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Die Lippische Landesbibliothek

Studien- und Bildungsstätte

von Karl-Alexander Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 72 (1979), S. 163-168.

→ PDF-Fassung zum Download.

Palais des Prinzen Woldemar. Seit 1886 Lippische Landesbibliothek.
Foto: K.-A. Hellfaier

Die Lippische Landesbibliothek ist eine gemeinnützige öffentliche Kultureinrichtung des Landesverbandes Lippe. Sie hat ihr Domizil im ehemaligen Palais des Fürsten Woldemar in Detmold in der Hornschen Straße 41 und ist unter der Telephonnummer (05231) 22824 zu erreichen.

Die Lippische Landesbibliothek ist eine wissenschaftliche Universalbibliothek; sie dient dem Studium der Lehre und der Forschung und allen denen, die sich geistig und beruflich weiterbilden wollen. Die Bibliothek erfüllt diese Aufgaben durch das Ausleihen ihrer Bestände, durch ihre Handbibliotheken, durch die Herstellung photographischer Reproduktionen aus den eigenen Beständen, durch Beschaffung nicht vorhandener Werke von anderen Bibliotheken über den Auswärtigen Leihverkehr und durch mündliche und schriftliche Auskünfte.
Die Benutzung der Lippischen Landesbibliothek, die durch eine Benutzungsordnung geregelt wird, ist gebührenfrei. Danach sind zur Benutzung zugelassen alle Personen vom vollendeten 16. Lebensjahr an, die ihren Wohnsitz im Regierungsbezirk Detmold haben, sofern sich in der Nähe ihres Wohnortes nicht eine dem Leihverkehr angeschlossene Bibliothek befindet. Für Benutzer, die in der weiteren Umgebung von Detmold wohnen und von ihrem Wohnort aus keine dem Leihverkehr angeschlossene Bibliothek erreichen können, besteht die Möglichkeit, ihre Bestellungen schriftlich bei der Bibliothek einzureichen. Der Benutzer erhält die bestellten Bücher von der Bibliothek direkt zugesandt; Hin- und Rücksendung geschieht auf Kosten und Gefahr des Entleihers.

Die Benutzungsordnung enthält Bestimmungen über die Benutzung außerhalb der Bibliothek, das Bestellverfahren, die Leihfrist, Bestellungen durch den Auswärtigen Leihverkehr, der auch „Fernleihe“ genannt wird, die Ausleihbeschränkungen, die Benutzung der Lesesäle, das Verhalten der Benutzer in der Bibliothek, die Behandlung der ausgeliehenen Bücher, die Schadensersatzpflicht und die Verwendung der Bibliotheksbestände. In einer besonderen Auskunftsstelle („Auskunft“), die sich im Katalograum („Katalog“) befindet, kann sich jeder Benutzer über Fragen der Bibliotheksbenutzung und der Literaturerschließung beraten lassen.

Um Benutzer der Landesbibliothek zu werden, bedarf es unter Vorlage eines gültigen Personalausweises der persönlichen Anmeldung. Durch seine Unterschrift verpflichtet sich jeder Benutzer zur Anerkennung der „Benutzungsordnung“, die gedruckt in den Benutzungsräumen der Bibliothek ausliegt oder auch angefordert werden kann. 

Simon VI. Regierender Graf und Edler Herr zur Lippe (1563-1613). Seine Privatbibliothek bildet den Grundstock der Lippischen Landesbibliothek.

Die Lippische Landesbibliothek hat eine lange Geschichte; sie geht in ihren Anfängen auf das Jahr 1614 zurück und ist landesherrlichen Ursprungs, eine „Fürstenbibliothek“, die – wie viele ihresgleichen – in ihrer Frühzeit eine Mischung von wissenschaftlicher Sammlung und Liebhaberbibliothek darstellte. Die vielzitierte deutsche Kleinstaaterei mit ihren großen und kleinen Residenzen hat uns eine stattliche Zahl von Schloß-, Hof- und Landesbibliotheken hinterlassen, die die deutsche Kulturlandschaft heute bereichern und teilweise sogar weitgehend prägen (Amorbarch, Ansbach, Aschaffenburg, Berlin, Coburg, Darmstadt, Dessau, Detmold, Donaueschingen, Dresden, Gotha, Hannover, Karlsruhe, Kassel, München, Pommersfelden, Regensburg, Schwerin, Sigmaringen, Stuttgart, Weimar, Wiesbaden, Wolfenbüttel). Literarische und bibliophile Neigungen gaben und geben immer noch diesen Bibliotheken eine besondere Note. Nicht selten wurden aber auch persönliche Interessen mit denen des Landes verbunden und für die zunehmenden Verwaltungsgeschäfte „Gebrauchsliteratur“ besorgt. Trotz zum Teil großer Kriegsverluste zeigen diese Bibliotheken auch heute noch einen überraschenden Reichtum an literarischen Kostbarkeiten und sind durch die Mannigfaltigkeit und Eigenart ihrer Buchbestände mit den Verhältnissen der Landschaft und ihrer Bevölkerung, der sie vorwiegend dienen, auf das engste verbunden.

