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Ein „Autograph“ des Grafen Friedrich Adolf zur Lippe (1667-1718) in der Lippischen Landesbibliothek

von Detlev Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 73 (1980), S. 178-185.

Die Bibel des Grafen Friedrich Adolf
Die handschriftlichen Eintragungen
Friedrich Adolfs Ehe
Bemerkungen zum Exemplar der 1693er Bibel
Anmerkungen

Die Sichtung, Erschließung und Auswertung handschriftlicher Beigaben in Büchern, die vornehmlich zurückliegenden Jahrhunderten angehören, zählt zu den Stiefkindern bibliothekarischer Arbeit. Diese Tatsache darf nicht verwundern, vergegenwärtigt man sich, wie arbeitsintensiv die sachgerechte Behandlung dieses heterogenen Stoffes ist. Dem Wunsch, den verschiedensten Zweigen der Forschung ein bisher kaum erkanntes Quellenmaterial bereitzustellen, müssen sich die Bibliotheken angesichts kaum zu bewältigender Büchermassen und drückender Personalengpässe notwendigerweise verschließen. Dies gilt auch für die Lippische Landesbibliothek. Aus der Bibliothek des Grafen Simon VI. erwachsen[1] und hernach mit wechselnder Intensität fortgeführt, verfügt sie, wie die Mehrzahl der Bibliotheken dieses Typs, über einen umfangreichen Altbestand, der reich an handschriftlichen Beigaben ist. Eine systematische Aufarbeitung im oben bezeichneten Sinne liegt in weiter Ferne.

Unter den handschriftlichen Beigaben ist ein vielschichtiges Material zu verstehen: dazu gehören Autorenwidmungen und umfangreiche Besitzvermerke, persönliche Eintragungen, Marginalien, Glossen und sonstige Arbeitsspuren, Ausdrücke der Schriftlichkeit also, die „bei sehr weiter Definition des Begriffs ‘Autograph’ unter diese zu zählen wären“.[2] Im folgenden soll noch einmal der Blick auf ein Beispiel der „persönlichen Eintragungen“ gelenkt werden, gemeint sind damit vor allem periodische oder episodische Eintragungen aus dem persönlichen und familiären Bereich des Eintragenden.

Die Bibel des Grafen Friedrich Adolf

Das Titelkupfer der Bibel
Signatur Th 86,2°

Es handelt sich dabei um die Bibel des Grafen Friedrich Adolf zur Lippe, ein Druck aus dem Jahre l693, die sich heute unter der Signatur Th 86,2° (1. Exemplar) in der Lippischen Landesbibliothek befindet. Das vordere Vorsatzblatt der Bibel hat Friedrich Adolf mit kurzen Notizen zur Familiengeschichte versehen, die mit seiner Verlobung mit Johanna Elisabeth von Nassau-Dillenburg im Jahre 1692 beginnen und abrupt mit der Geburt ihrer beider Tochter Charlotte Amalie im Jahre 1697 enden.

Der Graf folgte damit einer offenbar schon im frühen 16. Jahrhundert einsetzenden Sitte, deren Wurzeln noch nicht hinreichend erforscht sind. Entscheidend ist hier wohl der Einfluß des Humanismus gewesen, der den Wert des Individuums gleichsam „entdeckte“ und kultivierte; auf die Geschichtsauffassung bezogen läßt sich einleuchtend ein „individuelles Geschichtsbewußtsein“ ableiten, das in diesem Fall auch die eigene Familie als geschichts- und traditionswürdiges Objekt hat erkennen helfen. Die Reformation, in deren Gefolge vermehrte Lese- und Schreibfähigkeit auch der Laienwelt sowie die Verbreitung vielschichtigen Schrifttums christlicher Lehre in hoher Stückzahl durch den Buchdruck auftraten, hat diese Entwicklung sicher begünstigt. Daß zu diesem Zweck vor allem die Heilige Schrift oder erbauliche Schriften herangezogen wurden, liegt gleichsam auf der Hand: gerade ihr Inhalt bietet Handreichungen in überwältigender Fülle, die es gestatten, über Werden und Vergehen, über das eigene Leben und über die sich für den Gläubigen täglich wiederholenden Wunder, mit denen sich der Allmächtige seinen Geschöpfen offenbart, nachzudenken und solches aus dem eigenen Gesichtskreis schriftlich festzuhalten und somit zu überliefern. Bibel und Katechismus, Gesangbuch und Postille wirken in dieser Hinsicht geradezu provozierend, darüber hinaus boten sie auf Vorsatzblättern, nachträglich vor- oder nachgehefteten Leerseiten sowie auf Blatträndern den nötigen Raum für handschriftliche Notizen. Da es sich bei den Trägern solcher familiengeschichtlicher Überlieferungen in der Mehrzahl um typische Erbstücke handelt, war der Gedanke, eine Kontinuität herzustellen, vorgegeben.

