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Detmold, Lippische Landesbibliothek

von Karl-Alexander Hellfaier

Druckfassung in: Regionalbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland. Hg. von Wilhelm Totok und Karl Heinz Weimann. Frankfurt am Main: Klostermann, 1971 (ZfBB Sonderheft 11), S. 116-124.

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Adresse: 493 Detmold, Hornsche Str. 41.
Bestände: 240.000 Bde, 1 267 lfd Zss, 90 Inkunabeln, 183 Hss, 5 057 Autographen
Direktor: Dr. Karl-Alexander Hellfaier.
Gründungsjahr: 1614.

1. Allgemeines. Aufgaben und Stellung der Lippischen Landesbibliothek

Die Lippische Landesbibliothek in der ehemaligen lippischen Residenzstadt Detmold, seit 1948 Sitz der Bezirksregierung, ist eine wissenschaftliche Allgemeinbibliothek, die im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten alle Wissensgebiete berücksichtigt. Sie ist in Ostwestfalen-Lippe die bedeutendste Büchersammlung und nimmt nach den Universitätsbibliotheken Münster und Bochum und der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund im westfälisch- lippischen Raum den vierten Platz ein. Sie dient dem Studium, der Lehre und der Forschung in ähnlicher Weise wie die Universitätsbibliotheken, steht aber auch all denen offen, die sich geistig und beruflich weiterbilden wollen. Die Zusammensetzung ihrer Leserschaft zeigt, daß sie in der Tat der sozialen Wirklichkeit ihrer Landschaft Rechnung trägt und alle Bildungsschichten zu ihren Benutzern zählt.

Sie ist Leitbibliothek im Fernleihverkehr und seit Januar 1969 Abgabebibliothek für Amtsdrucksachen im Regierungsbezirk Detmold. In ihrer Eigenschaft als Landesbibliothek sammelt sie das gesamte Schrifttum, das sich auf Lippe bezieht und ist der legitime Standort der „Lippischen Bibliographie“. Weit über Deutschlands Grenzen bekannt ist ihr „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“, beachtlich sind aber auch ihre anderen landeskundlichen Sammlungen (s. Nr. 3).

Die Statistik des Auswärtigen Leihverkehrs macht deutlich, in welchem Maße die Detmolder Bibliothek Universitäts- und Hochschulbibliotheken entlastet und welche bemerkenswerte Funktion sie im internationalen Leihverkehr erfüllt. In unmittelbarer Nähe der im Aufbau begriffenen Universität Bielefeld gelegen, werden ihr in Zukunft um so mehr besondere Aufgaben erwachsen, als sie schon heute im studentischen Bereich bis nach Paderborn und Bielefeld direkt ausstrahlt, zwei Städte, die Sitz Pädagogischer Hochschulen sind. In der Stadt Detmold ist sie die zentrale Bibliothek, die mit ihren allgemein wissenschaftlichen Beständen die Spezialbibliotheken der Lippischen Landeskirche, der Nordwestdeutschen Musikakademie, der Bezirksregierung, der Bundesforschungsanstalt und die umfangreichen Handbibliotheken des Staatsarchivs und des Lippischen Landesmuseums ergänzt und Stadtbücherei und Staatlicher Büchereistelle ihre bibliographische Hilfe gewährt. Keine zweite Stadt Deutschlands von der Größe Detmolds besitzt ein Kulturinstitut von dem Umfang und der Leistungsfähigkeit, wie es die Lippische Landesbibliothek darstellt.

2. Geschichte

1614-1837. — Die Lippische Landesbibliothek geht in ihren Anfängen auf die im Jahre 1614 vom Grafen Simon VII. zur Lippe gegründete „Gräflich Öffentliche Bibliothek“ zurück, der er die Handbibliothek seines Vaters, des Grafen Simon VI., und die Büchersammlung des Superintendenten Mag. Johann v. Exter aus Detmold stiftete. Anfangs im Archiv untergebracht, fand sie später ihren Platz in einem säkularisierten Nonnenkloster und erhielt durch die auf dem Fachgebiet der Theologie besonders reichhaltige Büchersammlung des Wittenberger Professors Christoph Pezel († 1604), des führenden Theologen der Kryptocalvinisten in Kursachsen, ihre erste thematisch fest umrissene Bereicherung. In der Folgezeit wurde die von Simon VII. geschaffene Büchersammlung mit einer anderen auf dem Residenzschloß noch befindlichen herrschaftlichen Bibliothek und mehreren kleineren Sammlungen, darunter die „Regierungsbibliothek“, vereinigt, neu geordnet und 1821 im Pavillon des Marstallgebäudes unter der Bezeichnung „Landesbibliothek" mit rund 7.000-8.000 Bänden untergebracht und 1824 der öffentlichen Benutzung übergeben. Mitte des Jahrhunderts zählte sie neben reichlich hundert Handschriften 21.500 Bände an Druckschriften, unter denen sich eine Reihe von Inkunabeln und seltenen Drucken aus der Reformationszeit befanden.

