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Die Anfänge der Lippischen Landesbibliothek. Ein dokumentarischer Bericht

von Erich Kittel

[Für diese Online-Fassung wurde der Beitrag mit Zwischenüberschriften versehen, die nicht vom Autor stammen.]

Druckfassung in: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Lippischen Landesbibliothek / hg. von Karl-Alexander Hellfaier. – Detmold : Selbstverlag der Lippischen Landesbibliothek, 1970, S. 41-67.

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Inhalt
Die Initiative der Fürstin Pauline 1818
     ↓ P[ro] M[emoria] (der Fürstin Pauline 1818)
     ↓ P[raemissis] P[raemittendis] (Rundschreiben des Kammerdirektors Helwing Oktober 1818)
     ↓ Votum I (Gutachten des Archivrats Clostermeier November 1818)
     ↓ Votum II. (Gutachten des Vizekanzleidirektors Ballhorn Rosen, November 1818)
     ↓ Votum III. (Generalsuperintendent Weerth im November 1818)
     ↓ Votum IV. U[ntertänigstes] P[ro] M[emoria] (des Kammerdirektors Helwing, Dezember 1818)
Das Profil der öffentlichen Bibliothek von 1824
     ↓ Instruktion des Archivrats Clostermeier von 1823
     ↓ Anweisung der Regierung an den Kammerregistrator Wasserfall von 1823
Die Ära Otto Preuß
     ↓ Zirkularverfügung der Regierung von 1875
     ↓ Dienstanweisung für den Bibliothekar an der Landesbibliothek [als Entwurf vorgelegt vom Geh. Ober-Justizrat O. Preuß am 21. Jan. 1891].
Bemerkungen aus heutiger Sicht
Anhang: Die Leiter der Öffentlichen Bibliothek (Landesbibliothek) in Detmold während der letzten 200 Jahre
Anmerkungen

Die Initiative der Fürstin Pauline 1818

Graf Simon VI. zur Lippe war ein in mancher Hinsicht aus dem üblichen Rahmen herausfallender Landesherr.(1) Er war Kreisoberst des westfälischen Reichskreises und Reichshofrat Kaiser Rudolfs II., im Besitz der Bildung seiner Zeit, künstlerisch begabt und in seinen Beziehungen zu Gelehrten und Künstlern ein echter Renaissancefürst. Als er 1613 starb, ließ der Sohn Simon VII. die hinterlassene gelehrte Bibliothek seines Vaters zur Benutzung durch die Beamten, Geistlichen und Schulmänner im Detmolder Gymnasium aufstellen. Diese herrschaftliche oder öffentliche Bibliothek, die bis ins 18. Jahrhundert hinein vom Archivar des Landes mit verwaltet wurde, ohne Mittel für Neuanschaffungen aber verkümmerte und zu keinerlei Bedeutung gelangen konnte, stellt gleichwohl den ältesten Bestand der heutigen Lippischen Landesbibliothek dar und verknüpft diese mit älteren Bibliotheksformen. Es bedurfte jedoch eines frischen Anstoßes, um auf völlig neuer Basis eine in die Zukunft weisende Entwicklung einzuleiten. Er kam von der Fürstin Pauline zur Lippe,(2) geborenen Prinzessin von Anhalt-Bernburg, die nach dem Tode ihres Gatten Fürst Leopold I. († 1802) für ihren minderjährigen Sohn Leopold II. († 1851) bis zum Jahre 1820 die Regentschaft geführt hat. Das Land Lippe hat der die soziale und wirtschaftliche Wohlfahrt des Landes fördernden segensreichen Regierung dieser Fürstin, die Treitschke als eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit bezeichnet hat und die das kleine Land mit fester Hand durch die Wirren der napoleonischen Zeit hindurchführte, ein dankbares Andenken bewahrt. Zu ihren Verdiensten um das Land zahlt auch die Einrichtung einer neuen öffentlichen Bibliothek, der jetzigen Landesbibliothek, deren Eröffnung im Jahre 1824 sie nicht mehr erlebte, da sie noch im Jahre 1820 nach Niederlegung ihrer Regentschaft gestorben ist.