Wenngleich ein solch günstiges Schicksal der Bibel Friedrich Adolfs nicht beschieden gewesen ist, so belegen eine Reihe anderer Beispiele, daß eine permanente Fortführung beabsichtigt und auch durchgeführt wurde: Etwa die Bibel der Grafen zur Lippe-Brake, gleichfalls aus der Lippischen Landesbibliothek, mit Eintragungen des Grafen Otto und seines Sohnes Casimir von 1626 bis 1668[3], die Bibel der miteinander verschwägerten Familien Gevers und Thofern aus Emmenhausen bei Göttingen mit Eintragungen von 1596 bis 1811[4] oder die Bibel der Pfarrersfamilien Schafheitel und Grünberg aus dem südwestdeutschen Raum mit Eintragungen von 1628 bis 1772[5]. Man darf daher zu Recht von „chronikalisehen“ oder „annalistischen Eintragungen“ sprechen, wie dies in ähnlichem Zusammenhang bereits geschehen ist.[6] Zudem zeigt gerade das zitierte Beispiel aus Emmenhausen, daß die Praxis, die Bibel als Träger einer Familienüberlieferung zu nutzen, auch in bäuerliche Kreise rasch Eingang gefunden hat, also keineswegs auf Adel und Bürgertum beschränkt geblieben ist.

Die handschriftlichen Eintragungen

Eintragungen des Grafen Friedrich Adolf zur Lippe

Im folgenden wird der Text der handschriftlichen Eintragungen in der vom Grafen gebrauchten Orthographie wiedergegeben, dem sich einige inhaltliche Erläuterungen sowie Bemerkungen über das vorliegende Bibelexempar anschließen.

Durch sonderbare schickung das Allerhögsten und consens beyderseits eltern habe ich mich verlobet im jhar 1692, den 9/19 Februarii, mit der durchleuchtigen furstin Johannetten Elisabheten, furstin zu Nassau, gräfin zu Catzenelnbogen, Vianden-Diez und Holzapfel, fr(auw) zu Beylstein, Laurenburg, Schaumburg und Lülsdorf. Haben auch dasselbige jhaar beylager gehalten auf dem furstligen hause Schaumburg den 16/26 tag Mayi in gegenwart vieler vornehmer pershonen. Die heimfart alhie zu Dettmoldt ist gewesen den 14/24 Januarii des 1693 jhars; sie ist so lang aufgeschoben worden, weil (ich) selbigen sommer im felde gewesen bin. Ihr gn(aden) mein herr vatter haben uns selbiges mahl empfangen mit aller gnadt und magnificenz.

Gott der almächtige hatt uns gesegnet anno 1694, den 25 Januarii/4 Februarii des morgens, welcher war ein donnersdach, zwischen 8 und 9 uhr mit einen sohn, welcher ist geteufet worden den 24/8 voriger monaten und genennet nach seinen beyden grosvättern Simon Henrich Adolph.

Abermahl hatt uns der Almächtige gesegnet mit einem shon anno 1695, den 1/11 Januarii, welcher da war ein dienstag, zwischen 12 und 1, er ist getaufet worden den 18/28 selbiges monats und genennet nach seiner grossfrauwmutter zu Hessen und mier Carl Friedrich.

