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Musikabteilung und Lortzing-Archiv der Lippischen Landesbibliothek

von Dorothee Melchert

Druckfassung in: Heimatland Lippe  73 (1980), 354-358.

Die Alt-Bestände
Die Musikabteilung heute

Die Alt-Bestände

Die Musikabteilung, eine der Sondersammlungen der Lippischen Landesbibliothek, war nicht immer eine selbständige Abteilung, sondern ursprünglich in das Fachgebiet „Schöne Künste und Wissenschaften“ eingegliedert. So wäre es wahrscheinlich auch geblieben, wenn es nicht dem Detmolder Kirchenmusikdirektor und Heimatforscher Willi Schramm, auf Anregung von Bibliotheksdirektor Eduard Wiegand, gelungen wäre, wertvolle alte Notenbestände, auf die er bei seinen Forschungen zur lippischen Musikgeschichte stieß, in die Landesbibliothek zu überführen. Die Fülle des Materials hätte den Rahmen des allgemeinen Bestandes gesprengt, und so begann man ab 1939, eine spezielle Musikabteilung aufzubauen.

Zu den Notenbeständen des früheren Hoftheaters, die bereits in der Bibliothek waren, konnte mit Genehmigung des letzten regierenden Fürsten das gesamte Musikalienarchiv der ehemaligen Hofkapelle vom Schloß in die Bibliothek überführt werden. Viele seltene Früh- und Erstdrucke und handschriftliche Kopien mit einem durch die Geschichte dieses Orchesters bedingten Schwerpunkt auf der Literatur des 19. Jahrhunderts gehörten zu dieser Sammlung. Dieser sogenannte „Fürstliche Bestand“ ist einer der wertvollsten Teile der Musikabteilung, auf den sich auch heute noch eine Vielzahl der schriftlichen Anfragen aus aller Welt beziehen.

Abb. 1: Kirchenmusikdirektor Willi Schramm (1884-1953)

Gleichzeitig konnte dank der Bemühungen Schramms die Musikbibliothek des ehemaligen Lehrerseminars überführt werden. Auch der Oratorienverein und verschiedene ähnliche Vereinigungen trennten sich auf Veranlassung Schramms von ihren Alt-Beständen, um der neugegründeten Musikabteilung eine möglichst breite Basis zu geben.

Überhaupt kann Schramms Verdienst und Einfluß bei der Zusammenführung der Musik-Bestände an eine zentrale, für jeden zugängliche Stelle gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als ehrenamtlicher Abteilungsleiter sichtete und ordnete er das gesamte Material und stellte damals schon die Weichen für eine Einteilung der Abteilung in einen allgemeinen Musikbestand und die separaten Sonderbestände.

Alle Materialien und Dokumente, die im engeren Sinne mit lippischer Musikgeschichte und Musiktradition in Zusammenhang standen, faßte er gesondert zum Heimatmusik-Archiv (heute „Lippe-Musik-Archiv“) zusammen.

Abb. 2: Eigenhändiges Erinnerungsblatt von Johannes Brahms von 1855 mit dem Anfang von Beethovens Fantasie op. 77.

