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Alte und neue Kataloge der Detmolder Bibliothek

von Hilde Kraemer

[Für diese Online-Fassung wurde der Beitrag mit Zwischenüberschriften versehen, die nicht vom Autor stammen.]

Druckfassung in: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Lippischen Landesbibliothek / hg. von Karl-Alexander Hellfaier. – Detmold : Selbstverlag der Lippischen Landesbibliothek, 1970, S. 68-87.

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Inhalt
Einleitung
Der erste Katalog von Pezel 1597
Der zweite Katalog 1707 von Barckhausen
Wellners Nachrichten 1773/74
Clostermeiers Bemühungen um 1820
Wasserfalls Kataloge 1834-1836
Die Ära Preuß
Anemüllers Weg in die Moderne
Die gegenwärtige Situation
Sonderkataloge
Fazit
Anmerkungen
Quellen und Literatur

Einleitung

Nicht von dem neuen Bibliotheksgebäude soll in diesem Aufsatz die Rede sein, auch nicht von den Büchern, die es beherbergt, sondern von den Mitteln und Einrichtungen, die dazu dienen, diese Schätze der Allgemeinheit zu erschließen. Denn ohne solche Hilfsmittel wären die wertvollsten Bestände doch nur ein unnützer Bücherhaufen. Was hülfe dem Literatursuchenden eine umfangreiche und wohlsortierte Büchersammlung, wenn er nicht feststellen kann, ob das gesuchte Buch vorhanden, ob sein Fachgebiet hinreichend vertreten ist und wo die einzelnen Bücher zu finden sind.

Um die Bestände einer Bibliothek nutzbar zu machen, bedarf es einmal ihrer Aufstellung nach bestimmten Prinzipien und zum andern der Kataloge, in denen sie verzeichnet sind und ihr Standort vermerkt ist.

Ihrer Funktion nach sind zwei Arten von Katalogen zu unterscheiden: der Alphabetische Katalog und der Sachkatalog. Der erstere gibt Auskunft darüber, ob ein bestimmtes Buch vorhanden ist: er ist nach Verfassernamen oder bei Sammelwerken und anonymen Schriften nach dem Sachtitel in einem Alphabet geordnet. Der Sachkatalog – früher Realkatalog genannt –, der nach unterschiedlichen Prinzipien nach Wissenschaftsgebieten oder Sachbegriffen geordnet sein kann, vermittelt einen Überblick über die vorhandene Literatur der einzelnen Fächer und Disziplinen. In beiden Fällen ist auch die Signatur des Buches, d. h. die Standortsbezeichnung, vermerkt, so dienen beide Kataloge gleichzeitig der Auffindung der Bücher. Ein weiterer Katalog, der Standortkatalog, kann hier unberücksichtigt bleiben, da er nicht der Bestandserschließung dient, sondern zur Signaturgebung und Revision verwendet wird. Der äußeren Form nach kann man Bandkataloge (in Buch- oder Listenform) und Zettelkataloge (in Kapseln oder Karteischränken) unterscheiden.

In den Anfängen der Bibliotheksgeschichte gab es den Katalog als Hilfsmittel für den Benutzer noch nicht. Für die Bibliothek genügte ein lnventarverzeichnis, meistens nach dem Standort der Bücher angelegt, dazu Listen der Neuzugänge und im besten Fall ein alphabetisches Register. Die Wissenschaft war noch überschaubar, und die einzelnen Disziplinen konnten leicht gegeneinander abgegrenzt werden. Der jährliche Zuwachs war für den Fachgelehrten zu übersehen. Die Bestände waren systematisch, meistens nach den vier Fakultäten, aufgestellt, so daß sich jeder gut zurechtfinden konnte; es waren ohnehin fast nur Professoren und Privatgelehrte, die sich ihrer bedienten und freien Zugang zu den Büchern hatten. Es war das gleiche Prinzip, das wir heute noch von kleinen Handbibliotheken in Lesesälen und Instituten kennen, z. B. auch vom Lesesaal der Landesbibliothek.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als mit der Aufklärung eine stärkere wissenschaftliche Forschungstätigkeit einsetzte und auch die allgemeine literarische Bildung zunahm, erkannte man die Notwendigkeit einer katalogmäßigen Erfassung der Bibliotheksbestände. Es entstanden die ersten systematischen Kataloge, die in ihrer Einteilung der Aufstellung der Bücher entsprachen und durch Numerierung der einzelnen Titel die Signatur bestimmten.

Der erste Katalog von Pezel 1597

Ähnlich verlief die Entwicklung in Detmold. Das erste erhaltene Bücherverzeichnis stammt aus dem Jahre 1597, als die Bibliothek noch Privateigentum des Grafen Simon VI. war: „Verzeichniß der Bücher so auff dem Gewölbe zu Brake Anno 1597 im Dezemb disponiert.“ Darin sind nacheinander aufgeführt: „Theologische – Juridische – Medizinische – Französische z. Th. Italienische – Historische Bücher“ und schließlich „Philosophische auch sonst von allerlei Sachen Bücher.“ Dieses ehrwürdige Verzeichnis von etwa 700 Titeln verdient heute noch Interesse, weil es den Grundbestand der Landesbibliothek enthält. Denn diese Büchersammlung ließ nach dem Tode des Grafen sein Nachfolger, Graf Simon VII., 1614 in der damaligen Provinzialschule in der Schülerstraße aufstellen und stiftete damit die „Gräflich öffentliche Bibliothek“. Von ihrem ersten Bibliothekar, Caspar Pezel, ist zwar überliefert, daß er einen Katalog anfertigte, der aber heute nicht mehr vorhanden ist.

Kaum gegründet, war die Bibliothek aber schon Gegenstand von Erbauseinandersetzungen zwischen den Söhnen Simons VI. Graf Otto zur Lippe-Brake betrachtete die Bücher, da sie in Schloß Brake gestanden hatten, als sein Eigentum und ließ sich von Pezel wertvolle Bestände wieder herausgeben. In den Landesakten befindet sich noch eine „Specificatio der Bücher so bey der Bibliothec auf der Cantzley mangelten“ vom 7. Oktober 1643. Da auch sonst mancherlei Verluste eingetreten waren, erwies sich die Herstellung eines neuen Verzeichnisses als notwendig, um einen Überblick über die verbliebenen Bände zu haben. Auch dieses Verzeichnis hat sich in den Akten des Staatsarchivs erhalten und trägt folgenden Titel: „Catalogus derer in Ihr Hochgr. gnä. Zur Lippe Bibliothec sich befindenden Bücher u. Sachen. Nebenst ungefehrlichen defecten, so im Archivo befunden. Übergeben den 19. October Anno 1665.“ Es ist geordnet nach den vier Fakultäten und den sieben freien Künsten mit einer abschließenden Abteilung „Ungebundene und zerrissene Bücher“.

Der zweite Katalog 1707 von Barckhausen

Titelblatt des Kataloges von Herman Conrad Barckhausen aus dem Jahre 1707

Im Jahre 1707 hat der Sohn des damaligen Archivars und Bibliothekars Franz Caspar Barckhausen einen vollständigen Katalog angefertigt, der sogar in zwei Exemplaren erhalten ist. Die in Pergament gebundene Abschrift hat ein schwungvoll beschriebenes Titelblatt: „Catalogus aller auf Hochgräflicher Lippischer Bibliotheca zu Detmold befindlichen Bücher nach den sämptlichen Facultäten eingerichtet. Verfertiget von Herman Conrad Barckhausen, Bibliothecario und der Landt-Schulen daselbst Conrectore. Anno MDCCVII. Calendis Aprilis.“ Innerhalb der Fakultäten ist es nach Sprachen und dann nach vier Formaten gegliedert. Am Schluß befindet sich noch eine Gruppe „Manuscripta“. Der Pergamentband ist sorgfältiger gearbeitet als das broschierte Exemplar und enthält auch schon spätere Ergänzungen. Er umfaßt 630 Seiten, davon 603 beschriebene, und enthält 4200 Titel, darunter 144 Handschriften verschiedener Formate. Zwischen den einzelnen Titeln, die ausführlicher abgeschrieben sind als in den früheren Verzeichnissen – z. B. mit Erscheinungsort und -jahr – ist Raum für Nachträge gelassen, es finden sich auch spätere Zusätze wie „Liber rarissimus“. Einen Standortvermerk gibt es noch nicht. Einige Gruppen haben anfänglich eine laufende Numerierung, die aber, abgesehen von den Handschriften, nie zu Ende geführt worden ist. Immerhin haben wir hier einen für damalige Verhältnisse recht brauchbaren Katalog, der auch, der Zweitausfertigung nach zu schließen, einem wirklichen Bedürfnis entsprach.