Zum dritten mhal hatt uns der Almächtige gesegnet mit einer dochter wiederumb im jhar 1695, den 11/21 November, welches whar ein dienstag, zwischen 11 und 12 uhr des nachts; sie ist getaufet worden den 14/24 months und genennet nach meiner fr(auw) mutter Amelia.

Gott, der uns giebt und nimbt nach seinem wohlgefallen, hat dies liebe kindt wieder zu sich genommen den 22 December 1696/1 Januarii 1697, nach dem es ein jhar und sechs wochenwar alt geworden.

Zum vierdten mhal hatt uns Gott wiederumb gesegnet mit einer dochter den 7/17September des jhars 1697 ... war ein dienstag des abendts zwischen 5 und 6; sie ist getaufet ... (und Charlotte Amelia genennet).

Friedrich Adolfs Ehe

Die von Friedrich Adolf im Stil der Zeit zitierte „sonderbare schickung des Allerhögsten“ hatte, wie bei Eheschließungen regierender Häuser nicht anders zu erwarten ist, einen recht nüchternen, man möchte beinahe sagen ‘profanen’ Hintergrund. Wenn auch politische Überlegungen bei der vorliegenden Verbindung ausscheiden, so legte man in Detmold wie andernorts verständlicherweise Wert auf eine standesgemäße Heirat des fürstlichen Erben; daß es sich bei der Familie des Ehepartners um einigermaßen solvente Persönlichkeiten handeln sollte, ist naheliegend. Der geldaufwendigen Hofhaltung gerade des absolutistischen Zeitalters, das in Lippe mit Friedrich Adolf seinen Höhepunkt erlebte, war eine nicht zu knapp bemessene Mitgift keineswegs abträglich. Wie wir durch die lesenswerte biographische Untersuchung über die Jugendjahre des Grafen von Marie Weerth[7] wissen, waren der Heirat Friedrich Adolfs mit Johanna Elisabeth von Nassau-Dillenburg erhebliche innerfamiliäre Auseinandersetzungen vorausgegangen. Ursache dieser Zerwürfnisse zwischen Friedrich Adolf und seinem Vater, dem regierenden Grafen Simon Henrich (1649-1697), war bekanntlich eine Liaison des Erben mit einer Detmolder Hofdame; ihr hatte der junge Graf offenbar ein Eheversprechen gegeben, von dem er nicht abzurücken beabsichtigte. Diese charakterlich sicher einwandfreie Haltung lief jedoch den Vorstellungen der Eltern und augenscheinlich auch der lippischen Staatsräson zuwider, denn Simon Henrich drohte ernsthaft, seinen Ältesten von der Erbfolge auszuschließen – und man ist geneigt, an der Durchführung dieser Drohung nicht zu zweifeln. Auf diese Weise vor die Entscheidung gestellt, fügte sich Friedrich Adolf dem Willen der Eltern.

Sie waren es dann auch, die sich nach einer standesgemäßen Verbindung für den Thronfolger umsahen, und diese in Johanna Elisabeth, der zweitältesten Tochter des Grafen Adolf von Nassau-Dillenburg (1629-1676) und dessen Gemahlin Elisabeth Charlotte, einer geborenen Gräfin von Holzappel, erblickten. Die Prinzessin von Nassau-Dillenburg[8] stand im 29. Lebensjahr und bewohnte gemeinsam mit ihrer verwitweten Mutter das unweit Diez im heutigen Unterlahnkreis gelegene Schloß Schaumburg[9], als ihnen Friedrich Adolf auf Geheiß der Eltern im Februar des Jahres 1692 seine Aufwartung machte[10]; wie seinem diesbezüglichen Eintrag in der Bibel zu entnehmen ist, erfolgte die Verlobung noch während seines dortigen Aufenthaltes. Die um vier jahre ältere Gräfin durfte von der Werbung des Prinzen zur Lippe verständlicherweise recht angetan gewesen sein, was sie auch in einem respektvollen Schreiben an Graf Simon Henrich, ihren künftigen Schwiegervater bekundete, worin es u. a. heißt, sie „veneriert die gütige Providenz Gottes, sie mit einem so hoch qualifizierten Herrn, dessen bezeigte höchst rühmliche Konduite sie an keinem Guten zweifeln läßt, hat versehen wollen“.[11]