Auch eine andere Sondersammlung innerhalb der Abteilung, das Lortzing-Archiv, nahm in dieser Zeit Gestalt an. Es war kein Zufall, daß man „Lortzingiana“ zu sammeln begann, sondern es besteht ein sinnvoller Zusammenhang zwischen der Biographie des Komponisten und der Detmolder Theatergeschichte. Er gehörte von 1826 bis 1833 als Schauspieler und Sänger zur hiesigen Hoftheatergesellschaft und schuf hier eine Anzahl früher Werke und Bearbeitungen. Den Kern des Lortzing-Archivs bildeten daher bereits am Orte vorhandene Lortzing-Bestände aus fürstlichem Besitz. Im Jahre 1941 konnte der Musikschriftsteller und Kapellmeister Georg Richard Kruse (1856-1944) dazu bewogen werden, seine Lortzing-Sammlung der Landesbibliothek zu verkaufen. Diese Sammlung war folgendermaßen entstanden: Kruse war im Jahre 1889 als Kapellmeister am Detmolder Hoftheater mit einer gewissen Lortzing-Tradition in Berührung gekommen und hatte sich seit der Zeit mit Akribie und unermüdlichem Eifer dem Werke dieses Meisters angenommen. Er hatte als verschollen geltende Werke wieder ausgegraben und zur Aufführung gebracht, alles Erreichbare an Autographen und Dokumenten gesammelt, hatte Lortzings Briefe herausgegeben und eine umfangreiche Biographie über ihn geschrieben. Kruse sah in Lortzing einen weithin verkannten Komponisten und hatte es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, ihm den ihm zustehenden Platz unter den deutschen Komponisten zu erkämpfen. Auf seine Anregung hin wurden in vielen Städten Straßen nach Lortzing benannt und z. B. Lortzing-Denkmäler in Pyrmont, Berlin und Detmold errichtet. Er entwickelte sogar in einem an den regierenden Fürsten zu Lippe gerichteten Schreiben aus dem Jahre 1907 den Plan, für eine dauernde Würdigung Lortzings und Grabbes jährlich wiederkehrende Festspiele am Detmolder Hoftheater durchzuführen. Detmold als „Bayreuth der Spieloper“ schwebte ihm vor.

Abb. 3: Eigenhändiges Widmungsblatt von Clara Schumann von 1867 mit einer Notenzeile Robert Schumanns

Dieser Plan wurde nicht verwirklicht. Aber als Kruse im Jahre 1940 von Bibliotheksdirektor Wiegand und Willi Schramm erfuhr, daß nach dem Vorbild des „Grabbe-Archivs“ ein „Lortzing-Archiv“ der Bibliothek angegliedert werden sollte und diese Bestände anläßlich der Grabbe-Festwochen, die 1941 mit einer Lortzing-Ehrung verbunden waren, im Theater ausgestellt werden sollten, sah er seinen alten Plan in der Nähe der Verwirklichung und gab seine Sammlung zur Ausstellung hinzu. Er trennte sich schweren Herzens von seinen Schätzen, die im Laufe seiner über 50 Jahre währenden Beschäftigung mit dem Komponisten zu einem stattlichen Umfang angewachsen waren, und bestimmte, daß sie in Detmold bleiben sollten, um dem dort entstehenden Lortzing-Archiv eine wirkliche Grundlage zu geben.

Für die Bibliothek war diese Erwerbung der größten im Privatbesitz befindlichen Sammlung von Lortzing-Dokumenten von unschätzbarem Wert und gab ihr eigentlich erst die Möglichkeit, dem hochgesteckten Ziel „Lortzing-Archiv“ näher zu treten.

Auch der weitere Ausbau des allgemeinen, nicht archivbezogenen Musik-Bestandes wurde durch die Persönlichkeit Georg Richard Kruses geprägt. Nach seinem Tode im Jahre 1944 konnte sein gesamter Nachlaß geschlossen erworben werden. Er brachte schon rein zahlenmäßig einen großen Gewinn und gibt ein deutliches Bild davon, wo Kruses Interessen- und Arbeitsgebiete neben seinen Lortzing-Forschungen lagen.

Abb. 4: Nach einer Zeichnung von Alfons Graber

Dank seiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter des Reclam-Verlages, zuständig für die Herausgabe von Libretti, kam die wirklich einzigartige Textbuch-Sammlung der Bibliothek zustande. Die heute 1324 Nummern umfassende Autographen-Sammlung besteht zu einem sehr großen Teil aus den an ihn persönlich gerichteten Schreiben von Komponisten, Musikschriftstellern und Künstlern seiner Zeit. Als Biograph von Otto Nicolai (1810-1849) hinterließ er umfangreiches, auch handschriftliches Material vom und über den Komponisten. Sein Interesse für die deutsche Spieloper als Gattung dokumentiert sich in der Klavierauszug-Sammlung.

Damit war die Zeit des Aufbaus durch Übernahme von geschlossenen, die Abteilung nachhaltig prägenden Bibliotheken und Sammlungen eigentlich zu Ende und die Zeit der laufenden Erwerbungen unter Berücksichtigung der entstandenen Schwerpunkte begann, deren Grenzen aber durch die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel manchmal eng gezogen waren. Für das Lortzing-Archiv allerdings ergab sich noch zweimal die Gelegenheit, außergewöhnliche Meilensteine in der Weiterentwicklung zu setzen, für die dann auch spontan Sondermittel bereitgestellt wurden. 1968 verkaufte Karl Lortzing, ein Ur-Neffe Lortzings, seine aus dem persönlichen Nachlaß des Komponisten stammende Sammlung, deren wichtigster Teil aus Brief-Autographen Lortzings und seiner Familie besteht.