Wellners Nachrichten 1773/74

Mit diesem Katalog kam man die nächsten 70 Jahre aus. Die Nachfolger Barckhausens hatten ohnehin nicht viel Interesse an der Bibliothek, und wir wissen von Johann Ludwig Knoch, der 1762 die Leitung von Archiv und Bibliothek übernommen hatte, daß sie auch im Bewußtsein der Öffentlichkeit kaum existierte und daß niemals jemand ein Buch verlangt hätte. Knoch selber hatte genug mit seinen Archiv-Geschäften zu tun und war froh, als man 1771 den Konrektor der Provinzialschule, Franz Wilhelm Wellner, zum Bibliothekar bestellte und ihm die Anfertigung eines Kataloges übertrug. Wellner veröffentlichte im Rahmen der Schulprogramme 1773 und 1774 seinen „Erster Versuch einer Nachricht von der Hochgräflich Lippischen öffentlichen Bibliothek zu Detmold worinn zugleich einige Handschriften auf Pergament näher beschrieben werden“ und „Fortgesetzte Anzeige der auf Hochgräfl. Lipp. öffentlichen Bibliothek befindlichen Pergamen und anderer Handschriften“. Er beschreibt darin insgesamt 12 Handschriften mit dem Ziel, das gelehrte Publikum auf die Bibliothek und ihre Schätze aufmerksam zu machen. Offenbar war ihm dabei Erfolg beschieden, denn er bemerkt mit Vergnügen in der „Fortgesetzten Anzeige“, daß einheimische und auswärtige Kenner die Bibliothek mit ihrem Besuch beehrt hätten. Sicher muß man Preuß zustimmen, der später vermerkt, daß es sich bei diesen Beschreibungen um oberflächliche Notizen handele; dennoch liest man sie mit Genuß, zumal einige der beschriebenen Werke heute noch zu den Kostbarkeiten der Bibliothek gehören.

Bei der Auswahl der Handschriften ging Wellner von dem Barckhausenschen Katalog aus, mußte aber leider Verluste feststellen. Es findet sich dort von seiner Hand folgende Eintragung:

„Bei der heutgeschehenen Revision nachstehender MSCR in Fol. und deren neuaufgenommenem Verzeichnis fanden sich die mit einem X bezeichneten, die übrigen aber sind malitiose entrückt worden. Detmold d. 21st. Febr. 1771. Wellner.“

Mit den genannten Veröffentlichungen schließt er die Verzeichnung der Handschriften, deren Zahl er mit 160 angibt, ab, um seiner nächsten Verpflichtung, die 7000 Bücher zu ordnen und zu katalogisieren, nachzukommen.

Allein dazu kam es nicht, er wäre wohl auch nie damit fertig geworden. Wir wissen nur, daß sich sein Konrektor Finke dann dieser Mühe unterzog und im Jahre 1778 einen Katalog vorlegte, der offenbar durchlaufend numeriert war, da in den Akten die präzise Zahl von 5761 Titeln genannt ist.

Clostermeiers Bemühungen um 1820

Handelt es sich bei den bisher erwähnten Katalogen im wesentlichen um Inventarverzeichnisse für den Bibliothekar, so wird zu Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Detmold der eigentliche Zweck der Kataloge, die Erschließung der gesamten Bestände für den Benutzer der Bibliothek, erkannt und entsprechend verfahren. Es war der damalige Leiter von Archiv und Bibliothek, der Archivrat Christian Gottlieb Clostermeier, der in den Jahren 1818-1823 die Grundlage für das Katalogwesen der Landesbibliothek legte, und es lohnt sich, die lange und schmerzliche Entstehungsgeschichte dieser Kataloge etwas ausführlicher zu betrachten. Anlaß war der Plan einer Vereinigung der verschiedenen öffentlichen Büchersammlungen zu einer allgemeinen, allen Kreisen offenstehenden Bibliothek, die in einem Nebengebäude des Schlosses untergebracht werden sollte. Dank dem energischen Eingreifen der Fürstin Pauline konnte dieses Vorhaben nach langen Verhandlungen in den Jahren 1818-1824 verwirklicht werden.(1)

Es handelte sich bei der Zusammenlegung um folgende Bestände:

  • Die Gräflich Öffentliche Bibliothek mit Einschluß von 200 Bänden theologischer Bücher, die jetzt vom Schulhof zum Schloß überführt werden sollte.
  • Die Herrschaftliche Bibliothek auf dem Residenzschloß, die Clostermeier bereits seit 1786 mitverwaltete. Sie setzte sich aus den Handbibliotheken der früheren Regenten, der Grafen Friedrich Adolf, Simon Henrich Adolf und Simon August zusammen; die Bibliothek des Fürsten Leopold I. war nach seinem Tode im Jahre 1802 ebenfalls dazugekommen.
  • Die Bibliothek des Prinzen Casimir August, des 1809 verstorbenen Bruders des Fürsten Leopold.
  • Die Büchersammlungen der Regierung und des Archivs.

Für die einzelnen Sammlungen bestanden bereits vollständige Verzeichnisse, die alle heute noch in der Landesbibliothek vorhanden sind. So hatte der Meinberger Brunnenkommissar Heinrich August Liebich nach dem Tode des Grafen Simon August im Jahre 1783 einen Katalog der Schloßbibliothek mit Standortnumerierung angefertigt, der nach Formaten und innerhalb der Formate nach Sachgebieten geordnet ist. Im Jahre 1809 ließ man diesen Katalog abschreiben und gleichartig angelegte Verzeichnisse über die Handbibliothek des Fürsten Leopold und über die Regierungsbibliothek herstellen. Als 1822 die Bestände der Bibliothek auf dem Schulhof in ihr neues Domizil überführt wurden, wurde ein von dem Rektor der Schule, Professor Möbius, angefertigtes Verzeichnis beigefügt, in das ebenfalls die 200 abgelieferten theologischen Bücher aufgenommen sind. Es enthält umfangreiche handschriftliche Ergänzungen von Wasserfall, dem späteren Leiter der Bibliothek.

Da diese Bestände verschmolzen werden sollten, mußte man auch an die Herstellung eines Gesamtkataloges denken. Bereits in seinem ersten Gutachten vom 9.11.1818, das Clostermeier zu dem Pro Memoria der Fürstin abgibt, geht er ausführlich auf die Katalogisierung der Gesamtbestände, die gleichzeitig in einer einheitlichen Ordnung aufgestellt werden sollen, ein. Seine Ausführungen zeugen von einer erstaunlichen Einsicht in die Aufgaben einer Gebrauchsbibliothek. So plant er bereits die Anlage von zwei Katalogen, nämlich eines wissenschaftlichen oder Realkatalogs und eines Alphabetischen Katalogs, deren Funktion er in prägnanter Kürze definiert: „Derselbe (nämlich der Alphabetische Katalog) dient zum geschwinden Auffinden der Bücher und auch um schnell zu wissen, ob ein verlangtes Buch vorhanden ist. Der Realkatalog gewahrt die schnelle Übersicht, was die Bibliothek in jeder Materie enthält.“ Für die praktische Durchführung der Katalogisierungs- und Ordnungsarbeiten gibt er genaue Anweisungen, die auch Titelaufnahme, Standortvermerk, Notation, Conspectus(2) und Register betreffen. Die Titelkopien des gesamten Bestandes sollen zunächst systematisch geordnet als Grundlage für den Realkatalog dienen; ist dieser fertiggestellt, sollen sie alphabetisch geordnet werden und danach die Reinschrift des Alphabetischen Kataloges erfolgen.

Es vergehen nun aber fast vier Jahre, bis mit der Arbeit begonnen werden kann. Im Juni 1822 ist die Überführung der verschiedenen Büchersammlungen in die vorgesehenen Räume vollendet. Die inzwischen erfolgten Zugänge, über die Clostermeier der Regierung jährlich Schlagwortverzeichnisse eingereicht hat, sollen ebenfalls in den Gesamtkatalog eingearbeitet werden.

Er hat dann auch mit dem Verzetteln der Bücher begonnen und die einschlägige Literatur nach Anregungen für die Systematisierung und die Bibliotheksverwaltung überhaupt durchgesehen. In zahlreichen Zuschriften an die Regierung weist er immer wieder auf den Umfang und die Schwierigkeit der Katalogisierungsarbeit hin, die nicht übereilt werden dürfte. Schließlich sieht er sich doch diesem Werk nicht mehr gewachsen, zumal er inzwischen andere Kämpfe um die Verwaltung der Bibliothek zu bestehen hatte. Er ersucht um seine Entlassung, die ihm zum 31. 12. 1823 gewährt wird. Zuvor legt er aber der Regierung unter dem 24.9.1823 den Entwurf einer Instruktion vor, in der er sein bibliothekarisches Vermächtnis niedergelegt hat. „Meine Erfahrung liegt in den Akten und Berichten.“ Die Titelkopien sind fast fertiggestellt, das Weitere soll sein Gehilfe, der Kammer-Registrator Wasserfall, machen.

