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Die Musikabteilung der Lippischen Landesbibliothek.
Ihre Entstehung und ihre Altbestände

von Dorothee Melchert

Druckfassung in: Dorothee Melchert, Joachim Veit: Handschriften aus der Musikabteilung der Lippischen Landesbibliothek. Detmold : Lippische Landesbibliothek, 1984. (Auswahl- und Ausstellungskataloge der Lippischen Landesbibliothek ; 20), S. 7-10.

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Die Musikabteilung, eine der Sondersammlungen der Lippischen Landesbibliothek, hat als selbständige Abteilung erst eine recht kurze Geschichte. Die Musikbestände waren früher innerhalb des Fachgebietes „Schöne Künste und Wissenschaften“ in den Gesamtbestand integriert. Erst als der Detmolder Kirchenmusikdirektor und Lehrer Willi Schramm (1884-1953) bei seinen Forschungen zur lippischen Musikgeschichte bei den verschiedensten Institutionen und Vereinen auf wertvolle alte Musikbestände stieß, die z. T. in völlig ungeeigneten Räumen sehr schlecht untergebracht waren, reifte in ihm die Idee, das Forschungsmaterial in der Landesbibliothek zu sammeln und zu zentralisieren. Da die Fülle des Materials den Rahmen des allgemeinen Bestandes gesprengt hätte, baute er seit 1939 zusammen mit dem damaligen Bibliotheksdirektor Eduard Wiegand (1893-1979) nach und nach eine spezielle Musikabteilung auf.

Die Zusammenarbeit von Schramm und Wiegand in dieser Zeit hat etwas eigenartig Faszinierendes. Wiegand war nur von 1933 bis 1945 Bibliotheksdirektor und verdankte sein Amt den Nationalsozialisten; Schramm dagegen war ein Opfer des Dritten Reiches, er wurde wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge vom Schuldienst suspendiert und durfte auch als Chorleiter nicht mehr arbeiten. Um so erstaunlicher ist es, wie Wiegand Schramms Ideen nach Kräften förderte, wie er ihm in der Bibliothek freien Raum für seine Arbeit ließ, daß dieser sogar in der Öffentlichkeit für die Bibliothek auftreten konnte. Die respektvoll kollegiale, ja freundschaftliche Zusammenarbeit der beiden spiegelt sich in den Akten der damaligen Zeit wider und war für die Entwicklung der Musikabteilung von entscheidender Bedeutung.

Die Bibliothek des 1781 gegründeten Lehrerseminars mit gesangspädagogischen Werken aus der Zeit Pestalozzis und seiner Schule konnte von Schramm zuerst überführt und eingearbeitet werden. Schramm war von 1920 bis zur Schließung des Seminars im Jahre 1925 dort als Musiklehrer tätig gewesen und kannte daher den Wert der Bibliothek. Dann folgten die Notenbestände des von den Nationalsozialisten aufgelösten Oratorienvereins, dessen Leiter Schramm über viele Jahre gewesen war.

Mit dem Aufführungsmaterial des früheren Hoftheaters konnte das gesamte Musikalienarchiv der ehemaligen Hofkapelle in die Bibliothek überführt werden. Viele seltene Früh- und Erstdrucke und handschriftliche Kopien mit einem Schwerpunkt auf der Literatur der Zeit von 1770 bis 1850 gehören zu diesem wertvollen Teil des Altbestandes der Musikabteilung.

Willi Schramms Einfluß und Verdienst bei der Zusammenführung der Musik-Bestände an eine zentrale für jeden zugängliche Stelle kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als ehrenamtlicher Abteilungsleiter ordnete er das gesamte Material und stellte schon damals die Weichen für eine Einteilung der Abteilung in einen allgemeinen Musikbestand und die separaten Sonderbestände.

Alle Materialien und Dokumente, die im engeren Sinne mit lippischer Musikgeschichte und Musiktradition in Zusammenhang standen, faßte er gesondert zum „Heimatmusik-Archiv“ (heute „Lippe-Musik-Archiv“) zusammen. Es gelang ihm, das Archiv durch Nachlässe lippischer Musiker zu vervollständigen. Hierzu gehören u. a. die Nachlässe der Hofkapellmeister August Kiel und Carl Bargheer, der Hofmusiker Carl Gottlieb Wolff und Adolph Hoppe und des aus Alverdissen stammenden Kapellmeisters der Berliner Königlichen Oper Ludwig Deppe.

Auch eine andere Sondersammlung innerhalb der Musikabteilung, das Lortzing-Archiv, nahm zu dieser Zeit Gestalt an. Nach dem Vorbild des 1938 nach Detmold gekommenen Grabbe-Archivs wollte man eine zentrale Sammel- und Forschungsstelle für den Komponisten Albert Lortzing gründen. Nun ist zwar Lortzing im Gegensatz zu Christian Dietrich Grabbe kein Sohn der Stadt Detmold, sondern 1801 in Berlin geboren, doch hat er eine längere Zeitspanne seines Lebens hier in Detmold verbracht: Er gehörte von 1826 bis 1833 als Schauspieler und Sänger zur Detmolder Hoftheatergesellschaft unter August Pichler, zu einer Zeit also, als er als Komponist noch ganz unbekannt war.

