischen Blättern, eine Abteilung, der vom Begründer dieses Literaturarchivs, Alfred Bergmann († 1975), eine Fotografische Sammlung („Corpus photographicum“) gewissermaßen als vierte Abteilung zugeordnet worden ist. Über das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek und dessen Bedeutung für die Erforschung der deutschen und europäischen Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zum Tode Grabbes (1836) und weit darüber hinaus wurde in dieser Zeitschrift (70. Jg. 1977, S. 40-46) bereits ausführlich berichtet.

Die Bestände des Grabbe-Archivs weiter auszubauen wird von der Landesbibliothek sehr ernst genommen; während die Ergänzung neuer Literatur, selbst antiquarischer Stücke zumeist auf keine oder doch nur geringe Schwierigkeiten stößt, ist der Markt bezüglich Grabbe-Autographen, also eigenhändigen Schriftstücken, mittlerweile doch recht schmal geworden; denn der weitaus größte Teil der handschriftlichen Hinterlassenschaft des Dichters befindet sich bereits im Besitz öffentlicher Institute, allen voran die Detmolder Bibliothek. Auktions- und Autographenkataloge, die von den verantwortlichen Bibliothekaren der Landesbibliothek grundsätzlich sorgfältig durchgesehen werden, weisen nur noch selten Grabbe-Autographen auf.

Grabbe an die Meyersche Hofbuchhandlung in Lemgo, eigenhändiger Brief, Detmold 15.6.1826

Vor diesem Hintergrund war es wenn nicht überraschend, so doch erstaunlich, daß sich im Mai 1984 im Auktionshaus Hartung & Karl in München unter den über 500 zur Versteigerung angebotenen Autographen und Urkunden wieder ein eigenhändiger Brief Christian Dietrich Grabbes mit Unterschrift befand, im Auktionskatalog Nr. 46 unter der laufenden Nr. 5196 angezeigt und mit DM 5.000,- ausgezeichnet. Der Brief datiert Detmold, 15. Juni 1826, und ist an die Meyersche Hofbuchhandlung in Lemgo gerichtet. Er besteht nur aus einem einzigen Blatt im Folioformat (20,0 x 30,8 cm) mit dem eigentlichen Brieftext auf Seite 1 und einem Empfängervermerk auf Seite 2; Reste des briefschließenden Siegels sind noch erhalten.

Die nähere Überprüfung ergab, daß dieser Brief der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bereits durch die von Alfred Bergmann bearbeitete historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe Grabbes bekannt ist, er findet sich abgedruckt im 5. Band unter der Nr. 95. Zweifellos überraschend war jedoch der dortige Hinweis, daß sich dieser Brief zu der Zeit, als Bergmann ihn für seine Gesamtausgabe handschriftlich kopierte, im Besitz des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum in Innsbruck befunden haben soll; wann Bergmann ihn dort auffand, entzieht sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt unserer Kenntnis und man darf hoffen, daß der im Besitz der Lippischen Landesbibliothek befindliche, noch unverzeichnete Nachlaß des Grabbe-Forschers mit Briefen und unzähligen Notizen in absehbarer Zeit Licht auch in dieses Dunkel bringt.

Eine vor der Auktion an das Landesmuseum in Innsbruck gerichtete Anfrage nach der Herkunft des Briefes, vor allem aber nach Hinweisen wie jener aus dem Handschriftenbestand dieses Instituts nun auf eine Auktion gelangen konnte, förderte zutage, daß der Brief nie im Tiroler Landesmuseum in irgendeiner Weise verzeichnet oder inventarisiert gewesen ist. Die Innsbrucker Kollegen, die diesen Sachver halt überrascht und erstaunt zur Kenntnis nehmen mußten, vermuten, daß der Grabbe-Brief, sofern die Angaben Bergmanns richtig sind, zu einem unbekannten Zeitpunkt vielleicht mit anderen, nicht mit Tirol in Verbindung stehenden Schriftstücken vom Museum abgegeben worden ist. Seine Herkunft und die Umstände, die zu einer Abgabe geführt haben, lassen sich also beim derzeitigen Wissensstand nicht klären. Daß dem Bearbeiter der Grabbe-Ausgabe ein Irrtum bei der Angabe des Fundortes unterlaufen ist, darf bei der bekannt akribischen Arbeitsweise dieses Wissenschaftlers wohl ausgeschlossen werden. Man kann also zur Überlieferungsgeschichte nur festhalten, daß das eigenhändige Schreiben Grabbes zu einem unbekannten Zeitpunkt dem Firmenarchiv der Meyerschen Hofbuchhandlung entfremdet worden ist, auf ebenso unbekanntem Wege nach Österreich gelangt ist, um nun bezeichnenderweise in der süddeutschen Metropole auf einer Autographen-Auktion wieder zum Vorschein zu kommen.