Das gilt in einem besonderen Maße für die Lippische Landesbibliothek, deren Grundstock die Privatbibliothek des Regierenden Grafen und Edlen Herrn zur Lippe Simon VI. (1565-1613) bildet. Die Interessen dieses barocken Landesherrn, der ganze Gelehrtenbibliotheken erwarb, galten der Astronomie, Alchimie, Theologie und vielen anderen Wissenschaften und Künsten seiner Zeit. Doch der Ahnherr unserer Bibliothek ist sein Sohn und Nachfolger, Simon VII. (1613-1627), der 1614 aus der Privatbibliothek seines Vaters die „Gräflich öffentliche Bibliothek“ stiftete. Aber zur eigentlichen Begründerin der Landesbibliothek als einer der Allgemeinheit dienenden Gebrauchsbibliothek wurde die Fürstin Pauline (1769-1820), die zwar vier Jahre vor der Eröffnung der nunmehr „Öffentlichen Bibliothek“ im Jahre 1820 starb, aber alle entscheidenden Maßnahmen hierzu vorher eingeleitet hatte. Sie wurde durch fürstliches Dekret vom 6. April 1824 der allgemeinen Benutzung übergeben. Die Benutzung war in der bis zum Jahre 1918 währenden fürstlichen Zeit als „Fürstliche Landesbibliothek“ gebührenfrei, ein Zustand, der erst wieder durch die Benutzungsordnung vom 31. Januar 1974 erreicht wurde.

Als durch Gesetz über die Vereinigung des Landes Lippe mit dem Land Nordrhein-Westfalen vom 5. November 1948 Lippe als letzter deutscher Kleinstaat seine Selbständigkeit aufgab, ging die Lippische Landesbibliothek auf den durch Gesetz vom gleichen Tage errichteten Landesverband Lippe über, der als Unterhaltsträger vom Land Nordrhein-Westfalen einen gesetzlich festgelegten Zuschuß erhält. In diesen 30 Jahren stiegen der Buchbestand von 147.886 Bänden auf 303.785 Bände, die Zahl der laufenden Zeitschriften von 95 auf 1.229 (Stand: 31.12.1978) und der Vermehrungsetat von 20.000 DM auf 200.000 DM. Hinzu kommen 90 Wiegendrucke, 183 Handschriften und 5.534 Autographen und Werkmanuskripte.

Das Bild zeigt den Verbund des im Jahre 1966 fertiggestellten Büchermagazins mit dem 1841/42 erbauten Gebäude. Dem Büchermagazin vorgelagert sind ein Lastenaufzug, zwei Bücheraufzüge und für jedes der sechs Geschosse ein Magazinarbeitsraum.
Foto: K.-A. Hellfaier

Der jährliche Buchzugang beträgt z.Z. ca. 8.000 Bände, für die rund 168 laufende Regalmeter an Stellfläche benötigt werden. Die Lippische Landesbibliothek ist die Regionalbibliothek für Ostwestfalen-Lippe und die zweitgrößte hochschulfreie wissenschaftliche Universalbibliothek in Nordrhein-Westfalen. Sie zählt zu den wenigen Bibliotheken dieser Größenordnung, die den Zweiten Weltkrieg ohne Verluste überstanden haben. Gemeinsam mit der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, die den Titel „Landesbibliothek“ ehrenhalber führt, übt die Lippische Landesbibliothek landesbibliothekarische Funktionen aus, da das Land Nordrhein-Westfalen als einziges Land der Bundesrepublik keine eigene Landesbibliothek unterhält.