Die folgenden Dokumente geben Aufschluß über die von der Fürstin veranlaßten Maßnahmen, den Verlauf der Angelegenheit und die verschiedenartigen Vorstellungen und Ideen der dabei Beteiligten.(3) Das war zunächst der aus Regensburg stammende Archivar Christian Gottlieb Clostermeier, Jurist, Verfasser einer Schrift „Wo Hermann den Varus schlug“ von 1822, väterlicher Freund des jungen Freiligrath, der ihm ein dankbares Gedächtnis bewahrt hat; seine Tochter hat nach seinem Tode Grabbe geheiratet. Clostermeier war ein schwieriger und auch mißtrauischer alter Herr, der die Belastung des auf ihn zukommenden neuen Amtes scheute und trotz großer Erfahrung und Sachkunde das Vorhaben von sich aus nicht gerade sehr gefördert hat. – Vizekanzleidirektor Friedrich Ernst Ballhorn, der seinem Namen den dann von seinen Nachkommen allein geführten Namen Rosen hinzufügte, hatte sich als Göttinger Dozent der Rechtswissenschaft gewinnen lassen, Mentor von Paulinens Söhnen zu werden; er betätigte sich als Ratgeber der Fürstin bei der Justizreform und als ihr Vertreter gegenüber dem Bundestag in Frankfurt. Als Gutachter über den Bibliotheksplan ist Ballhorn Rosen wohl wegen seiner Gelehrsamkeit auch auf philologischem Gebiet herangezogen worden. Er wurde der Stammvater der Gelehrtenfamilie Rosen, aus der auch der deutsche Außenminister des Jahres 1921, Friedrich Rosen, hervorgegangen ist. – Ballhorn Rosen war befreundet mit dem Generalsuperintendenten Ferdinand Weerth aus Kettwig, in dem die Fürstin Pauline den dringend benötigten Reformer des Elementarschulwesens fand. Wir besitzen von Weerths Hand eine ausführliche Darstellung „Über die Elementar-Schule im Fürstenthum Lippe“ von 1810. Weerth erfreute sich wegen seiner Klugheit und seiner Verdienste um das Schulwesen der besonderen Hochschätzung der Fürstin, während Clostermeier ihn als Gegenspieler und, wie er meinte, Konkurrent um die Direktion der Bibliothek fürchtete. Jüngster Sohn des Generalsuperintendenten war der von Friedrich Engels als „erster und bedeutendster Dichter des deutschen Proletariats“ bezeichnete und neuerdings weithin bekanntgewordene Georg Weerth. – Kammerdirektor Friedrich Wilhelm Helwing, Sohn des Lemgoer Gymnasialdirektors und Schwager des preußischen Staatsmannes Christian Wilhelm von Dohm, hat sich im lippischen Verwaltungsdienst und auch in auswärtigen Angelegenheiten bewährt; bei einem Anlaß dieser Art hat er einmal ein Donnerwetter des Freiherrn vom Stein über sich ergehen lassen müssen. Die Wiener Bundesakte von 1815 trägt auch seine Unterschrift. Clostermeier hat auch in Bezug auf Helwing nicht mit kritischen Bemerkungen gespart. In der Bibliotheksangelegenheit wurde er federführend wegen der in die Zuständigkeit der Rentkammer fallenden Bereitstellung des Lokals und seiner Ausstattung.

Die Planungen begannen mit einem diesbezüglichen Auftrag der Fürstin Pauline an die von ihr dafür ausgesuchten Räte am 31. Oktober 1818 und endeten mit der Regierungsanordnung zur Durchführung vom 6. Juli 1819. Die bibliotheksgeschichtlich nicht unwichtigen Schriftstücke(4) folgen unter Anpassung an die moderne Orthographie in ihren wesentlichen Teilen im Wortlaut:

P[ro] M[emoria] (der Fürstin Pauline Oktober 1818)

Es war schon lange mein Wunsch, die hiesigen verschiedenen Büchersammlungen zu einer Bibliothek zu vereinigen. Ich trage Ihnen, lieber Herr Kammerdirektor, auf, darüber mit dem Generalsuperintendenten, Vizekanzelei-Direktor und Archivrat Rücksprache zu nehmen und einen Plan bilden zu lassen. Als Lokal hatte vorher der Kammerrat Gercke die Zimmer im Pavillon des Reithauses vorgeschlagen, die früher das Absteigequartier des Regierungsrat Wippermann waren und jetzt ad interim Kanzeleiregistratur sind. Sie werden sich durch Zustandbringung dieser nützlichen Einrichtung meinen Dank erwerben und die Allgemeinheit der hiesigen Gebildeten verpflichten. Gern werde ich eine kleine Summe jährlich dazu bestimmen.