Obwohl der Brief bereits bekannt ist, stand es außer Frage, daß sich die Lippische Landesbibliothek um dessen Erwerb bemühen mußte, wollte man nicht Gefahr laufen, diesen in Privathand für die Öffentlichkeit möglicherweise für immer zu verlieren. Erfreulicherweise konnte sich das Gebot der Landesbibliothek behaupten, und sie erhielt gegen private Mitbieter den Zuschlag bei DM 5.600,-, nachdem die Versteigerung bei DM 2.500 begonnen hatte. Zu dieser Summe in Höhe von 5.600 DM treten üblicherweise 15 % Aufgeld = 840 DM, Versandkosten = 27,- DM und auf die Rechnungsendsumme 7 % Mehrwertsteuer = 452,69 DM, womit sich der Gesamtpreis auf 6.919,69 DM beläuft. Es wird für die Leser von „Heimatland Lippe“ sicher interessant sein, zu erfahren, welche recht stolze Summen für solches Kulturgut verlangt werden und von öffentlichen Instituten nach Möglichkeit aufgebracht werden müssen, um es der Forschung und damit der Nachwelt zu erhalten; dies eine Verpflichtung, der sich die Landesbibliothek nach Kräften nachzukommen bemüht, obwohl sie zum Erwerb von Handschriften über keine Sondermittel verfügt und durch eingeschränkte Mittel in der Vergangenheit oft genötigt gewesen ist, „die Tugend der Enthaltsamkeit zu üben und sich bei ihren Handschriftenerwerbungen auf das zu beschränken, was bei ihr unbedingt erwartet werden mußte und aus dem Raum kam, den sie namentlich als Landesbibliothek repräsentierte,“ so die sicher auch streckenweise noch heute zutreffende Charakteristik des früheren Direktors der Landesbibliothek Dr. Heinrich Haxel.

Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824)

Dankbar muß an dieser Stelle vermerkt werden, daß die Lippische Landes-Brandversicherungsanstalt und die Sparkasse Detmold den Kauf dieses Grabbe-Briefes durch freundliche Spenden erleichtert haben; Dank gilt auch den Kollegen von der Bayerischen Staatsbibliothek in München, die ihn in unserem Auftrag ersteigert haben.

