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Alfred Bergmann und das Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek

von Karl-Alexander Hellfaier

Druckfassung in: Heimatland Lippe 70 (1977), S. 40-46.

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Prof. Dr. Alfred Bergmann (1887-1975)

Der Vorname Alfred und der Familienname Bergmann gehören nicht gerade zu den seltenen Namen. In der Zusammensetzung mit dem in Detmold geborenen und gestorbenen Dichter Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) gibt es allerdings nur den Grabbe-Bergmann, und das ist Alfred Bergmann, der Begründer des nach ihm in der Lippischen Landesbibliothek benannten Grabbe-Archivs.

Es handelt sich um ein Literatur-Archiv, das sich seit 1938 im Besitz der Detmolder Bibliothek befindet, dessen Anfänge aber bis in das Jahr 1904 zurückreichen, als der damalige 16jährige Sekundaner und Schüler des Dresdner Annen-Realgymnasiums, Alfred Bergmann, die Reclamsche Ausgabe des „Herzog Theodor von Gothland“ für 40 Pfennig in der Buchhandlung Benjamin Pfeil in der Annenstraße in Dresden erstand. Es war das erste Buch, das sich noch heute in der Sammlung befindet; sie selbst ist als „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ in der wissenschaftlichen Welt bekannt geworden. Dieses Archiv enthält in nahezu größtmöglicher Vollständigkeit alles Wissenswerte über den Detmolder Dichter, sein Leben, Werk und seine Wirkung in der Nachwelt.

Alfred Bergmann, in Anerkennung und Würdigung seiner wissenschaftlichen Bemühungen um Christian Dietrich Grabbe 1963 mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet und 1968 zum Professor ernannt, war 66 Jahre alt, hatte also die Grenze erreicht, an der sich die meisten Menschen zur Ruhe setzen, als er von der Göttinger Akademie der Wissenschaften den Auftrag erhielt, eine historisch-kritische Gesamtausgabe von Grabbes Werken und Briefen zu bearbeiten.

Als der sechste und letzte Band dieses Werkes nach zwanzigjähriger entsagungsvoller Arbeit 1973 erschien, stand Bergmann im 87. Lebensjahr. Die Leistung eines Einzigen; eine Leistung ohne Beispiel auf diesem Feld. Bergmann hatte weder eine Sekretärin noch einen Assistenten; er bibliographierte eigenhändig und diktierte sich selbst alle seine Manuskripte in die Maschine. 1973 erschien auch seine „Grabbe-Bibliographie“, die auf 512 Seiten 2.158 Nachweise enthält, die „Frucht von 60 Lebensjahren“, wie er zum Schreiber dieser Zeilen sagte.

Diese beiden Werke stehen am Ende eines Lebenswerkes, das im Jahre 1904 mit dem Kauf der Reclamschen Ausgabe des „Herzog Theodor von Gothland“ begonnen hatte. Es war in der Tat „ein Leben für Christian Dietrich Grabbe“.
In seinem Buch „Meine Grabbe-Sammlung – Erinnerungen und Bekenntnisse“ erfahren wir, wie es zu diesem Leben gekommen ist. Auf dem Annen-Realgymnasium in Dresden wurde ihm, bekennt Bergmann, eine Deutschstunde zu seiner Schicksalsstunde, als sein Lehrer Dr. Otto Erler die Stelle aus dem großen Monolog des „Herzog Theodor von Gothland“ zitierte, wo Grabbe den Herzog aufschreien läßt:

„Ha Sonne! Könnt’
Ich dich einmal bei deinen
Strahlen packen –
Am Felsen wollt’ ich dein
Gehirn zerschmettern,
Und dich, was Schmerz heißt,
fühlen lassen!“

Den 16jährigen Sekundaner trafen und erschauerten diese Worte so sehr, daß er von ihnen nicht wieder loskommen konnte. In dieser „wunderbaren Unterrichtsstunde“, wie sie Bergmann nennt, hatte ihm sein Lehrer den „rechten Weg“ gewiesen. Ihm widmete er in Dankbarkeit seine 1930 erschienene Veröffentlichung „Grabbes Begegnungen mit Zeitgenossen“.
Für Alfred Bergmann aber stand es fest, daß seine Doktorarbeit eine Studie über Christian Dietrich Grabbe sein werde. Im Anschluß an seine im Jahre 1906 abgelegte Reifeprüfung studierte er an den Universitäten Freiburg i. Br., München, Berlin und Leipzig Germanistik, Anglistik und Geschichte und promovierte in der Tat mit einer quellenkritischen Untersuchung über „Die Glaubwürdigkeit der Zeugnisse für den Lebensausgang und Charakter Christian Dietrich Grabbes“ zum Doktor der Philosophie.