Detmold, den 31sten Oktober 1818

Pauline

Der Kammerdirektor Helwing richtete daraufhin an die genannten zuständigen Landesbediensteten, den Generalsuperintendenten Weerth, den Vizekanzleidirektor Ballhorn Rosen und den Archivrat Clostermeier in umgekehrter Reihenfolge dieses Rundschreiben:

P[raemissis] P[raemittendis] (Rundschreiben des Kammerdirektors Helwing Oktober 1818)

In Beziehung auf die Anlage s[ub] p[etitione] r[emissionis] bitte ich Ew. Wohlgeb. um Ihr gefälliges Gutachten über die Vereinigung der Fürstlichen, Prinz Augustischen, Regierungs- und Kammer- und allenfalls auch der Schul-Bücher-Sammlungen zu einer zu stiftenden und demnächst jährlich aus dem gnädigst zu bestimmenden Fonds zum Gebrauche der geistlichen und weltlichen hiesigen Dienerschaft zu organisierenden Bibliothek, welche insgesamt Sie durch die Mitteilung der Grundzüge eines zweckmäßigen Plans der höchsten Absicht Serenissimae gemäß patriotisch verbinden werden.

Den 31. Oktober 1818

Helwing

Die daraufhin erstatteten Gutachten haben folgenden Wortlaut; es begann Clostermeier:

Votum I (Gutachten des Archivrats Clostermeier November 1818)

Unmaßgebliches Gutachten über die Vereinigung der hiesigen Büchersammlungen zu einer zu stiftenden und demnächst jährlich aus dem gnädigst zu bestimmenden Fonds zum Gebrauche der geistlichen und weltlichen hiesigen Dienerschaft zu organisierenden Bibliothek.

Wenn die Absicht einer zu stiftenden öffentlichen Bibliothek sich auf die Vereinigung der Schloßbibliothek und der Büchersammlungen des hochseligen Prinzen August, der Regierung und Kammer mit der Bibliothek auf dem Schulhofe beschränken sollte, so würde das hiesige Publikum nur den Vorteil erhalten, jene verschiedenen Sammlungen von Büchern an einem einzigen Orte beisammen zu finden, sich von dem, was da ist, durch eigene Ansicht unterrichten und auf dem kürzesten Weg diejenigen Bücher mitgeteilt erhalten zu können, die ein jeder zu seiner Belehrung oder seinem Gebrauch benutzen wollte. Nicht daran zu gedenken wäre aber, daß durch jene Vereinigung sich zufällig gebildeter und hinter unserm Zeitalter weit zurückgebliebener Büchersammlungen nur in irgendeinem Fache des gelehrten Wissens, wäre es auch ein Hauptfach wie z. B. die Theologie oder Jurisprudenz, etwas nur einigermaßen oder nur bis zu einem gewissen bestimmten Zeitpunkt Vollständiges zusammengebracht – oder daß durch die Zusammenschmelzung der etwaigen einzelnen Fonds dieser verschiedenen Büchersammlungen in eine Masse die Mittel gewonnen werden könnten, mit welchen sich doch für irgendeinen gelehrten Zweck etwas Befriedigendes leisten ließe.