Im November 1979 gelang es, unter anderen Stücken zwei ganz bedeutende  Handschriftenkonvolute zu ersteigern, die laut Stargardt-Katalog „aus dem Besitz seines Freundes und Biographen ... Philipp Düringer“ stammen, nämlich 29 Briefe an diesen Freund und 21 Briefe Lortzings an seine Frau Rosine.

Damit enthält das Archiv heute außer der einschlägigen Lortzing-Literatur, einigen Werkhandschriften und einer Bildersammlung die wohl umfangreichste Autographen-Sammlung von Briefen Lortzings, seiner Familie und seiner Freunde.

Die Musikabteilung heute


Die Musikabteilung als Arbeitsstelle hat ihre Räume in der obersten Etage des Bibliotheksgebäudes. Schon mancher, der die sechs Treppen hinauf mühsam erstiegen hatte, mußte oben erfahren, daß dieser Weg vergeblich war, wenn es darum ging, Musikalien auszuleihen. Für ihn sind, wie für alle anderen Bücher auch, die zentralen Benutzungsabteilungen im Erdgeschoß zuständig.

In der Musikabteilung selbst befinden sich lediglich die Arbeitsräume der für die Abteilung zuständigen bibliothekarischen Fachkraft mit einigen Sonderkatalogen und den nicht verleihbaren Archivbeständen. Hier werden all’ die Arbeiten gemacht, über die sich der Benutzer verständlicherweise meist keine Gedanken macht, nämlich wie die Bücher in die Bibliothek kommen und was mit ihnen geschieht, ehe sie ausgeliehen werden können. Vom Vorschlag, welche Werke erworben werden sollten, über den Kauf als solchen zur anschließenden Bearbeitung und Katalogisierung gehen die Arbeiten. Auch Auskünfte werden erteilt, vor allem schriftliche, aber auch mündliche, soweit sie nicht während der Öffnungszeit von der Auskunftsstelle am Katalog mit erledigt werden.

Abb. 5: Theaterzettel der ersten Detmolder Aufführung von Lorztings Undine

Wer die Musikbestände richtig nutzen will, muß sich wohl oder übel mit den dazugehörenden Katalogen vertraut machen. Ohne etwa ins Detail gehen zu wollen, kann man dem Benutzer einige Erläuterungen nicht ersparen, damit er sich zurechtfindet.

Für ihn ist es wichtig zu wissen, daß er zwischen Werken der praktischen Musik, d. h. Musikalien im eigentlichen Sinne, und solchen der theoretischen Musik, d. h. Schriften über Musik, deutlich unterscheiden muß, da dafür jeweils verschiedene Kataloge zuständig sind. Musikschriften, -Zeitungen, -Jahrbücher und -Textbücher sind im allgemeinen alphabetischen Katalog der Druckschriften mit enthalten, während die „Musica practica“ in einem eigenen alphabetischen Katalog zusammengefaßt sind. Das hat einen Grund darin, daß das Regelwerk, die „Preußischen Instruktionen“, nach denen der allgemeine alphabetische Katalog geführt wird, auf Regeln für Notenwerke verzichtet. Zum anderen zwingt die Menge des Materials zu einem Sonderkatalog. Die hier geltenden Regeln sind von der „Deutschen Musikbibliographie“ (Deutsche Bücherei Leipzig) übernommen. Sie geben präzise Direktiven zum Hauptproblem der Katalogisierung von Noten, der Feingliederung der Werkausgaben eines Komponisten untereinander.