Der Dissertation waren 18 Veröffentlichungen über Grabbe vorausgegangen, darunter u. a.: „Ein Nachtrag zu Grabbes Werken“, „Vier unbekannte Briefe Grabbes“, „Handschriftliches von Grabbe“, „Grabbe im zeitgenössischen Bildnis“, „Grabbe als Gestalt des Dramas“ und „Grabbes Begegnungen mit Zeitgenossen“, die bereits oben erwähnt wurden.

Die Anfänge der Grabbe-Sammlung reichen in Bergmanns Studienzeit zurück. Sie verdankt ihre Entstehung, versichert Bergmann, dem schon damals gefaßten Plan, eine umfassende textkritische Ausgabe von Grabbes Werken und Briefen zu erarbeiten. Wir wissen, daß dieses Vorhaben 60 Jahre später Wirklichkeit wurde. Die Sammlung war als „Rüstzeug“ seiner „weitgespannten wissenschaftlichen Arbeiten“ gedacht. Dazu gehörte neben den Werken Grabbes auch die eigentliche Grabbe-Literatur, Erstdrucke, Gesamtausgaben und zahlreiche Zeitschriften mit Beiträgen über Grabbe. Bergmann beschränkte seine sammlerische Tätigkeit nicht nur auf die Erwerbung von Druckwerken, sondern faßte auch den Entschluß, alle Manuskripte und Briefe von oder an Grabbe, deren er habhaft werden konnte, in seinen Besitz zu bringen mit dem Ziel, ein Handschriften-Archiv zu schaffen, das neben einer Grabbe-Bibliographie das zweite Fundament seiner textkritischen Ausgabe werden sollte. Bergmann machte sich mit den Spielregeln des Autographenmarktes bekannt und trieb eine „planmäßige Nachlaßforschung“. „Viele schöne Stücke“ konnte er aus Antiquariatskatalogen oder auf Versteigerungen erwerben. Auf diese Weise gelangte das Manuskript über die „Shakespearo-Manie“ und das Manuskript „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ in der frühesten, damals noch unbenutzten Fassung in den Besitz der Bergmannschen Sammlung.

Bergmann war, wie er schreibt, von Haus aus „vermögend“; die Preise auf dem Autographenmarkt bewegten sich damals gewiß noch nicht in den heutigen Höhen, aber umsonst gab es auf den Auktionen auch damals nichts. Anläßlich der „Grabbe-Woche 1936“ konnte jedenfalls Bergmann sagen, daß die Überlegenheit seiner Sammlung über jeden öffentlichen Besitz nicht mehr zu „erschüttern“ sei. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits darin das „Glanzstück der Sammlung“, das durchweg eigenhändige Manuskript des „Herzog Theodor von Gothland“, – das zweite Manuskript, das „Berliner Manuskript“ ist von Schreiberhand – das Manuskript des fragmentarischen „Marius und Sulla“, von dem Grabbe die Skizze der nicht mehr aufgeführten Partien selbst geschrieben hat, das an Tieck gesandte Manuskript „Scherz, Satire“ und noch ein weiteres und die von einem Schreiber aber eigenhändig durchkorrigierte Handschrift der ersten „Aschenbrödel“-Fassung, das Manuskript des tragischen Spiels „Nannette und Maria“, der „Shakespearomanie“ und der vierzig Beiträge zum Düsseldorfer „Fremdenblatt“; Bruchstücke der Niederschrift zu „Don Juan und Faust“, zum „Hannibal“ und zur „Hermannschlacht“, über hundert eigenhändige Briefe, darunter fast die gesamte Korrespondenz an den Freund und Verleger Kettembeil in Frankfurt, ein großer Teil der Korrespondenz mit dem zweiten Verleger Schreiner in Düsseldorf, Briefe des Vaters, der Mutter und Luise Clostermeiers, seiner Frau, Immermanns und Amadeus Wendts (1783-1836), Ordinarius für Philosophie an der Universität Leipzig, Freiligraths und Eduard Dullers (1809-1853), des ersten Grabbe-Biographen, sowie Norbert Burgmüllers (1810-1836) Ouvertüre zur Oper „Dionysos“ in eigenhändiger Niederschrift, alles Stücke mit einem bestimmten Bezug zum Thema der Sammlung.