Die älteste und auch zahlreichste hiesige Büchersammlung ist die herrschaftliche Bibliothek auf dem Schulhofe, gewöhnlich unrichtig die Schulbibliothek genannt. Sie entstand aus der Bibliothek des Grafen Simon des VI., welche sein Sohn und Nachfolger in der Regierung Graf Simon VII., im Jahr 1614 in dem zu einem Gymnasium eingerichteten vormaligen Augustiner-Nonnenkloster aufstellen ließ, nachdem die von dem hiesigen Pfarrer und Superintendenten Magister Johann von Exter, dem im Jahre 1599 verstorbenen Verfasser der ältesten Lippischen Kirchenordnung, nachgelassenen Bücher mit jener vereinigt worden waren. [Es folgen Nachrichten über Bücherverluste im 17. Jahrhundert, Ablieferung von Pflichtexemplaren der Meierschen Hofbuchdruckerei in Lemgo, eine Abgabe von 4 Thlr. durch jeden zugelassenen Advokaten bei seiner Rezeption (bis 1793) und sonstige gelegentliche Zuwendungen an diese Bibliothek, ferner über den Übergang ihrer Verwaltung vom Archivar Knoch an den Rektor Wellner 1771 und die Anfertigung eines Katalogs durch Konrektor Finke und Prorektor Röderer.]

Die zweite hiesige Büchersammlung sowohl dem Alter als der Anzahl der Bücher nach ist die herrschaftliche Bibliothek auf dem Residenzschloß. Von ihrem ersten Anfange ist mir nichts Bestimmtes bekannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist sie aus den Handbibliotheken dreier regierender Herren, der Grafen Friedrich Adolph († 1718), Simon Heinrich Adolph († 1734) und Simon August († 1782) entstanden; sie hat also mit dem 18. Jahrhundert zu existieren angefangen. Die meisten Bücher, die sie enthält, sind aus dem Zeitalter des Grafen Simon August, nach dessen im Jahr 1782 erfolgten Absterben sie auch, einige wenige Kontinuationen abgerechnet, keinen Zuwachs weiter erhalten hat. [Es folgen Angaben über einen Katalog von 1783, die unzulängliche Unterbringung der Bibliothek und ihre Verwaltung.] Nach der Rückkunft des hochsel. Fürsten Friedrich Wilhelm Leopolds von der Universität zu Leipzig wurden die Bücher, die zu hochdesselben Erziehung und Bildung gedienet hatten, im Jahr 1791 und nach dessen Ableben im Jahr 1802 auch die von hochdemselben zur Hand behaltenen Bücher auf jenes Bibliothekzimmer gebracht. Die damalige hohe Kuratel hatte mir darüber im Jahr 1793 die Aufsicht mit einem jährlichen Gehalt von 20 Thlr. aufgetragen ... In jenem Bibliothekszimmer mögen sich praeterpropter 2500 Bände finden.

Die Prinzlich Augustische Bibliothek bestehet bloß aus den während hochdesselben Erziehung gesammelten Werken und mag nach Abzug dessen, was davon in den Jahren 1810 und 1811 an das hiesige Gymnasium abgegeben worden ist, etwan 400 Bände stark sein. Sie stehen noch auf der Burg in zwei Schränken und sind jetzt landesherrliches Eigentum. Wegen gänzlich mangelnden Raumes konnten sie nicht in das Bibliothekszimmer auf dem Schlosse, wohin sie gehören, gebracht werden.

Die Büchersammlung der Regierung hat vermutlich mit der Regierung des Grafen Simon August, also mit der Mitte des 18. Jahrhunderts, angefangen. Sie enthält bis zum Jahr 1786, mit welchem ich bei meiner Dienstanstellung die Aufsicht darüber übernahm, nur solche Bücher, welche zum Behuf der Betreibung der herrschaftlichen Prozesse angekauft worden waren. Wie schon oben gedacht, wurden seit dem Jahr 1793 die vier Thaler, welche die Advokaten bei ihrer Rezeption bezahlen müssen, an mich abgegeben. Diese Gelder haben mich mit Einschluß des Erlöses von verkauften alten archivalischen Papieren bei Gelegenheit der Transportierung des Archives aus dem Schlosse in das neue Archivgebäude in den Stand gesetzt, gelegentlich in Auktionen manches gute historische Bibliothekwerk sehr unter dem Preise und auch neue, für die kurrenten Geschäfte brauchbare Bücher anzukaufen. Mit Einschluß der von der Regierung gehaltenen Journale, welche des Bindens wert sind, hat sich die Zahl der Bände der Regierungsbibliothek, ungeachtet auf besondere Verfügung der Regierung nur wenig angeschafft ist, mehr als verdreifacht; sie befaßt jetzt über 600 Bände.

