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Die Handschriften der Musikabteilung

von Dorothee Melchert

Druckfassung in: Dorothee Melchert, Joachim Veit: Handschriften aus der Musikabteilung der Lippischen Landesbibliothek. Detmold : Lippische Landesbibliothek, 1984. (Auswahl- und Ausstellungskataloge der Lippischen Landesbibliothek ; 20), S. 11-20.

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Die Handschriften des allgemeinen Bestandes
Die Handschriften des Lippe-Musik-Archivs
Die Handschriften des Lortzing-Archivs
        ↓ Musikhandschriften und Operntexte
        ↓ Die Brief-Autographen Lortzings
Die Handschriften Louis Spohrs
Die Brief-Autographen Ermanno Wolf-Ferraris
Die Musikhandschriften Friedrich Kiels
Transkriptionen der abgebildeten Briefautographen
Anmerkungen

Handschriftliche Materialien sind sowohl im allgemeinen Bestand als auch im Lortzing-Archiv und im Lippe-Musik-Archiv zu finden.

Die Handschriften des allgemeinen Bestandes

Durch die Übernahme des Aufführungsmaterials sowohl des Hoftheaters als auch der Hofkapelle gelangte eine große Zahl von handschriftlichen Noten und die dazugehörigen Text- und Rollenbücher in den allgemeinen Notenbestand (Standort: Mus-n). Mit den Materialien des Musiktheaters kamen auch die zum überwiegenden Teil handschriftlichen Rollenhefte der Sparte Schauspiel (Standort: T) in die Bibliothek. Sie alle stammen von namentlich nicht genannten Kopisten und wurden für die jeweiligen Aufführungen abschriftlich hergestellt oder von anderen Theatern aufgekauft. Diese Handschriften sind heute vor allem dann von ganz besonderem Wert, wenn die Originalhandschriften nicht mehr auffindbar sind oder nur wenige Abschriften existieren. Joachim Veit wird in dem folgenden Beitrag auf die Theater-Handschriften und die ebenfalls vorhandenen Theater-Akten näher eingehen.

Die eigentlichen Autographen, soweit sie nicht zum Lortzing-Archiv oder zum Lippe-Musik-Archiv gehören, sind an einem besonderen Standort (Mus-a) zusammengefaßt. Der Kern dieser heute 1324 Nummern umfassenden Sammlung stammt aus dem Nachlaß von Georg Richard Kruse und besteht zu einem großen Teil aus an ihn persönlich gerichteten Schreiben von Komponisten, Musikwissenschaftlern und Künstlern seiner Zeit. Er korrespondierte, um nur einige Namen zu nennen, mit Eugen d’Albert, Leo Blech, Ferruccio Busoni (Abb. 1), Engelbert Humperdinck, Hugo Kaun, Wilhelm Kienzl, Lilli Lehmann, Hans Pfitzner, Arnold Schönberg (Abb. 2) und Franz Schreker. In seinem Nachlaß befanden sich auch einzelne Autographen von Gasparo Spontini, Ferdinand Hiller, August von Kotzebue und Carl Friedrich Zelter. Als Biograph von Otto Nicolai hinterließ er umfangreiches, handschriftliches Material vor allem über den Komponisten, aber auch einige Musikmanuskripte von Nicolais eigener Hand (Abb. 3).

Nicht aus dem Nachlaß Kruse stammen die in der allgemeinen Autographensammlung befindlichen Konvolute von Musikhandschriften Friedrich Kiels und von Briefen Ermanno Wolf-Ferraris, auf die später noch näher eingegangen wird.

Abb. 1: Ferruccio Busoni: Eigenhändiger Brief an Georg Richard Kruse. Dat.: Berlin W 30, 16. August 1913.
Signatur: Mus-a 358, Blatt 1 von 3.

Abb. 2: Arnold Schönberg: Eigenhändiger Brief an Georg Richard Kruse. Dat.: 24.11.1912
Signatur: Mus-a 681

Abb. 3: Otto Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor. Erster Entwurf. Nr. 1: Terzett. Eigenhändige Handschrift. 58 Bl. Dat.: Wien, Dez. 1845
Signatur: Mus-a 787

Die Handschriften des Lippe-Musik-Archivs

Im Lippe-Musik-Archiv (Standort: Mus-h) sind zusammen mit Druckschriften und Typoskripten die Handschriften enthalten, die mit dem regionalen Musikleben in Vergangenheit und Gegenwart in Zusammenhang stehen. Eigenhändige Musikmanuskripte lippischer Komponisten, vor allem der Hofmusiker, der Musiker der Kurbäder Meinberg und Salzuflen, aber auch handschriftliche Dokumente und Materialien über die Musiker und theoretische Darstellungen sind hier zusammengefaßt.

Von Johannes Brahms, der wegen einer sich nur über wenige Monate erstreckende Tätigkeit am lippischen Fürstenhofe in den Jahren 1857 bis 1859 auch hier eingeordnet ist, besitzt die Musikabteilung leider nur wenige Autographen.

Mit dem Nachlaß des Hofkapellmeisters Carl Bargheer (1831-1902) kamen auch Originalbriefe prominenter Zeitgenossen in das Lippe-Musik-Archiv. Bargheer pflegte als bekannter Geiger freundschaftliche Kontakte zu Joseph Joachim und Clara Schumann (Abb. 4) und korrespondierte u. a. mit Hans von Bülow, Anton Rubinstein und Heinrich von Herzogenberg (Abb. 5).

Zum Lippe-Musik-Archiv zählt auch das von Hofkapellmeister August Kiel stammende Konvolut von Louis-Spohr-Briefen, dem ein besonderer Abschnitt im Text gewidmet ist.