Zum Vergleich sollen noch einige Erwerbungen von Grabbe-Autographen durch die Lippische Landesbibliothek aus jüngerer Zeit herangezogen werden: 1971 ersteigerte die Bibliothek im Auktionshaus Stargardt in Marburg ein bis dahin unbekanntes Bruchstück der Werkhandschrift von Grabbes Trauerspiel „Hannibal“, ein zweiseitiges, eigenhändiges Manuskript im Quartformat, halbzeilig beschrieben und mit einer Federzeichnung („Strichmännchen“) versehen. Der Endpreis lag bei 5.105 DM. Zwei Jahre später – also 1973 – wurde im gleichen Auktionshaus ein eineinhalbseitiger eigenhändiger Brief des Dichters, gerichtet an den lippischen Regierungsrat Christian von Meien, angeboten, der die Landesbibliothek zuguterletzt 4.662 DM kostete. Daß es für Autographen, Druckwerke, Bildnisse und dergleichen weder Norm- noch Limitpreise gibt, verdeutlicht nachstehende, für unsere Bibliothek und damit für Detmold und Lippe überhaupt recht bittere Erfahrung: Im Jahre 1979 wurde ebenfalls bei Stargardt in Marburg ein bisher noch unbekannter eigenhändiger Brief Christian Dietrich Grabbes an seine spätere Frau Luise Clostermeyer (datiert Detmold, 13. 7. 1831), der er seine Eindrücke über die Gedichte Ferdinand Freiligraths mitteilt, für DM 4.000,- angeboten. Verständlicherweise setzte die Landesbibliothek auf den Erwerb gerade dieses Briefes größte Hoffnungen, hatte aber letztendlich trotz persönlicher Anwesenheit des Bibliotheksdirektors und – hier zugegebenermaßen beinahe noch wichtiger – des Verbandskämmerers des Landesverbandes Lippe gegen einen Privatmann ein knappes Nachsehen; denn jener private Interessent erhielt den Zuschlag bei der für einen Grabbe-Brief enormen Summe in Höhe von 12.000 DM. Nur noch unsere Bibliothek hatte bis zuletzt bei jener Versteigerung mitgehalten, doch waren ihren finanziellen Möglichkeiten dann doch Grenzen gesetzt.

Es mag in gewisser Weise tröstlich für die Lippische Landesbibliothek gewesen sein, daß sie auf gleicher Auktion gegen eine ganze Reihe weiterer finanzkräftiger Interessenten bei der Versteigerung von insgesamt 50 Lortzing-Briefen bei 61.300 DM die Oberhand behielt und diesen unschätzbaren Fonds dem Lortzing-Archiv unserer Musikabteilung einverleiben konnte. Anerkennend muß festgehalten werden, daß für diesen Kauf vom Landesverband Lippe, dem Unterhaltsträger der Bibliothek, erhebliche Sondermittel bereitgestellt worden sind, eine Tatsache, die einmal mehr unterstreicht, welch hoher Stellenwert von seiten des Landesverbandes der Erhaltung des kulturellen Erbes dieser Region beigemessen wird.

Bevor wir noch einen Blick auf den Inhalt des hier behandelten Briefes des Detmolder Dichters an die Meyersche Hofbuchhandlung werfen, zur leichteren Einordnung des bisher Gesagten noch folgende Anmerkungen: Auf der Auktion Nr. 46 vom 18. Mai 1984 bei Hartung & Karl in München brachten ein mit 3.000 DM angezeigtes Gedicht Berthold Brechts 4.400 DM, ein Brief Friedrichs des Großen 8.000 DM, eine Bleistiftzeichnung Kaspar Hausers mit 2.400 DM angeboten 5.600 DM. Ein Brief Gotthold Ephraim Lessings 9.200 DM, ein mit 12.000 DM ausgeschriebener Brief Heinrich Heines 17.000 DM und schließlich drei Briefe Robert Musils 21.000 DM. Zu den genannten Preisen sind 15 % Aufgeld, 7 % Mehrwertsteuer sowie Porto und Versandspesen jeweils noch hinzuzurechnen. Autographen der vorgenannten Art fordern also ihren Preis oder, um mit den in ähnlichem Zusammenhang geäußerten Worten meines Amtsvorgängers zu sprechen, „wenn aber alle anderen Preise steigen, warum sollen dann gerade die auf dem Autographenmarkt fallen?“; wenngleich, so muß hinzugefügt werden, den Bibliotheken angesichts sinkender oder stagnierender Vermehrungsetats eine gegenteilige Entwicklung sicherlich nicht abträglich wäre.

Abschließend noch einige Bemerkungen zum Inhalt des neuerworbenen Grabbe-Briefes aus dem Jahre 1826, der zunächst zum leichteren Verständnis noch einmal in vollem Wortlaut wiedergegeben wird:

Wohllöbliche Hofbuchhandlung

ersucht Unterschriebener ihm the Works of Lord Byron complete in one Volume, wenn er sich nicht täuscht, bei Brönner in Frankfurt am Main erschienen, alsdann baldmöglichst zu schicken, wenn dieselben noch, wie er neulich las, zum Subscriptionspreise zu erhalten sind.
Überdem bemerkt Unterschriebener nochmals, daß im weil. Hoffmannischen Kataloge die auszulassende oder auszustreichende Stelle sich in Gemäßheit der Handschrift gar nicht auf die 3te Abtheilung, sondern bloß auf die derselben vorhergehende ebenfalls mit 1677 beginnende Annotation der ungedruckten Schriften bezieht.

