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Heinrich Laube und Detmold. Zu einer Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek

von Klaus Nellner

Druckfassung in: Heimatland Lippe 77 (1984), S. 340-347.

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Abb. 1: Heinrich Laube

Eine direkte Beziehung zwischen Heinrich Laube (1806-1884) – Erzähler, Dramatiker, Kritiker, namhafter Vertreter des jungen Deutschland sowie bedeutender Theaterleiter – und Detmold besteht nicht. Er ist hier nicht Direktor des Hoftheaters gewesen, und auch auf seinen Reisen und Wanderungen, die ihm Stoff zu seinen zahlreichen „Reisenovellen“ lieferten, hat er die lippische Residenz nicht berührt. Es war ein äußerlicher Anlaß, nämlich das Zusammentreffen der 30. Wiederkehr der Patenschaftsübernahme des Kreises Lippe für den Kreis Sprottau mit dem 100. Todestag des in Sprottau geborenen Schriftstellers, der die Lippische Landesbibliothek zu einer Heinrich-Laube-Ausstellung anregte, die im Juni 1984 in der Heimatstube Sagan-Sprottau im Hause der Volkshochschule Detmold zu sehen war.

Anhand von achtzig, in sechs Vitrinen dargebotenen Exponaten: Büchern, Bildern und Handschriften, fast ausschließlich aus dem Besitz der Landesbibliothek und ihrem Grabbe-Archiv, konnte ein sinnfälliger Eindruck von Leben und Wirken des Schlesiers, das sich hauptsächlich in Leipzig und Wien abspielte, vermittelt werden. Sein vielfältiges literarisches Schaffen wurde sowohl durch seine „Gesammelten Werke in 50 Bänden“ (1908) und „Ausgewählte Werke in 10 Bänden“, letztere von H. H. Houben mit einer materialreichen biographischen Einleitung 1906 herausgegeben, repräsentiert, als auch durch Erst- und Einzelausgaben: die von ihm redigierte Zeitschrift „Aurora“, die 1829, allerdings nur ein halbes Jahr lang, in Breslau erschien (Nachdruck 1971), die Essaysammlung „Moderne Charakteristiken“ (1835), „Die französische Revolution 1789-1836“ (1836), „Neue Reisenovellen“ (2 Bde, 1837), „Das erste deutsche Parlament“ (3 Bde, 1849) – Laube war Abgeordneter in der Paulskirche – und die Dramen „Die Bernsteinhexe“ (1847) und „Böse Zun-gen“ (1868). Auch die drei Bücher, in denen Laube die Erfahrungen aus seiner praktischen Arbeit an drei Theatern festhielt, „Das Burgtheater“ (1868, 2. Aufl. 1891), „Das norddeutsche Theater“ (1872) und „Das Wiener Stadt-Theater“ (1875), lagen aus.

Zeitgenössische Bilder veranschaulichten wesentliche biographische Stationen: das damals noch recht bescheidene Gebäude der Universität zu Halle nebst einer Zeichnung ihres Karzers, in dem der Student der Theologie wegen Unbotmäßigkeit und burschenschaftlicher Umtriebe sechs Wochen zubringen mußte, die Breslauer Universität, ein kolorierter Stich vom Leipziger Marktplatz mit dem Haus, in dem Laube eine Zeitlang wohnte, das alte Pücklersche Schloß in Muskau, in dem er auf Fürsprache der Fürstin Pückler die anderthalbjährige Haftstrafe absaß, zu der ihn das Berliner Kammergericht 1837 „wegen Teilnahme an der Halleschen Burschenschaft (und) frechen, die Erregung von Mißvergnügen und Unzufriedenheit bezweckenden Tadels der Königlichen Preußischen Regierung und der Regierungen verbündeter und befreundeter Staaten“ verurteilte, eine kolorierte Zeichnung des Wiener Burgtheaters, dessen Gebäude sich zur Zeit von Laubes künstlerischer Leitung (1850-67) noch am Michaelerplatz neben der Hofburg befand, das alte und das gerade fertiggestellte neue Leipziger Stadttheater mit seinem prächtigen Foyer und das Wiener Stadttheater, dem Laube von 1872 bis 1880 vorstand.