Mit einem Jahresetat von 1.000 Talern bestritt die Bibliothek den Ankauf von Büchern und die Verwaltungskosten; die Hofbuchhandlung war laut landesherrlichen Privilegiums von 1710 verpflichtet, von jedem Werk, das sie verlegte, ein Exemplar an die Bibliothek abzugeben. Für die Ausleihe war die Bibliothek regelmäßig mittwochs von 14-16 Uhr geöffnet, ein alphabetischer und ein in 16 Abteilungen klassifizierter systematischer Katalog erschlossen die Bestände und konnten eingesehen werden. Das Amt des Bibliothekars wurde mehr als 200 Jahre mit dem des Archivars gekoppelt, da es die immer bescheidenen Finanzen der Grafschaft und des späteren Fürstentums nicht gestatteten, der Bibliothek einen eigenen Beamten zu etatisieren.

1838-1948. — 1838 wird Justizkanzlei-Assessor Otto Preuß Bibliothekar, mit dem ein bedeutungsvoller Abschnitt beginnt. In späteren Jahren mit den Direktorialgeschäften des Hofgerichtes, des Kriminalgerichtes und der Justizkanzlei betraut, konnte auch er sich den Aufgaben der Bibliothek nicht voll widmen, doch ist es das erste Mal in ihrer mehr als 200jährigen Geschichte, daß die Personalunion mit dem Archiv aufhört. Auf Betreiben von Preuß erhält die Bibliothek 1886 das Palais des Prinzen Woldemar in der Hornschen Straße als Domizil, wo sie noch heute ihren Sitz hat. Als Preuß 1890 nach mehr als fünfzig Jahren seine Tätigkeit als Bibliothekar beendet, zählt die Bibliothek über 60.000 Bände, der endgültige Schritt von der „Liberey zu befürderung der Kirchen und Schulen und des gräflichen Hofflagers“ zur allgemeinen wissenschaftlichen Bibliothek ist vollzogen.

Der Nachfolger von Otto Preuß ist der Gymnasialprofessor Dr. Ernst Anemüller, der die Bibliothek bis 1918 nebenamtlich, von 1918-1924 hauptberuflich leitete. In seine Amtszeit fällt der Brand der Bibliothek im Jahre 1921, ein für die damalige bibliothekarische Welt beispielloses Ereignis. Der Buchbestand der Medizin, der Naturwissenschaften, der Landwirtschaft, Mathematik, der Kriegswissenschaft, der Dubletten und der Zeitschriften wurde fast völlig vernichtet. Dem Brand fielen wertvolle Kupferwerke und Lippiaca zum Opfer, die „Bibliothek Rosen", eine Orientalia-Sammlung, ging bis auf Reste ganz verloren. Erst im Jahre 1923 konnte die Bibliothek wieder geöffnet werden. Anemüller gründete und leitete in Personalunion die Lippische Wanderbibliothek, die an über 70 Wanderstellen Bücher versandte, um die Bildungsbedürfnisse auf dem Lande und in kleineren Orten zu befriedigen. Nach Anemüllers Ausscheiden wird der Direktor des Landesarchivs, Dr. Kiewning, auch Leiter der Landesbibliothek. Ihm folgt 1933 bis 1945 in beiden Ämtern Dr. Eduard Wiegand. Unter seinem Direktorat wird die große Privatsammlung des bekannten Grabbe-Forschers Alfred Bergmann erworben und der Bibliothek als „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ inkorporiert. In Wiegands Amtszeit fällt auch die Erwerbung der Lortzing-Sammlung von Georg Richard Kruse und die Einrichtung einer Musikabteilung. Schließlich verdankt die Bibliothek Eduard Wiegand eine umfangreiche Sammlung sozial- und zeitgeschichtlicher Druck- und Handschriften, die aber für die Benutzung noch nicht verfügbar ist. Während des Krieges wurden wertvolle Bestände ausgelagert; die Bibliothek hat keine Verluste zu beklagen. Der Zusammenbruch bedingte einen Wechsel in der Leitung. Nach einem kurzen Kommissariat von Dr. Alfred Bergmann, der die Rückführung der ausgelagerten Bestände besorgt, wird die Bibliothek vom Leiter des Landesarchivs Dr. Erich Kittel mitverwaltet.