Detmold den 15ten Jun. 1826. Grabbe.

The Works of Lord Byron, Frankfurt 1826, Titelblatt

Bei der „wohllöblichen Hofbuchhandlung“, die Grabbe um einen Literaturwunsch anschreibt, handelt es sich um die traditionsreiche, seit 1664 in Lemgo (von 1842 an in Detmold) ansässige Meyersche Hofbuchhandlung, über die er schon als Schüler durch die Hand seines Vaters die zu Schul- und Studienzwecken benötigte Lektüre bezogen hatte, und die als leistungsfähigste Buchhandlung Lippes bis ins 20. Jahrhundert gelten kann. Die von ihm gewünschte einbändige Gesamtausgabe der Werke des englischen Dichters Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824) war kurz zuvor erschienen bzw. stand zur Subskription an. Die vollständigen Titelangaben dieser Werksausgabe lauten: The Works of Lord Byron complete in one volume. Frankfort O. M. Printed by and for H(einrich) L(udwig) Broenner. 1826. XVI, 776 S. – Die Lippische Landesbibliothek besitzt drei Exemplare dieser Ausgabe, diejenige aus Grabbes Besitz befindet sich jedoch nicht darunter.

Wie zwei späteren Schreiben Grabbes zu entnehmen ist, hat er diese Byron-Ausgabe wenig später über die Lemgoer Buchhandlung tatsächlich erworben, denn schon am 1. August 1826 bat er die Meyersche Hofbuchhandlung, der er mit gleicher Post vier Reichstaler zuschickte, um die quittierte Rechnung. Alfred Bergmann hat unter Zuhilfenahme des Verlagskataloges der Firma Brönner in Frankfurt am Main vom Herbst 1825 festgestellt, daß die benannte Byron-Ausgabe dort mit eben vier Reichstalern als Subskriptionspreis verzeichnet ist, so daß es keinem Zweifel unterliegen dürfte, daß es sich hier um jenes von Grabbe bestellte Werk handelt. Ein weiterer eindeutiger Hinweis auf den Bücherkauf findet sich etwa ein Jahr später in einem der vielen Briefe an seinen Verleger Ferdinand Kettembeil in Frankfurt/Main im Zusammenhang mit der Ausstattung seiner „Dramatischen Dichtungen“; darin berichtet er seinem Verleger sehr angetan von der Byron-Ausgabe und schreibt: „weil das Buch gebunden war, kaufte ich vor ca. 1 Jahre den Brönnerschen Lord Byron.“ Soweit die Aussagen zum Kauf jener Gesamtausgabe.

Die anschließende Mitteilung im Brief Grabbes bezieht sich auf Passagen im „Hoffmannschen Kataloge“, einem Bücher-Auktionskatalog, der wohl bei Meyer in Lemgo gerade gedruckt werden sollte oder gerade gedruckt worden war. Damit hatte es etwa folgende Bewandtnis: Der Advokat Grabbe war nach dem Tode der verwitweten Präsidentin von Hoffmann zu Brake offenbar mit der Regelung der Nachlaßangelegenheiten beauftragt worden, in deren Verlauf auch die wohl recht umfangreiche Bibliothek des bereits 1802 verstorbenen lippischen Kammer- und Regierungspräsidenten Ferdinand Bernhard Edler von Hoffmann von ihm zu ordnen, aufzunehmen und für eine öffentliche Versteigerung vorzubereiten war. Zu diesem Zwecke hatte Grabbe durch eine entsprechende Anzeige in den Fürstlich Lippischen Intelligenzblättern Nr. 13 vom 1.4.1826 „alle Inhaber ausgeliehener zur Bibliothek des Herrn Schloßhauptmanns von Hoffmann gehöriger Bücher und Journale“ aufgefordert, „dieselben binnen vierzehn Tagen gefälligst an Unterzeichneten abzuliefern.“ Leider ist bisher kein erhaltenes Exemplar des offensichtlich aufgestellten Auktionskataloges der „weiland Hoffmannschen Bibliothek“ bekannt geworden, so daß sich diese briefliche Notiz an die Meyersche Hofbuchhandlung nicht näher belegen läßt.