Dieser „Unmaßgebliche Entwurf zur Instruction des Cammer-Registrators Wasserfall als Bibliothekar der hiesigen, im Pavillon am Reithause aufgestellten Haupt- oder öffentlichen Bibliothek“ umfaßt 50 Seiten und gliedert sich in vier Abschnitte. Die ersten drei Abschnitte behandeln Kassenverwaltung, Ankauf von Büchern und Ausleihe. Der 4. Abschnitt, der hier interessieren soll, handelt in den §§ 28-44 „von der inneren Einrichtung und Catalogisierung der Bibliothek“. lm wesentlichen, besonders was den praktischen Verlauf der Arbeit angeht, wiederholt er seine in dem erwähnten Gutachten gemachten Vorschläge, allerdings werden die einzelnen Arbeitsgänge noch präzisiert. Er hat an alles gedacht, von der Verzeichnung angebundener Schriften bis zur Anweisung an den Buchbinder, die Notwendigkeit später einzuheftender Bogen für Nachträge zu berücksichtigen. Im ganzen hat er 5 „Operationen“ vorgesehen, aber „die 4. Operation ist die lästigste“, womit die Systematisierung gemeint ist.

Dafür sieht er die traditionelle Ordnung nach den vier Fakultäten vor, denen eine 5. Abteilung für Vermischte Schriften, wie Enzyklopädien, Sammelbände und solche Werke, „die in den Bibliotheksplan nicht passen“, angegliedert werden soll. Für die Unterteilung könne man sich nach dem Vorlesungsverzeichnis der Universität Leipzig richten, sollte sich noch eine weitere Gliederung empfehlen, so müsse man vom Inhalt der Bücher ausgehen und Krugs Enzyklopädie oder Erschs Handbuch der deutschen Literatur heranziehen.(3) In dem 30 Seiten langen Vorbericht rechtfertigt er noch einmal seine Vorschläge und bezieht sich dabei auf die Verhältnisse an der Universitätsbibliothek Göttingen, die ihm durch Heerens Heyne-Biographie bekannt waren.(4) Wenn auch die Detmolder Bibliothek der Göttinger der Größe nach nicht zu vergleichen sei, „in wesentlichen Theilen der Organisation müssen alle Bibliotheken ähnlich sein“.

Die neuartigen Gedanken des Münchener Bibliothekars Martin Schrettinger, der bereits einen standortfreien Katalog und Gruppenaufstellung empfahl, waren ihm ebenso fremd wie den meisten Bibliothekaren seiner Zeit; in einer Rezension in der Jenaischen Litteratur-Zeitung sieht er seine eigenen Ansichten bestätigt.(5)

Wasserfalls Kataloge 1834-1836

In unterschiedlichen Stellungnahmen zu dem Entwurf äußern sich die Regierungsbeamten zu den Katalogisierungsvorschlägen im allgemeinen positiv; es wird aber auch schon die Einteilung nach Fakultäten kritisiert, besonders, daß die Staats-, Kameral- und Polizeiwissenschaften dabei nicht berücksichtigt seien. Die Regierung tat auch ein übriges und schickte Wasserfall im Oktober 1823 nach Bückeburg, um die Verhältnisse der dortigen Bibliothek zu studieren, was er mit großer Gewissenhaftigkeit besorgte; es sind auch tatsächlich verschiedene Verwaltungsmaßnahmen von dort übernommen worden. Am 1.1.1824 wurde Friedrich Wasserfall zum Nachfolger Clostermeiers ernannt. Nachdem er im Jahre 1825 die Fertigstellung von 10.000 Titelkopien gemeldet hatte, konnte er sich nun an die „lästige Operation“ der Systematisierung machen.

Er hat diese Aufgabe sehr ernst genommen, hat Handbücher, Kompendien und die damals vorhandene bibliothekswissenschaftliche Literatur studiert und sich viele Gedanken darüber gemacht. Um sich in die Materie einzuarbeiten, möchte er zunächst, sozusagen als Übung, nur die Zugänge der letzten Jahre bearbeiten, aber die Regierung drängt jetzt auf endliche Fertigstellung der Kataloge, und es entspinnt sich darüber ein jahrelanger Schriftwechsel zwischen ihr und Wasserfall, der immer wieder um Aufschub bittet, bis man ihm mit „unangenehmen Maßnahmen“ droht. Lediglich zwei Schreiber werden ihm bewilligt, um die inzwischen geordneten 13.000 Titelkopien für den Katalog abzuschreiben. Aber auch hier hat er seinen Kummer, da sein Gesuch, den dafür vorgesehenen Fourier Süß auf 6 Wochen von der Parade freizustellen, von dem Oberst nicht bewilligt wird, wie wir den Akten entnehmen können.

Schließlich, in den Jahren 1834 bis 1836, legt er nach und nach die einzelnen Kataloge vor, die von verschiedenen Regierungsbeamten eingehend geprüft werden. Man hat mancherlei zu bemängeln, beanstandet hier und da die Gliederung, stößt sich an Schreibfehlern und fehlenden Titeln und macht ihm den Vorwurf, daß er im Geschichtskatalog 14 Blätter für „Lippe“ freigelassen habe. Wasserfall hatte aber schon die Bedeutung des landeskundlichen Schrifttums erkannt und hatte die Absicht, diese Lücke in einer späteren Bearbeitung zu schließen.

Aber die Regierung wünscht sich in erster Linie eine Geschäftsbibliothek für eigene Zwecke. Als Wasserfall nun darangehen will, Mängel zu beheben und Fehler auszumerzen, verlangt man zuerst die Anfertigung abgekürzter Abschriften für den Dienstgebrauch, die er denn auch für einige Abteilungen noch abliefert. Um diese Abschriften und deren Drucklegung entsteht ein neuerlicher Schriftverkehr, der sich bis zu Wasserfalls Tod im Jahre 1838 hinzieht.

Wie sieht nun das von Wasserfall in langen Jahren emsiger Arbeit geschaffene Werk aus? Die Einteilung nach Fakultäten hat er fallengelassen, er hat statt dessen in Anlehnung an das Bückeburger System die nachfolgende Gliederung in 16 Hauptabteilungen gewählt:

  1. Theologie
  2. Rechtswissenschaft
  3. Medizin
  4. Philosophie und Pädagogik
  5. Philologie
  6. Staatswissenschaften
  7. Mathematik und Kriegswissenschaften
  8. Naturkunde
  9. Technologie und Baukunst
  10. Landwirtschaft
  11. Geschichte und Erdkunde
  12. Schöne Wissenschaften und Künste
  13. Deutsche schöne Literatur
  14. Fremde schöne Literatur
  15. Literaturgeschichte
  16. Vermischte Schriften

 

Für die weitere Ordnung hat ihm das Handbuch von Ersch, der damals Bibliothekar an der Universitätsbibliothek in Halle war, als Anregung gedient, ohne daß er dessen Systematik kopiert hätte. In einigen Abteilungen, z. B. Philosophie und Pädagogik, hält er sich zwar sehr genau an sein Vorbild, nicht nur in der Gliederung, sondern auch in der Formulierung der Überschriften, wie sie der damaligen wissenschaftlichen Terminologie entsprach. Im allgemeinen ist er aber doch sehr viel freier verfahren und von den Beständen ausgegangen. Jedenfalls hat er eigene und fremde Vorstellungen geschickt zu einem einheitlichen wissenschaftlichen Katalogsystem verschmolzen, das bibliothekarischen Anforderungen weit über seine Zeit hinaus gerecht wurde.

Die Ära Preuß

Bibliotheksgeschichte auf einer Katalogseite. Eine Seite des alten Kataloges für Staatswissenschaften. Der Kopf und die erste Eintragung sind von einem Schreiber. Man erkennt bei den Vornamen die Korrekturen von Preuß. Die zweite Eintragung (580) ist von Wasserfall, es folgen drei Titel, die Preuß geschrieben hat. Schließlich ist unten (582) noch die Handschrift von Anemüller zu erkennen.

Wasserfalls Nachfolger, Otto Preuß, liefert dann die noch ausstehenden abgekürzten Kataloge und fertigt ein Verzeichnis der Handschriften an, mit besonderer Kennzeichnung der wertvollen Stücke. Er denkt auch an einen Katalog der Cimelien und Curiosa, die er aus den Hauptkatalogen ausziehen will.

Im Jahre 1843 legt er der Regierung seinen Plan für die Bearbeitung des Alphabetischen Kataloges vor. Er will dabei nicht, wie von Clostermeier vorgesehen war, von den umgeordneten Titelkopien ausgehen, sondern von den kollationierten abgekürzten Abschriften der einzelnen Fachkataloge. Bei der Durchführung dieses Planes geht er sehr sorgfältig vor und bemüht sich mit Hilfe der vorhandenen bibliographischen und biographischen Nachschlagewerke um eine exakte Verifikation der Titel. Über die Wahl des Ordnungswortes bei verfasserlosen Schriften und die Einarbeitung von Verweisungen von Herausgebern und ermittelten Verfassernamen macht er sich eingehende Gedanken. Er tut also den ersten Schritt von der Titelkopie zur Titelaufnahme nach festen Regeln, allerdings in abgekürzter Form; z. B. werden Verlegernamen, Bildbeigaben und Seitenzählung von ihm noch nicht aufgenommen.