Seit 1949. — Durch Gesetz über die Vereinigung des Landes Lippe mit dem Land Nordrhein-Westfalen vom 5. November 1948 gibt der letzte deutsche Kleinstaat seine Selbständigkeit auf. Die Landesbibliothek geht auf den durch Gesetz vom gleichen Tage errichteten „Landesverband Lippe“ über, der einen festen Zuschuß, – seit 1962 auch einen Ermessenszuschuß – vom Land Nordrhein-Westfalen für die Bibliothek erhält. Das Landesarchiv wurde vom Land Nordrhein-Westfalen als Staatsarchiv übernommen, die Personalunion gelöst und die Bibliothek unter eigene Leitung gestellt, die Dr. Heinrich Haxel übernahm. In seiner Amtszeit erwirbt die Bibliothek das Manuskript „Napoleon oder die hundert Tage“, die einzige größere Werkhandschrift Christian Dietrich Grabbes, die sich damals noch in privatem Besitz befand, und beginnt der Bau eines neuen Magazins mit einer Reihe baulicher Veränderungen im bisherigen Bibliotheksgebäude, die unter seinem Amtsnachfolger Dr. Karl-Alexander Hellfaier (seit 1966) zum Abschluß gebracht werden. In der Folgezeit erfährt die Bibliothek eine Neuorganisation. Der persönliche Nachlaß Albert Lortzings wird erworben und mit der Ordnung und Katalogisierung der sozial- und zeitgeschichtlichen Sammlung begonnen.

3. Bestände

Druckschriftenabteilung. — Die Lippische Landesbibliothek verfügt über rund 240.000 Bände an Druckschriften, aus denen ein Altbestand des 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts von fast 100 000 Bänden herausragt, ein Potential, das besonders von Universitäts- und Hochschulbibliotheken frequentiert wird. In ihm dominieren Geschichte und Literaturwissenschaft, die fast gleich stark vertreten sind, aber auch der Anteil von Theologie und Jurisprudenz ist beachtlich. Für die Jahre 1890 bis 1924 läßt sich ein verstärkter Zugang an staats- und sozialwissenschaftlicher Literatur feststellen. Der Schwerpunkt der modernen Anschaffungen liegt auch heute auf den geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Musik ist ein besonderes Sammelgebiet. In der Anschaffung naturwissenschaftlicher Werke läßt sich die Bibliothek von örtlichen oder regionalen Bedürfnissen leiten, da erfahrungsgemäß Spezialliteratur, aber auch grundlegende Nachschlagewerke ungenutzt bleiben. In einem erhöhten Maße gilt das Gesagte für die Medizin.

Der Zeitschriftenbestand hat durch die Brandkatastrophe des Jahres 1921 sehr gelitten, die damals gerissenen Lücken konnten noch nicht geschlossen werden. Die Bibliothek hält 1.267 Periodica, darunter 67 ausländische.

