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Fachreferat und Sachkatalogisierung in der Lippischen Landesbibliothek

von Hans Peter Adler

Druckfassung in: Heimatland Lippe 73 (1980), S. 308-310.

1. Stellung des Fachreferates in der wissenschaftlichen Bibliothek
2. Die Erarbeitung einer wissenschaftlichen Systematik durch den Referenten
3. Die Auswahl der Literatur durch den Fachreferenten
4. Die Einarbeitung der Literatur in den Sachkatalog

Oft kommen junge Leute, die nach ihrem Schulabschluß vor der Qual der Berufswahl stehen, in die Landesbibliothek, um sich über den Bibliothekarsberuf zu informieren. Viele sind zum ersten Male in einer solchen Institution und haben nur sehr verschwommene Ansichten über Aufgaben und Arbeitsweise derselben. Ziemlich übereinstimmend wird der Berufswunsch damit begründet, daß man in einer Bibliothek „so viele Bücher lesen“ könne. Sie sind erstaunt, wenn sie erfahren, daß es sich bei einer Tätigkeit in einer wissenschaftlichen Bibliothek um ganz normale (und banale) Büroarbeiten handelt und man zum Bücherlesen, wie in anderen Berufen auch, nur in der Freizeit kommt. Das Buch wird in der Bibliothek wie- ein beliebiger Bürovorgang bearbeitet. Der Inhalt und das Aussehen des Buches spielen dabei keine Rolle. Eine Ausnahme hiervon bildet im Geschäftsgang das sog. Fachreferat. Davon soll im Folgenden näher die Rede sein.

1. Stellung des Fachreferates in der wissenschaftlichen Bibliothek

In einer wissenschaftlichen Bibliothek ist der Fachreferent derjenige, der sich, wie auch der Benutzer, vor allem für den Inhalt der angeschafften Bücher interessiert; dies von Amts wegen. Wie der Name besagt, bearbeitet der Fachreferent Bücher eines bestimmten Wissenschaftsgebietes. Daher soll er in der Regel dieses Gebiet auch studiert haben. Fachreferenten sind demnach Leute mit abgeschlossenem Hochschulstudium. Große Bibliotheken haben, und dies ist zugleich auch der Idealfall, für jedes Fach einen eigenen Referenten. Ein Theologe bearbeitet also das Fach Theologie, ein Jurist das Fach Jura etc. In der Lippischen Landesbibliothek gibt es nur einen Referenten für alle Fächer. Daß dieser sich in viele Fächer mühsam einarbeiten muß, versteht sich von selbst. Eine seiner Hauptaufgaben ist es, dem Benutzer die wissenschaftliche Literatur inhaltlich zu erschließen.

2. Die Erarbeitung einer wissenschaftlichen Systematik durch den Referenten

Um die Literatur den Benutzern inhaltlich zu erschließen, gibt es neben verschiedenen Katalogen, bei denen das Alphabet formales Ordnungsprinzip ist, einen sog. systematischen Katalog, auch Sachkatalog genannt. Dieser Katalog ist äußerlich einheitlich nach bestimmten formalen Kriterien gegliedert, doch hat jedes Wissenschaftsgebiet seine eigene Systematik. Naturwissenschaften haben eine andere Systematik als Gesellschaftswissenschaften oder historische Wissenschaften. Bei ersteren ist das System durch die Natur selbst gegeben, bei den anderen durch die gesellschaftliche, bzw. historische Entwicklung. Man steht also bei jedem Fach vor spezifischen Problemen, die am besten derjenige lösen kann, der das Fach auch studiert hat. Allen einzelnen Systemen ist gemein, daß sie hierarchisch gegliedert sind, d. h., daß sie vom Allgemeinen ins Spezielle gehen. So gliedert sich jedes Fach in Untergruppen, diese wieder in Untergruppen, und dies so lange, bis man zum engsten sachlichen Begriff kommt.

Es gibt im Bibliothekswesen eine Reihe von international gebräuchlichen Systematiken, diese haben aber den Nachteil, daß sie oft die spezifischen Problemstellungen des einzelnen Faches nicht genügend berücksichtigen und besonders in Bibliotheken mit einem über Jahrhunderte hin anwachsenden Bestand, wie es auch bei der Lippischen Landesbibliothek der Fall ist, kaum anwendbar sind, wenn man bedenkt, daß das derzeitige Wissenschaftsbild erst aus dem späten 19. Jahrhundert stammt. So finden sich in der Landesbibliothek Systematiken, die „herausgeschneidert“ sind. Wenn hier die einzelnen Fachsystematiken, die dazu noch von verschiedenen Bearbeitern herrühren, zu verschiedenen Zeiten entstanden und von sehr unterschiedlicher Qualität sind, einander recht unähnlich sind, so läßt sich jedoch in der äußeren Gliederung das folgende Schema erkennen: 1. Buchstabe der Fachgruppe; 2. Großbuchstabe; 3. Römische Zahl; 4. Arabische Zahl; 5. Kleinbuchstabe.