Die also vorbereiteten Systematischen Kataloge läßt er abschreiben, die Titel in Streifen auseinanderschneiden und nach dem gekennzeichneten Ordnungswort alphabetisch ordnen. Nachdem die geordneten Titelstreifen in zwei Foliobände eingeklebt worden sind, kann er diesen zweibändigen Alphabetischen Katalog im Juli 1843 vorlegen. Diese ungetümen Folianten kann man noch heute in der Bibliothek bewundern. Sie bildeten aber nur die Grundlage für die Reinschrift, die er, um Fehlerquellen zu vermeiden, eigenhändig vornimmt. Anschließend werden die bisher nur in den Accessionsjournalen geführten Zugänge in beide Kataloge eingetragen, so daß Ende des Jahres 1844 die gesamten Bestände systematisch und alphabetisch katalogisiert sind. Den Alphabetischen Katalog schließt er mit diesem Jahr ab und begnügt sich fortan mit dem Zettelkatalog, wie er bisher die Grundlage für den Bandkatalog bildete.

Im Jahre 1854 unterzieht sich Preuß noch einer gewaltigen Arbeit, die die Kataloge erst zu einem echten Mittel der Bestandserschließung macht. Die Bücher waren zwar dem Katalogsystem entsprechend geordnet und nach Formaten aufgestellt; der Standort entsprach aber nur ungefähr der Stelle im Katalog, da die Bände keine Signatur trugen. Preuß gibt den einzelnen Fachkatalogen ein Buchstabensymbol, das in Verbindung mit der Nummer als Signatur in jedes Buch eingetragen wird. Bei dieser Revision vergleicht er auch jeweils den Titel mit der Katalogeintragung und kann manche Fehler ausmerzen, die sich durch die Flüchtigkeit der Schreiber eingeschlichen hatten. Den Niederschlag seiner bibliographischen Ermittlungen finden wir noch heute in Katalogen und Büchern. Er hat nicht die Mühe gescheut, in jedes Buch einen Vermerk über Wert und Seltenheit zu machen sowie Bandzahl und Beigaben einzutragen. Dabei war der Buchbestand inzwischen auf etwa 27.000 Bände angewachsen, der sich bis zu seinem Ausscheiden auf 60.000 Bände vermehren sollte.

Preuß nimmt im Laufe seiner langen Dienstzeit noch manche zweckmäßigen Veränderungen an den Katalogen vor, insbesondere hat er die Personalabteilungen aller Wissensgebiete alphabetisch eingerichtet. Die Fachkataloge über Kunst, Philologie und Literaturgeschichte sowie die Abteilung „Lippe“ des Geschichtskataloges hat er umgearbeitet und neu geschrieben. Die in den Katalogen überwiegenden Eintragungen in seiner preziösen Gelehrtenhandschrift zeugen von seiner ungeheuren Arbeitsleistung. Um sie richtig zu schätzen, muß man sich vergegenwärtigen, daß er auch seinen juristischen Beruf noch ausübte und die übrigen Bibliotheksgeschäfte allein besorgte. Lediglich die Leitung des Archivs, die seine Vorgänger gleichzeitig versehen mußten, war mit seinem Eintritt von der der Bibliothek getrennt worden.

Anemüllers Weg in die Moderne

Leihestelle und Katalog

Sein Nachfolger wurde am 1. Januar 1891 der Gymnasialprofessor Dr. Ernst Anemüller. Er wollte die Bibliothek der gesamten Öffentlichkeit erschließen und die Aufmerksamkeit der bildungswilligen Bevölkerungskreise auf sie lenken. Dazu schienen ihm die rein wissenschaftlich angelegten, handgeschriebenen Kataloge, in denen sich manche Besucher nicht zurechtfanden, nicht geeignet. Im Gegensatz zu Preuß, der nur widerwillig und auf Drängen von Regierung und Öffentlichkeit jährliche Zugangslisten in der Presse veröffentlicht hatte, sieht er gerade darin ein Mittel, das breitere Publikum heranzuziehen. Zu diesem Zweck plant er nun, die gesamten bisher erschienenen Zugangsverzeichnisse zu verschmelzen, ein Gedanke, der schließlich auch in die Tat umgesetzt wurde. Dieser gedruckte „Katalog der Zugänge der Jahre 1869-1895“ erscheint 1896 und kann zum Preis von 75 Pf verkauft werden. Anemüller geht sogar noch weiter und trägt sich mit dem Gedanken, diese Zugangsverzeichnisse alle drei bis fünf Jahre zu kumulieren und neu zu drucken, um so für das neuere Schrifttum die geschriebenen Kataloge zu ersetzen. Dazu kam es allerdings nicht; im übrigen war auch die Nachfrage nicht so stark, wie Anemüller erwartet hatte, denn es wurden nur ver- hältnismäßig wenig Exemplare des ersten Verzeichnisses verkauft. Es bleibt aber bei der jährlichen Veröffentlichung in systematischer Anordnung (seit 1920 mit alphabetischem Register), die bis zum Jahre 1929 beibehalten wurde.

Inzwischen waren der Bibliothek mehrere bedeutende Schenkungen zugefallen, die zum Teil noch aus der Zeit von Preuß herrührten und etwa 5.000 Titel umfaßten. Da Anemüller gleichzeitig im Schuldienst tätig war, wurde zu seiner Entlastung der Gymnasiallehrer Stegmann mit der Katalogisierung und Systematisierung dieser Bestände beauftragt. Stegmann legte einen zusätzlichen Alphabetischen Bandkatalog für Schenkungen an, in den aber, in Angleichung an den Preußschen Katalog, nur die bis 1844 erschienenen Schriften eingetragen wurden; die gesamte später erschienene Literatur wurde alphabetisch nur im Zettelkatalog erfaßt.

Anemüller, der technischen Verbesserungen, besonders wenn sie dem Publikum dienten, aufgeschlossen gegenüberstand, hat die Vorteile der Zettelform für die schnellere Erschließung der Buchbestände erkannt und ihr seine Aufmerksamkeit gewidmet. Zur Aufbewahrung der Zettel ließ er sich bereits 1894 aus Gießen probeweise einige der sogenannten Gießener Kapseln kommen, auf deren Erfindung der Buchbinder Sann 1885 ein Patent erworben hatte. Sie paßten zu dem Format der Katalogkarten von 16 x 20 cm und wurden 1903 auch eingeführt. Auch dieser Katalog, der schon sehr ausführliche Titelaufnahmen enthält, wird in der Landesbibliothek noch aufbewahrt. Einen Markstein in der Geschichte des Detmolder Katalogwesens bedeutet aber Anemüllers Entschluß, die gesamte Katalogisierung auf Zettel im Format 7,5 x 12,5 cm, das später internationale Gültigkeit erhielt, umzustellen. Diese Form der Katalogkarten war von Amerika, wo sie an der Kongreß-Bibliothek in Washington üblich war, nach Deutschland gekommen, und im Jahre 1909 veröffentlichte die Königliche Bibliothek in Berlin zuerst ihre Zugänge in diesem Format und versandte auf Bestellung gedruckte Titelkarten an andere Bibliotheken. Bereits im gleichen Jahr unterbreitet Anemüller der Regierung die Vorteile dieser Katalogzettel, die dann auch eingeführt wurden und in entsprechenden, aus Leipzig bezogenen Katalogschränken aufbewahrt wurden. Damit gehörte die Landesbibliothek zu den fortschrittlichsten Bibliotheken Deutschlands, denn nur wenige schlossen sich sofort diesem System an. Der eigentliche Durchbruch kam erst 1930, als die „Neuen Titel“ des Deutschen Gesamtkataloges erschienen.

Allerdings kam Anemüller dabei auch zugute, daß ihm fachlich ausgebildete Kräfte zur Verfügung standen, die mit dem Regelwerk der Preußischen Instruktionen(7) für die Titelaufnahme vertraut waren. Die Bibliothekare hatten sich inzwischen zu einem eigenen Berufsstand zusammengeschlossen und auch Ausbildungsstätten für den mittleren Bibliotheksdienst geschaffen. Anemüller erkannte die Notwendigkeit fachlich geschulten Bibliothekspersonals für die Funktion einer der Öffentlichkeit dienenden Gebrauchsbibliothek und hat sich immer wieder dafür eingesetzt, entsprechende Stellen im Bibliotheksetat zu schaffen. im Jahre 1908 war die spätere Oberbibliothekarin und Bibliotheksinspektorin Margarete Stahl in die Dienste der Landesbibliothek eingetreten. Mit unermüdlichem Eifer und voller Initiative hat sie in den langen Jahren ihrer Zugehörigkeit die praktische Durchführung dieser gewaltigen Umstellungsarbeit auf den Zettelkatalog ermöglicht und durch zahlreiche Anregungen Verbesserungen bewirkt.

Zunächst aber wird mit der Einrichtung des Alphabetischen Kataloges nach noch heute gültigen bibliothekarischen Prinzipien begonnen. Der Kapselkatalog und später auch der alte Bandkatalog werden abgeschrieben und für die Neuerwerbungen die Aufnahmen der Berliner Titeldrucke verwendet. Aber gerade für die Systematischen Kataloge wünschte sich Anemüller die flexiblere Form des Zettelkatalogs, da die alten Bände stellenweise überfüllt waren und die Nummern nicht mehr reichten, so daß man zu Exponenten greifen mußte. Gleichzeitig mit der Verzettelung sollte dann die überholte Systematik einzelner Fachgebiete modifiziert und modernisiert werden. Als er aber von 1918 an die Bearbeitung des ersten Katalogbandes beginnt, geht er folgerichtig noch einen grundlegenden Schritt weiter, indem er den Katalog von der Magazinaufstellung trennt und ihm damit seine volle Beweglichkeit gibt. Die Bücher jeder Gruppe werden in der Reihenfolge des Eingangs nach der laufenden Nummer aufgestellt, die man aus dem neuerrichteten Standortkatalog erhält. Diese Standortkataloge werden in Buchform geführt, mit durchlaufenden Nummern für drei Formate.