Übernommene Bibliotheken. — Die großen Altbestände entstanden durchweg aus der geschlossenen Übernahme einer ganzen Reihe mehr oder weniger umfangreicher und bedeutender Büchersammlungen. In der Entstehungszeit und Frühzeit der Detmolder Bibliothek sind es die Handbibliothek des Grafen Simon VI. zur Lippe und die Büchersammlungen der beiden Theologen Johann von Exter aus Detmold und Christoph Pezel aus Wittenberg, die der lippischen Grafen Friedrich Adolph (1697-1718), Simon Henrich (1718- 734) und Simon August (1734-1782), eine „Regierungsbibliothek“, die Archivrat Christian Gottlieb Clostermeier mit seinem Dienstantritt im Jahre 1786 besorgt hatte, die Handbibliothek des verstorbenen Fürsten Leopold I. († 1802) und des Prinzen Casimir August († 1809), insgesamt 7.000-8.000 Bände. Der nicht unbedeutende Büchernachlaß des ersten Bibliothekars, Caspar Pezel († 1634), kam durch günstige Fügung an die Bibliothek, aber auch die Büchersammlungen seiner späteren Amtsnachfolger Wasserfall († 1838) und Otto Preuß († 1892) gingen in den Besitz der Fürstlichen Landesbibliothek über. 1884 schenkte Frau Hofjägermeister von Donop zu Detmold ihre Büchersammlung und „Kunstsachen“, darunter eine Sammlung graphischer Blätter, der Bibliothek, in den folgenden Jahren werden die Handbibliotheken des Kabinettsministers von Wolffgramm, des Gymnasial-Oberlehrers Endert und die Bibliothek der theologischen Lesegesellschaft für das Fürstentum Lippe (1894) der nunmehr Fürstlichen Landesbibliothek einverleibt. 1903 schenkte der damalige Legationsrat und spätere Reichsminister Rosen die Bibliothek seines Vaters und Oheims, der beiden Orientalisten Georg und Friedrich Rosen, der Bibliothek; 3.000 Bände zählt die Büchersammlung des Landgerichtsrats Bröffel zu Detmold, die 1906 der Landesbibliothek zugeführt wird. Mit dem Erwerb des Grabbe-Archivs im Jahre 1938 wird der Bestand der Lippischen Landesbibliothek um weitere 12.000 Bände vermehrt. Aus der ehemaligen Bibliothek der Regierung Minden, deren allgemeinwissenschaftlicher Charakter durch die einverleibte Büchersammlung der 1848 aufgelösten „Westfälischen Gesellschafl für Wissenschaft und Cultur in Minden“ eine Bereicherung erfuhr, gewann die Lippische Landesbibliothek von insgesamt 20.000 Bänden rund 13.000 für ihren eigenen Bestand. Die von Minden nach Detmold 1948 übergesiedelte Bezirksregierung behielt für ihre Bibliothek das verwaltungskundliche und juristische Schrifttum. Alte Bestände wurden der Landesbibliothek durch die wertvolle Lemgoer Gymnasialbibliothek zugeführt. Als Sammeldepot nationalsozialistischen und militaristischen Schrifttums durch Erlaß vom 21. Mai 1946 bestimmt, übernahm die Lippische Landesbibliothek fast 10.000 Bände in ihren Bestand. Die Handbibliothek der Fürstin Pauline (Regentin 1802-1820) befindet sich als Leihgabe des Fürstlichen Hauses zur Lippe in der Landesbibliothek, wohin sie 1940 zur Sicherung und Verzeichnung ihrer Bestände überführt worden war.

Sondersammlungen. — Die Lippische Landesbibliothek ist Archivbibliothek für alle Druckerzeugnisse, die als „Lippiaca“ verstanden werden. Die Sammeltätigkeit auf ihrem ureigensten Gebiet wird ihr durch das Fehlen eines Pflichtexemplargesetzes sehr erschwert. Seit Januar 1969 ist sie Abgabebibliothek der im Regierungsbezirk erscheinenden Amtsdrucksachen.

Das „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ ist die bedeutendste Sammlung der Lippischen Landesbibliothek. Es besteht aus drei Abteilungen: den Autographen, den Druckwerken und den Handzeichnungen, graphischen Blättern und Plastiken. Es enthält die verschiedenen Werkausgaben, eine Reihe von vollständigen Manuskripten, mehrere hundert eigenhändige Briefe, Sekundärliteratur, Theaterzettel, Programme, Rezensionen, Bühnenentwürfe und Szenenfotos. Zeitgenössische Ansichten von Ortschaften, in denen sich Grabbe aufgehalten hat, und Porträts von Persönlichkeiten, die Grabbe begegneten, sind Gegenstand der Sammlung, die darüber hinaus die deutsche und Teile der französischen und englischen Literatur von der ausgehenden Aufklärung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, zumeist Erstausgaben in Originaleinbänden, enthält, Schriften, die Grabbe Anregung oder Anlaß zur Auseinandersetzung boten. Seit dem Ausscheiden seines Begründers Alfred Bergmann ist das Archiv verwaist, das unter seiner Leitung in der wissenschaftlichen Welt als die zentrale Stätte für die Grabbe-Forschung galt. Es bildet aber die Grundlage für die historisch-kritische Ausgabe von Grabbes Werken, die im Auftrage der Göttinger Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Durch seinen umfangreichen Bestand an Druckwerken aus den Jahren 1750- 1850 mit äußerst seltenen Zeitschriften wie dem „Komet“, der „Europa“, dem „Phönix“ oder dem „Telegraph für Deutschland“ – dem vollständigsten Exemplar der Welt – bleibt das „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ für die Erforschung der deutschen Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bedeutendste Sammlung und Arbeitsstelle.