Abb. 4a: Clara Schumann: Eigenhändiger Brief an Carl Bargheer. Dat.: Düsseldorf, 8.2.1868
Signatur: Mus-h 1 B 157
Abb. 4b: Signatur: Mus-h 1 B 157, Rückseite
Abb. 5a: Heinrich von Herzogenberg: Eigenhändiger Brief an Carl Bargheer. Dat.: Hosterwitz b. Dresden, 2. Okt. 1884
Signatur: Mus-h 1 B 89
Abb. 5b: Mus-h 1 B 89, S. 2 und 3

Die Handschriften des Lortzing-Archivs

Zum Bestand des Lortzing-Archivs (Standort: Mus-L) gehören eigenhändige Musikmanuskripte, Operntexte und zahlreiche Briefe Albert Lortzings.

Abb. 6: Albert Lortzing: Eigenhändiger Brief an Philipp Düringer. Dat.: Frankfurt, 21. Juli [1844].
Signatur: Mus-L 2 L 102

Musikhandschriften und Operntexte

Bei den Musikmanuskripten handelt es sich vor allem um Partituren seiner frühen, meist während seiner Detmolder Zeit entstandenen Werke, die zu einem Teil aus der Notenbibliothek des Hoftheaters stammen (die Bearbeitung der „Jagd“ von Johann Adam Hiller, „Der Löwe von Kurdistan“, „Der Pole und sein Kind“, „Der Weihnachtsabend“) oder aus der Lortzing-Sammlung Kruses an uns gekommen sind („Hymne“, „Jubel-Ouvertüre über den Dessauer Marsch“, „Don Juan und Faust“, „Yelva“, „Warme-weeche-Bretzel-Walzer“, das Finale zu „Hans Sachs“, „Das Lied vom 9. Regiment“ sowie verschiedene Arien und Einzelszenen aus den Opern). Aus der Kruse-Sammlung stammen auch die Originaltexte der Opern „Die Rolands Knappen“ und „Regina“ sowie die Textentwürfe zu den nicht ausgeführten Opern „Der Amerikaner“ und „Caliostro“.

Eine Reihe von zeitgenössischen Abschriften von Partituren mit Einzeichnungen und einzelnen Notenseiten von Lortzings Hand sind ebenfalls durch Georg Richard Kruse in das Lortzing-Archiv gelangt: „Andreas Hofer“, „Prinz Caramo“, „Casanova“ und „Undine“. Auch die aus dem Hoftheaterfundus stammenden kopierten Partituren der Opern „Die beiden Schützen“, „Zar und Zimmermann“, „Hans Sachs“, „Der Wildschütz“ und „Der Waffenschmied“ sind, auch wenn es keine eigenhändig vom Komponisten geschriebene sind, von besonderer Authentizität, da sie sämtlich bei Lortzing selbst angekauft worden sind, wie sich anhand der Theater-Akten nachweisen läßt. Der Wert wird noch dadurch gesteigert, daß bei einigen Opern die Originalpartitur nicht erhalten ist.

Abb. 7: Albert Lortzing: Eigenhändiger Brief an den Direktor des Theaters in Würzburg Herrn Engelken. Dat.: Leipzig, 10. Febr. 1850 [Poststempel].
Signatur: Mus-L 2 L 96

Abb. 8a: Albert Lortzing: Eigenhändiger Brief an den Musikdirektor des Theaters Chemnitz Herrn Wagner. Dat. Leipzig, 26. März 1850.
Signatur: Mus-L 2 L 55

Abb. 8b: Mus-L 2 L 55, Rückseite

Die Brief-Autographen Lortzings

Das Lortzing-Archiv hat mit 153 eigenhändigen Briefen die zur Zeit umfangreichste existierende Sammlung von Lortzing-Briefen (Abb. 6-8). Georg Richard Kruse, der Herausgeber der beiden Lortzing-Briefausgaben von 1901 und 1913[1]), brachte selbst keinen dieser Briefe ins Lortzing-Archiv ein. Sie sind von 1937 bis heute oft einzeln je nach Angebot in Antiquariaten und aus Privatbesitz aufgekauft worden. Dreimal gelang es, größere Konvolute von Briefen zu erwerben. 1939 konnten 35 Briefe Lortzings an seinen Freund Philipp Reger bei Stargardt ersteigert werden. Eine große Bereicherung erfuhr die Briefsammlung 1968, als Karl Lortzing, der Ur-Neffe Lortzings, seine aus dem persönlichen Nachlaß des Komponisten stammenden „Lortzingiana“ verkaufte, deren wichtigster Teil aus 30 eigenhändigen Lortzing-Briefen und einer großen Anzahl von Familienbriefen bestand. Darunter befand sich der bekannte Brief von Lortzings Frau Rosine an Christine Kupfer vom 12.2.1851, in dem sie der Nichte vom Tod ihres Mannes berichtet.

Die dritte umfangreiche Erwerbung geschah im November 1979, als es gelang, zwei Lortzing-Konvolute zu ersteigern, die laut Stargardt-Katalog „aus dem Besitz seines Freundes und Biographen Philipp Düringer“ stammen, nämlich 29 Briefe an diesen Freund und 21 Briefe Lortzings an seine Frau.