Der Fachkatalog „Staatswissenschaften“ war infolge der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen besonders überaltert, hatte doch Anemüller schon vor Jahren bemängelt, daß Begriffe wie Sozialpolitik, Arbeiterfrage usw. in der alten Systematik nicht vorgesehen waren. Zudem hatte die Bibliothek durch die Schenkung der Sammlung des Landgerichtsrats Bröffel gerade auf diesem Gebiet einen großen Zuwachs erhalten. Die Errichtung der „Fürst-Leopold-Akademie für Verwaltungswissenschaften“, späteren „Hochschule für Staats- und Wirtschaftswissenschaften“ (1717-1924) gebot ferner, diese Abteilung besonders zu pflegen und die Bestände für die Studenten praktisch zu erschließen. So verzettelte man als ersten diesen Katalog und gab in diesem Falle die systematische Klassifizierung zugunsten eines alphabetischen Sachkatalogs auf. Man legte einen Schlagwortkatalog mit weitem Schlagwort an, der sich für dieses umfangreiche und vielfältige Gebiet, das Staats-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften umfaßt, bis auf die heutige Zeit bewährt hat.

In der Folgezeit wird dann ein Fachkatalog nach dem anderen verzettelt und bearbeitet, ein Werk, das sich über Jahrzehnte hinzieht und auch heute noch nicht restlos abgeschlossen ist. Manchmal sprengte ein Gebiet den Rahmen des übergeordneten Fachkatalogs und verlangte einen Spezialkatalog, manchmal gaben äußere Ereignisse den Anlaß zur Bearbeitung.

So gab man der Geographie endlich einen eigenen Katalog und trennte sie von der Geschichte, mit der sie nach der Wasserfallschen Systematik eine gemeinsame Abteilung gebildet hatte. Auch die Abteilung „Buchwesen“, die bisher der Literaturwissenschaft zugeteilt war, wurde selbständig. Hier wählte man wieder einen neuen Weg, indem man die Hauptgruppe in kleinere Gruppen, z. B. Bibliothekswesen, Buchhandel usw., einteilte, die eine eigene Zählung erhielten und also getrennt aufgestellt wurden. Als dem Brand der Bibliothek im Jahre 1921 die medizinischen, naturwissenschaftlichen und landwirtschaftlichen Bücher zum Opfer fielen, verband man den Neuaufbau dieser Abteilungen sogleich mit einer Gruppenaufstellung nach dieser Methode, indem man z. B. die einzelnen Disziplinen der Naturwissenschaft, wie Biologie, Botanik usw., getrennt mit eigener Zählung aufstelle. Man verband so eine gewisse Systematisierung mit dem Vorteil mechanischer Aufstellung.

Die hundertjährige Entstehungsgeschichte der Kataloge der Lippischen Landesbibliothek ist also eng mit dem Wirken ihrer Bibliothekare Clostermeier, Wasserfall, Preuß und Anemüller verknüpft.


Clostermeier muß als der Spiritus rector des ganzen Werkes gelten. Er hat zuerst den grundlegenden Gedanken eines Gebrauchskataloges für das Publikum zur Erschließung der Bestände und fordert dazu neben dem bisher üblichen Realkatalog den Alphabetischen Katalog. Außerdem gibt er die ersten im bibliothekarischen Sinne praktischen Anweisungen für die Durchführung des Planes.

Wasserfall entwickelt eine für seine Zeit ausgezeichnete Systematik, die auch schon praktischen Bedürfnissen entspricht. Unter seiner Leitung werden die 16 Fachkataloge eingerichtet.

Preuß gebührt das Verdienst, den Alphabetischen Katalog angelegt und durch bibliographische Ermittlungen für eine korrekte Titelaufnahme gesorgt zu haben. Durch Signierung der Bücher hat er den Systematischen Katalog mit der Aufstellung verbunden und damit zum praktischen Arbeitsinstrument gemacht.

Anemüller endlich hat die Kataloge aus den Fesseln der standortgebundenen Bande befreit. Durch die Einrichtung eines Zettelkataloges mit Karten internationalen Bibliotheksformates hat er die Landesbibliothek unter die deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken eingereiht, was seinen sinnfälligen Ausdruck in der Teilnahme am Deutschen Gesamtkatalog fand.

Die gegenwärtige Situation

Nach Anemüllers Pensionierung im Jahre 1924 wird unter seinen Nachfolgern die Umarbeitung der einzelnen Fachkataloge in großen Etappen fortgeführt, wie sich gerade die Notwendigkeit er- gab und die Personallage es gestaltete. So wird etwa 1928 die selbständige Abteilung „Lippe“ eingerichtet, mit eigenem Katalog für alle Wissensgebiete.(8) Mitte der dreißiger Jahre geschieht die längst fällige Umstellung des Kataloges für Rechtswissenschaft, dessen Systematik 1966 noch einmal überarbeitet werden mußte. Es folgt die Einrichtung des Biographischen und des Ortskataloges, und 1939/40 wird mit dem Aufbau der Musikabteilung und ihrer Kataloge begonnen.(8)

Die 1919 von Anemüller angefangene Bearbeitung des Geschichtskataloges konnte erst in den fünfziger Jahren mit einer gründlichen Vergleichung von Band- und Zettelkatalog mit den betreffenden Büchern zu Ende geführt werden; zur gleichen Zeit wurden die Kataloge für Technik, Kunstgeschichte und für die fremdsprachlichen literarischen Textausgaben umgearbeitet. 1965 wurde der Zettelkatalog für Literaturgeschichte mit einer modernisierten Systematik angelegt. Im Jahre 1967 konnte endlich die Arbeit an dem umfangreichen und vielbenutzten Bandkatalog für Philosophie, Psychologie und Pädagogik in Angriff genommen werden. Dieser Katalog war durch die Überfülle der Titel unübersichtlich geworden und in seiner Gliederung, besonders für Psychologie und Pädagogik, völlig veraltet. Seine Verzettelung ist inzwischen abgeschlossen und nach einer neu entworfenen Systematik geordnet, die sich bemüht, der fortgeschrittenen Entwicklung der genannten Disziplinen gerecht zu werden.

Im allgemeinen geschah die Überarbeitung der Kataloge durch die Bibliothekare in Anlehnung an Handbücher und Bibliographien. Bei dem Umzug der Bücher in den neuen Magazinbau Ende 1965 wurde die Gruppenaufstellung für alle Abteilungen eingeführt, und es wurden entsprechende Standortkataloge angelegt. Auch die alten systematischen Bandkataloge erfüllen heute nur noch die Funktion von Standortkatalogen zur Prüfung der Buchbestände bei Revisionen. Lediglich für die Sachgruppen Theologie und Philologie müssen sie noch herangezogen werden, bis deren systematische Bearbeitung und Verzettelung abgeschlossen ist. Die Vollendung dieser zuletzt genannten Aufgabe ist neben der Fertigstellung des Sachregisters das dringendste Desiderat der Stunde. Heute besteht der Sachkatalog der Landesbibliothek aus folgenden 20 Abteilungen, die zugleich die Gruppen der Magazinaufstellung bilden:

B Buchwesen
D Deutsche literarische Texte
F Fremdsprachliche literarische Texte
G. H Geschichte
K Geographie
L Lippe(9)
Lg Literaturwissenschaft
M Medizin
Mus Musik(9)
N Naturwissenschaften
O Mathematik
Ph Philologie
PP Philosophie, Psychologie, Pädagogik
R (später E) Rechtswissenschaft
St Staats-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
SW Kunst- und Theaterwissenschaft
TB Technik und Bauwesen
Th Theologie
V Vermischte Schriften
W Land- und Forstwirtschaft

Ferner sind dazu zu rechnen:
der Biographische Katalog
der Ortskatalog
ein Auswahlkatalog für schöne Literatur.

Der Katalog ist in allen Abteilungen systematisch angeordnet, mit Ausnahme der Abteilung „St“, die als Schlagwortkatalog mit weitem Schlagwort geführt wird. Ein Rotulus, d. h. eine Übersicht über das Klassifikationsschema, steht dem Benutzer in Form eines Blattkataloges zur Verfügung; außerdem sind den einzelnen Abteilungen und Gruppen in den Katalogkästen die Rotuli auf Leitkarten vorangestellt. Die Gliederung ist durch verschiedenfarbige Leitkarten gekennzeichnet.