Abb. 2: Foyer des Neuen Theaters in Leipzig (um 1870)

Buchausstellungen können keine lückenlose Lebensbeschreibung und keine detaillierte Werkdeutung liefern, sie wollen die Lektüre von Werk, Biographie und Sekundärliteratur – wofür ebenfalls eine Reihe von Monographien und Dissertationen als Beispiel vorlagen – nicht ersetzen. Sie wollen Hinweise geben, Interesse und Neugier wecken wie ein unvollständiges Mosaik, und durch gelegentliches Heranführen des Betrachters an das Zitat zum Weiterlesen anregen. Daher fand man auch in einer der Vitrinen den Text eines Polizeiberichts aus Leipzig vom 14. Juli 1833, in dem es u. a. hieß:

„Laubes hierortige Verbindungen sowohl als auch seine mündlichen Äußerungen und alles, was bisher aus seiner Feder hervorgegangen ist, beweisen nur zu sehr seine höchst bedenklichen politischen Gesinnungen und bezeichnen ihn als eines der werktätigen Organe der revolutionären Fraktion, welche sich durch die Dazwischenkunft hiesiger Buchhändler in Leipzig einzunisten wußte.“

Die aufgeschlagene Nummer 52 der „Zeitung für die elegante Welt“ vom 25.12.1844 bot das „Abschiedswort“ Heinrich Laubes, mit dem er die Redakteurstätigkeit für diese Zeitschrift (1833-34 und 1843-44) zum zweitenmal beendete. Das Kapitel „Die Episode der Laubeschen Theaterleitung“ (1869-70) in einem Buch über das Leipziger Stadttheater zitierte gleich zu Beginn, was der Student Friedrich Nietzsche in einem Brief vom 9. Dezember 1868 schrieb: Hier ist endlich auch Laube eingetroffen, mit einer Bullenbei-ßerphysiognomie, aber wie es scheint mit viel praktischem Talent und gehöriger Energie“, und in einem schmalen Heft „Leipziger Theater-Xenien” (1873) las man die Laubes Weggang offensichtlich bedauernden Verse:

Daß Du den Shakespeare wunderbar tragierst,
Daß Dich beseelt ein idealer Glaube,
Wie schön Du Leipzigs Bühnenstaat regierst:
„Die Botschaft hörʼ ich wohl, allein mir fehlt der – Laube!“.

Abb. 3: Brief an Levin Schücking

Dem freundlichen Entgegenkommen der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund war es zu verdanken, daß fünf Autographen, eigenhändige Briefe Laubes, ausgelegt werden konnten, dazu kam ein weiterer aus dem Besitz der Lippischen Landesbibliothek. Drei Briefe waren an Journalisten und Schriftsteller gerichtet, denen er Zeitschriftenbeiträge anbot oder solche von ihnen erbat. In dem Brief aus Leipzig vom 6. Februar 1833 an August Heinrich Hoffmann von Fallersleben bittet er den Gelehrten und Dichter – zu der Zeit noch Kustos der Universitätsbibliothek Breslau, erst 1860 wurde er Bibliothekar auf Schloß Corvey – angelegentlich um Überlassung einiger seiner „kleinen reizenden Lieder, die mir immer so viel Freude machen,“ zum Abdruck in der „Zeitung für die elegante Welt“. Mit seinem Schreiben aus Karlsbad vom 13. Juli 1840 fragt er Rudolf Glaser, den Redakteur der in Prag erscheinenden Zeitschrift „Ost und West“: „Sollten Sie nicht in meiner Literaturgeschichte einige kleine Abschnitte finden zur Benützung für Ihr Blatt?“ Zum Schluß ermutigt er den Kollegen: „Fahren Sie aber nur fort, ohne Berücksichtigung des faulen Lesesinns immer auf Gediegenes zu speculiren, so drücken Sie am Ende mit der Specifischen Schwere doch durch.“