Waren schon einige der nach und nach erworbenen Autographen in der Ausgabe von Kruse nicht enthalten, so wurde eine Neuherausgabe der Briefe nach dem jüngsten Kauf ganz unumgänglich. Diese Briefe, die erst zum Zeitpunkt des Verkaufes ans Tageslicht gekommen waren, hatte Kruse nach der Biographie Düringers[2]), soweit sie darin enthalten waren, zitieren müssen. Daß Düringer die Briefe damals derartig willkürlich bearbeitet und gekürzt hatte, so einseitig unter dem Eindruck des traurigen Endes seines Freundes ausgewählt hatte und manchmal mehrere Briefe zu einem zusammengezogen hatte, war nicht zu vermuten, auch wenn man in Betracht zog, daß der Ertrag des Buches für die mittellose Witwe und die Kinder bestimmt war.

Da die Kruse-Ausgabe von 1913, auch was die Textgestalt und die Quellenangaben angeht, heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt, wird seit ungefähr zwei Jahren beim Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold-Paderborn in Zusammenarbeit mit der Lippischen Landesbibliothek eine neue Ausgabe der Briefe vorbereitet. Auf der Suche nach Fundorten von Lortzing-Briefen über die in der Zentralkartei der Autographen (Berlin) verzeichneten hinaus, kam eine unerwartet hohe Anzahl ans Licht. Davon sind zusammen mit den in Detmold vorhandenen bisher ca. 130 unveröffentlicht. Die Zahl der erhaltenen Lortzing-Briefe erhöht sich dadurch auf ca. 400 bis 450. Es ist allerdings zur Zeit noch nicht abzusehen, ob sich alle Briefe, die bei Kruse veröffentlicht sind, im Autograph werden auffinden lassen. Es fehlen bisher noch ca. 70, also knapp ein Drittel dieser Briefe.

Wenn die kritische Neuedition einmal fertig vorliegt, wird damit die wichtigste Voraussetzung für eine fundierte Beurteilung der musikgeschichtlichen Bedeutung Lortzings geschaffen sein. Sicher ist es bisher vor allem eine Folge der schlechten Quellenlage, daß die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Komponisten in der Vergangenheit die Ausnahme blieb und er gern einseitig zum „Kind des Biedermeier“ abgestempelt oder aber ganz konträr als heimlicher Revolutionär dargestellt wurde.

Die Handschriften Louis Spohrs

Abb. 9a:Louis Spohr: Eigenhändiger Brief an August Kiel. Dat.: Cassel, 7. Mai 1850.
Signatur: Mus-h 17 S 9

Abb. 9b: Signatur: Mus-h 17 S 9, Rückseite

Abb. 10a:Louis Spohr: Eigenhändiger Brief an August Kiel. Dat.: Cassel, 14. Juni 1859.
Signatur: Mus-h 17 S 18

Abb. 10b: Signatur: Mus-h 17 S 18, Rückseite

Die Lippische Landesbibliothek besitzt zahlreiche Briefe und einige wenige bruchstückhafte Notenhandschriften des Komponisten Louis Spohr (1784-1859). Spohr, den man nicht nur als den größten Geiger seiner Zeit neben Paganini bezeichnete, sondern der auch als Dirigent einen Namen hatte, war seit 1822 Hofkapellmeister in Kassel.

Die Beziehungen zum lippischen Musikleben waren sehr eng[3]); sowohl der Hofkapellmeister August Kiel (1813-1871) als auch der ihn 1862 in dieser Position ablösende Carl Bargheer (1831-1902) waren Geigenschüler Spohrs. August Kiel war einer der wenigen Schüler, die darüber hinaus auch Kompositionsunterricht erhielten. Das Lippe-Musik-Archiv verwahrt seine meist handschriftlich hinterlassenen Kompositionen, von denen sicher einige eine Wiederentdeckung verdienen. Kiel stand von 1835 bis 1859 in einem ausgedehnten Briefwechsel mit seinem ehemaligen Lehrer. 18 dieser Briefe vermachte Kiel der Bibliothek. Inhaltlich geht es in der Korrespondenz vor allem um die Arbeit der beiden Kapellmeister: Man lieh sich Noten und empfahl sich Sänger und Instrumentalisten. Spohrs Werke gehörten zum festen Repertoire der Detmolder Hofkapelle. Um die Art des Briefwechsels zu charakterisieren, sei aus drei Briefen kurz zitiert.

Im Jahre 1845 sollte die Spohr-Oper „Die Kreuzfahrer“ unter Kiels Leitung einstudiert werden. Kiel wandte sich deshalb an Spohr, und dieser antwortete am 26. Januar 1845:

„Recht sehr werde ich mich freuen, meine neue Oper auch auf Ihrem Repertoire zu wissen, da mir bekannt ist, daß bey Ihrem Hoftheatermit Eifer und Genauigkeit einstudiert wird, denn dieß ist, wie bey aller meiner Musik, auch ganz besonders bey dieser Oper, soll sie Effekt machen, erforderlich.“

Die Oper wurde ein großer Erfolg, und Kiel berichtete darüber nach Kassel, wie aus einem freundlichen Antwortschreiben Spohrs hervorgeht.

Auf der Suche nach einem guten ersten Geiger wandte sich Kiel an seinen Lehrer, und dieser empfahl ihm Carl Bargheer, der später als Geiger, Hofkapellmeister und auch als Freund des jungen Brahms eine besondere Rolle im Detmolder Musikleben spielte. In einem Brief vom 7. Mai 1850 heißt es:

„Für die erledigte Stelle in Ihrer Kapelle kann ich Ihnen einen vorzüglichen Geiger unter meinen jetzigen Schülern, Herrn Barghe[e]r aus Bückeburg empfehlen (...) Als Solospieler ist er sehr vorzüglich, im a vista-Lesen aber noch wenig geübt (...) Da er aber in wenigen Stunden die schwersten Concertsoli einstudiert, so wird er das fertige Lesen bald erlernen.“ (Abb. 9)

Es existiert auch ein handschriftliches Zeugnis Spohrs für seinen Schüler Bargheer, das allerdings durch den Nachlaß Bargheer in die Bibliothek gekommen ist.

