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Aus der Arbeit im Lortzing-Archiv der Lippischen Landesbibliothek

von Dorothee Melchert

Druckfassung in: Heimatland Lippe. - 78 (1985), S. 336-338.

I. Der jüngste Autographen-Kauf
II. Die neue Lortzing-Briefausgabe: eine gemeinsame Aufgabe des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold-Paderborn und der Lippischen Landesbibliothek
III. Wer besitzt Lortzing-Briefe?

I. Der jüngste Autographen-Kauf

Die Lippische Landesbibliothek hat für ihr Lortzing-Archiv wieder einen Originalbrief Albert Lortzings erwerben können. Er stammt aus Detmolder Privatbesitz und war der Bibliothek angeboten worden, nachdem in der lippischen Tagespresse eine Notiz über einen zwei Monate zurückliegenden Autographenkauf erschienen war.

Es handelt sich um einen bisher unveröffentlichten Brief vom 15. April 1850 an den Theaterdirektor J. Martini, der zu der Zeit vermutlich mit seiner Theatergesellschaft vorübergehend am Schauspielhaus Halberstadt tätig gewesen ist. Lortzing kennt ihn gut, wie auch das freundschaftliche „Du“ zeigt; er hatte mehrfach sehr erfolgreich bei Martini gastiert, als dieser noch das Herzogliche Hoftheater Ballenstedt-Bernburg leitete, und ihm auch seine Tochter Lina als Schauspiel-Debütantin anvertraut. Lortzing selbst ist wieder einmal in großen finanziellen Nöten, da er einmal mehr die vielen Monate zwischen zwei festen Engagements durch Gastspiele notdürftig überbrücken muß. Deshalb bittet er Martini um eine Verpflichtung möglichst als Dirigent seiner eigenen Werke. Martini konnte der Bitte vermutlich nicht entsprechen: es gibt bisher keinen Nachweis über ein erfolgtes Gastspiel.

Die Handschrift des Briefes ist leider sehr verblichen: Das Schreiben hatte viele Jahre in einem Bilderrahmen an der Wand hängend seine Besitzer erfreut und war dem direkten Tageslicht zu sehr ausgesetzt. Der Buchbinder, der die Rahmung vorgenommen hatte, war offensichtlich wenig erfahren mit sachgerechter Behandlung von Handschriften. Er kaschierte den Brief, so daß die so wichtige Adresse fehlt, und beschnitt ihn nach der Größe des Passepartouts. Trotzdem war die Freude natürlich groß, dieses bisher unbekannte Autograph angeboten zu bekommen; er bedeutet eine nicht unwesentliche Bereicherung unseres Bestandes an Lortzing-Briefen.

Brief-Faksimile
Eigenhändiger, bisher unveröffentlichter Brief Lortzings vom 15. April 1850 an den Theaterdirektor J. Martini

Lieber Martini!

Ich thue dir hiermit kund, daß ich von heute an bis
den Letzten dieses Monats noch Freiherr, also noch
zu haben bin. Am 1.ten Mai trete ich mein
neues Engagement als Kapellmstr.: beim
neuen Friedr: Wilhelmstädter Theater in Berlin
an. Kannst du bis dahin noch etwas für mich
arrangiren, so nähm ichs gerne an und mit.
Das heißt: nur dirigiren. Hast du vielleicht
den Czar und Wildschütz auf dem Repertoir,
so würde ich die beiden gern dirigiren,
vorausgesetzt, daß es nicht mehr Zeit weg-
nimmt als höchstens 4-5 Tage. Ich bin in
Halberstadt Ehrenmitglied der dortigen Lie-
dertafel, also bekannt, vielleicht fiele
doch etwas ab, das man zur neuen Ueber-
siedlung - mit Schrecken denke ich dran -
brauchen könnte.

Laß mich deinen Entschluß bald wißen
Mit Gruß
                           dein alter Freund
                            Albert Lortzing
Leipzig
den 15ten April
1850

II. Die neue Lortzing-Briefausgabe: eine gemeinsame Aufgabe des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold-Paderborn und der Lippischen Landesbibliothek

Das Lortzing-Archiv besitzt jetzt 155 eigenhändige Briefe Lortzings. Da diese Briefsammlung die Grundlage für das zur Zeit laufende Projekt einer kritischen Gesamtausgabe der Briefe Lortzings bildet, ist jede Neuerwerbung gerade jetzt von besonderer Bedeutung für die Vollständigkeit der Edition.