Der Brief aus Leipzig vom 25. November 1845 ist an Levin Schücking gerichtet, derzeitig Redakteur an der „Kölnischen Zeitung“, dem er einen Beitrag für das Feuilleton verspricht. Levin Schücking (1814-1883) ist der westfälische Schriftsteller, der kürzlich in Erinnerung gerufen wurde anläßlich des Ankaufs von 58 Briefen Ferdinand Freiligraths an ihn durch die Lippische Landesbibliothek. Die übrigen drei Briefautographen aus den Jahren 1865, 1871 und 1872 gaben Einblick in Laubes Theatergeschäfte: Empfehlung, Beurteilung und Engagement von Schauspielern.

Bei eingehenderer Beschäftigung mit Heinrich Laube erwies es sich schließlich, daß zwischen dem Schriftsteller aus dem fernen Schlesien und Detmold doch gewisse Bezüge bestehen, wodurch er außer seiner Bedeutung als jungdeutscher Journalist, Dichter und Dramaturg auch ein regionales Interesse verdient. Laube hat nämlich mehrmals über seinen Zeitgenossen, den Detmolder Dramatiker Christian Dietrich Grabbe geschrieben. Da diese literarischen Äußerungen auch in Alfred Bergmanns Grabbe-Bibliographie (Amsterdam 1973) nicht alle verzeichnet sind, sollen sie hier – ebenso wie in der Ausstellung – zusammengetragen und in Auszügen vorgestellt werden.

Der zweite Band der schon genannten „Modernen Charakteristiken“ aus dem Jahre 1835 enthält neben Aufsätzen über Lenau, Chamisso, Immermann und andere zeitgenössische Dichter einen über Karl Köchy. Karl Köchy (1800-1880), Jurist, Schriftsteller und später Theaterintendant in Braunschweig, gehörte zu dem literarischen Kreis um Heinrich Heine, Friedrich von Uechtritz, August Robert und Ludwig Gustorf, zu dem auch Grabbe während seines Berliner Studienjahres 1822/23 Zugang fand. Das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek besitzt zwei Briefe von Köchy an Grabbe aus den Jahren 1823 und 1824 und ein Empfehlungsschreiben vom 19. März 1823 an den Regisseur Karl Georg Gassmann in Kassel, das Grabbes „seltene Anlagen“ als Schauspieler wortreich preist, von jenem jedoch nicht verwandt wurde. Laube berichtet über Köchy in dem ihm gewidmeten Essay nicht allzuviel, mehr verbreitet er sich darin über Heinrich Heine und jenen Berliner Dichterkreis. Er schreibt:

Ich vertiefe mich oft gern in jene Berliner Tage, wo unsre modernen poetischen Ritter in Faulheit, halbem Ennui, Drang nach exquisitern Vergnügen herumschlenderten. Sie sind mir ein anregend Bild: die junge Welt fühlt sich berufen, nichts aber will passen: weder die Thätigkeit, welche verlangt, noch das Vergnügen, was geboten wird. (...) Dieses Moment bildet sich nun eben auch bei den Einzelnen ganz individuell und verschieden aus, am Schmerzlichsten hat es mich immer berührt, was mir ein Bekannter von Grabbe erzählte. Grabbe war schon einige Jahre älter als die übrigen Libertiner; die allenfalls auch wie Schillers Helden in die böhmischen Wälder gezogen wären, wenn da Wein und Ballett mit hübschen Tänzerinnen zu erwarten gewesen wären – er war völlig arm von Hause aus, und verschwieg dies in einem wunderlich falschen Stolze. Das heißt: er sprach Niemand an, wenn auch der alte zerdrückte Hut, der abgeschabte Rock das Nöthige erzählten. Auch erschien er nur selten unter der Compagnie und war ihr fremder. Eines Abends verließ er und jener Bekannte die literarische Gesellschaft sehr spät, sie schlendern durch die stillen Berliner Straßen, Grabbe ist aufgeregt, und dichtet und raisonnirt auf das Lebhafteste. Im Zuge der Rede tritt er mit ins Haus und Zimmer des Bekannten, und schläft bei ihm. Am andern Morgen läßt dieser Kaffee und Semmel bringen – Grabbe frühstückt mit bestem Appetite, aber schweigsam, dann steht er auf, reicht  jenem die Hand und sagt mit tonloser Stimme: Ich danke Ihnen, es war seit drei Tagen das Erste, was ich wieder zu essen und zu trinken hatte. – Damit geht er und jener hat ihn nicht wieder gesehn – im Herzoge von Gothland, in den Hohenstauffen, den hundert Tagen fand er später seinen Frühstücksgast wieder. Alle die wilden, grabenden Gedanken einer kümmerlichen Abgesondertheit sind dort leicht zu entdecken.

Ich glaube, es kommt nicht darauf an, ob die Sache wörtlich wahr ist und es darf Grabbe sehr gleichgültig seyn; wenn auch nur im Materiellen, so charakterisirt es doch seinen frühen Kampf mit der Welt. In Lippe-Detrnold, wo er später lebte, ist er auch nicht zu dem Komfort gekommen, welcher einer ruhigen Beschaulichkeit beim Auffassen der Dinge so fördernd ist. Sturm und Drang haben ihn nie ganz verlassen. Neuerer Zeit war er mit Immermann in gesellige Berührung gekommen, und er wanderte zuweilen nach Düsseldorf, um mit diesem einige Tage zu poetisiren, und das von Immermann gebildete Schauspiel anzusehen. Jetzt ist er seiner störenden häuslichen Verhältnisse wegen ganz zu ihm gezogen, und Immermann, ein gastfreier, edler, poeti-scher Mensch, hat ihn mit offnen Armen aufgenommen. Möge jenes noch als ein Strich zur Bezeichnung dieses Genres hingenommen werden: er wird nie für die Bühne schreiben können, weil das Einverständniß zwischen ihm und unsrer Gesellschaft von früh auf fehlte.

Vom Januar 1836 bis Mai 1837 war Laube Redakteur der in Braunschweig erscheinenden „Mitternachtzeitung für gebildete Stände“. Er durfte als solcher allerdings auf Weisung des preußischen Zensurkollegiums nicht genannt werden, da die Polizeibehörden auf den erst im Mai 1835 aus neunmonatiger Untersuchungshaft entlassenen und unter Anklage stehenden Laube – besonders seit den Erlassen vom November und Dezember 1835 gegen die Schriften des „Jungen Deutschland“ – ein argwöhnisches Auge hatten. So erschien auch sein Aufsatz in der Nummer 45 der „Mitternachtzeitung“ vom 17. März 1836 mit dem Titel „Das Casino auf der Behrenstraße“ anonym. Wieder ist es die „Berliner Szene“, die er schildert, – Laube hatte 1834 übrigens selbst in der Behrenstraße gewohnt – und wieder kommt er dabei auf Heine, der ihm freundschaftlich verbunden war, und auf Grabbe, dem er persönlich nie begegnet ist, zu sprechen. „Die Behrenstraße in Berlin gilt für fashionable,“ heißt es zu Beginn, und man wird an den Anfang von Fontanes Roman „Schach von Wuthenow“ erinnert: „In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und ihrer Tochter Victoire ...“ Laube fährt dann fort:

Es war gestern ein klarer Wintertag, als ich diese Straße entlang ging, um ein historisches Casino zu suchen. (...) Zwei schwarze Riesen (Lampenträger) stehn vor der Thür, und der berühmte Philologe Wolf hat eine Zeitlang da gewohnt. (...) Erzählt Ihr Riesen, wer ging zwischen Euch durch fast alle Abende in den ersten zwanziger  Jahren, wer lärmte oben über Euren Häuptern? Zwei Treppen hoch fanden sich die jungen Poeten ein, welche heute zum Theil an der Spitze unsrer Poesie stehn – jene Riesen sahen einpassiren Heine, Uechtritz, Grabbe und andres junges Volk, was noch nicht so bekannt worden ist, Köchy in Braunschweig und Andere. Über ihren Köpfen hörten sie ernste und lustige Thorheiten lärmen. Da, wenn es recht toll herging, saß Heine zusammengeklappt im Winkel hinter dem Ofen, und vergoldete und schärfte die Pfeilspitzen seiner Lieder; da sprang Grabbe auf den Tisch und hielt eine Rede an Madame Franz Horn, an seinen Freund, den Pfandjuden Hirsch in der Jägerstraße, an Herklotz und Gubitz, an den blinden Weinhändler Sisum, da wurden Godwin, die Philister, Trösteinsamkeit, die Versuche und Hindernisse (Karls) gelesen, kleine literarische Bosheiten ausgeheckt, es ward mit Adam Müller correspondirt und für die Juden geschrieben, Köchy hatte sein Theater da, führte den ganzen Holberg auf und Shakespeare und seine Parodieen auf die andern Gesellen. Zuweilen steckte der stille, feine Wolf den Kopf in die Thür, um eine Visitenkarte abzugeben, oder Ludwig Devrient kam und trug in trunkenem Muthe eine Rolle vor, einst, Riesen gedenkt Ihr dessen noch? (...) Über den Riesen auf der Behrenstraße ist’s jetzt still.

Bei der Schilderung der doch erst ein gutes Dutzend Jahre zurückliegenden Begebenheiten fällt auf, wie stark der Verfasser den Eindruck des längst Vergangenen vermittelt, wenn er von dem „alten“, nicht mehr existierenden Kasino spricht und, in Bezug auf die „hübsche Brünette“, die seinerzeit den Punsch kredenzte, fragt: „Wo ist sie hingekommen, was ist aus ihr geworden? Ach, ich weiß es nicht, jung ist sie nicht geblieben – Jugend vergeht, und auch die Poeten wechseln.“

Laube hat dieses Zeitschriftenfeuilleton in veränderter Form eingearbeitet in die Reisenovelle „Heine bei Steheley und im Kasino“, die er in den ersten Band seiner 1837 veröffentlichten „Neuen Reisenovellen“ aufnahm. In ihr erzählt er eine weitere Anekdote über Grabbe:

Heine hat sehr viel bei Stehely gesessen und ist dort auch einmal von der rohen Lebensart Grabbes mißhandelt worden. Grabbe’s dissolutes Wesen kennend, hat er weiter keine Notiz davon genommen, und dies hat Grabbe so gewurmt, daß er noch kurz vor seinem Tode sich darüber beschwert hat.

Aber was sollte Heine mit Ihnen thun? fragte der Besucher, welchem er den Vorfall erzählt, sollte er Sie fordern?
Nein, derartig war die Sache nicht.
Sollte er Sie prügeln, oder, da er körperlich schwächer war denn Sie, prügeln lassen?
Nein, das war Alles unzureichend, er mußte mich m o r d e n.

In Alfred Bergmanns Untersuchung „Die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse für den Lebensgang und Charakter Christian Dietrich Grabbes“ (1933) kann man nachlesen, inwieweit Laubes biographischen Skizzen, die in ihrer anekdotischen Prägung geeignet waren, die Entstehung von Mythen und klischeehaften Vorurteilen noch zu Lebzeiten des Detmolder Dichters zu fördern, faktische Verläßlichkeit zuzusprechen ist.