Die Abteilung der Druckwerke gliedert Bergmann in die Werke Grabbes, die Literatur über Grabbe und die Literatur der Zeit. Hier befinden sich sämtliche selbständig erschienenen Erstausgaben mit allen Auflagen weitgehend im Originaleinband, alle Auswahlsammlungen, alle Gesamtausgaben und späteren Einzelausgaben. Eine Untergruppe sind die Bühnenbearbeitungen von Grabbes Werken, und die Übersetzungen in fremde Sprachen sind fast alle vorhanden.
Die zweite Gruppe enthält so gut wie alles, was je über Grabbe gedruckt worden ist, von den frühen biographischen Notizen in den westfälischen Journalen bis zum neuesten Zeitungs- oder Zeitschriftenaufsatz. Vorhanden sind alle Monographien über Grabbe, sämtliche Dissertationen des In- und Auslandes, soweit sie im Druck erschienen sind, im Auszug oder als Beitrag zu den „Jahrbüchern“ der betreffenden Fakultät. Die Gruppe enthält ferner eine große Anzahl der zeitgenössischen Besprechungen der einzelnen Werke, die Nekrologe auf Grabbes frühen Tod, die ersten kleinen Artikel zu den zeitgenössischen Konversationslexika, Jubiläumsaufsätze in Zeitungen und Zeitschriften, Literaturgeschichten und Rezensionen, aber auch Bücher, in denen Grabbe erwähnt wird, in großer Zahl.

Zum Thema „Grabbe in der Dichtung“ findet man so gut wie alle Gedichte auf Grabbe, alle Romane, Novellen oder Skizzen, in denen er der Held ist; auch die Grabbe-Dramen und eine ganze Reihe von Romanen, in denen Grabbe episodisch auftritt oder sein Name genannt wird, fehlen hier nicht.
Zum Gegenstand der Sammlung machte Bergmann auch das Material zur Bühnengeschichte der Dramen Grabbes; Bühnenbearbeitungen, Programme und Theaterzettel, Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften, photographische Aufnahmen von Rollen und Szenen, Figurinen und Bühnenbildentwürfe.
In der Abteilung der Druckschriften findet man alle Werke, die Grabbe gelesen und benutzt, die er geschätzt und gehaßt hat. Hier befinden sich alle Werke, die dem Dichter für seine historischen und literarhistorischen Dramen als Quellen gedient hatten, aber auch Werke, die Grabbe auf der Bühne gesehen hat und Dichtungen, die Gegenstand seiner Kritik gewesen sind. Hier ist alles das zusammengetragen, was der junge Dichter zur Zielscheibe des Spottes, Scherzes und der Satire in seiner Literaturkomödie gemacht hatte: die Modeerscheinungen auf dem literarischen Markt, die seichte Literatur der vielschreibenden Frauen und längst vergessenen „Poeten“ und „Poetinnen“. Es galt Bücher „aufzustöbern, die kaum je in Katalogen erscheinen“; aber Bergmann „stöberte“ sie auf.

Ein weiteres Auswahlprinzip aus der Fülle der zeitgenössischen literarischen Erscheinungen boten Bergmann die Persönlichkeiten, denen Grabbe im Laufe seines Lebens begegnet ist, bekannte und weniger bekannte: Heinrich Heine, Ludwig Tieck, Karl Immermann, Friedrich von Üchtritz, Eduard Duller, Ludwig Bechstein und viele andere. Die Werke aller dieser Dichter und Schriftsteller, soweit sie bis zum Todesjahr Grabbes erschienen sind, findet man hier beisammen. Bergmann spricht von einem „literarischen Hintergrund“, vor den er seinen Dichter stellen wollte. Doch der „literarische Hintergrund“ gilt nicht nur für die Persönlichkeit Grabbes schlechthin, „auch jedes einzelne seiner Werke steht vor einem solchen Hintergrunde“. Bergmann erläutert diesen Aspekt mit folgenden Worten: „So sehr auch Grabbe als künstlerische Gesamtpersönlichkeit aus seiner Zeit herausragt, in der Wahl seiner Stoffe war er doch von ihr nicht frei, und auch diese Bindung an seine Zeit wurde ein Thema für den Sammler und gab einen letzten Gesichtspunkt her, nach dem die Auswahl aus der zeitgenössischen Literatur zu treffen war“. Niemals steht Grabbe allein, „immer ist er dabei von irgendeiner Strömung erfaßt, lassen sich zahlreiche Parallelen dafür beibringen, was sich nun auch sammlerisch illustrieren läßt“.