Von einer Kammer-Büchersammlung weiß ich nichts. Auf der Kammerregistratur findet sich zwar die bereits auf 125 Bände angewachsene Krünitzische Enzyklopädie, gehört aber in die Schloßbibliothek als daraus ausgeliehen. Nun weiß ich zwar wohl, daß für Rechnung Fürstlicher Rentkammer verschiedene Bücher angeschafft worden sind, auf dieselben ist aber vorerst bei Aufstellung einer neuen Bibliothek kein Anschlag zu machen, weil sie von Gliedern Fürstlicher Rentkammer gebraucht werden. Kommen nun alle spezifizierten einzelnen Büchersammlungen zu einer einzigen Bibliotheksmasse zusammen, so wird solche 7000 bis 8000 Bände stark werden. Ich schlage hierbei, jedoch nicht mit völliger Gewißheit, die Bibliothek auf dem Schulhofe auf etwa 4000 Bände an, ohne die alten theologischen, nichts mehr nützenden Bücher mitzurechnen.

Ist die Vereinigung geschehen, so hat der künftige Bibliothekar zwei Kataloge, einen wissenschaftlich geordneten oder Realkatalog und einen alphabetischen Katalog zu verfertigen. Folgendes Verfahren scheint mir dabei das zweckmäßigste. [Es folgen ausführliche, ins einzelne gehende Angaben über die provisorische getrennte Aufstellung der einzelnen Sammlungen nach ihren Katalogen, eine Verzettelung des ganzen Bestandes und seine endgültige Katalogisierung und systematische Aufstellung. Gedacht war an eine Ordnung] „nach den verschiedenen Wissenschaften und ihren gewöhnlichen Ein- und Untereinteilungen, soweit sich damit nach dem vorhandenen Vorrat gehen läßt“.

[Beschreibung des vorgesehenen Lokals im Pavillon des Reithauses und die Möglichkeiten zur Aufstellung der Bücher. Kosten der ersten Einrichtung.] Durch jene Vereinigung würde allerdings, wie schon oben gedacht ist, etwas, aber noch lange nicht genug geschehen, wenn es darauf ankommen sollte, eine allgemein oder auch nur beschränkt auf gewisse Zwecke nützliche und sich desfalls auszeichnende Bibliothek zu gründen. Über den von mir geforderten Plan zu einer für den Gebrauch der hiesigen geist- und weltlichen Dienerschaft zu organisierenden Bibliothek kann ich mich mit Konsequenz nicht eher bestimmt erklären, als bis der Präjudizial-Punkt: wieviel zum Behuf dieser Bibliothek jährlich ausgeworfen werden wolle?, festgesetzt ist. Soll die ganze hiesige Dienerschaft von der neu zu organisierenden Bibliothek Gebrauch machen können, so darf kein Teil der Gelehrsamkeit von derselben ausgeschlossen bleiben. Außer dem ganz weiten Umfang der Jurisprudenz und Theologie, der Geschichte und ihrer vielen Hilfswissenschaften, der theoretischen und praktischen Philosophie, der Mathematik, der Geographie, der Polizei, der Politik, Statistik, der Finanz- und Kameralwissenschaft, des Kommerz-, Manufaktur- und Fabrikwesens und der Landwirtschaft müßte auch noch das ganze Fach der Heil- und Wundarzeneikunde, der Chemie und Apothekerkunst, der Physik und Naturgeschichte, der Geologie und Bergwerkswissenschaften, der Pädagogik, der Archäologie, der Kunst, der griechischen und römischen klassischen Literatur, der morgenländischen Sprachen, der Mythologie der griechischen, römischen und deutschen Altertümer, der schönen Künste und Wissenschaften und was mir sonst noch nicht alles gleich beifallen will, mit in den Plan aufgenommen werden. [Folgen Hinweise auf die personellen und Sachkosten zur Durchführung eines solchen Planes.]