Die Abfassung des Ehevertrages, der Mitgift, Morgengabe und ähnliche Dinge beinhaltete, war eine reine Geschäftsangelegenheit zwischen Schaumburg und Detmold, man hatte Übung in solchen Dingen. Die Vermählung wurde alsbald auf Pfingstmontag, den 16. Mai 1692 festgelegt, sie fand „auf dem furstligen hause Schaumburg“ statt. Friedrich Adolf teilt uns bedauerlicherweise in seiner Bibel nicht mit, wer zu den anwesenden „vielen vornehmen Personen“ im Einzelnen zählte. Die handschriftlichen Eintragungen in der Familienbibel seines Verwandten, des Grafen Otto zur Lippe-Brake, über dessen eigene Eheschließung im Jahre 1626 – im übrigen gleichfalls mit einer Prinzessin von Nassau-Dillenburg – sind nicht nur hier weitaus ergiebiger.[12] Da die Eltern des Detmolder Grafen nicht zugegen waren, durfte es sich vornehmlich um den engeren Verwandtenkreis der Fürsten und Grafen von Nassau gehandelt haben. Der Aufenthalt des jungen Paares im Schloß Schaumburg währte indes nicht lange, denn Friedrich Adolf kehrte, wie er selbst schreibt, auf den belgischen Kriegsschauplatz zurück. Seit 1688 focht er dort mit gelegentlich längeren Unterbrechungen als Oberst an der Spitze eines in der Mehrzahl aus Lippern bestehenden Regiments auf seiten der Vereinigten Niederlande und des englischen Königs Wilhelm III. von Oranien gegen die Truppen Ludwigs XIV. von Frankreich.[13] Erst im Januar des Jahres 1693 erfolgte sehr zum Leidwesen der jungen Gräfin zur Lippe „die Heimfart alhie zu Dettmoldt“.

Die Einholung des jungen Paares im Fürstentum Lippe erfolgte in sehr festlichem Rahmen und nach den Worten des Grafen selbst „mit aller gnadt und magnificenz“. Marie Weerth gibt unter Auswertung des vorhandenen Quellenmaterials eine ausführliche Schilderung der Vorgänge.[14] Demzufolge betraten die Herrschaften bei Schlangen lippischen Boden und gelangten über Oesterholz zum Jagdschloß Lopshorn, wo sie vom regierenden Grafen und seiner Gemahlin, in deren Gefolge sich Angehörige des lippischen Adels und der Beamtenschaft befanden, in Empfang genommen wurden. Durch das Spalier der Schützen der Städte und Flecken und dem Ausschuß vom Lande erreichte man Detmold, wo die lippischen Räte, die Beamten des Hofgerichts und der Stadtrat von Detmold der künftigen Landesherrin die Aufwartung machten. Amüsant für uns ist heute sicher die Detmolder Milieuschilderung am Rande des Geschehens: Da der festliche Zug die Stadt durch die Bruchpforte betrat, mußte der Stadtrat besonders ermahnt werden, „die Krumme Straße und den Weg bis zur (Mittel-)Mühle mit Grand (= Kies) eben zu machen, die Mistgruben vor dem Bruchtor mit Laub zu verdecken, die Straßen zu säubern und das Holz von denselben wegzuschaffen“.[15] Die Hochzeitsfeier wurde daraufhin in Detmold gleichsam noch einmal wiederholt, die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Familienmitglieds zogen sich bis Ende Januar hin.

Im Sommer 1694 nahm Friedrich Adolf seinen Abschied vom Kriegsdienst und kehrte zur Freude seiner Gemahlin, die sich in der vorangegangenen Zeit berechtigte Sorgen um das Leben ihres Gemahls machen mußte, nach Detmold zurück, zumal am 25. Januar 1694 ein Sohn geboren worden war, der spätere regierende Graf zur Lippe Simon Henrich Adolf. Friedrich Adolf hat dieses Ereignis wie auch die Geburt und Taufe von drei weiteren Geschwistern in seiner Bibel festgehalten; von diesen starb Amalie bereits im Alter von 13 Monaten, und obgleich man dem Tod eines Kindes in jener Zeit, da die ärztliche Kunst schnell versagen konnte, sicher gefaßter gegenüberstand als in der Gegenwart und Trost in der Vorstellung suchte, daß hier der unermeßliche Wille des Herrn walte, so deuten doch die Worte des Grafen, die er in zeitlichem Abstand zu dem Geschehen für sein Kind fand, auf ein sehr inniges Verhältnis zu diesen kleinen Geschöpfen hin, deren Tod ihm nicht gleichgültig sein konnte. Auch die als letzte in der Bibel verzeichnete Tochter, deren Namen Charlotte Amalie er nicht mehr nennt, verstarb im Alter von anderthalb Jahren.