Für Spohr gestaltete sich seine Stellung am Kasseler Hofe nach und nach immer unerfreulicher. Wegen seiner liberalen Gesinnung wurde er dort zunehmend mit Mißtrauen betrachtet, ja er mußte Demütigungen hinnehmen, die in der Öffentlichkeit große Empörung auslösten. Kiel dagegen berichtete über seine Verhältnisse bei Hofe offensichtlich sehr positiv nach Kassel und bat Spohr sogar, dem Fürsten Leopold III. zur Lippe einige Lieder zu widmen. Spohr antwortete darauf am 5. April 1856:

„Mit Vergnügen ersehe ich aus Ihrem Briefe, daß in Folge der wahren Kunstbildung Ihres Fürsten, sich die Musikzustände in Detmold immer mehr heben und daß Sie jetzt über ein Orchester zu verfügen haben, wie es viele größere Städte entbehren müssen. Dieß muß Ihre Stellung sehr angenehm machen. In Bezug auf Ihre Äußerung, daß Ihr Fürst es gut aufnehmen werde, wenn ich ihm einige Baryton-Lieder widmete, bemerke ich, daß ich Fürsten nie etwas dediciert habe, wenn es nicht ausdrücklich verlangt wurde.“

Die Dedikation kam dennoch zustande. Spohr widmete dem Fürsten sein Opus 154: Sechs Lieder für Bariton mit Begleitung von Violine und Klavier.

Im Jahre 1859 kam Spohr zum ersten Mal persönlich nach Detmold. Das Konzert, das die Hofkapelle zu Spohrs Ehren ausschließlich seinen Werken widmete, wurde zu einem echten Höhepunkt in der Geschichte des Orchesters. In einem Brief vom 14. Juni 1859 bedankte sich Spohr bei Kiel für die vollendete Execution seiner Kompositionen, die er seit langer Zeit nicht so gut wie in Detmold gehört habe (Abb. 10). Mit diesem Brief schließt die Reihe der hier aufbewahrten Spohr-Briefe. Der Komponist starb im gleichen Jahr am 22. Oktober.

Die Brief-Autographen Ermanno Wolf-Ferraris

Abb. 11a: Ermanno Wolf-Ferrari: Eigenhändiger Brief an Willi Schramm. Dat.: Planegg, 4.10.42
Signatur: Mus-a 1320

Abb. 11b: Signatur: Mus-a 1320, Rückseite

Aus dem persönlichen Nachlaß von Willi Schramm ist eine handschriftliche Korrespondenz an die Bibliothek gekommen, die von einer freundschaftlichen, verehrenden Beziehung zwischen Willi Schramm und dem deutsch-italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948) Zeugnis gibt. Durch glücklichen Zufall sind nicht nur die 26 eigenhändigen Briefe und Postkarten Wolf-Ferraris, sondern auch der Wortlaut eines Großteils der sich darauf beziehenden Briefe Schramms erhalten. Schramm hatte offensichtlich die Angewohnheit, wichtige Briefe im Konzept vorzuschreiben, und er hob die Vorlagen zusammen mit den Antwortschreiben Wolf-Ferraris auf. Dadurch ergibt sich ein recht vollständiges Bild dieser Freundschaft in den Jahren 1925 bis 1944.

Die Korrespondenz begann anläßlich einer Aufführung von Wolf-Ferraris „La vita nouva“ im Jahre 1924 durch den Detmolder Oratorienverein unter der Leitung von Schramm. Für ein Bildnis des von beiden Musikern sehr geliebten Johann Sebastian Bach, das Schramm Wolf-Ferrari zum 50. Geburtstag schenkte, bedankte sich dieser am 19. Januar 1926 mit den Worten:

„Nun sind Sie mir für immer nahe gebunden. Hüten Sie sich vor mir! Ich bin von einer unausstehlichen Treue.“

In der Folgezeit machte Schramm den „sehr verehrten, lieben Meister“ immer wieder auf Aufführungen seiner Werke in der näheren und ferneren Umgebung von Detmold aufmerksam. Er bemühte sich, möglichst alle selbst zu besuchen und schickte Rezensionen und Aufsätze aus Musikzeitschriften und Tageszeitungen. Wolf-Ferrari berichtete dem „lieben Freund“ von seiner Arbeit, der Entstehung neuer Opern, erzählte von seinen Reisen und Krankheiten. Schramm besuchte ihn mit seiner Familie mehrfach in München und auch in Venedig und wurde als angenehmer, gerngesehener Gast immer wieder eingeladen. Einen rührenden Kondolenzbrief vom 4. 10. 1942 schrieb Wolf-Ferrari zum plötzlichen Tode der einzigen Tochter Schramms (Abb. 11).

Ein unangenehmes Ereignis drohte zwischenzeitlich einen Schatten auf die Beziehung der beiden Musiker zu werfen. Schramm, der während des Dritten Reiches vom Schuldienst suspendiert war und alle Ämter verlor, wurde 1935 bei der Landesregierung denunziert, weil er „seine Sommerferien 1934 in München bei dem italienischen Juden  Wolf-Ferrari verbracht und sich damit in Detmold gebrüstet“ habe. Der „Kleinstadt-Tratsch“ endete nach längerem Hin und Her mit einem an Wolf-Ferrari gerichteten Entschuldigungsschreiben des Denunzianten, er war für Schramm aber, wie er schreibt, „die peinlichste Angelegenheit, die ich je zu erledigen genötigt war“.