Ich zweifle sehr daran, daß Serenissima Regens sich zu einem so großen jährlichen Aufwand außer den auch nicht unbedeutenden Kosten der ersten Einrichtung entschließen wollen. Da es jetzt wohl zu spät ist, an die Fundation einer alle Teile der Wissenschaften umfassenden Bibliothek zu denken, so scheint es mir ratsam, sich darauf zu beschränken, doch etwas zur Befriedigung gelehrter Bedürfnisse zu tun, da für alle nicht mehr – ohne einen verhältnismäßig zu großen Aufwand – gesorget werden kann. Es würde schon erwünscht sein, wenn auf den Grund der vereinigten Büchersammlungen nur eine einigermaßen vollständige Geschäftsbibliothek zum Behuf der bei Fürstlicher Regierung und Rentkammer und bei den höheren Justizkollegien angestellten Staatsdiener gestiftet werden könnte. Und dieser Zweck ließe sich mit einer jährlich anzuwendenden Summe von 200 Thlrn. wohl nach und nach erreichen. Nun verstünde es sich aber von selbst, daß theologische und pädagogische Schriften im weitesten Sinne, ferner alle philologischen, humanistischen, aesthetischen und artistischen Werke, desgleichen die medizinischen, chirurgischen, physischen, chemischen und naturhistorischen Bücher (jedoch mit Ausnahme derjenigen, welche die medizinische Polizei und die praktische Bergwerkskunde zum Gegenstand haben, da sich solche für die Geschäftsbibliothek qualifizieren) außer dem Plan gelassen würden.

Zum Bibliothekar schlage ich einen jungen Mann vor, der sich auf Universitäten den Rechtswissenschaften gewidmet und Neigung zu literarischen Geschäften hätte, auch als Advokat examiniert wäre und eine gute leserliche Hand schriebe. Durch treue Pflichterfüllung würde derselbe sich zu weiterer Beförderung empfehlen und auch gewiß qualifizieren. In Hinsicht auf die Anschaffung der Bücher müßte das Augenmerk dahin gehen, insoweit es der jährliche Fonds gestattet, zu gleicher Zeit das Neueste und interessanteste aus den in den Plan der Bibliothek gehörigen Fächern anzukaufen und die in denselben aus älteren Zeiten sich findenden Lücken auszufüllen, welches letztere in Rücksicht älterer Werke durch die Benutzung in- und ausländischer Bücherauktionen geschehen könnte. Es würde Grundsatz sein, in der Regel vorzüglich größere, von einem schwach besoldeten Staatsdiener nicht leicht anzuschaffende Werke zu kaufen, doch sobald es die Vollständigkeit eines Faches erforderte oder sonstige Umstände es anrieten, könnten auch kleine Werke akquirieret werden. Dem Bibliothekar sind alle Korrespondenz-Auslagen zu vergüten. Inwieferne der Bücherankauf dem Gutfinden des Bibliothekars überlassen werden dürfte oder derselbe zu verpflichten wäre, zu jedem Ankauf erst die Genehmigung der Regierung oder einer sonstigen ihm vorgesetzten Behörde einzuholen, würde vorzüglich auf die Personalität des Bibliothekars ankommen. Immer hätte aber derselbe darauf Rücksicht zu nehmen, wenn von einem der bei oben genannten Kollegien angestellten Herren Räte ein vorzüglich zum Ankauf für die Bibliothek sich eignendes Werk zum Ankauf empfohlen würde. [Folgt Hinweis auf die Rechnungslegung.]