Doch da Flachheit und Massenhaftigkeit der literarischen Produktion das Merkmal jener Jahre sind, wäre es „falsch“ gewesen, nur die „hochwertige Leistung von klassischer Prägung und klassischer Dauer“ zu sammeln, die niemals ein getreues Abbild der literarischen Umwelt des Detmolder Dichters ergeben hätte. Es mußten also die Werke all der Dichter und Schriftsteller erfaßt werden, die die Bühne mit ihren dramatischen Erzeugnissen überschwemmten, wie Iffland, Kotzebue, Raupach und der Freiherr von Auffenberg; die Lieferanten des leichten Genres, der Lustspiele, Schwänke und Possen, wie Angely, Steigentesch und Karl Schall; die Hauptvertreter der Schicksalskomödie: Houwald, Müllner und Zacharias Werner; die Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die den täglichen Bedarf der Journale an Romanen und Erzählungen deckten, alle die, über die Grabbe in seiner Literaturkomödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ gespottet hatte; Fanny Tarnow, Luise Brachmann, Wilhelm Blumenhagen, Karl Spindler und viele andere, Namen, über die sich ein Ordinarius für neuere deutsche Literaturgeschichte nur mit Mühe äußern kann.

Bergmann sammelte aber nicht nur die Werke all der Schriftsteller und Dichter – gleich ob männlichen oder weiblichen Geschlechts –, die Grabbe angeregt, beeinflußt oder seine Kritik ausgelöst hatten, sondern auch die Werke derjenigen Dichter und Schriftsteller, die von Grabbes Werk beeinflußt und angeregt worden sind. Stellvertretend für eine ganze Reihe anderer soll hier nur Friedrich Hebbel genannt werden.

Als Zwischenglied zwischen dem jungen Deutschland und dem poetischen Realismus wird Grabbe als Anreger des realistischen Dramas von der Romantik überlagert, deren Gesamtausgaben alle in der Sammlung vorhanden sind: diejenigen der Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Arnims und Brentanos, Tiecks und Eichendorffs, Chamissos und Novalis’, Fouqués und E. T. A. Hoffmanns.

„Wollte ich alle Merkmale der Zeit treffen, so durfte auch das Ausland nicht fehlen“, sagte Bergmann in seiner Einführungsansprache anläßlich der feierlichen Eröffnung des Grabbe-Archivs in der Lippischen Landesbibliothek am 15. Oktober 1938. So runden denn die Werke der „großen Europäer“: Shakespeare, Byron und Walter Scott, Corneille, Racine und Moliere, Calderon und Goldini die Reihe dieser Abteilung ab, die den literarischen Hintergrund bildet, der wiederum durch einen zweiten, den „landschaftlichen Hintergrund“ ergänzt wird.

Hier kam es Bergmann darauf an, von allen Städten und Landschaften, in denen Grabbe gelebt und die er gesehen hat, wo er aufgewachsen ist und wo er studiert hat, zeitgenössische Ansichten zu finden. Eine Sammlung von Kupfer- und Stahlstichen zumeist koloriert, Lithographien und Originalen ist das Ergebnis dieser Bemühungen. Hier befindet sich auch eine zeitgenössische Ansicht der Kirche von St. Nikolai in Lemgo, in der Grabbes Eltern getraut worden sind. Nach Meinung Bergmanns „mußte“ zu diesen Städte- und Landschaftsbildern auch die Darstellung der Persönlichkeiten kommen, denen Grabbe in diesen Städten begegnet oder mit denen er irgendwie in Berührung gekommen ist.

Die graphische Abteilung, wie sie Bergmann nennt, zählt rund 200 Städte- und Landschaftsbilder und etwa 100 Bildnisse, darunter solche von Ludwig Bechstein, Theodor von Kobbe, letzterer wie Grabbe von Beruf Auditeur, eine Bleistiftzeichnung von Grabbes Verlobter Henriette Meyer und selbstverständlich Bildnisse von Grabbe selbst.

Blick in das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann mit der Grabbe-Büste von Ernst von Bandel (1841)

Der erste Teil dieser Sammlung ist 1938, der zweite 1942 in den Besitz der Lippischen Landesbibliothek als „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ übergegangen. Die Initiative zu diesem Transfer ging von Detmold aus. Der in diesem Jahr tödlich verunglückte Journalist und Schriftsteller Hermann L. Schäfer und der damalige Bibliotheksdirektor Dr. Eduard Wiegand sind die beiden Persönlichkeiten, denen die Lippische Landesbibliothek, die Stadt Detmold und ganz Lippe dieses Literatur-Archiv zu verdanken haben.
Das „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ besitzt im Verhältnis zu dem, was vom Dichter erhalten geblieben ist, einen sehr hohen Prozentsatz an Werkhandschriften und Briefen. Es beherbergt das gesamte Schrifttum über Grabbe einschließlich der Zeitschriften- und Zeitungsbeiträge und des Materials zur Bühnengeschichte der dramatischen Werke und die landschaftliche und literarische Umwelt des Detmolder Dichters. Es gibt kein Archiv für einen deutschen Dichter vom „Range Grabbes“, das sich dem „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ der Lippischen Landesbibliothek ebenbürtig an die Seite stellen ließ.