In dem „Bis Frankfurt“ betitelten Kapitel im zweiten Band der „Neuen Reisenovellen“ begegnen wir überraschenderweise Grabbe nochmals:

Gedenken wir der Jugendzeit Heine’s in Düsseldorf, welche das Lied in seine Brust gepflanzt hat, so kann er für einen Fürsten dieses Kreises gelten; Freiligrath, der kühn schweifende, ist ein aktueller Heerführer des-selben, Reinick, Hub, Schnezler, Landfehrmann, Simrock, Geib etc. fechten rüstig singend, der wilde Grabbe, Freiligrathʼs Freund, grenzt hieran, und die aus dem Norden eingewanderten und in Düsseldorf eingebürgerten Immermann und Uechtritz können dem Kreise beigezählt werden, wenn auch ihre Entfaltung weniger lokal und rheinländisch ist, und sie vielmehr wie Grabbe dem Allgemeinen zugewendet sind.

Abb. 4: Laubes Nachruf auf Grabbe

Heinrich Laube hat nicht nur in dieser lockeren, belletristischen Form über Grabbe geschrieben. Nach Grabbes Tod am 12. September 1836 verfaßte er einen umfangreichen Nachruf, der – wiederum anonym – mit sieben Druckspalten die Nummer 165 der „Mitternachtzeitung für gebildete Stände“ vom 10. Oktober fast ausschließlich füllte. Laube macht hier den interessanten Versuch, Grabbes Schicksal wie auch sein Werk aus seinem Charakter zu deuten:

Dieser arme, zu Tod gerungene Dichter liegt wie eine klassische Leiche der Charakteristik auf dem Paradebette der Literatur, das Persönliche und Bürgerliche seiner Charakteristik was Ihr tadelt, erklärt allein seine Werke, erklärt seinen Tod (...) Es giebt keinen mahnenderen Beweis, als diesen Dichter; daß selbst Außerordentliches der Begabung nichts Vollendetes zu schaffen, das schönere Leben nicht zu gewinnen vermag, ohne eine gegliederte allgemeine Kultur, welche den Menschen mit allen großen und kleinen Forderungen der eben waltenden Gesellschaft in Gewährniß und Harmonie erhält. Grabbe lebte abgerissen von diesem tausendfältigen Kulturstreben, von dem lebendigen Momente der Gesellschaft, stützte sich lediglich und trotzig auf seine dichterische Kraft, und ging damit zu Grunde, ein starres Gegenbild Göthischer Weise. (...) Den bestehenden Anforderungen sich einzufügen, und damit auch die regelmäßig wiederkehrenden Vortheile eines Erwerbes zu genießen, sich zu akkomodiren in Diesem und Jenem, um ein Ganzes zu retten, den Fähigkeiten auch für Untergeordnetes und in willkommnen Stunden zu gebieten, kurz, sich zu schicken, das war gegen seinen Sinn. Er fühlte den Gott in sich, was kümmerten ihn die Menschen!  (...) Nicht, weil er arm war, ist er zu Grunde gegangen; der Anfang und das Glück sind viel im Leben, wenn auch das letztere mehr in unserm Willen, unsrer stets bereiten Kraft, als im Äußeren ruht, aber die Beflissenheit ist noch mehr als Anfang und Glück. Grabbe mußte arm bleiben, weil er im Vertrauen auf sein Genie bloß trotzig zusah, wo etwas herkommen würde, weil er glaubte, es müsse seiner Wür-digkeit willen, von selbst kommen. (...) Und so kam zur bürgerlichen Armuth eine noch ganz andere: die Literatur und Kunst ist ja nichts an sich, nicht Selbststoff sondern nur ein Ausdruck. Grabbe, weil er die Welt nicht versuchte, blieb auch literarisch einseitig, ein armer Reichthum. (...) Armer Grabbe! Wie Viele unsrer Jugend haben erwartet, es werde sich ein deutscher Shakespeare aus diesem Straußenei herausschälen: er trat auf mit einer concentrirten Markigkeit, warf Stoffe, Gedanken, Situationen wie ein wilder reicher Schöpfer umher, der lachend eine müßige Nachmittagsstunde abwarten will, um das leichte Geschäft des Ordnens abzuthun. (...) Alle die Hoffnungen sind begraben.