In keinem Fall könnte ich es für gut halten, die zu stiftende Geschäftsbibliothek auch auf theologische Werke, auf das Erziehungsfach, Schulschriften und Schulbücher auszudehnen. Mancherlei Reibungen und Contestationen über die Verwendung der Bibliothekgelder würden die Folge davon sein. Wie überall, so scheint es mir auch hier am besten, daß das geistliche und weltliche Departement voneinander geschieden bleibe. Ich will damit nicht sagen, daß Geistliche und Schulmänner nicht ebensogut als die übrigen Staatsdiener von der neuen Bibliothek sollten Gebrauch machen können. Nein! Dieser soll ihnen ebenmäßig offenstehen. Nur soll nichts von den Einkünften dieser Bibliothek für ihre besonderen Amtszwecke verwendet werden, die weltliche Geschäftsbibliothek unter keinem Einfluß einer geistlichen Behörde stehen. Dagegen halte ich für billig, daß – damit auch das literarische Beste der Geistlichkeit und des Schulstandes bei dieser Gelegenheit nicht zurückgesetzt werde – von der Summe, welche Serenissima Regens zur jährlichen Verwendung für das Bibliothekwesen gnädigst bestimmen werden, der vierte Teil der Geistlichkeit und dem Schullehrerstand zur eigenen Disposition durch einen als Bibliothekar zu bestellenden hiesigen gelehrten Schullehrer angewiesen würde. Das Lokal der bisherigen herrschaftlichen Bibliothek auf dem Schulhofe würde dann der Saal der neuen wahren Schulbibliothek, für dieselbe würden bei dem Transport der Bibliothek auf dem Schulhof in ihr neues Lokal alle theologischen Bücher, Schulbücher und Schulschriften und sonstige zum Unterricht gewidmete Werke zurückbehalten, auch alle unter diese Kategorie gehörige, in der herrschaftlichen Bibliothek auf dem Schlosse befindliche Bücher an jene abgeliefert. Dadurch erhielte sie sogleich einen guten Stamm und der zur Geschäftsbibliothek bestimmte Saal im Pavillon des Reithauses würde nicht auf einmal gleich so sehr überfüllt. Schon der Umstand, daß es schwer werden würde, einen Bibliothekar zu finden, der in der juristischen, staatsrechtlichen, finanz- und kameralwissenschaftlichen, theologischen, humanistischen und pädagogischen Literatur gleich stark bewandert wäre, spricht für die vorgeschlagene Trennung der Geschäftsbibliothek von der geistlichen und Schulbibliothek. [Beide Bibliothekare müßten miteinander kollegiale Verbindung halten und Doppelanschaffungen vermeiden.

Zweckmäßig wäre nähere Kenntnis von der von Professor Habicht geleiteten öffentlichen Bibliothek in Bückeburg und, wenn möglich, der Erwerb der wohl bald zum Verkauf kommenden Bibliotheken des Rektors Köhler und des Hofrats Scherf.]

Übrigens weiß ich noch zur Zeit diesem meinen unvorschreiblichen Gutachten nichts weiter beizufügen.

Detmold den 9. Nov. 1818

Clostermeier

Die folgenden Äußerungen sind jeweils unter Kenntnis der vorhergehenden Gutachten erfolgt. Der nächste war Vizekanzleidirektor Ballhorn-Rosen (mit mehreren nicht wiedergegebenen Unterstreichungen im Text):

Votum II. (Gutachten des Vizekanzleidirektors Ballhorn Rosen, November 1818)

Es ist nicht wohl möglich, zu dem alles berücksichtigenden und umfassenden Voto des Herrn Archivrat Clostermeier etwas hinzuzusetzen. Nur insofern möchte ich von seiner Ansicht abweichen, als ich bereits in der bloßen Vereinigung der hier vorhandenen fürstlichen Bibliotheken und der damit verbundenen Eröffnung derselben für das gebildete Publikum ein so großes Glück für die hiesigen Staatsdiener erkenne, daß ich selbiges nicht gern um der völligen Reife eines Plans zur Vergrößerung und Vervollkommnung des durch jene Vereinigung Hervorgebrachten oder vielmehr noch erst Hervorzubringenden abhängig bleiben lassen mögte.

Nach meiner Überzeugung reicht der Saal im Pavillon des Reithauses völlig hin, eine Bibliothek von 10.000 Bänden auf eine Art zu fassen, welche die sukzessive Harmonisation ihrer Teile und ihre Ergänzung und weitere Vermehrung bis auf 15.000 Bände zuläßt; denn man kann bei einer gut katalogisierten Bibliothek manchen Raum, namentlich in der Höhe, benutzen, den man bei einer nicht also verzeichneten Sammlung von Büchern, deren jedes einzelne mit den Augen allein aufgefunden werden muß, nicht wohl gebrauchen könnte. Die Kosten der Einrichtung des Saals und des Zimmers für den Bibliothekar und für die Kataloge können nicht überschwänglich sein. Das Lokal ist also da, worin die schon vorhandenen Bücher aufgestellt werden können. Was die letzten betrifft, so halte ich auch die Trennung einer eigentlichen Schulbibliothek von der Hauptbibliothek für sehr zweckmäßig, bemerke aber dabei, daß die bisherige sogenannte Schulbibliothek viele Bücher besitzt, welche garnicht dorthin gehören, daß auch viele Bücher daselbst gefunden werden, die nur noch für den Bibliologen im engeren Sinne einen Wert haben und daher in die Hauptbibliothek zu bringen wären.