Hier ein Beispiel aus der Fachgruppe Geschichte:
H = Geschichte;
   HG = Deutsche Geschichte;
      HG IV = Epochen der deutschen Geschichte;
          HG IV 22 = Geschichte der NS-Zeit;
               HG IV 22 i = NS-Staat und Kirchen.

Oft reichen die vorhandenen Untergliederungsmöglichkeiten nicht aus, was zu einigen Problemen hinsichtlich des sicheren Zugriffs führt, doch vermag hier ein Schlagwortregister teilweise Abhilfe zu schaffen. Bis auf die Gruppe Staats-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind alle Gruppen nach dem obigen Schema gegliedert. Die letzte Fachgruppe wird dagegen durch einen Schlag- wortkatalog erschlossen, in dem die Sachbegriffe alphabetisch geordnet sind.

3. Die Auswahl der Literatur durch den Fachreferenten

Ist erst einmal eine Fachsystematik erarbeitet, dient sie zunächst dem Benutzer zur Auffindung der von ihm benötigten Literatur, dann aber dem Referenten bei Auswahl und Bestellung von Literatur. Je feiner eine Systematik gegliedert ist, desto besser findet der Referent Lücken im Bestandsaufbau. Er kann sich dann eine Desideratenkartei einrichten, die er mit der auf dem Buchmarkt oder anderweitig angebotenen Literatur vergleicht, um so gezielt bestellen zu können. Er ist dabei in der Regel auf Barsortimentskataloge und andere Verzeichnisse des Buchhandels, Verzeichnisse von Nationalbibliotheken (in Deutschland: Deutsche Bibliothek in Frankfurt a. M. und Deutsche Bücherei in Leipzig) angewiesen, weiterhin wertet er Fachverzeichnisse jeder Art aus. In Städten mit großen Universitäten gibt es meist Buchhandlungen, die einen großen Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf Lager haben, so daß der Referent seine Kaufentscheidung nach Ansicht und Durchsicht treffen kann. In kleinen Orten fehlen solche Buchhandlungen. Dort muß sich der Referent fast ausschließlich an Schrifttumsverzeichnisse halten, was ein großer Nachteil ist. Er erfährt aus knappen Angaben der Verzeichnisse lediglich etwas über Verfasser, Titel, Ort, Verleger, Jahr und Seitenzahl und Anzahl der Abbildungen, nichts aber über den Inhalt und Wert der Bücher. So kann eine Kaufentscheidung leicht zu einer Fehlentscheidung werden. Allenfalls kann er sich an folgende Auswahlkriterien halten:
   1. Renommierter Fachverlag;
   2. Der Verfasser hat einen guten Namen (höchst unsicher!);
   3. Titel und Umfang stehen in einem vernünftigen Umfange zueinander (also keine Weltgeschichte von 50 Seiten!).
Daß solche Kriterien keine Sicherheit bieten, versteht sich wohl von selbst.

4. Die Einarbeitung der Literatur in den Sachkatalog

Ist die ausgewählte Literatur von der Bibliothek angeschafft, weist sie der Fachreferent einer oder mehreren Stellen im Sachkatalog zu. Diesen Vorrang nennt man Notation. Hierbei notiert der Referent die Stelle auf einen Laufzettel und gibt das Buch anschließend in den weiteren Geschäftsgang. Die Schwierigkeiten bei der Notation werden von Laien oft nicht richtig eingeschätzt. Grundsätzlich kann man sagen, daß man längst nicht alle Bücher durchlesen muß. So ist oft der Titel eines Buches für die Notation völlig ausreichend, z. B. „Bürgerliches Gesetzbuch“ oder „Geschichte des zweiten Weltkrieges“. Oft genügen auch Studium des Klappentextes, des Inhaltsverzeichnisses oder der Einleitung. Bei vielen Büchern jedoch muß der Inhalt quer oder ganz gelesen werden. Schließlich kommt es nicht selten vor, daß der Titel mißdeutbar ist. So darf man Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ beileibe nicht der Geophysik zuordnen; auch hat Schillers „Abfall der Niederlande“ nichts mit Umweltproblemen zu tun. Ist der Referent hier nicht gründlich genug, kann es böse Überraschungen gehen.

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß nur Einzelschriften bei der Notation berücksichtigt werden, nicht aber Zeitschriftenaufsätze u. ä. Dies geschieht nur in Sonderabteilungen, wie z. B. beim Lippe-Katalog, der selbst Artikel aus Tageszeitungen berücksichtigt.