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Die Kataloge der Lippischen Landesbibliothek — und warum trotzdem eine „Auskunft“ nötig ist

von Klaus Nellner

Druckfassung in: Heimatland Lippe 72 (1979), S. 318-321.

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Wer die Lippische Landesbibliothek unvorbereitet zum ersten Mal aufsucht, um Bücher zu entleihen, mit der Vorstellung, dort von langen Regalreihen Bücher entnehmen, in ihnen blättern und sie anlesen zu können, um die geeigneten auszusuchen, wird enttäuscht. Sein erster Eindruck ist: Eine Bibliothek ohne Bücher! Statt mit Bücherrücken wird der Benutzer mit Katalogschränken konfrontiert, und es wird ihm zugemutet, aus Hunderten von Kästen mit Tausenden von Karteikarten sein gewünschtes Buch herauszufinden. Und ist ihm dies gelungen, steht eine weitere Barriere zwischen ihm und dem Buch: Ein Formular muß ausgefüllt werden, ein Leihschein, für jeden Titel einer extra. Sodann gilt es, noch ein kleines Weilchen zu warten, bis das Buch aus dem Magazin geholt worden ist und man es endlich in der Hand hält.

Das alles ist in der Tat umständlich, etwas langwierig, und gelegentlich auch kompliziert. Aber diese Art der Buchauswahl und Buchentleihe findet man in den meisten großen wissenschaftlichen Bibliotheken, Denn wenn dem Leser die Möglichkeit gegeben sein soll, seine Auswahl unmittelbar an den Büchern zu treffen, ist eine besondere, von inhaltlichen Gesichtspunkten bestimmte, feingegliederte Aufstellung erforderlich, die Freihandaufstellung, und die setzt bei einem großen und ständig wachsenden Buchbestand wesentlich mehr Raum und eine aufwendigere Organisation voraus als die mechanische Unterbringung in Magazinen.

Da der Leser also um die Kataloge nicht herumkommt und sie fiir ihn der einzige Weg zu den Büchern sind, ist es wohl zweckmäßig, sich diese Informationsmittel genauer anzusehen. Je vertrauter man mit ihnen ist, desto besser kann man den Buchbestand nutzen. Da ist zunächst einmal der Alphabetische Katalog. In ihm sind sämtliche Bücher, die die Bibliothek besitzt, nach ihrem Verfasser in alphabetischer Reihenfolge verzeichnet, – auch die Bücher, die z.Z. verliehen sind. An diesem Katalog muß man also den Verfassernamen des gesuchten Buches und dessen Schreibung kennen, und zwar ganz genau, sonst irrt man hin und her zwischen Hofmann und Hoffmann, Brand, Brandt und Brant, von Meier und seinen Variationen ganz zu schweigen. Auch die Kenntnis der Vornamen des Autors ist nützlich, sonst verliert man viel Zeit beim Überprüfen z. B. aller rund 1100 Karteikarten mit dem Namen Müller. Ganz aussichtslos wird die Sache, wenn man von seinem Buch nur den Titel, nicht aber den Verfasser weiß. Schriften, die unter ihrem Autor katalogisiert sind, tauchen nämlich unter ihrem Sachtitel nicht noch einmal auf. Um dieses Problem zu lösen, muß man andere Informationsmittel heranziehen. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, sich des Bibliothekars (oder der Bibliothekarin) zu erinnern, der (oder die) im Katalograum jederzeit ansprechbar und bereit ist, die kniffligste wie die schlichteste Frage angemessen zu beantworten.
Und Anlaß zu Fragen gibt es – trotz vieler Hinweisschilder – genug. Allein schon am Alphabetischen Katalog. Seine Bezeichnung klingt so harmlos und scheint unproblematische Benutzung zu versprechen, doch das täuscht. Es ist hier nicht möglich, alle seine kleinen Tücken aufzuzählen. Gesagt werden muß aber, daß die gelegentlich auftretenden Schwierigkeiten und – zugegeben! – befremdenden Merkwürdigkeiten keinesfalls auf bibliothekarischer Laune und Willkür beruhen, sondern die Konsequenz eines ziemlich bejahrten, 241 Paragraphen umfassenden Regelwerkes sind, den „Instruktionen für die alphabetischen Kataloge der preußischen Bibliotheken vom 10. Mai 1899“, die jedem Buch einen ganz bestimmten Platz im Alphabetischen Katalog zuweisen. Auf einige der wichtigsten dieser „preußischen“ Regeln soll hier noch näher eingegangen werden.