Sieben der Wolf-Ferrari-Briefe sind in der Brief-Ausgabe von Mark Lothar[4] veröffentlicht. Leider sind sie nur gekürzt und ungenau, teilweise auch falsch datiert wiedergegeben.

Die Musikhandschriften Friedrich Kiels

Abb. 12: Friedrich Kiel: Sonate Nr. 1 E-Dur. Eigenhändige Handschrift. 8 B. Dat.: 22. Nov. 1844.
Signatur: Mus-a 21

Abb. 13a: Friedrich Kiel: Abendlied eines Einsiedlers „Still und schauend sitz ich hier“. Eigenhändige Handschrift ohne Datierung.
Signatur: Mus-a 25

Abb. 13b: Mus-a 25, Rückseite

Zum Bestand der Musikabteilung gehört eine große Sammlung von 42 eigenhändigen Musikmanuskripten Friedrich Kiels (1821 bis 1885). Der aus Puderbach bei Laasphe (Westfalen) stammende Kiel machte schon als Kind erste autodidaktische Kompositionsversuche. Sein Talent wurde am Fürstenhofe Wittgenstein-Berleburg früh erkannt und intensiv gefördert. Man ermöglichte ihm eine theoretische Ausbildung bei Caspar Kummer in Coburg. Den für ihn wesentlichen Kompositionsunterricht erhielt er erst in den Jahren 1842 bis 1844 bei Siegfried Dehn in Berlin. Die Arbeiten, die in dieser Zeitspanne bis zum Jahre 1850 entstanden, hielt er zurück; er blieb aber in Berlin und verdiente seinen Lebensunterhalt durch Klavier- und Harmonielehre-Unterricht. Erst in seinem 30. Lebensjahr trat er mit seinem Opus 1 „Fünfzehn Kanons“ an die Öffentlichkeit und wurde nach und nach zu einem geschätzten Komponisten; er war als Kompositionslehrer am Sternschen Konservatorium tätig und übernahm in der neugegründeten Berliner Musikhochschule eine Meisterklasse für Komposition. Nach seinem Tode geriet er schnell in Vergessenheit.

Die in Detmold vorhandenen Musikmanuskripte stammen aus der Autographensammlung von Erich Prieger (1849-1913), einem Schüler und Freund Kiels. Schon während seiner Studienzeit hatte Prieger damit begonnen, Handschriften, Erstdrucke und Musikerbriefe systematisch zu sammeln. Da er von Hause aus sehr vermögend war und keine beruflichen Verpflichtungen hatte, verwandte er beträchtliche Geldmittel und viel Zeit auf seine Sammlertätigkeit. Bekannt wurde er vor allem durch sein vermittelndes Auftreten im Jahre 1898 beim Ankauf der großen Autographensammlung Artaria  (Wiener Musikverlag). Die Königliche Bibliothek in Berlin konnte zunächst den Kaufpreis nicht aufbringen. Prieger sprang ein und gab die Sammlung später zum gleichen Preis an die Bibliothek weiter. Nach seinem Tod wurde ein großer Teil dieser berühmten Sammlung auf Auktionen verkauft und dadurch leider zerstreut. Nach Sieghard Brandenburg[5], der in seinem Artikel über Prieger dessen Sammlung zu rekonstruieren versucht, hat jener nach 1885 einen großen Teil des Nachlasses Kiel der Königlichen Bibliothek in Berlin übergeben. Er muß aber auch später noch Musikmanuskripte, vor allem der nicht veröffentlichten Werke besessen haben, wie aus dem Werkverzeichnis der Dissertation von Erich Reinecke[6] hervorgeht. Ein Teil davon wurde im Jahre 1942 vom Bonner Antiquar Carl Holzschuh im Zusammenhang mit einem Autographenankauf der Landesbibliothek zum Geschenk gemacht. Es handelt sich vor allem um Werke aus seiner Studienzeit und den Jahren vor 1850, die er selbst nicht veröffentlichen wollte. Es sind auch einige unterrichtsbezogene Notenhandschriften darunter: Studien nach Marx und zwei Konvolute Contrapunktische Arbeiten und Harmonielehreübungen. Viele Klavierwerke, auch einige zu vier Händen, gehören dazu. Von drei Sonaten ist sowohl der Entwurf als auch die Reinschrift (Abb. 12) vorhanden. Ob es sich dabei um die im Werkverzeichnis von Reinecke enthaltenen unveröffentlichten Sonaten handelt, ist schwer festzustellen; die Satzbezeichnungen stimmen nicht genau überein. An Vokalmusik sind drei Klavierlieder (Abb. 13) und wenige kurze Chorstücke vorhanden. Zwei Partituren von Orchesterwerken gehören zum Bestand, darunter eine Fantasie für Piano und Orchester, deren letzte Seite leider nicht vollständig ist. Es könnte sich um die „Seiner Majestät dem Könige von Preußen gewidmete“ Fantasie von 1841 handeln, die laut Werkverzeichnis von Reinecke als „verlorengegangen“ bezeichnet wird. Die andere Partitur ist die Ouvertüre c-moll, von der nur die ersten 32 Seiten vorhanden sind.

Wenn es sich bei den Detmolder Kiel-Handschriften auch nicht um dessen große und bekannte Werke handelt, so könnte doch gerade anhand dieser Notenhandschriften z. B. die Entwicklung der Kompositionstechnik und Arbeitsweise Kiels erforscht werden.