Alfred Bergmann konnte für seine Sammlung Werke erwerben, „die nach ,menschlichem oder sammlerischem Ermessen‘ kaum je wieder auf dem Markte erscheinen werden“. Der Nachweis für diese Feststellung läßt sich mühelos führen; das „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ der Lippischen Landesbibliothek birgt Seltenheiten, die keine andere Bibliothek besitzt. Unter äußerst seltenen Zeitschriften wie dem „Komet“, der „Europa“, dem „Phönix“ befindet sich der „Telegraph für Deutschland“, eine der berühmtesten jungdeutschen Zeitschriften; es handelt sich um das vollständigste Exemplar der Welt.

Nach Übergang des Archivs in den Besitz der Lippischen Landesbibliothek konnte eine ganze Reihe von Grabbe-Autographen und Druckwerken für das Archiv erworben werden; darunter auch das Manuskript „Napoleon oder die hundert Tage“, die einzige größere Werkhandschrift des Dichters, die sich damals noch in privatem Besitz befand. Die Erwerbung erfolgte im Jahre 1959.

Das Grabbe-Archiv ist keine Weihe-Stätte und auch kein Ort stummer Verehrung, wer Grabbe-Reliquien darin zu finden hofft, wird danach vergeblich suchen. Das Grabbe-Archiv ist ein wissenschaftliches Instrument, eine stets befragbare und zuverlässige Quelle. Durch seinen umfangreichen und dichten Bestand an Literatur für das Jahrhundert von 1750-1850 ist es nicht nur für die Erforschung Grabbes, sondern darüberhinaus für die Erforschung der deutschen Literaturgeschichte eine Forschungsstätte allerersten Ranges. Es ist für jeden da, der sich mit dem angedeuteten Fragenkomplex ernsthaft beschäftigt, für Schüler und Studenten, für Redakteure und Verleger, denen auch bei der Illustrierung von Aufsätzen oder Büchern geholfen werden kann.

Das Grabbe-Archiv hat Benutzer im In- und Ausland, auf dem europäischen Kontinent und in Übersee.

Alfred Bergmann hat das aus seiner persönlichen Sammlung hervorgegangene Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek von 1938 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahre 1952 geleitet. Aber auch danach stellte er sein großes Wissen der Bibliothek und ihrem Grabbe-Archiv immer wieder selbstlos zur Verfügung.

Der Sachse Alfred Bergmann hat die „Versäumnisse der Heimat“ nachgeholt; denn in Lippe und in Grabbes Vaterstadt Detmold fand sich niemand, der die „Dankbarkeit der Heimat“ gegen einen ihrer „begnadetsten, opferbereitesten und unglücklichsten“ Söhne erkannt und zur Schaffung einer Pflegestätte aufgerufen hätte, um alles zusammenzutragen, was an literarischen Papieren des Dichters der Vernichtung entgangen war. Öffentliche Stellen und private Kreise schwiegen.

Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der erste Herausgeber einer kritischen Ausgabe von Grabbes Werken die von ihm erworbenen Werkhandschriften und Briefe des Dichters, darunter das eigenhändige Manuskript des „Herzog Theodor von Gothland“ zum Kaufe anbot, scheiterte der Versuch.

Und auch die auf dem Autographenmarkt auftauchende Druckvorlage der „Hermannsschlacht“ wurde nicht von der Lippischen Landesbibliothek angekauft, sondern von der damaligen Preußischen Staatsbibliothek Berlin, und ging damit dem Lande, dem der Dichter darin ein Denkmal hatte setzen wollen, verloren.

So nahmen denn Bestrebungen, eine Grabbe-Sammlung zu schaffen, ihren Ausgang nicht in Detmold oder in Lippe. Die Geburtsstätte des heutigen Grabbe-Archivs der Lippischen Landesbibliothek ist vielmehr Waldheim in Sachsen, wo Alfred Bergmann 1887 geboren wurde, eine kleine Stadt in den Ausläufern des Erzgebirges, die überhaupt keine Beziehung zu dem Dichter, dem die Sammlung galt, hat. Erst ein Menschenalter später wurde das im Laufe der Jahre zu einem beträchtlichen Umfange angewachsene Archiv „heimgeholt“. Seine Erwerbung durch die damalige Lippische Landesregierung bezeichnete Bergmann als ein Beispiel, „das immer eines der glänzendsten Ruhmesblätter in der Geschichte lippischer Kulturpflege bilden wird.“