Die Zeit seiner Inhaftierung im Schloß des Fürsten Pückler vom Juli 1837 bis Januar 1839 nutzte Laube zur Abfassung der schon erwähnten „Geschichte der deutschen Literatur“, sie erschien in vier Bänden 1839-40. Dieses Werk ist für uns bemerkenswert, weil es die erste Literaturgeschichte ist, in der „Dietrich Christian Grabbe“ – so die Überschrift – in einem eigenen, neun Seiten umfassenden Kapitel ausführlich behandelt wird. Die Darstellung ist geprägt von stark subjektiver Wertung durch den Verfasser. Er stellt, wie schon in seinem Nekrolog, den Charakter, die Mentalität des Dichters in den Mittelpunkt der Betrachtung und kommt, selbst ganz anders geartet, dabei notwendig zu zurückhaltendem Urteil. Es sind die Gewaltsamkeit in Grabbes Wesen und der Mangel an „Organischer Bildung“, an „Beflissenheit“, wie er es nennt, die Laube als die Ursache für Grabbes Scheitern ansieht:

Sein Geschmack, sein Verständniß unserer Literatur, sein Wesen sind befremdlich, sind einseitig, fast nirgends durchgebildet. Demgemäß ist seine Schrift oft forcirt bis zur Karikatur. Und bei alle dem ist er voll großer Blicke und oft mächtig, so, daß eben das Eine neben dem Andern befremdlich genannt werden darf. Mißlich erscheint’s, hier den Einfluß der Zeit nachzuweisen. Er ist gewiß in starkem Grade hinzugetreten; aber die Scheidung von aller rein persönlichen Art ist bei Grabbe sehr schwer. Denn die Persönlichkeit Grabbeʼs war von Jugend auf, da sie noch nicht die geringste Kenntniß hatte von den Zerwürfnissen einer in Prosa ringenden Welt, sie war schon im Knaben so widerspenstig, so Byronisch, so modern eigen- und neugesetzlich, wie sie im Jünglinge und Manne sich zeigte, wie sie in den Schriften dauernd geworden ist. (...) Sei’s die innerlichste Unruhe des Grabbeschen Wesens, sei’s die Hast der Gegensätze worin ihm besonders aller Reiz lag, sei’s ein Schillerscher Idealismus, welcher Grabbe einwohnte, und welcher für alles zunächst Nothwendige blind und ungerecht war, sei’s der Übelstand winziger Staatsverhältnisse, der alle Aussicht auf Wirkung und Macht ins Unbedeutende zusammendrückte, sei’s dies Alles, eine mangelhafte Durchbildung ward das nächste Ergebniß und dies zerrieb uns ein Talent, welchem gerechterweise große Hoffnungen zugewendet waren. Als Hoffnung, als Versprechen figurirt denn auch Grabbe in unserer Literatur. (...) Wie wichtig denn auch Grabbe in der jungen Literatur erscheinen könnte, da er nicht nur im Einzelnen Neues zu erregen und zu bilden versuchte, sondern sogar als Totalität eine gewaltige Neuheit zu sein trachtete, wie blendend dies dem Ausländer erscheinen könnte, Grabbe ist doch in der Nähe nachweisbar gar keine Veranlassung, noch weniger ein Vorbild für junge Literatur geworden. Eben weil alle organische Bildung gebrach, konnte nichts von ihm abgeleitet werden. Sich ihm hinzugeben, hinderte der oft hervorbrechende rohe Beigeschmack. So hat man stets mit billigem Ernste den Geberden seiner ungewöhnlichen Schläge zugesehen, ohne sich näher damit zu befassen. Nur Jugend, im Thatendrange unklare Jugend hat für wachsende Literatur von Grabbe gehofft, und neuester Zeit nach Grabbe’s Hingange hat wohl auch diese eine undeutliche Hoffnung aufgegeben.