Der Brief Grabbes an jene Buchhandlung fällt in die für den Dichter recht betrüblichen und unglücklichen ersten Berufsjahre nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt Detmold, mit der ihn zeitlebens eine sonderbare Haßliebe verbunden hat. Im Jahre 1824 hatte die fürstliche Regierung dem frisch examinierten Juristen die Ausübung einer Advokatur genehmigt. Zwar betrieb er diese nun mit Eifer, Fleiß und Sorgfalt, blieb aber im Herzen tief gebeugt und sein Geschäftsleben widerte ihn förmlich an (K. Ziegler, 1855). Verschiedene Versuche, in eine gesicherte Position im Dienste der fürstlichen Verwaltung zu gelangen, schlugen fehl. Die wenige ihm verbleibende freie Zeit verbrachte er wohl vorrangig mit umfangreicher Lektüre, vor allem historischer Werke, die er in der Fürstlich-öffentlichen Bibliothek, der heutigen Lippischen Landesbibliothek, in überreichem Maße vorfand; Grabbe zählt damit zu den prominentesten Benutzern unserer Bibliothek. Auch die zeitgenössische Schöne Literatur, darunter auch die heute als „Klassiker“ bezeichnete, fehlt nicht in dem umfangreichen Lektürekanon. In diesen Zusammenhang gehört zugleich der Kauf der gesammelten Werke Lord Byrons, des nur 13 Jahre älteren englischen Romantikers, dessen Lebensgang mit Schlagworten umschrieben werden kann, die auch für Grabbe zutreffend sind: exzentrisch, von Unruhe getrieben, die Gesellschaft schockierend (bei Byron in erster Linie durch Liebesverhältnisse), sich begeisternd, aber auch schroff ablehnend.

Zahlreiche Parallelen finden sich ebenfalls im Werk dieser beiden Dichter, sowohl im Formalen als auch im Inhaltlichen, was auszuführen im einzelnen sicher zu weit führen würde. Hinzuweisen ist hier auf die Arbeit von Ulrich Wesche, „Byron und Grabbe – ein geistesgeschichtlicher Vergleich“, Detmold 1978, eine von der Grabbe-Gesellschaft herausgegebene lesenswerte Untersuchung. Wohl unter dem Eindruck der neuerworbenen Byron-Ausgabe schreibt Grabbe 1827 im einleitenden Abschnitt seiner Abhandlung „Über die Shakspearomanie“: „Ich gestehe vorläufig, daß mir in der englischen schönen Literatur nur zwei Erscheinungen von hoher Wichtigkeit sind: Lord Byron und Shakspeare – jener als die möglichst poetisch dargestellte Subjektivität, dieser als die ebenso ausgedehnte Objektivität“. Sein weiteres lebhaftes Interesse an dem englischen Dichter wird noch dadurch unterstrichen, daß er sich von seinem Detmolder Freund, dem Hofgerichtsassessor Moritz
Leopold Petri im Winter 1831/32 die kurz zuvor erschienenen „Briefe und Tagebücher des Lord Byron, mit Notizen aus seinem Leben, von Thomas Moore“ (1830-32) ausgeliehen hatte; angeblich soll er sich sogar für deren Übersetzung aus dem Englischen eingesetzt haben.

Für die Lippische Landesbibliothek bedeutet die Erwerbung dieses Grabbe-Briefes eine durchaus wertvolle Bereicherung der umfangreichen Autographen-Bestände des Grabbe-Archivs, das mit dem vorliegenden Stück nunmehr über 242 Grabbebriefe verfügt.