Die allgemeinen und formalen Gruppen wurden für alle Fächer gleich angeordnet. Die Differenziertheit der Systematik wird durch den Umfang der vorhandenen Literatur bestimmt. Innerhalb der kleinsten Gruppe wird chronologisch nach dem Erscheinungsjahr geordnet, in einigen Fällen z. B. bei Zeitschriften oder biographischer Literatur, auch alphabetisch. Ein Schlagwortregister ist in Bearbeitung; hier werden alle Begriffe alphabetisch erfaßt und die Stelle des Kataloges, wo die entsprechende Literatur zu finden ist, angegeben. Das erweist sich besonders für solche Begriffe als vorteilhaft, die entweder an verschiedenen Stellen des Systems untergebracht sind oder die im Rotulus und auf den Leitkarten nicht erscheinen.

Der Alphabetische Katalog enthält den gesamten Bestand an Druckschriften (außer Noten) in alphabetischer Folge nach dem Namen der Verfasser oder dem Ordnungswort des Titels bei anonymen Schriften, Sammelwerken und Zeitschriften. Außer der Titelaufnahme nach den „Preußischen Instruktionen“ ist auf jedem Zettel noch die Signatur oder Standortbezeichnung, die Zugangsnummer und die Notation vermerkt. Für den Benutzer ist nur die Signatur in der rechten oberen Ecke von Bedeutung, sie muß auf dem Leihschein angegeben werden. Die Bestände des Lesesaals und sonstiger Handbibliotheken, die nicht ausgeliehen werden, sind durch einen entsprechenden Vermerk gekennzeichnet.

Außer der Hauptaufnahme enthält der Katalog noch zahlreiche Verweisungen, z. B. von Herausgebern, Übersetzern, Pseudonymen, von Nebentiteln, Umschlagtiteln und Originaltiteln bei Übersetzungen, um die Auffindung eines Buches bei ungenauen Zitaten zu erleichtern. Zahlreiche Leitkarten sorgen für größere Übersichtlichkeit im Alphabet. Die Katalogzettel werden heute mit der Schreibmaschine geschrieben und für die übrigen Kataloge vervielfältigt. Ein Abzug wird an den Zentralkatalog für Nordrhein-Westfalen in Köln gesandt, um die Bestände auch den anderen Bibliotheken im auswärtigen Leihverkehr nutzbar zu machen.

Aber die Arbeit des Katalogisierens ist niemals abgeschlossen. Es geht nicht nur darum, die neuangeschafften Bücher zu verzetteln und zu klassifizieren und die Katalogkarten einzuordnen. Jeder Sachkatalog bietet ein Abbild immer rascher fortschreitenden menschlichen Strebens und wissenschaftlichen Forschens, daher bedarf es einer ständigen Überprüfung seiner Systematik und seiner Ordnungsprinzipien, denn es ist Aufgabe des Bibliothekars, hier den Veränderungen einer sich wandelnden Welt Rechnung zu tragen. Nicht die Fortschritte in Technik und Naturwissenschaften allein sind es, die ihn vor neue Probleme stellen, sondern auch deren Auswirkungen auf Rechtswissenschaft, Philosophie und die moderne Theologie. Wirtschaft und Politik bedienen sich neuer Methoden, neue Staaten entstehen, andere werden umbenannt. Philosophie und Sprachwissenschaft verwenden eine mathematische Formelsprache, und sogar die Literaturforschung arbeitet mit technischen Mitteln, z. B. in der modernen Schallanalyse. Neue Begriffe werden gebildet, die ihren Platz auch im Katalog finden müssen, wie z. B. Immissionsschutz, Kommunikationsforschung, Massenmedien, Programmieren, Kybernetik, Entwicklungsländer, um nur einige willkürlich zu nennen. Mit allen diesen Fragen wird der Bibliothekar konfrontiert; einmal, wenn er vor der Aufgabe steht, die entsprechenden Bücher in seinen Katalog einzuordnen, und zum anderen, wenn der Benutzer die neue Literatur darüber verlangt. Er muß nicht nur die richtige Stelle im System finden und einrichten oder das passende Schlagwort prägen, er muß auch die Stelle im Rotulus und im Schlagwortregister fixieren.

Aber auch der Alphabetische Katalog ist Veränderungen unterworfen. So sind seit langem bibliothekarische Gremien damit beschäftigt, das Regelwerk für die Titelaufnahme, die „Preußischen Instruktionen“, auf seine Gültigkeit für die heutige Zeit zu überprüfen und Modifikationen vorzuschlagen, um die Benutzung der Kataloge zu erleichtern und sie international üblichen Gepflogenheiten anzupassen. Der Bibliothekar muß darüber auf dem laufenden bleiben, um zu gegebener Zeit auch die Konsequenzen für den eigenen Katalog zu ziehen.

Sonderkataloge

Grabbe-Archiv Alfred Bergmann (Foto: Edelhard Gallaun)

Bilden also diese beiden Kataloge, die nach ihrer Entstehung und Einrichtung beschrieben wurden, den Grundstock des gesamten Katalogsystems, so gibt es an der Lippischen Landesbibliothek doch auch noch einige Sonderkataloge, in denen bestimmte Schriftengruppen und Sammelgebiete erfaßt sind.

Hier ist zunächst der bereits von Fräulein Stahl eingerichtete Biographische Katalog zu nennen, in dem noch einmal die gesamte vorhandene Literatur über Leben und Werk einzelner Personen verzeichnet ist. Im Gegensatz zum Sachkatalog ist hier aber auch unselbständig erschienenes Schrifttum aufgenommen, z. B. Beiträge in Sammelwerken oder Jahrbüchern, allerdings keine Zeitschriftenaufsätze. Aber auch, wenn etwa im Rahmen eines umfassenderen Werkes einer bestimmten Persönlichkeit ein größerer Abschnitt gewidmet ist, wird dieser in den Biographischen Katalog aufgenommen.

Der Katalog ist alphabetisch nach den Namen der behandelten Personen geordnet; die Namen sind nach den für den Alphabetischen Katalog geltenden Regeln angesetzt, mit Verweisungen von anderen Namensformen. Es folgt dann die chronologische Ordnung nach dem Erscheinungsjahr; nur bei solchen Persönlichkeiten, über die die vorhandene Literatur sehr zahlreich ist – z. B. Goethe oder Bismarck –, ist eine systematische Untergliederung vorgenommen. Durch diesen Katalog wird der Sachkatalog entlastet, er bietet überdies eine wichtige und gern in Anspruch genommene Ergänzung.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ortskatalog. Hier sind alle Veröffentlichungen – im gleichen Umfang wie beim Biographischen Katalog – über einzelne Orte und Städte erfaßt, ganz gleich, ob es sich um historische, geographische, wirtschaftliche oder etwa kunstgeschichtliche Untersuchungen handelt. Durch diesen, ebenfalls viel benutzten Katalog werden die betreffenden Sachkataloge insofern entlastet, als bei den jeweiligen Regionalabteilungen auf eine nochmalige Untergliederung nach Orten verzichtet werden kann.

Es gehört zu den wichtigsten und grundlegenden Aufgaben einer Landesbibliothek, das regionale Schrifttum aus allen Wissensgebieten zu sammeln und zu verzeichnen. Wie schon erwähnt, hatte man bereits 1928 die gesamte Lippe-Literatur im Magazin unter eigener Signatur zusammengestellt und in einem besonderen Katalog erfaßt. Auch bibliographisch war sie schon teilweise von Preuß im 1. Band der Lippischen Regesten 1860 und in der „Bibliotheca Lippiaca“ von Otto Weerth und Ernst Anemüller(10) 1886 aufgenommen worden. Der Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe regte eine dringend notwendige Verzeichnung des gesamten Schrifttums über Lippe an. Aber erst nach dem 2. Weltkrieg konnte dieses Anliegen durch die Unterstützung des Landesverbandes Lippe verwirklicht werden und die von Wilhelm Hansen herausgegebene umfassende und gründliche „Lippische Bibliographie“ im Jahre 1957 erscheinen.

Der Bibliographie liegen im wesentlichen die Bestände der Landesbibliothek zugrunde; da sie auch die Signaturen nennt, ist sie zugleich ein Katalog des heimatkundlichen Schrifttums der Bibliothek. Aber nicht nur landeskundliche und geschichtliche Veröffentlichungen sind darin aufgenommen, sondern auch solche über Recht und Wirtschaft, Kultur und Naturwissenschaften sind hier, soweit sie Lippe betreffen, zusammengefaßt. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß auch die umfangreiche und nicht abreißende Literatur über Arminius und die Varusschlacht sowie über die Externsteine mit allen Kontroversen in zwei besonderen Abschnitten hier verzeichnet ist.