Für die Detmolder Bibliotheken ist sie die bibliographische Zentrale und für eine Reihe von Bibliotheken ihrer Region die zuständige Leitbibliothek. Ihr bibliograpischer Apparat bildet daher das Kernstück der Bibliothek, die dem Auswärtigen und Internationalen Leihverkehr angeschlossen ist. In ihrer Eigenschaft als Landesbibliothek archiviert sie das gesamte landschaftsbezogene Schrifttum ihrer Region und ist durch Kabinettsbeschluß vom 6. Januar 1969 Abgabebibliothek für Amtsdrucksachen im Regierungsbezirk Detmold. Mit dem Berichtsjahr 1967 gibt sie in einer freiwillig übernommenen Aufgabe die Lippische Jahresbibliographie heraus und führt seit 1974 den „Detmolder Zentralkatalog“, dem die Detmolder Bibliotheken ihre Neuanschaffungen und Nachträge älterer Jahrgänge melden. Der Benutzer kann sich also im Katalograum der Lippischen Landesbibliothek, wo der „Detmolder Zentralkatalog“ untergebracht ist, über den Buchbestand folgender Bibliotheken informieren:

  1. Der Theologischen Bibliothek der Lippischen Landeskirche Detmold,
  2. der Bibliothek des Staatsarchivs Detmold,
  3. der Bibliothek des Regierungspräsidenten Detmold,
  4. der Stadtbücherei Detmold,
  5. der Bibliothek der Bundesforschungsanstalt für Getreide- und Kartoffelverarbeitung Detmold,
  6. der Bibliothek der Nordwestdeutschen Musikakademie,
  7. der Bibliothek des Lippischen Landesmuseums,
  8. der Bibliothek der Fachhochschule Lippe (Lemgo) mit ihren Fachbereichsbibliotheken in Detmold und Lage.

Die Lippische Landesbibliothek ist laut Erlaß des Kultusministers Ausbildungsbibliothek für den gehobenen Dienst (Diplombibliothekar) an wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Bibliothek erhält die Anwärter zur praktischen Ausbildung vom Bibliothekar-Lehrinstitut des Landes Nordrhein-Westfalen Köln (Universitätsstr. 33) zugewiesen, an das auch die Bewerbungen zu richten sind.

Der geisteswissenschaftliche Charakter der allgemeinen Buchbestände, die für das 16. bis 18. Jahrhundert in einer besonderen Dichte vorhanden sind, ist historisch bedingt. Der Schwerpunkt der Benutzung liegt nach Aussagen der Statistik auf den historisch-philologischen Fächern, in den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen, im Bereich der Pädagogik, Psycholgie und Musik und auf dem Gebiet der lippischen Landeskunde. Seit einigen Jahren macht sich aber auch ein steigendes Bedürfnis nach naturwissenschaftlich-technischer Literatur bemerkbar, ein Umstand, der sich aus der Nähe der Fachhochschule Lippe erklärt. Schüler, Studierende aller Fachrichtungen – darunter Studenten aus Universitätsstädten, die in Detmold beheimatet sind – und Berufstätige aus dem Erziehungs- und Schulbereich bilden die Hauptgruppen unter den Benutzern. Doch die Zusammensetzung der Leserschaft zeigt, daß die Bibliothek der sozialen Wirklichkeit ihrer Landschaft gerecht wird und alle Bildungsschichten zu ihren Benutzern zählt.

Mit 61.342 Bänden wurde 1978 die höchste Ausleihziffer erreicht. Davon wurden 40.367 Bände außer Haus am Ort entliehen, 13.066 im Lesesaal bereitgestellt und 7.909 Bände gingen nach auswärts an andere Bibliotheken.

Tychonis Brahe Astronomiae Instauratae Mechanica. Wandesburgi 1798. (Illuminierte Ausgabe.) Aus der Bibliothek des Grafen Simon VI. mit eigenhändiger Widmugn des berühmten dänischen Astronomen. Signatur: Nl 70.4°