Die bisher einzige Ausgabe der Briefe Lortzings gab Georg Richard Kruse im Jahre 1901 und in 2. Auflage 1913 heraus. Sie stützt sich zum Teil auf Autographen, etliche Briefe wurden aber auch nur nach der Wiedergabe in Philipp Düringers Lortzing-Biographie aus dem Jahre 1851 zitiert. Ein Vergleich der nach und nach von der Landesbibliothek angekauften Originalbriefe mit den bei Kruse veröffentlichten zeigt, daß Kürzungen vorgenommen und die Rechtschreibung und Zeichensetzung vereinheitlicht wurden. Auch genügen die Quellenangaben der Ausgabe heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht mehr.

So wird seit ca. drei Jahren am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold-Paderborn in Zusammenarbeit mit der Lippischen Landesbibliothek eine Neuausgabe vorbereitet. Einen großen Teil der Arbeit macht die Suche nach Fundstellen von Lortzing-Briefen in allen Teilen der Welt aus. Als erste Anlaufstelle wurde die Zentralkartei der Autographen bei der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin um Nachweis von Bibliotheken und Instituten der Bundesrepublik Deutschland gebeten, die ihre Bestände dort gemeldet haben. Darüber hinaus brachten direkte Anfragen bei Institutionen an ehemaligen Wirkungsstätten Lortzings und an anderen Orten, zu denen er nachweislich Kontakt gehabt hat, und bei Verlagen, mit denen er in Verbindung gestanden hat, eine große Anzahl von Briefen zutage.

Wie breit gestreut die Autographen verteilt sind, zeigen aber auch positive Nachfrageergebnisse u. a. aus Oxford (Bodleian Library), Prag (Národni Muszeum), Zeblon und Stockholm.

Mit den in Detmold vorhandenen haben sich bisher ca. 350 Briefe finden lassen, davon sind 146 in Kruses Briefausgabe nicht enthalten. Da aber gut 70 der in der Kruse-Ausgabe erschienenen Briefe im Autograph noch nicht nachgewiesen werden konnten und zudem die Durchsicht von älteren Antiquariatskatalogen zeigt, daß sich noch etliche uns unbekannte Briefe in öffentlichem oder privatem Besitz befinden müssen, muß die Suche weitergehen.

III. Wer besitzt Lortzing-Briefe?

Lortzing mit seinem Freund, dem Schauspieler Philipp Reger, bei einem Glas Wein. Lortzing erwähnt das Bild in einem Brief vom 25.7. 1844 an Reger: "... Mein Daguerrottyp: Bild habe ich so gut gepackt, daß das Glas in tausend Stücke gebrochen ist. meine Mama ist über die Ähnlichkeit gar nicht enchantirt ..."
Daguerreotypie, Frankfurt a.M. 1844
(Bild und Brief im Besitz der Lippischen Landesbibliothek)

Der aus Detmolder Privatbesitz in die Landesbibliothek gekommene Brief hat uns bewogen, auf diesem Wege von dem laufenden Projekt der Briefausgabe zu berichten, um noch weitere private Besitzer von Lortzing-Autographen im lippischen Raume zur Mitarbeit aufzurufen. Ein besonderer Hinweis sei auf Lortzings Zugehörigkeit zum Freimaurerbunde gegeben. In Detmold gab es während seines Aufenthaltes von 1826 bis 1833 zwar keine eigene Loge, aber Lortzing hielt sich zur Osnabrücker Loge und komponierte auch gelegentlich für sie. Es könnten sich deshalb in privaten Archiven von Logenbrüdern durchaus Lortzing-Autographen erhalten haben. Für die Briefausgabe würde es genügen, wenn der Besitzer entweder eine Reproduktion oder das Original der Landesbibliothek kurzfristig zur Verfügung stellen könnte. Er müßte sich von seinem Lortzing-Brief also nicht trennen oder ihn gar verkaufen wollen, obwohl die Lippische Landesbibliothek im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten natürlich weiterhin für jedes Angebot dankbar ist.