Wie aus dem Briefwechsel zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin hervorgeht, herrschte zwischen ihnen ein sehr herzliches und liebes Verhältnis,[16] was bei einer gestifteten Ehe jener Jahre sicher nicht unbedingt zu den Alltäglichkeiten gehörte. Johanna Elisabeth zur Lippe starb jedoch bereits am 9. Februar 1700, wenige Wochen nach der Geburt ihres sechsten Kindes, des kleinen Grafen Friedrich August. Nur vier Monate nach ihrem Tode heiratete Friedrich Adolf die Gräfin Amalie von Solms-Hohensolms.

Wir wissen nicht, welche Gründe den Grafen bewogen haben, seine Aufzeichnungen zur eigenen Familiengeschichte mit der Nachricht von der Geburt seines vierten Kindes abzubrechen. Da dies mitten in einem Eintrag erfolgte, ist anzunehmen, daß ihn unvorhergesehene Dinge die Feder aus der Hand legen ließen; zu einer Weiterführung kam es bedauerlicherweise später nicht mehr, vielleicht hat er diese Bibel gar nicht mehr zur Hand genommen. Wie die beigegebene Abbildung hinreichend zeigt, scheinen die Eintragungen in einem Zuge niedergelegt worden zu sein, der Zeitpunkt der Abfassung bleibt ungewiß, er liegt auf jeden Fall nach dem 7. September 1697, dem Geburtstag Charlotte Amalies. Ob die Übernahme der Regierungsgeschäfte in jenem Sommer 1697, Simon Henrich war am 12. Mai gestorben, eine Fortführung dieser Tradition verhindert hat, mag dahingestellt bleiben.

Die handschriftlichen Eintragungen des Grafen Friedrich Adolf vermitteln uns verständlicherweise keine unmittelbaren neuen Erkenntnisse zur Geschichte der Grafen zur Lippe, werden somit dem eingangs zitierten hohen Quellenwert handschriftlicher Beigaben nicht ganz gerecht. Bei allem Schematismus geht von den Eintragungen unzweifelhaft ein Hauch privater Sphäre und schlichter Frömmigkeit aus, der sich wohltuend von dem dem Diesseits zugewandten Leben voll höfischer Prachtentfaltung des absolutistischen Zeitalters abhebt. Dies mag hier als Erkenntnis genügen.

Bemerkungen zum Exemplar der 1693er Bibel

Titelblatt
Signatur: Th 86,2°

Abschließend sind sicher noch einige Bemerkungen über die vorliegende Bibel selbst am Platze, einem Exemplar also, das wie alle Bücher mit handschriftlichen Beigaben durch diese „das Kriterium der Einmaligkeit besitzt“.[17] Von einigen barocken Schnörkeln abgesehen, lautet der vollständige Titel:

Biblia, Das ist die gantze Heilige Schrift, durch D. Martin Luther verteutscht, mit D. Pauli Tossani hiebevor ausgegangenen Glossen und Außlegungen, welche aber in dieser neuen Edition aus vollkommlicher Übersetzung des Niederländischen ... aufs neu gantz durchgangen. So sind auch weitläufftigere Vorreden, Summarien, Concordantien und dem Alten und Neuen Testament neue ... Haupt- und ... Namenregister ... beygefüget. Mit Chur-Pfaltz Durchleucht. als des Heil. Römischen Reichs Vicarii, und Chur-Brandenburgischen Special-Privilegio und Begnadigung, durch Theodorum Falckeysen, jetzt zum zweyten mahl verlegt und zu finden in Franckfurt am Mayn bey Johann David Zunnern, Buchhändlern, druckts Balthasar Christoph Wust. Im Jahr Christi MDCXCIII.