Die Freiligrath-Sammlung. — Den Grundstock zu dieser Sammlung legte der Dichter selbst, als er 1862 der Bibliothek acht Gedichtmanuskripte schenkte. Eine Erweiterung erfuhr die Sammlung durch eine umfangreiche Schenkung, die die Bibliothek der Tochter Freiligraths, Frau Luise Wiens, verdankt. Sie enthält heute außer den verschiedenen Erst- und Werkausgaben die Bibliothek des jugendlichen Freiligrath, Schul- und Lehrbücher, Bleistiftzeichnungen, mehrere Stammbücher, eigenhändige Briefe und solche seiner Gattin, Eltern und Großeltern und die Originalausgabe der „Neuen Rheinischen Zeitung“, das Organ von Marx und Engels, deren Mitherausgeber Freiligrath war. In der Sammlung befindet sich der Brief des Weimarischen Kanzlers Friedrich von Müller an Alexander von Humboldt, der die Anregung zu der Königlichen Dotation für Freiligrath gab.

Die Heimatbild-Sammlung. — Eine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen lippischer Baudenkmäler und Landschaften legte in den Jahren 1860-1880 Otto Preuß an, zu der eine weitere Sammlung von Porträts lippischer Persönlichkeiten hinzutrat. Sie wird als Heimatbild-Sammlung weitergeführt und bildet eine optische Ergänzung der gedruckten Lippiaca. Sie zählt rund 700 Einzelblätter, Bleistift- und Federzeichnungen, getuschte und aquarellierte, Aquarelle, Kupferstiche, Lithographien und zahlreiche Skizzenbücher.

Musikabteilung und Lortzing-Archiv sind in ihrer Entstehungsgeschichte eng mit der Geschichte der ehemaligen Residenz des lippischen Fürstentums verbunden. An Detmolds Hoftheater, dessen Gründung in das 18. Jahrhundert zurückgeht, wirkte mehrere Jahre Johannes Brahms als Hofmusikdirektor. Die alten Theaterakten, Rollen-, Gagen- und Regiebücher, Programme, Abonnentenverzeichnisse und reiches Notenmaterial sind seit jeher im Bibliotheksbestand. Das gesamte Musikalienarchiv der ehemaligen Hofkapelle und die Musikbibliothek des früheren 1781 gegründeten Lippischen Lehrerseminars bilden geschlossene Bestandteile der Musikabteilung. Durch die Sammlung des ehemaligen Kapellmeisters und Theaterdirektors Georg Richard Kruse, die sich durch zahlreiche Lortzingiana auszeichnet, erfuhren die in der Bibliothek aus fürstlichem Besitz vorhandenen Lortzing-Bestände eine bemerkenswerte Ergänzung. Mit dem Ankauf des persönlichen Nachlasses Albert Lortzings, der in den Jahren 1826-1833 am Detmolder Theater Singschauspieler war, erreicht die Sammlung eine beachtliche Geschlossenheit. Sie enthält neben der privaten und dienstlich-geschäftlichen Korrespondenz und der Lortzing-Literatur eine reiche Bildersammlung, Berichte über Aufführungen und Neuinszenierungen, Szenenentwürfe, Figurinen, autographisches Material von Lortzings Hand und seines Freundeskreises, Textentwürfe, werkhandschriftliche Kompositionsentwürfe und fertige Kompositionen. Der Krusesche Nachlaß selbst weist insofern eine Geschlossenheit auf, als der  Sammler der Spieloper, dem Singspiel, dem Lied bis in seine letzten Abarten, wie dem Gassenhauer, seine besondere Aufmerksamkeit schenkte.

Die Bandel-Sammlung. — Wie Albert Lortzing ist auch Ernst von Bandel kein lippischer Landsmann, doch als Erbauer des Hermanns-Denkmals der lippischen Landschaft sehr verbunden. Die Sammlung enthält die umfangreiche Korrespondenz Bandels wegen seines Denkmalbaues, der sich fast über vier Jahrzehnte hinzieht, die Urschrift seiner Lebenserinnerungen, den Briefwechsel mit seiner Braut und späteren Gattin, über 160 Tusch- und Bleistiftzeichnungen, Briefe und Manuskripte anderer Persönlichkeiten, Druckschriften, auch Zeitungen und Zeitungsausschnitte, Bandel-Bildnisse und Ansichten des Hermanns-Denkmals.