Dieses Titelmaterial wurde verzettelt und bildet so den Grundstock des heutigen Lippe-Kataloges, der auch die systematische Einteilung der Bibliographie übernommen hat. Die seit dem Erscheinen der Bibliographie aufgenommenen Titel werden auf farbigen Karten verzeichnet, so daß auf den ersten Blick zu erkennen ist, welche Werke später hinzugekommen sind. Ein Duplikat dieser neueren Aufnahmen dient gleichzeitig als Manuskript eines Nachtrages der Lippischen Bibliographie, dessen Erscheinen nicht nur ein dringender Wunsch der Bibliothek ist, sondern auch immer wieder von heimatkundlichinteressierten Benutzern gefordert wird. Es soll die Hoffnung nicht sinken, daß ebenso, wie es nach dem Kriege möglich war, das umfangreiche Werk der Lippischen Bibliographie in Angriff zu nehmen und zu vollenden, auch eines Tages die Mittel bereitstehen werden, einen Nachtrag zu drucken. Zur Überbrückung wurde inzwischen – zuerst für das Berichtsjahr 1967 – mit der Herausgabe bibliographischer Jahresberichte unter dem Titel „Neues Schrifttum über das Lipperland und seine Bewohner“ begonnen. Auch in den Katalog sind die in Detmold nicht vorhandenen Veröffentlichungen aufgenommen worden und werden auch weiterhin erfaßt. Es ist das Bestreben der Bibliothek, alle einmal aufgespürten Bücher, Aufsätze oder Dissertationen über Lippe auch zu beschaffen oder wenigstens eine Fotokopie oder einen Mikrofilm den eigenen Beständen einzuverleiben. Außer monographischen Werken werden auch Zeitschriftenaufsätze und sogar Zeitungsartikel(11) aufgenommen und dazu die lippischen und sonstigen größeren Tageszeitungen ausgewertet, besonders die Aufsätze der Heimatbeilagen werden vollständig verzeichnet. Da es Aufgabe des Kataloges ist, das gesamte in der Bibliothek vorhandene Schrifttum zu erschließen, ist er, was die Zahl der aufgenommenen Titel angeht, sehr viel umfangreicher als die Bibliographie, die sich ja doch eine gewisse Beschränkung auferlegen muß.

Außer dem systematischen Lippe-Katalog gibt es noch einen zusätzlichen alphabetischen, in den auch die unselbständig erschienene Literatur aufgenommen wird.

Eine Ergänzung zu der Lippe-Literatur bildet die Bildersammlung der Landesbibliothek, die 1961 im Auftrage des Lippischen Heimatbundes durch den damaligen Direktor der Bibliothek, Dr. Heinrich Haxel, in dem Band „Lippe vor 100 Jahren“ auszugsweise veröffentlicht wurde. Es ist eine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen, Aquarellen, Kupferstichen und Lithographien, deren Grundstock wir der Sammeltätigkeit von Otto Preuß zu verdanken haben, der die Blätter auch in seinem Werk: „Die baulichen Alterthümer des lippischen Landes“ beschrieb.(12)

Auch über diese Sammlung gibt es zwei Kataloge, einen, der nach den Namen der Künstler geordnet ist und einen zweiten nach dem Alphabet der dargestellten Orte oder Persönlichkeiten. Die Aufnahmen verzeichnen den Künstler, den Gegenstand bzw. die Unterschrift, die angewandte Technik und die Größe des Bildes.

Es gibt aber noch einen weiteren Nachweis, der die Bilder dem Besucher gleich selbst vor Augen führt: eine Sammlung von Fotokopien des gesamten Bestandes, die auf gleichmäßige Pappen aufgezogen sind, auf denen in einer Unterschrift noch einmal die gleichen Angaben wie auf den Katalogkarten gemacht werden. Diese Bilderkartei ist ebenfalls nach den dargestellten Orten geordnet. Ihr Vorteil liegt auf der Hand: an Hand der Fotokopie kann in manchen Fällen schon entschieden werden, ob das Bild den gewünschten Zwecken entspricht, so daß es sich unter Umständen erübrigt, das Original heranzuziehen.

Die Musikabteilung wurde von 1939 an von dem Detmolder Studienrat und Kirchenmusikdirektor Willi Schramm aufgebaut. Auf dem Grundstock der wertvollen alten Notenbestände der ehemaligen Fürstlichen Hofkapelle und des Theaters, des von Schramm gegründeten Heimatmusikarchivs, sowie einiger anderer Erwerbungen war eine umfangreiche Sammlung von Noten und Musikschrifttum entstanden; dazu kamen später noch die Bestände des Kapellmeisters und Musikschriftstellers Georg Richard Kruse.

Diese Abteilung, ursprünglich im Fachkatalog „Schöne Künste und Wissenschaften“ verzeichnet, sprengte jetzt diesen Rahmen; sie würde daher getrennt mit eigener Signatur und Zählung aufgestellt. Als dann nach dem Kriege in Detmold die Nordwestdeutsche Musikakademie eröffnet wurde, war es ein selbstverständliches Gebot, diese Abteilung besonders zu pflegen und auszubauen; dazu gehörte auch die Errichtung eines eigenen Sachkataloges für Bücher und Noten, der seitdem auch von Dozenten, Studenten und Musikliebhabern stark benutzt wird. Während die Buchbestände mit in den allgemeinen Alphabetischen Katalog aufgenommen werden, wurde für die Noten ein besonderer Alphabetischer Katalog angelegt. Die Titelaufnahmen enthalten außer den sonst üblichen Elementen noch die Angabe der Tonart und der einzelnen Instrumente bzw. Stimmen. Eine Liste der Neuerwerbungen wird außerdem in regelmäßigem Turnus auf dem Katalog ausgestellt und zum Aushang an die Akademie geschickt.

Die Bestände des Lortzing-Archivs, die aus fürstlichem Besitz und der Sammlung Kruse stammen, sind in dem Musikkatalog mit verarbeitet. Es besteht aber darüber hinaus dafür noch ein spezieller Kreuzkatalog(13), ein systematischer Katalog wird noch bearbeitet.

Unter den Spezialsammlungen der Landesbibliothek nimmt das Grabbe-Archiv eine Sonderstellung ein. Die Sammlung wurde im Jahre 1938 durch das Land Lippe von ihrem Begründer, dem Grabbeforscher Dr. Alfred Bergmann, erworben und als „Grabbe-Archiv Dr. Alfred Bergmann“ der Lippischen Landesbibliothek einverleibt.

Außer einem Buchbestand von etwa 12.000 Bänden besitzt das Grabbe-Archiv etwa 500 Handschriften, eine Bildersammlung mit zeitgenössischen graphischen Blättern, Bühnenbildentwürfen und Kostümfigurinen, eine Sammlung von Zeitungsausschnitten und eine Foto-Sammlung. Diese Bestände sind nicht im Magazin untergebracht, sondern in eigenen Räumen aufgestellt.

Die Druckschriften sind in den allgemeinen Alphabetischen Katalog aufgenommen. Sie sind darüber hinaus in einem alphabetischen Spezialkatalog verzeichnet, außerdem gibt es einen Katalog der Handschriften.

Leider fehlt es aber noch an der so überaus wichtigen sachlichen Erschließung dieser wertvollen Bestände. Der weitaus größte Teil wurde allerdings von Prof. Bergmann in einem beschreibenden Katalog, der systematisch angelegt ist, erfaßt und wird von ihm jetzt im Auftrag des Landesverbandes Lippe zu Ende geführt. Da dieser Kata- log nach den Gesichtspunkten, die die Sammlung bestimmten, angelegt ist und überdies für jedes Werk den Bezug zu Grabbe vermerkt, also ein Abbild der Sammlung, wie sie gewachsen ist und von ihrem Schöpfer konzipiert wurde, darstellt, ist es zu wünschen und zu hoffen, daß Prof. Bergmann diese Arbeit bald abschließen kann und der Katalog der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird. Wegen des hohen quellenkundlichen Wertes  wäre die Publizierung durch den Druck durchaus im Sinne der heutigen Forschung.

Um dem Benutzer auch die Neuzugänge der Bibliothek zu erschließen und ihn mit ihren Anschaffungsprinzipien bekanntzumachen, sind zwei weitere Einrichtungen geschaffen, in denen die bereits erwähnten jährlichen Zugangsverzeichnisse von Preuß und Anemüller ihre Nachfolge finden.

Zweimal jährlich erscheint eine Liste der Neuerwerbungen, in der die Zugänge des letzten halben Jahres in Auswahl verzeichnet sind. Sie umfaßt jeweils etwa 1000 Titel, die nach 24 Sachgebieten, entsprechend der Systematik der „Deutschen Bibliographie“, verzeichnet sind. Hinter den bibliographisch genauen Titeln ist die Signatur der Bücher vermerkt, so daß ohne weiteres danach Bestellungen aufgegeben werden können. Die Liste, die maschinenschriftlich vervielfältigt ist, erscheint in einer Auflage von 500 Stück und wird in erster Linie an auswärtige Benutzer, Behörden, Schulen usw. versandt. So kann auch derjenige, der nicht in Detmold und der näheren Umgebung wohnt, sich über die wichtigen Neuerwerbungen seines Interessengebietes unterrichten und seine Bestellungen aufgeben. Auch ältere und gehbehinderte Benutzer in Detmold machen gern von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Eine Auswahl von 24 Büchern aus verschiedenen Sachgebieten, die dem allgemeinen Interesse entgegenkommen, wird in vierzehntägigem Turnus im Lesesaal ausgestellt. Sie dient vorwiegend der Information derjenigen Besucher der Bibliothek, die kein Spezialgebiet bearbeiten, sondern sich im allgemeinen unterrichten und weiterbilden wollen. Die ausgestellten Bücher können für die spätere Entleihung vorgemerkt werden.