Die ausführliche Titelbeschreibung gibt bereits die wesentlichen Besonderheiten dieser Bibel wieder, deren wiederholte Auflagen – zuerst in Heidelberg, dann auch in Basel, Marburg und Frankfurt – sich vornehmlich bei den Reformierten Deutschlands großer Beliebtheit erfreuten; dies lag wohl nicht zuletzt an der Bearbeitung durch den reformierten Theologen Paul Toussain – latinisiert Paulus Tossanus[18] – dessen „treffliche Erklärungen“ besonderen Anklang gefunden zu haben scheinen. Seit den Baseler Ausgaben, die von Theodor Falkeisen verlegt wurden,[19] erfuhr die von Tossanus kommentierte Bibel weitere Zusätze aus den Anmerkungen des Deodati und der sogenannten holländischen Staatenbibel.[20] So auch dieses Exemplar aus der Lippischen Landesbibliothek, das von dem Frankfurter Verleger Johann David Zunner,[21] seinerzeit wohl der größte deutsche Buchhändler und Verleger, herausgebracht worden ist; dieser ließ zahlreiche seiner Verlagserzeugnisse bei dem ursprünglich aus Wittenberg stammenden Drucker Balthasar Christoph Wust[22] drucken.

Die Bibel aus dem Besitz Friedrich Adolfs zur Lippe kann als ein recht repräsentatives Stück gelten; als Handexemplar dürfte sie aufgrund ihrer Abmessungen (43 x 27,5 x 12 cm) kaum Verwendung gefunden haben, auch erschweren die Glossen und der Anmerkungsapparat, die umfangreicher sind als der eigentliche Text der Schrift, sicher die Lektüre. Unter den wenigen Illustrationen ragt das beigegebene Kartenmaterial der Heiligen Stätten und vor allem das prächtige Vortitelblatt heraus, das bis auf ein Medaillon mit den eingedruckten Kurztitelangaben ein prächtiges Titelkupfer trägt.[23] Dargestellt finden wir in barocker Motivfülle die Evangelisten, Moses mit den Gesetzestafeln, König Salomon und, in besondere Medaillons eingefaßt, Sündenfall und Kreuzigung, dazu eine Vielzahl von Putten und Posaunenengeln, Blüten und Ranken; dies alles erfährt durch ein säulenflankiertes Portalwerk mit zugehörigem Gesims eine unaufdringliche Gliederung.

Der Einband trägt wenig individuelle Züge und ist zu jener Zeit bereits zu den Massenprodukten der Einbandkunst zu zählen. Die hölzernen Einbanddeckel sind mit Schweinsleder überzogen, sie tragen als einzigen Schmuck wenige Blüten- und Rankenformen, die mit Rollen- und Plattenstempeln eingeprägt werden sind; ansprechend ist sicher die große Rautenranke als zentrales Schmuckelement in der Deckelmitte. Mehrere dreifache Streicheisenlinien bilden die äußere und innere Umrahmung. Der Buchrücken wie auch die sieben erhabenen Bünde weisen keine zusätzlichen Schmuck- oder Zierformen auf. Erwähnung bedürfen ferner der vergoldete Blattschnitt, hier mit zartem Ornament, wie es in der Regel allein ausgesprochenen Prachtausgaben vorbehalten blieb, sowie die auf Lederlaschen befestigten Metallschließen; beide Schließen und die entsprechenden Gegenstücke auf dem Vorderdeckel sind als feines Rankenwerk ausgebildet. – Wie die vorstehende knappe Beschreibung hinreichend zeigt, kann die Bibel des Grafen Friedrich Adolf zur Lippe zu den schönen Stücken aus dem reichen Bücherschatz der Lippischen Landesbibliothek gezählt werden.