Neben ihren universal- und landeskundlichen Beständen unterhält die Lippische Landesbibliothek bemerkenswerte Sondersammlungen, die sich durch Komplexität ihrer Bestände auszeichnen. Mit dem „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“, das in einem ungewöhnlich weitgespannten Rahmen angelegt ist, besitzt die Bibliothek eine der wenigen großen Literatursammlungen. Die Freiligrath-Sammlung und das seit einigen Jahren im Aufbau befindliche Georg-Weerth-Archiv halten nach Anlage und Inhalt keinen Vergleich mit dem erstgenannten Grabbe-Archiv aus, haben sich aber als Forschungsstätte längst bewährt, ohne die ein ernsthaftes Vorhaben über die beiden Dichter nicht mehr denkbar ist. Die Musikabteilung mit dem Lortzing- und Lippe-Musikarchiv baut auf alten fürstlichen Beständen auf; ihr Bestand an „musica practica“ ist zugleich die größte Musikbücherei Westfalens. Eine Sozial- und Zeitgeschichtliche Sammlung mit Agitations- und Propagandaschriften, Flugblättern und Plakaten von überregionaler Bedeutung aus dem Ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik, dem 3. Reich und der geschichtlichen Entwicklung der Gegenwart, rund 10.000 Nummern, z.T. mit Seltenheitscharakter, weil viel von diesen Druckschriften der Vernichtung zum Opfer gefallen ist, nimmt in diesem Sammlungsbereich eine Sonderstellung ein. Mit dem wehrkundlichen Schrifttum, das die Bibliothek seit 1977 von der „Gesellschaft für Wehrkunde“ übernimmt, ist ein weiterer Schwerpunkt im Entstehen begriffen. Zentral gelegen kann sich die Lippische Landesbibliothek unter den zivilen Bibliotheken zu einer wehrkundlichen Zentralbibliothek entwickeln. Aufschluß über diesen Buchbeständ gibt das 1977 erschienene Schriftenverzeichnis „Wehr und Frieden in Texten und Bildern“ (128 Seiten). Die Handbibliothek der Fürstin Pauline befindet sich als Leihgabe des Fürstlichen Hauses in der Bibliothek, wo sie gesondert aufgestellt ist. Entleihungen können nur in den Lesesaal erfolgen. Als Sondersammelgebiet im Bibliotheksbereich des Landes Nordrhein-Westfalen pflegt die Lippische Landesbibliothek die Vorgeschichte, Volks- und Völkerkunde, für die sie besondere Anschaffungsmittel erhält.

Zu ihren Kostbarkeiten zählt die Bibliothek die lateinische Bibel aus dem Kloster Berich („Bericher Bibel“) in Waldeck, die um 1250-1270 datiert wird, Jacob van Maerlants „Der Naturen Bloeme“, das sogenannte „Bestiarium“, ein didaktisches Gedicht mit etwa 1660 gereimten Versen in altflämischer Sprache um 1287-1290, die 1445 entstandene Handschrift einer Evangelienharmonie „Evangelium ex quatuor unum compilatum ...“, die der Marienfelder Mönch Hermann Zoest während des Baseler Konzils 1441 verfaßt hat, das Reisetagebuch (Stammbuch) des Lemgoer Forschungsreisenden Engelbert Kaempfer (1651-1716) mit z.T. unbekannten asiatischen Idiomen, eine Abschrift des Sachsenspiegels Eike von Repgows aus dem Jahre 1408, deren Existenz der Wissenschaft bis vor einigen Jahren noch nicht bekannt war, und ein liturgisches Handbuch aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, um nur einige zu nennen.

Die bereits genannte Lippische Jahresbibliographie, die mit dem Berichtsjahr 1967 als „Neues Schrifttum über das Lipperland und seine Bewohner“ einsetzt, die „Nachrichten aus der Lippischen Landesbibliothek“, eine Schriftenreihe mit bisher neun Heften, die 1971 beginnt, die „Auswahl- und Ausstellungskataloge der Lippischen Landesbibliothek“ seit 1974 mit z. Z. 12 Nummern und eine dritte Schriftenreihe „Kleine Faksimiles aus der lippischen Landesbibliothek“ mit bisher zwei Drucken sind zusätzliche Bildungsangebote der Bibliothek, mit denen sie weit über Lippe hinaus wirkt.

Keine zweite Stadt Deutschlands von der Größe Detmolds besitzt eine Bibliothek von dem Umfang und der Leistungsfähigkeit, wie sie die Lippische Landesbibliothek darstellt. Sie ist, um es abschließend noch einmal zu sagen, die bedeutendste Büchersammlung in Ostwestfalen-Lippe und das vornehmste Bildungsinstitut dieser Landschaft überhaupt.