Die Handschriftensammlung der Lippischen Landesbibliothek ist nicht groß. Ihr gesamter Bestand besteht aus 183 Exemplaren, worunter sich vierzehn mittelalterliche Handschriften befinden; 126 datieren aus dem 16. bis 18., 43 aus dem 19. Jahrhundert. Zu ihren Kostbarkeiten zählt die Bibliothek eine lateinische Bibel aus dem Kloster Berich in Waldeck, die um 1250-1270 datiert wird, „Der Naturen Bloeme" des Jakob von Maerlant, das sogenannte „Bestiarium“, ein didaktisches Gedicht mit etwa 1.660 gereimten Versen in altflämischer Sprache mit über 1.000 Initialen und Illuminationen um 1287-1290, schließlich eine Abschrift des Sachsenspiegels aus dem Jahre 1408, die der Forschung noch unbekannt geblieben ist. Das Exemplar wurde im Jahre 1862 von der Stadt Blomberg der Öffentlichen Bibliothek Detmold übereignet und sollte daher mit Recht als Blomberger Handschrift in der Wissenschaft künftig bezeichnet werden.

Die graphische Sammlung umfaßt Holzschnitte, Kupferstiche, Lithographien und Handzeichnungen deutscher Meister des 16. bis 20. Jahrhunderts, Italiener, Franzosen, Engländer, Holländer und Japaner und zählt rund 1.000 Blätter. Die Sammlung ist ein Geschenk der Frau von Donop.

4. Verwaltung und Benutzung

Die an einer wissenschaftlichen Bibliothek üblichen Dienststellen sind an der Lippischen Landesbibliothek noch nicht in der gewünschten Anzahl vorhanden. Für die Benutzung stehen ein allgemeiner Lesesaal, ein Musikarbeitsraum, ein Zeitschriftenlesesaal und zwei Einzelarbeitsräume mit insgesamt 54 Plätzen zur Verfügung. Die Handbibliothek des Lesesaals umfaßt rund 2.500 Bände.

Kataloge. — Der Alphabetische Katalog weist den gesamten Bestand an Druckschriften nach. Der Sachkatalog verzeichnet alle Wissensgebiete mit  Ausnahme der Abteilungen „Lippe“ und „Musik“. Folgende Sonderkataloge sind vorhanden: der Lippe-Katalog, Musikkatalog, Handschriftenkatalog, Kataloge des Lortzing-Archivs, des Grabbe-Archivs, der Freiligrath-Sammlung, der Heimatbild-Sammlung und der Graphischen Sammlung, ferner ein Ortskatalog und ein Biographischer Katalog. Da der „Lippischen Bibliographie“ im wesentlichen die Bestände der Landesbibliothek zu Grunde liegen und sie auch die Signaturen nennt, ist sie zugleich ein Katalog des landeskundlichen Schriftums der Bibliothek.

5. Gebäude

Das ehemalige fürstliche Palais, das die Bibliothek seit 1886 bewohnt, ist trotz eines großangelegten Um- und Erweiterungsbaues, der 1968 beendet wurde, vom Ideal einer modernen Bibliothek noch weit entfernt. Erdgeschoß und oberes Stockwerk haben eine Höhe von über 4 m, die Räume im mittleren Stockwerk sind sogar mehr als 5 m hoch. Diese enorme Geschoßhöhe hat zur Folge, daß der Rauminhalt des Gebäudes, das um 1840 von einem reichen Privatmann als Einfamilienhaus gebaut worden war, nicht genügend ausgenutzt werden kann.

Es muß aber gesagt werden, daß die baulichen Veränderungen für Benutzer und Bibliothekspersonal manche Erleichterung gegenüber früher gebracht haben. Das neue Magazin, das mit dem in klassizistischem Stil erbauten Palais durch einen Zwischentrakt verbunden ist, soll in seinen sechs Geschossen rund 300.000 Bände fassen. Auf den Einbau einer Rohrpost, Klima-, Gegensprechanlage und andere technische Einrichtungen, die die Arbeit erleichtert hätten, wurde leider verzichtet.

6. Literaturhinweise

  • Wellner, Franz Wilhelm: Erster Versuch einer Nachricht von der Hochgräflich Lippischen öffentlichen Bibliothek zu Detmold ... Lemgo 1773. 20 S.
  • Kittel, Erich: Die Einrichtung der öffentlichen Bibliothek zu Detmold 1818-1824. ln: Lippische Mitteilungen 38 (1969), S. 151-168.
  • Aus Vergangenheit und Gegenwart der Lippischen Landesbibliothek. Hrsg. von Karl-Alexander Hellfaier. Detmold 1970. 132 S.