Hoffnungsvolle Ansätze, handschriftliche Beigaben aus Bibeln zentral zu sammeln, haben sich in der Vergangenheit nicht verwirklichen lassen und dürften auch heute nur wenig Aussicht auf Erfolg haben. Das Deutsche Bibelarchiv in Hamburg, von dem in den dreißiger Jahren der Impuls zur Anlage einer zentralen Erfassungsstelle im eigenen Institut ausgegangen ist, konnte sich dieser Aufgabe aufgrund spärlicher finanzieller und personeller Ausstattung nicht in vollem Umfang annehmen,[24] so daß es dort nur zu einer mehr zufälligen Sammlung gekommen ist; diese fiel mit dem Gesamtbestand des Bibelarchivs dem Bombenkrieg zum Opfer.[25] Das Archiv verfolgt heute eine neue, moderne Konzeption, da an die vor dem 2. Weltkrieg begonnene Arbeit bedingt durch den Totalverlust nicht mehr angeknüpft werden konnte; es kommt daher wohl als erneute Sammelstelle kaum mehr in Betracht, zumal sich Geld- und Personaldecke bedauerlicherweise nach wie vor in bescheidensten Grenzen halten. Aus diesem Grunde erscheint es besonders wichtig, handschriftliche Beigaben durch Publikation bekannt zu machen, und damit einerseits bisher unbeachtete Quellen vorzulegen, andererseits der Forschung über handschriftliche Beigaben als solche zu neuen Erkenntnissen und Fragestellungen zu verhelfen. Dabei sollte nicht, wie so oft geschehen ist, allein der genealogische Aspekt behandelt, sondern gleichermaßen das gesamte geistige Umfeld gebührend berücksichtigt werden. In Privathand befinden sich vermutlich noch eine Vielzahl in dieser Hinsicht wertvolle Stücke, deren handschriftliche Beigaben ihrer Veröffentlichung und Auswertung harren.

Anmerkungen

[1] Vgl. G. Schorman, Simon VI. und seine Bibliothek. Ein Beitrag zur Zweiten Reformation in Lippe, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 70, 1977, S. 63-98.

[2] U. Goerdten, Autographen und Verwandtes in der Universitätsbibliothek der Freien Universität, in: aus der Praxis der bibliothekarischen Arbeit. Beiträge von Mitarbeitern der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, Herma Stamm gewidmet, Berlin 1979 (masch. vervielf.), S. 92-100, hier S. 92.

[3] D. Hellfaier, Die Bibel der Grafen zur Lippe-Brake in der Lippischen Landesbibliothek Detmold. Mit handschriftlichen Eintragungen der Grafen Otto und Casimir, in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 44, 1975, S. 19-41, dort auch Vorabdruck der hier behandelten Eintragungen des Grafen Friedrich Adolf, S. 30f. Anm. 39a.

[4] E. Michael, Untersuchungen zu einer Bibel des 16. Jahrhunderts aus Emmenhausen, Krs. Göttingen, in: Plesse-Archiv 11, 1976 (1977), S. 107-127.

[5] B. Goldschmit, Handschriftliche Einträge in Bibeln und Gesangbüchern und deren Wert für Familien- und volkstümliche Religionskunde (8. Bericht des Deutschen Bibelarchivs Hamburg), 1938.

[6] Etwa F.-K. Baas, Die Immenhäuser Gutenberg-Bibel mit der annalistischen Eintragung über den Luther-Schüler Bartholomäus Riseberg, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte 85, 1975, S. 93-111. – Vgl. auch D. Hellfaier (wie Anm. 3), S. 34f. mit Anm. 52.

[7] Siehe M. Weerth, Das Leben des Fragen Friedrich Adolf zur Lippe bis zu seiner Thronbesteigung, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde 7, 1909, S. 47-178, hier S. 150ff. auch zum folgenden. – Ferner wurden herangezogen: K. Lampfrecht, Friedrich Adolf zur Lippe (1697-1718). Regierender Graf, in: Menschen vom lippischen Boden. Lebensbilder, hrsg. von Max Staercke, 1936, S. 83-86. – J. Heidemann, Die Grafschaft Lippe unter der Regierung der Grafen Herman Adolph und Simon Henrich (1652-1697). Die Zeit des beginnenden Absolutismus in Lippe. Diss. phil. Göttingen 1957 (Masch.); Auszüge in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 30, 1961, S. 15-78. – F.-W. Barge, Die Grafschaft in Lippe im Zeitalter der Grafen Friedrich Adolph und Simon Henrich Adolph (1697-1743), Diss. phil. Bonn 1953 (Masch.); Auszüge in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 26, 1957, S. 79-128, und 27, 1958, S. 103-144. – E. Kittel, Heimatchronik des Kreises Lippe (Heimatchroniken der Städte und Kreise des Bundesgebietes 44), 2. Aufl. 1978, S. 151ff.