Bücher, an denen mehr als drei Verfasser mitgewirkt haben, erhalten ihre Haupteintragung unter ihrem Sachtitel, von den Herausgebern und Mitarbeitern wird nur verwiesen. Werke dieser Art sind die Handbücher und Lexika, aber auch schon einbändige Sammlungen von mehreren Aufsätzen verschiedener Autoren, und natürlich alle Zeitschriften und Zeitungen. Die Einordnung dieser Sachtitel in den Alphabetischen Katalog erfolgt nun nicht etwa mechanisch nach der gegebenen Wortfolge, sondern nach der grammatisch bedingten Hierarchie der Wörter, wobei so unbedeutende Wortarten wie Artikel und Präpositionen unter den Tisch fallen. Die Zeitschrift „Die Kunst und das schöne Heim“ findet der Leser daher unter „Kunst Heim schöne“ wieder, und die anonym erschienene „Kurze doch gründliche Abhandlung von der Zufriedenheit des menschlichen Gemüths“ (Bern 1776) unter „Abhandlung kurze gründliche Zufriedenheit Gemüt menschlichen“. Nach einiger Übung ist einem dieser Wortsalat bald vertraut, – meint man, und ist dann überrascht, den Ausstellungskatalog „5000 Jahre ägyptische Kunst“ nicht unter „Jahre usw.“ zu finden: Der steht nämlich unter „Kunst Jahre fünftausend ägyptische“ ... Die Regeln sind schon vertrackt, und es ist wirklich ratsam, bei Schwierigkeiten gleich die Hilfe der „Auskunft“ in Anspruch zu nehmen.

Noch etwas: Aufsätze in Sammelwerken und Zeitschriften findet man grundsätzlich nicht unter ihrem Verfasser, sondern nur „indirekt“ unter dem Sachtitel des Publikationsorgans.

Katalog und Auskunft. Foto: Bibliotheksarchiv

Der Alphabetische Katalog enthält also Namen, aber auch Sachbegriffe, und das verführt den unerfahrenen Benutzer häufig zu dem Irrtum, ihn als Sachkatalog anzusehen. Er sucht z. B. Literatur über „Kunst“ und wird, wie wir gesehen haben, tatsächlich – allerdings nur aus formalen Gründen – auch einige Titel unter diesem „Schlagwort“ finden, und das verstellt ihm die Einsicht, daß er sich am falschen Katalog befindet! Der einzig richtige Katalog für die Suche nach Büchern über bestimmte Sachgebiete, aber auch über Personen und ihre Werke, über Länder und Städte, ist der Sachkatalog.

Der Sachkatalog nun stellt den Benutzer vor weitere Schwierigkeiten, und offensichtlich noch größere. Denn ein erster Blick zeigt ihm, daß er keine alphabetische und daher leicht zugängliche Reihe von Sachbegriffen, wie etwa im Lexikon, vor sich hat. Der Sachkatalog der Landesbibliothek ordnet die Bücher systematisch nach ihrer Zugehörigkeit zu den Wissensgebieten und berücksichtigt dabei deren hierarchischen Aufbau. Das bedeutet, daß man bei der Suche nach Literatur über eng umgrenzte Themen wie: Urheberrecht, Ornamentik, Soziale Schichtung, Narkose, Dachkonstruktion, nicht nur deren Zugehörigkeit zu den jeweiligen Wissensgebieten und „Fachbereichen“, also: Recht, Kunstwissenschaft, Soziologie, Medizin, Architektur, kennen, sondern auch eine gewisse Vorstellung davon haben muß, in welcher Untergruppe des vielfach verschachtelten Systems der gesuchte Begriff sich verstecken mag. Als weitere Erschwerung kommt hinzu, daß viele Probleme und Sachverhalte – je nach Betrachtungsweise – in mehreren Fächern ihren Platz haben oder im gleichen Fachgebiet verschiedene Stellen beanspruchen. Fast jeder Begriff aus der Soziologie, den Wirtschafts- und Staatswissenschaften wird auch im Rechtskatalog auftauchen, das gleiche gilt für manchen Begriff aus dem Bauwesen, der Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft. Naturwissenschaftliche Begriffe kehren im Technik-Katalog wieder, und manches aus Technik, Wirtschaft, Kunst und Gesellschaft erscheint auch in der Kulturgeschichte und Völkerkunde. Je vielfältiger das Netz der Beziehungen und Bedeutungen um eine Sache ist, umso zahlreicher sind die Stellen, an denen man sie aufsuchen kann: Literatur über das Pferd liegt bei der Zoologie, Landwirtschaft, Medizin, dem Landwirtschaftsrecht und natürlich beim Sport, über das Wasser bei der Geologie, Chemie, Bautechnik, Energietechnik und beim Recht, und über das Kind kann man weit mehr als zwanzig Stellen befragen. Will man sich auf eine Reise durch Lektüre in jeder Hinsicht vorbereiten, kann man vorab eine Reise durch fast alle Fachgebiete des Sachkatalogs der Landesbibliothek machen.
Das alles sieht nun aber komplizierter aus, als es in der Praxis ist. Hilfreich ist vor allem, wenn man sich über sein Thema, dessen Beziehungen und Abgrenzung, im klaren ist und es präzis formuliert. Desto rascher kann der um Rat gebetene Bibliothekar die richtige Schublade aufziehen. Die Auswahl der Bücher anhand der Titelaufnahmen – wobei der genaue Wortlaut des Buchtitels, aber auch das Erscheinungsjahr und der Umfang beachtenswert sind – bleibt dann allerdings ganz dem Leser überlassen, mit „Empfehlungen“ eines bestimmten Buches hält der Bibliothekar sich sehr zurück, und Literaturzusammenstellungen nun gar gehören überhaupt nicht zu seinem Service.

Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel bei der Benutzung der Sachkataloge ist das Schlagwortregister. Hier hat man nun endlich die beliebte alphabetische Reihe von Schlagworten, in der man das eigene ohne Mühe auffindet und die Hinweise erhält, wo überall im Sachkatalog die gesuchte Literatur sich befindet. Dieses für die Erschließung des systematischen Sachkatalogs so nützliche und nötige Instrument ist jedoch erst seit einigen Jahren im Aufbau; das erklärt, weshalb gewisse Begriffskomplexe noch nicht darin enthalten sind.
Nach diesem leicht zugänglichen Schlagwortprinzip sind übrigens auch der Ortskatalog aufgebaut, der die Literatur über einzelne Städte enthält, und der Personen-Katalog, der die Literatur über Leben und Werk – also auch die viel gefragten Interpretationen von Dramen und Romanen – nachweist.

Neben diesen Hauptkatalogen existieren natürlich Kataloge für die verschiedenen Spezialsammlungen der Lippischen Landesbibliothek. Nur auf zwei von ihnen soll hier hingewiesen werden: Der Musikstudent muß wissen, daß es für Noten und Musikalien einen eigenen, für die speziellen Fragestellungen des Musikers eingerichteten Katalog gibt, und der lippische Heimatfreund weiß, daß es für seine Forschungen den umfangreichen Lippe-Katalog gibt, der im Gegensatz zu den anderen Katalogen auch die unselbständige Aufsatz-Literatur verzeichnet.

Nach diesem Rundgang durch den Katalog-Raum der Landesbibliothek zeigt sich schließlich, daß er so ganz ohne Bücher nun doch nicht ist. Ungefähr 3.900 Bände umfaßt der Katalograum-Bestand. Es handelt sich dabei ausschließlich um Bibliographien, zu deutsch Bücherverzeichnisse. Am interessantesten in unserem Zusammenhang sind die Fachbibliographien. Sie verzeichnen zu einem weiteren oder engeren Sachgebiet die relevante Fachliteratur, und zwar entweder retrospektiv, oder, noch besser, periodisch-fortlaufend, gelegentlich mit gewissen Einschränkungen, häufig jedoch vollständig, d.h. sowohl Monographien als auch unselbständige Veröffentlichungen umfassend. Sinnvollerweise sind auch sie sachlich-systematisch angelegt, besitzen aber auch immer ein Register. Aut diese Fachbibliographien greift man zurück, wenn die Kataloge, die ja nur den Buchbestand der Bibliothek nachweisen, gar keine oder zu wenig Literatur zum jeweiligen Thema bieten. Daß, streng genommen, die Bedeutung und die Benutzung der Bibliographien, jedenfalls bei grundlegend-wissenschaftlicher Arbeit, natürlich noch vor der der Kataloge rangiert, sei abschließend nur ganz am Rande vermerkt.