35 Jahre später, in seinem Buch über „Das Wiener Stadttheater“ (1875), hat sich Laube nochmals über Grabbe geäußert, sein Urteil über ihn ist das gleiche geblieben:

Ich grub mir zum Beispiele jetzt wieder einmal den Grabbe aus, von welchem neuerdings eine recht empfehlenswerthe Gesammtausgabe erschienen ist. (...) Es ist der Ausgabe auch ein Stahlstich-Portrait Grabbes beigegeben, und dies zeigt, auffallend genug! den Himmelstürmer mit einem Kopf, welcher einem anständigen, reinlichen Beamten zupassend wäre. – Für das Theater war meiner Ausgrabung Mühe ganz umsonst. Das wildeste seiner Dramen, der „Herzog von Gothland“, wäre am Ersten noch herzurichten, aber es müßte eben ganz hergerichtet und vereinfacht, will sagen neu gemacht werden, „Don Juan und Faust“ ist auch nicht herzurichten; es scheitert selbst bei der Lectüre an den grellen Reminiscenzen, welche aus Goethes „Faust“ und aus Daponte-Mozarts „Don Juan“ wie dürftige Gespenster auftreten. Ich hoffte noch auf die historischen Dramen, auf die Hohenstaufen, ach, und erfuhr da das Schlimmste. Ich erfuhr, daß Grabbe gar nicht dramatisch schreibt; er beschreibt nur dramatisch. Das ist auf der Bühne der blanke Tod.

Abb. 5: Rollenhefte zu Laubes Drama „Prinz Friedrich“

Heinrich Laube hat selbst eine Reihe von Dramen geschrieben, sie wurden im 19. Jahrhundert – anders als Grabbes Werke – viel gespielt. Daß das auch am fürstlichen Hoftheater in Detmold der Fall gewesen ist, konnte in der Ausstellung durch Exponate belegt werden. Die Musikabteilung der Lippischen Landesbibliothek besitzt eine umfangreiche Sammlung von handgeschriebenen Rollenheften, die einst die „Bibliothek“ des Hoftheaters darstellten. Die Rollen der Stücke sind von sorgfältiger Schreiberhand jeweils einzeln herausgeschrieben, mit Angabe der Stichworte für die Auftritte, und auf dem Umschlag stehen neben dem Titel des Stückes, dem Verfassernamen und der Bezeichnung der Einzelrolle die Namen der Schauspieler, die sie spielten. Die Aufführungsdaten sind gelegentlich ebenfalls festgehalten, in anderen Fällen können sie aus einem Theater-Repertorium in der Musikabteilung ermittelt werden. In diesem für die Erforschung der Rezeptions- und Theatergeschichte wertvollen Bestand fanden sich die Rollenhefte von fünf Dramen Laubes: „Monaldeschi“ (1840 erschienen, Erstaufführung in Detmold am 1. 5. 1842), „Struensee“ (1844, 18. 2. 1857), „Gottsched und Gellert“ (1845, 7. 12. 1846), „Die Karlsschüler“ (1846, 29. 1. 1847) und „Prinz Friedrich“ (1847, 24. 4. 1848). Die rasche Aufeinanderfolge von Erscheinungs- und Aufführungsdaten weist auf eine bemerkenswerte Aufgeschlossenheit des Detmolder Hoftheaters für die Werke des zeitgenössischen schlesischen Dramatikers.

Auch zu einem Drama von Christian Dietrich Grabbe, das sei abschließend erwähnt, verwahrt die Landesbibliothek in dieser Sammlung die Rollenhefte: zu „Don Juan und Faust“, dem einzigen Stück, das zu Lebzeiten seines Autors aufgeführt wurde, und zwar in Detmold am 29. März 1829.