Abb. 6: Erste Seite der Original-Partitur von Lortzings Bühnenwerk zu Grabbes "Don Juan und Faust"

Es gilt folgendes Ordnungsschema: Gesamtausgaben werden vorangestellt. Darauf folgen Kompositionen mit Opuszahl in der Zahlenreihe. Dann erst beginnt das eigentliche Titel-Alphabet. Es enthält sowohl die Titel ohne Opus-Zahl als auch alle Verweisungen. Da verschiedene Ausgaben des gleichen Werkes an einer Stelle zusammenstehen müssen, sind oft eine Fülle von Verweisungen nötig, bedingt durch die Menge von Namen, die Verleger ein und demselben Stück geben können. Beethovens bekannte „Mondscheinsonate“ kann auch unter Titeln wie „Klaviersonate Nr. 14“, „Sonate cis-moll“, „Sonata quasi una fantasia“ oder als „Fantasie-Sonate“ erscheinen. Beethoven gab diesem Werk die Opus-Zahl 27,2, und so ist die Lösung schnell gefunden. Alle Verweisungen führen an diese Stelle.

Da aber längst nicht alle Komponisten eine eigene Werkzählung haben und selbst dann die hinführenden alphabetisch geordneten Verweisungen nicht fehlen dürfen, kommt man um das Problem, das die Häufung von musikalischen Form- und Gattungsnamen wie „Sonate“, „Konzert“, „Symphonie“ mit sich bringt, nicht herum. Es leuchtet ein, daß nur, wenn ein Komponist lediglich ein Werk eines solchen Formtitels geschrieben hat, das Werk damit ausreichend gekennzeichnet ist. Im Musik-Katalog gilt als erstes Element des Einordnungstitels der reine Formname des Werkes und als zweites Element die Tonart, in der das Werk geschrieben ist. Den alphabetisch geordneten Dur-Tonarten folgen die Moll- Tonarten. (In unserem „Mondscheinsonaten-Beispiel“ wäre also „Sonate cis-moll“ der alphabetische Einordnungstitel). Dieses Prinzip läßt sich natürlich nur auf tonal geschriebene Musik anwenden, aber auch nur da haben wir diese Häufung von Formtiteln. Sonst gilt für die alphabetische Einordnung der Original-Titel bzw. der Titel des Erstdrucks.

Abb. 7: Eigenhändige Briefkarte von Igor Strawinsky von 1953

Als zusätzliche, für die Einordnung allerdings nicht maßgebliche Identifizierungshilfe dient die Werkverzeichnis-Nummer (z. B. die Köchel-Verzeichnis-Nummer). Natürlich enthält der Katalog-Zettel auch die Ausgabe-Bezeichnung, wie Partitur und Klavierauszug, und Angaben über die Besetzung des Werkes.

Neben der alphabetischen Verzeichnung gibt es für die Musik auch Sachkataloge, die der Leser zu Rate ziehen muß, wenn es ihm nicht um den Nachweis des Vorhandenseins eines bestimmten Werkes geht, sondern um die Information, was über einen bestimmten Sachinhalt an Literatur angeboten wird.

Der Sachkatalog der Musik-Noten geht, von einigen Formalgruppen abgesehen, in erster Linie von der Besetzung des jeweiligen Stückes aus. Er gibt z. B. Auskunft, was in der Bibliothek an Streichquartetten vorhanden ist.

Der kürzlich umgearbeitete systematische Sachkatalog der Musikschriften, der sich an die „Systematik des Musikschrifttums für öffentliche Musikbibliotheken 1971“ anlehnt, fächert das gesamte Wissenschaftsgebiet nach allen Gesichtspunkten in ein in feinste Untergruppen durchgebildetes System auf. Obwohl ein Schlagwort-Register dazu noch erstellt werden muß, finden sich die Benutzer erfahrungsgemäß schnell zurecht.

Als Spezialkataloge seien noch der Kreuzkatalog des Lortzings-Archivs, die Kataloge des Lippe-Musik-Archivs und die Handschriften-Kataloge erwähnt. Schallplatten und Tonbänder gehören nicht zum Bestand.

Zum Schluß sei noch ein Hinweis gegeben bzw. eine Bitte ausgesprochen: Wenn der Benutzer ein Werk, das er für wichtig hält, nicht in unseren Katalogen entdeckt oder sonst einen Grund zu Klagen hat, dann ist es wichtig, daß er es uns sagt. Nur so haben die Bibliothekare die Möglichkeit, Mängel zu beseitigen und Lücken im Bestand zu schließen.