Den Grundstock des Archivs bilden Handschriften und zeitgenössische Abschriften, die aus Lortzings Detmolder Zeit durch die Übernahme der Notenbibliothek und der Akten des Hoftheaters an die Landesbibliothek gekommen waren. Die eigentliche Legitimation, den anspruchsvollen Namen „Lortzing-Archiv“ zu tragen, erhielt die Sammlung, als es gelang, den Kapellmeister und Lortzing-Forscher Georg Richard Kruse (1856-1944) zu bewegen, seine „Lortzingiana“, die größte im Privatbesitz befindliche Sammlung von Lortzing-Dokumenten, der Landesbibliothek zu verkaufen. Diese Sammlung war folgendermaßen entstanden: Kruse war im Jahre 1889 als Kapellmeister am Detmolder Hoftheater mit der hiesigen Lortzing-Tradition in Berührung gekommen und hatte sich seit der Zeit mit unermüdlichem Eifer dem Werke dieses Meisters angenommen. Er hatte Werke, die als verschollen galten, wieder ausgegraben und zur Aufführung gebracht, alles Erreichbare an Autographen und Dokumenten gesammelt, hatte Lortzings Briefe herausgegeben und eine umfangreiche Biographie über ihn geschrieben. Kruse sah in Lortzing einen weithin verkannten Komponisten und hatte es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, ihm den ihm zustehenden Platz unter den deutschen Komponisten zu erkämpfen.

Kruse hatte Schramm bereits 1926 anläßlich der großen Detmolder Lortzing-Festwochen kennen- und schätzengelernt. Für Schramm, der sich selbst besonders für die Erforschung des Schaffens Lortzings während seiner Detmolder Zeit interessierte[1]), war es klar, daß Kruses Sammlung von unschätzbarem Wert für die Bibliothek sein würde und ihr eigentlich erst die Möglichkeit gab, dem hochgesteckten Ziel „Lortzing-Archiv“ näher zu treten. Zusammen mit Wiegand besuchte er Kruse ab 1939 mehrfach in Berlin zu Verhandlungen. Aber der über 80jährige Kruse war unsicher, ob er seine Schätze nach Detmold oder lieber an die Preußische Staatsbibliothek in Berlin geben sollte, falls er sich überhaupt von seinem Lebenswerk würde trennen können. Er wandte sich schriftlich um Rat an Georg Schünemann, den Leiter der Musikabteilung der Staatsbibliothek, der in einem Schreiben vom 15.3.1940, das wir heute mit einem Schmunzeln lesen, natürlich dringend für Berlin plädiert:

„Der Gedanke an Detmold ist sicher schön, aber wer geht nach Detmold zum Studium? (...) Jeder ernsthafte Forscher wendet sich zuerst an die Staatsbibliothek Berlin, wenn er arbeiten will (...)“.

1941 war es dennoch so weit. Daß es Wiegand und Schramm gelang, eine Entscheidung für Detmold zu erreichen, wirft ein Licht auf ihr großes Verhandlungsgeschick und ihr persönliches Engagement für die Sache, das Kruse schließlich überzeugte. Sie versprachen ihm, sein Lebenswerk in seinem Sinne fortzuführen. Anläßlich der Grabbe-Festwochen, die 1941 mit einer Lortzing-Ehrung verbunden waren, konnte die Bibliothek ihr Lortzing-Archiv im Theater der breiten Öffentlichkeit zum ersten Mal vorstellen.

Auch der weitere Ausbau des allgemeinen, nicht archivbezogenen Bestandes wurde durch die Persönlichkeit Georg Richard Kruses geprägt. Nach seinem Tode im Jahre 1944 konnte sein gesamter Nachlaß erworben werden. Er brachte schon rein zahlenmäßig einen großen Gewinn und gibt ein deutliches Bild davon, wo Kruses Interessen- und Arbeitsgebiete neben seinen Lortzing-Forschungen lagen. Dank seiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter des Reclam-Verlages, zuständig für die Herausgabe von Libretti, waren in seinem Nachlaß viele wertvolle Textbücher, die zusammen mit den vom Hoftheater übernommenen Text- und Rollenheften eine ganz einzigartige Textbuch-Sammlung ergaben. Kruses Interesse für die deutsche Spieloper als Gattung dokumentiert sich in der reichhaltigen Klavierauszug-Sammlung. Eine große Zahl von Autographen gehörte zu seinem Nachlaß, von denen an anderer Stelle die Rede sein soll.

Mit der Einarbeitung des Kruse-Nachlasses war die Zeit des Aufbaus durch Übernahme von geschlossenen, die Musikabteilung nachhaltig prägenden Bibliotheken und Sammlungen zu Ende, und die Zeit der laufenden Erwerbungen unter Berücksichtigung der entstandenen Schwerpunkte begann, deren Grenzen aber durch die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel bisweilen eng gezogen sind.

Anmerkung

[1] Schramm, Willi: Albert Lortzing während seiner Zugehörigkeit zur Detmolder Hoftheatergesellschaft 1826-1833. Detmold 1951.