Transkriptionen der abgebildeten Briefautographen

Abb. 1

Herrn Direktor Georg Richard Kruse Berlin-Lichterfelde-West Reuter Str. 27

Sehr geehrter Herr Direktor,

Ihr freundlicher Brief, reich an beigelegten Dokumenten, hat mich interessiert und erfreut. Das „okkulte“ Examen der Accademia filarmonica habe ich selber als Siebzehnjähriger durchgemacht: es ist eine wahre Hexenprobe, die ich übrigens bestand. –

Nun bin ich, 30 Jahre später, am selben Orte zum Höchstdiktierenden ernannt und die Symphonie Concerte sind, auf meinen Vorschlag hin, erst beschloßen worden. Ich hoffe, eine staendige Institution daraus zu machen, die in Italien in dieser Form fehlt. – Natürlich wird es mich reizen, die durch Sie gerettete Symphonie Nicolai’s in der Partitur zu sehen und ich danke Ihnen, dass Sie hierbei wieder an mich gedacht haben. Warum bleibt das Werk ungedruckt? Breitkopf und Haertel oder die Wiener Universal Edition dürften mit Hunger nach einem solchen Bissen ihre Haende strecken. –

Bei dieser Gelegenheit bitte ich Sie mich, den Liszt Sammler u. Gründer der Gesammt Ausgabe Liszt’s, gütig informieren zu wollen, ob Sie von der Existenz einer Liszt’schen Bearbeitung von Nicolai’s „Eine Feste Burg“ Kenntnis haben, und – bejahenden Falles – ob dieselbe in mehreren Versionen oder Entwürfen vorhanden, ob und wo sie erschienen ist. –

Für Alles herzlichen Dank!
Mit freundlichsten Grüßen
Ihr sehr ergebener
Ferruccio Busoni

Berlin W 30 – den 16. Aug. 1913.

Abb. 2

24/11.1912

Sehr geehrter Herr, ich danke Ihnen bestens für Ihre freundliche Einladung, kann ihr aber nicht folgen. Denn ich habe mich seit längerer Zeit aus künstlerischen Gründen entschlossen meine schriftstellerischen Versuche eine geraume Weile ruhen zu lassen. Von diesem Vorsatz, der zu sehr für meine Entwicklung bedeutsam ist –, kann ich selbstverständlich nicht abgehen. Vielleicht findet sich später einmal Gelegenheit, dann mit großem Vergnügen
In vorzüglicher Hochachtung Arnold Schönberg

Abb. 4

Düsseldorf
d. 8 Febr. 1868

Geehrter Herr Bargheer,

Hierbei die versprochenen Stücke – möchten sie Ihnen Angenehmes bringen, überhaupt es Ihnen recht gut gehen!

Mit freundlichen Grüßen, auch an Ihre liebe Braut,
von mir und meiner Tochter
Ihre
erg.
Clara Schumann

NB: wollen Sie gefälligst einige Zeilen an Herrn Dr. Jöckl [?] mit übergeben. Dann noch eine Bitte: Es sind von meinen Stimmen zum A-Dur Concert von Mozart noch Einige unter die Gesangssachen gekommen – bitte, senden Sie sie mir gleich sobald Sie nach Detmold zurückkehren.
Adresse: Fräulein Rosalie Leser [?]
In großer Eile, daher um Entschuldigung bittend.

Abb. 5

Sehr geehrter Herr Concertmeister!

Durch meine Theilname am schönen Eisenacher Musikfeste gelangte ich verspätet in den Besitz Ihrer liebenswürdigen, und mich so sehr erfreuenden Zeilen. Haben Sie Dank nicht nur für die erfreuliche Absicht, eins der Quartette dem Publicum vorzuführen, sondern besonders für die gute Stunde, die mir Ihre Anerkennung bereitet hat!

Ich bin nun zwar überzeugt, daß jedes gute Stück sein Tempo an der Stirne trägt, aber doch nicht, daß mein Stück auch ein gutes sei. Im Verlauf des Studium’s kommen Sie gewiß selbst auf’s Richtige; ich kann nur angeben, wie ich mir heute die Tempi vorstelle, ohne eine Verantwortung zu übernehmen. Habe ich doch so oft erfahren müßen, daß die Musiker vom Ton in dieser Frage viel sicherer urtheilen, als die Musiker von der Feder, und gerade, wenn’s das eigene Kind angeht.

I. Satz etwa [Viertel] = 126; dabei mag man sich jedoch an einzelnen Stellen hübsch Zeit laßen, so namentlich beim ff vor der Wiederkehr des Thema’s.
II. etwa [Viertel] = 72, tranquillo [Viertel] = 69, Andante [Viertel] = 100, più lento [Achtel] = 72
III. etwa [Viertel] = 120, maestoso nur etwas wuchtig; Più mosso (minore) [punktierte Viertel] = 69
IV [Viertel] = 108; wenn einmal Alles recht klar herauskömmt, vielleicht noch etwas rascher.

Meine innigste Überzeugung aber ist es, daß sich das Tempo überhaupt nicht bezeichnen läßt. Es wäre mir ein sehr lieber und werthvoller Beitrag zum Studium dieser Frage, wollten Sie mir gelegentlich mittheilen, welche Metronome Sie vor dem Lampenlicht gewählt haben. Schließlich wird dies aber eine indiscrete Frage nach dem Temperament des Spielers, eine Neugirde, derer ich mich nicht schuldig machen möchte!

Mit ergebenstem Gruße
Ihr
Hv Herzogenberg

(bis 6. Oct)
Hosterwitz b. Dresden
dann Leipzig Zeitzerstr. 24d
2. Oct. 84

Abb. 6

Sr: Wohlgeboren Herrn Ober:Regißeur Ph: Düringer in Mannheim

Mein herzliebes Bruder!