Fazit

Zur Erschließung der Bestände der Lippischen Landesbibliothek dienen also heute folgende Einrichtungen:

  • Der Alphabetische Katalog. Er enthält den Gesamtbestand an Druckschriften.
    Der Sachkatalog. Darin ist der gesamte Bestand, nach Wissensgebieten geordnet, verzeichnet. Ausgenommen sind die Fachabteilungen Lippe und Musik.
  • Der Lippe-Katalog. Er weist das gesamte selbständig und unselbständig erschienene Schrifttum über Lippe in einem alphabetischen und einem systematischen Katalog nach.
  • Der Musikkatalog. Er besteht aus einem systematischen Katalog für Musikschrifttum und Noten und aus einem alphabetischen Katalog für Noten. Zusätzlich ist ein eigener Kreuzkatalog des Lortzing-Archivs vorhanden.
  • Der alphabetische Katalog des Grabbe-Archivs. Er enthält den Gesamtbestand des Archivs an Druckschriften.
  • Der Biographische Katalog. Er verzeichnet die Literatur über Leben und Werk einzelner Personen.
  • Der Ortskatalog. Er vereinigt das gesamte Schrifttum, das über einzelne Orte erschienen ist.
  • Der Bilderkatalog. Er weist die Bilderbestande sowohl nach Künstlern als auch nach Gegenständen (Orte, Persönlichkeiten) geordnet nach.
  • Der Lesesaal-Katalog. Er gibt in einem systematischen Standortkatalog und einem alphabetischen Katalog Auskunft über die Handbibliothek des Lesesaals.
  • Für den neuerrichteten Zeitschriften-Lesesaal wird ein alphabetischer und ein systematischer Katalog der laufend gehaltenen Zeitschriften eingerichtet.
  • Für die Handschriften dient noch der von Preuß errichtete Bandkatalog. Die Musiker-Autographen sind in den Musikkatalog eingearbeitet.
  • Der Auswahlkatalog für schöne Literatur. Er ist nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet und gibt kurze Anmerkungen über den Inhalt der Bücher.
  • Die Liste der Neuerwerbungen. Sie enthält in Auswahl die Anschaffungen des letzten halben Jahres. Sie wird auf Wunsch zugesandt oder kann in der Bibliothek eingesehen werden.

Der Alphabetische und Sachkatalog stehen im Katalograum. Auf der Empore des Katalograums sind die Kataloge der Sondersammlungen sowie der Orts- und der Biographische Katalog aufgestellt. Der Katalog für schöne Literatur befindet sich in der Leihstelle. Der Spezialkatalog des Lortzing-Archivs, der Bilderkatalog und das Handschriftenverzeichnis sind in den entsprechenden Diensträumen untergebracht, sie können auf Wunsch eingesehen werden.

Wenn in der vorliegenden Arbeit versucht wurde, am Beispiel der Kataloge einen Beitrag zur Geschichte der Lippischen Landesbibliothek und ihrer Bibliothekare zu geben, so sollte sie doch nicht weniger den Außenstehenden einen Einblick in die Arbeit des Bibliothekars an einer modernen wissenschaftlichen Bibliothek vermitteln. Denn gerade der Katalog, der dem Benutzer Auskunft über Bestand, Aufbau und Wachstum der Büchersammlung gibt, gehört zu den Abteilungen, in denen sich die Begegnung mit der Öffentlichkeit vollzieht und eine geistige Auseinandersetzung statthaben kann. Nicht zuletzt aber war es das Bestreben, den Katalog als praktisches Arbeitsinstrument vorzuführen und dem Besucher der Bibliothek Hinweise zu geben, sich seiner mit Erfolg zu bedienen.

Anmerkungen

  1. Siehe den Beitrag von E. Kittel in diesem Band.
  2. Als Conspectus bezeichnet man das Klassifikationsschema, das als Inhaltsverzeichnis jedem Band vorangestellt wird. Die Notation kennzeichnet durch eine Kombination von Zahlen und Buchstaben die Stelle der Systematik, der das betreffende Buch zugewiesen ist. Bei Bandkatalogen kann die Seitenangabe als solche dienen.
  3. Krug, Wilhelm Traugott: Enzyklopädisches Handbuch der wissenschaftlichen Literatur. Bd. 1-3. – Leipzig & Züllichau 1804-1819. – Ersch, Johann Samuel: Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit. Bd. 1 bis 4. – Leipzig 1812-1814. Neue Ausg. 1822-1837.
  4. Heeren, Arnold Hermann Ludwig: Christian Gottlob Heyne. Biographisch dargest. – Göttingen 1813.
  5. Schrettinger, Martin: Versuch eines vollständigen Lehrbuches der Bibliothek-Wissenschaft oder Anleitung zur vollkommenen Geschäftsführung eines Bibliothekärs. [Bd. 1.] H. 1-3 – Bd. 2. – München 1808-1829. – Bespr. Dazu in: Jenaische Allgemeine Litteratur-Zeitung. Jg. 18. 1821. Nr. 70 und 71.
  6. Diese Pappkästen haben den Vorteil, dass sich ihre Vorder- und Rückwand schräg stellen lässt, so dass man bequem in den einliegenden Karten blättern kann.
  7. Instruktionen für die Alphabetischen Kataloge der Preußischen Bibliotheken vom 10. Mai 1899, 2. Ausg. in der Fassung vom 10. August 1908. – Berlin 1909.
  8. S. unten S. 82-84.
  9. Die Abteilung „L“ Lippe und „Mus“ Musik sind in Sonderkatalogen erfasst. Vgl. S. 82-84.
  10. Weerth, Otto, und Ernst Anemüller: Bibliotheca Lippiaca. Übersicht über die landeskundliche und geschichtliche Literatur des Fürstenthums Lippe. – Detmold 1886.
  11. Vgl. Lippische Bibliographie, Vorwort, S. VIII f.
  12. Preuß, Otto: Die baulichen Alterthümer des Lippischen Landes. – Detmold 1873. 2. verm. U. verb. Aufl. 1881.
  13. In einem Kreuzkatalog werden die Titel sowohl unter dem Verfassernamen als auch unter dem Schlagwort in einem einheitlichen Alphabet erfasst.

Quellen und Literatur

  • Lippische Landesbibliothek. Kataloge.
  • Staatsarchiv Detmold. Akten L 77 A, Fach 104a Nr. 1.2. L 79 III, Fach 313, Nr. 1.
  • Hansen, Wilhelm: Lippische Bibliographie. Hrsg. vom Landesverband Lippe. Mit Hinweisen auf die Buchbestände der Lippischen Landesbibliothek. – Detmold 1957.
  • Haxel, Heinrich: Lippe vor 100 Jahren. Aus dem „Antiquarischen Album“ der Lippischen Landesbibliothek. Im Auftr. des Lippischen Heimatbundes. – Detmold 1961. Darin S. 4-27: Die Lippische Landesbibliothek. Ein geschichtlicher Rückblick.
  • Haxel, Heinrich: Die Musikbestände der Lippischen Landesbibliothek. – In: Mitteilungsblatt. Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen. N. F. Jg. 4. 1953/54, S. 62-66.
  • Fürstliche Landesbibliothek zu Detmold. Katalog der Zugänge der Jahre 1869-1895. (Hrsg.: Ernst Anemüller.) – Detmold 1896.
    Fortges. u. d. T.: Zugänge der Fürstlichen (19ff.: Lippischen) Landesbibliothek zu Detmold. Zugänge der Jahre 1896-1929. 2-22. – Detmold 1902-1929.
  • Kiewning, Hans: Das Lippische Landesarchiv in Detmold. – In: Archivalische Zeitschrift. Bd. 42/43. 1934, S. 281-321.
  • Kiewning, Hans: Die Landesbibliothek. – In: Die Lippische Landesverwaltung in der Nachkriegszeit. Hrsg. v. Heinrich Drake. – Detmold 1932, S. 203-206.
  • Kittel, Erich: Die Einrichtung der Öffentlichen Bibliothek zu Detmold 1818-1824. – In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde. Bd. 38. 1969, S. 151-168.
  • Wellner, Franz Wilhelm: Fortgesetzte Anzeige der auf Hochgräfl. Lippischen öffentlichen Bibliothek befindlichen Pergamen und anderen Handschriften. – Lemgo 1774. Detmold, Provincial-Gymn. P. 1774. http://s2w.hbz-nrw.de/llb/content/titleinfo/1470764 
  • Wellner, Franz Wilhelm: Erster Versuch einer Nachricht von der Hochgräflich-Lippischen öffentlichen Bibliothek zu Detmold, worin zugleich einige Handschriften auf Pergament näher beschrieben werden. – Lemgo 1773. Detmold, Provincial-Gymn. P. 1773.
    http://s2w.hbz-nrw.de/llb/content/titleinfo/1470733

Für mündliche Auskünfte bin ich den Damen Dr. B. Schladebach, A. Priester und I. Ch. Wolf zu Dank verpflichtet.