[8] Ihr Porträt bei M. Weerth (wie Anm. 7), S. 156.

[9] Burg und Herrschaft Schaumburg gelangten 1656 durch Kauf von den Grafen von Leiningen-Westerburg an die Witwe des Grafen Peter Melander von Holzappel, Mutter der Gräfin Elisabeth Charlotte, und dienten auch der Gräfin von Nassau-Dillenburg als Wittum, vgl. kurz R. Gensicke, s.v. Schaumburg, in: Rheinland-Pfalz und Saarland, hrsg. von L. Petry (Handbuch der historischen Stätten Deutschlands 5), 2. Aufl. 1965, S. 336. – Das Schloß erfuhr in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine neugotische Umgestaltung, hat aber an Reiz bis heute nicht eingebüßt, siehe C. Weiler, Romantische Baukunst in Nassau, in: Nassauische Annalen 63, 1952, S. 232-266, hier S. 234ff.

[10] Zwischen 1582 und 1770 waren in Deutschland sowohl der alte Julianische Kalender wie der neue Gregorianische Kalender nebeneinander im Gebrauch, häufig setzte man in dieser Zeit beide Daten ein, wie es auch Friedrich Adolf getan hat. Dabei wurde der Neue Stil als Nenner, der Alte Stil als Zähler geschrieben, siehe Abb. 3.

[11] Zitiert nach M. Weerth (wie Anm. 7), S. 155.

[12] Vgl. D. Hellfaier (wie Anm. 3), S. 37.

[13] Vgl. M. Weerth (wie Anm. 7), S. 117ff.

[14] Ebenda, S. 162f.

[15] Ebenda, S. 163.

[16] Ebenda, S. 168f., 171f. – E. Kittel (wie Anm. 7), S. 152.

[17] K.-A. Hellfaier, Die Lippische Landesbibliothek und das Lippische Landesmuseum als Forschungsstätten, in: Museum und Kulturgeschichte. Festschrift für Wilhelm Hansen. Hrsg. von M. Bringemeier (u.a.), 1978, S. 23-38, hier S. 31.

[18] Paulus Tossanus (Paul Toussain), *1572 Montargis, †1634 Heidelberg. – Über ihn vgl. F. W. Cuno, s.v. Tossanus, Paulus, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 38, 2. Aufl. 1971, S. 474f. – F. Lamey, Die letzten Lebensjahre und das Todesjahr des Paulus Tossanus, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins N.F. 4, 1889, S. 330-336.

[19] Theodor Falkeisen *1631 Montargis, †1671 Basel, vgl. J. Benzing, Die deutschen Verleger des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 2, 1960, S. 445-509, hier S. 458.

[20] Diese Angaben nach F. W. Cuno (wie Anm. 18), S. 474, und A. Dietz, Frankfurter Handelsgeschichte, Bd. 3, 1921, S. 154.

[21] Über ihn A. Dietz (wie Anm. 20), S. 156-162. – J. Benzing (wie Anm. 19), S. 505.

[22] Zu Balthasar Christoph Wust vgl. A. Dietz (wie Anm. 20), S. 151-156. J. Benzing, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet (Beiträge zum Buch und Bibliothekswesen 12), 1963, S. 126 Nr. 63.

[23] Siehe Abb. 1.

[24] Siehe B. Goldschmit (wie Anm. 5), S. 1 Anm. 1.

[25] Vgl. auch zum folgenden H. Reinitzer, Geschichte und Aufgaben des deutschen Bibel-Archivs in Hamburg, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik 7, 1975, S. 168-179.