Du wirst böse sein, so lange keine Nachricht von mir empfangen zu haben; ich wollte Dir indessen gern etwas reelles schreiben. Am Dienstag sollte bereits der Wildschütz hier sein – unter meiner Leitung – o Wunder! (alle Welt bedauert Guhr’s nahes Ende –) aber die Vorstellung wurde durch plötzliche Krankheit gestört. Gestern fand sie statt und es war der Erfolg ein glorioser! ich wurde zweimal gerufen und hielt zuletzt wieder eine Rede – ohne stecken zu bleiben; mir geht es auch wie Guhr, ich sterbe auch bald, indem ich anfange Redner:Talent zu zeigen. Guhr war übrigens die Liebenswürdigkeit selbst. Heute Abend um 1/2 10 fahre ich endlich ab. Die Sehnsucht nach den Meinen ist sehr groß. Also mein liebes Bruder, lebe wohl! von Leipzig aus mehr. Grüße mir die lieben Deinen herzlich, wie auch Lachner, die Pichler, Mühldorfer, alle, alle, grüße mir ganz Mannheim! ich werde den dortigen Aufenthalt und die dort genoßenen Freuden nie vergeßen!

Dein
Albert Lortzing

Francfurth den 21ten Juli

Abb. 7

Sr: Wohlgeboren Herrn Engelken, Direktor des Theaters in Würzburg

Werther Herr und Freund!

Ich lese meine Oper „Undine“ auf Ihrem Repertoire und kann natürlich nur annehmen, daß Ihnen selbige durch einen unberufenen Unterhändler (vielleicht den berüchtigten Dieb: Herrn Zulehner in Mainz) zugekommen ist, da Würzburg weder durch mich, noch durch Sturm BL Koppe die Oper erhalten hat. Ich zweifle daher keinen Augenblick, daß Sie – vom wahren Stand der Sache unterrichtet – sich bewogen fühlen werden, mich zufrieden zu stellen, was Ihnen um so leichter sein wird – indem ich – die Zeiten berücksichtigend – nicht mehr als: „zwanzig Thaler“ beanspruche. Ich versichere Ihnen, werther Freund, die Unredlichkeit der Direktoren übersteigt alle Begriffe und erwarte ich nicht, daß Sie die Zahl jener Biedermänner zu vermehren gedenken.

Ich grüße Sie mit alter Freundschaft
als Ihr
ergebener
Albert Lortzing

P.S. Den „Waffenschmied“ schuldet mir Würzburg auch noch – hätte ich nur die Partitur zurück!

Abb. 8

Sr: Wohlgeboren Herrn Wagner, Musikdirektor am Actien:Theater in Chemnitz

Mein werther Freund!

Die hiesige Theater:Partitur der Rolandsknappen revidierend bemerke ich noch ein paar Striche, welche sich wahrscheinlich in Ihrer Partitur nicht vorfinden werden, aber nothwendig sind, indem der dritte Akt noch viel Musik hat. – Ein großer Strich ist im Duett zwischen Isalda und Amarin (drittes Finale No 17) nämlich von der Stelle des 3/4 Taktes, nachdem Amarin hinaufgestiegen

von hier springt es über den ganzen 3/8 Takt und über 32 Takte des darauf folgenden 4/4 Taktes weg bis zum Andante

Ferner im darauf folgenden Quartett C-Dur springt es von der Stelle des Sarron „o mein gutes Weib und meine armen Kinder“ über den ganzen Ensemble Satz weg bis: „hier Freunde nehmt etc:“ (es fallen 36 Takte weg und wird der Tact vor dem Strich folgendermaßen geändert:)

Ferner bleibt die Cavatine N° 15 des Amarin weg, weil sie nicht gut situirt ist. Sollten sich sonst noch Striche in Ihrer Partitur vorfinden, so versteht sich von selbst, daß sie gelten!

Ich ersuche Sie die angedeuteten Aenderungen herzustellen und bin mit der Bitte, mich dem geschätzen Sängerpersonale zu empfelen mit großer Achtung

Ihr
ergebener
Albert Lortzing
Leipzig den 26ten März 1850

Abb. 9

Sr: Wohlgeboren Herrn Kapellmeister Aug: Kiel in Detmold

Cassel den 7ten•Mai 1850

Hochgeehrter Herr Kapellmeister,

Für die erledigte Stelle in Ihrer Kapelle kann ich Ihnen einen vorzüglichen Geiger unter meinen jetzigen Schülern, Herrn Bargher aus Bückeburg, empfehlen. Er ist jetzt noch hier, wird aber mit dem Beginn unserer Theaterferien Mitte Juni zu Haus gehen. Da er dann in Ihrer Nähe ist, so könnte er zu jeder Ihnen beliebigen Zeit nach Detmold kommen, um Proben seines Talentes abzulegen. Als Solospieler ist er sehr vorzüglich, im a vista-Lesen aber noch wenig geübt; da jetzt bey unseren Geigen nur ein einziger Platz erledigt ist, und meine Schüler ihn nur, der Reihe nach, abwechselnd einnehmen konnten, so hat er noch nicht oft im Orchester gespielt und es fehlt ihm daher noch die schnelle Übersicht. Da er aber in wenigen Stunden die schwersten Concertsoli einstudiert, so wird er das fertige Lesen bald erlernen.

Haben Sie die Güte, mir nun noch vor Mitte Juni zu melden, ob Sie auf ihn, den ich auch in jeder andern Hinsicht als einen gebildeten artigen jungen Mann von etwa 18 oder 19 Jahren empfehlen kann, reflektiren wollen, und ob und wann er sich bey Ihnen einfinden soll.

Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst
Louis Spohr

Abb. 10

Sr: Wohlgeboren Herrn Hofkapellmeister Kiel in Detmold

Cassel den 14ten Juni 1859

Hochgeehrter Herr Kapellmeister,

Geliebter Freund,

Es war meine Absicht, Ihnen sogleich nach unserer Rückkehr von Detmold zu schreiben, und für freundliche Aufnahme und alles Gute, was wir Ihnen zu danken haben, nochmals unsern besten Dank zu sagen, allein die große Hitze, die seit unserer Rückkehr hier herrschte, und die dadurch entstandene Unbehaglichkeit die mein Unwohlseyn, die Schlaflosigkeit noch vermehrte, ließen mich bisher nicht dazu kommen.

Besonders habe ich Ihnen für die vollendete Execution meiner Kompositionen zu danken, die ich seit langer Zeit nicht so gut, wie in Detmold und von Ihrer Kapelle unter Ihrer umsichtigen Leitung gehört habe, Es war besonders die 9te Sinfonie die mich überraschte und erfreute, denn wenn sie auch der 4ten „der Weihe der Töne“ nicht gleich kommt, so habe ich mich doch im Concerte zu Detmold überzeugt, daß sie sich wenn sie so vorzüglich, wie dort gegeben wird, wohl neben dieser auch mit Ehren hören lassen kann, besonders der 2te und 3te Satz. Ich bitte daher Ihrer Kapelle noch ganz besonders meinen Dank für die vollendete Aufführung dieser Sinfonie zu sagen!

Auch der beyden Parthien nach dem Hermannsdenkmal und den Fxternsteinen werden wir stets mit großer Befriedigung gedenken, so wie auch unsere Rückreise ohne allen Unfall vor sich ging.

Wir sagen Ihnen daher nochmals unsern herzlichsten Dank für alles Schöne, was uns in Detmold geschehen ist und werden der Reise stets mit Freuden gedenken.

Mit herzlicher Freundschaft stets ganz der Ihrige
Louis Spohr
Die herzlichsten Grüße Ihrer lieben Frau und Herrn Bargher, wie auch der Familie v. Meysenbug.

Abb. 11

Ermanno Wolf Ferrari
Planegg
4.10.42

Lieber Freund!
Von Venedig zurückgekehrt, wo ich seit dem 18 des v. M. war, fand ich unter der hier harrenden Post die grausame Nachricht! Ihr Verlust, Ihr Schmerz ist so gross, dass ich nicht weiss, wie ich Sie mit Worten anreden kann. Am liebsten möchte ich mit Ihnen schweigen und weinen. Ihre stille, liebliche, schwärmerische Tochter! Ihre arme Frau! Wie lustig waren wir doch hier alle zusammen beim Apfelstrudel, beim Photographieren... 

Nun habe ich gewiss eine Viertelstunde mit dem Schreiben innegehalten und weiss nicht, wie weiter. Doch Sie wissen bestimmt, wie tief ich mit Ihnen und Ihrer lieben Frau mitfühle. Sie wissen auch, wie ich Beatrice, die junggestorbene, besungen habe. Ich muss an sie denken, wenn ich mir Ihre Tochter vorstelle, wie sie nun lebt. Ich weiss nicht, wie Sie in religiöser Hinsicht denken, aber, so konfessionslos auch ich selber bin, die Gewissheit habe ich, dass das Leben mindestens so geheimnisvoll ist, als der Tod, den wir ja nur von aussen kennen; wir wissen folglich nicht, was er ist, und auch nicht, ob bei ihm der Begriff: „Ende“, überhaupt einen Sinn hat. So ist uns nicht erlaubt zu sagen: mit dem Leben sei alles aus, wenn jenes vorüber ist. So sinnlos kann das Ganze nicht sein. „Puella non est mortua, sed dormit“. Ja ich hoffe sogar: es wacht, mehr noch wie wir. Mein Vater lebt in mir, seit er Tot ist, mehr als da er noch physisch lebte. Freilich, anfangs ist der Schmerz der Trennung alles.

Verzeihen Sie, wenn ich so lange über den Tod geschrieben habe: aber es geht wirklich nicht, dass man es bloss passiv erträgt: wir müssen auch etwas aus unserer Hoffnung machen, damit wir nicht vernichtet werden, innerlichst.

Ich umarme Sie im Geiste,
stets als der Ihrige

Ermanno Wolf-Ferrari

Anmerkungen

[1] Lortzing, Albert: Gesammelte Briefe. Hrsg. von Georg Richard Kruse, Neue, um 82 Briefe vermehrte Ausgabe, Regensburg 1913.

[2] Düringer, Philipp Jakob: Albert Lortzing, sein Leben und Wirken. Leipzig 1851.

[3] Meysenbug, Otto Frhr. von: Beiträge zur Geschichte musikalischen und theatralischen Lebens in Detmold, I: Louis Spohr in seinen Beziehungen zu Detmold. In: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde. 3.1905. S. 177-204.

[4] Wolf-Ferrari, Ermanno: Briefe aus einem halben Jahrhundert. Hrsg. von Mark Lothar. München 1982.

[5] Brandenburg, Sieghard: Erich Prieger. In: Rheinische Musiker. F. 8. Köln 1974. S. 118-122. (Beiträge zur rheinischen Musikgeschichte. 111).

[6] Reinecke, Erich: Friedrich Kiel. Nachdr. d. Phil. Diss. Köln 1936. Hagen 1978, (Beiträge zur westfälischen Musikgeschichte. 12).