Was das Personal betrifft, so wage ich kaum etwas davon zu sagen. Mich dünkt, daß keiner unter uns zweifeln kann, daß wir gerade in Detmold einen Mann haben, der alle Eigenschaften, welche zu einem Bibliothekar gehören, schon längst so trefflich bewährt, als unsere Wünsche nur reichen mögen. Einen jungen Gehülfen – Sekretär – könnten Serenissima aus drei jungen Männern leicht wählen, welche zuletzt die Akademie verlassen und sich in vieler Beziehung ausgezeichnet haben, deren jeder auch – eine kleine Geldremuneration ungerechnet – den Vorteil für seine eigene Bildung zu schätzen wüßte, der mit seiner Tätigkeit unter der Leitung des gelehrten Bibliothekars sich für ihn ergäbe. – Ist es Eitelkeit oder Liebe zu dem Göttingischen Beispiele oder beides – etwas von dem ersteren ist es gewiß –, wenn ich noch die Anordnung einer Bibliothek- Kommission bestehend aus den Personen, welche Serenissima der Sache halber zum Gutachten aufgefordert haben, als dem Bibliothekar beiratende Behörde in Vorschlag bringen mögte? Diese Kommission könnte auch in Beziehung auf den vorseienden Zweck als Organisations-Kommission betrachtet werden. Sie könnte mit dem Bibliothekar Serenissimae über die Anwendung einer von höchstderselben für die Bibliothek jährlich zu bestimmenden Summe Vorschläge machen u.s.w.

Wie groß diese Summe sein müsse? – Man sollte keinen Juristen darum fragen! – Nicht ohne Beschämung gestehe ich, alles der Bibliothek Würdige, was die beiden Messen im Fache des Zivilrechts liefern, jährlich mit 15 Rthrn ankaufen zu können. An alten juristischen Sachen mögten etwa für 10 Rthr jährlich, je nachdem sich Gelegenheit bietet, zu kaufen sein. – Andere Fächer werden hoffentlich mehr erfordern! Darüber darf ich aber nicht befragt werden!

Die Größe der den Bemühungen des Bibliothekars und seiner Gehülfen angemessenen Remuneration wird Serenissima höchselbst zu bestimmen demnächst im Stande sein. So weit meine Meinung, die mir kaum sichtbar von dem Voto primo abzuweichen scheint. So gering ist die darin enthaltene Modifikation, die hauptsächlich nur darauf hinausgeht: Man bringe nur erst die Vereinigung zustande und versäume die Erreichung des wünschenswerten Erreichbaren nicht über dem Trachten nach dem wünschenswertesten Ideale! S[alvo] mleliori] u[t] slupra]

25. Nov. 1818

Ballhorn Rosen

Das dritte Votum erstattete Generalsuperintendent Weerth:

Votum III. (Generalsuperintendent Weerth im November 1818)

Herr Archivrat Clostermeier hat in seinem Voto zwei Gegenstände gesondert, und von jedem seine Ansicht mitgeteilt –, nämlich die Vereinigung der sich hier befindlichen verschiedenen Bibliotheken und die Organisierung einer für den Gebrauch der hiesigen weltlichen und geistlichen Dienerschaft bestimmten Bibliothek.

Was die erstere betrifft, so ist er so wie auch der Herr Vizekanzleidirektor Ballhorn der Meinung, daß die Vereinigung vorteilhaft sei, welcher Ansicht ich unbedingt beistimme. Nur durch sie wird es möglich, daß die vielen bereits vorhandenen guten Bücher nutzbar gemacht werden. Sich weiter darüber zu verbreiten, würde, da keine Verschiedenheit der Meinung obwaltet, ganz überflüssig sein. Da ebenfalls allgemein zugestanden wird, daß in den verschiedenen, sehr zufällig zusammengefügten Büchersammlungen sich eine Menge solcher Schriften findet, von der sich nicht absehen läßt, daß je von ihr wieder Gebrauch gemacht werde, so könnte das Geschäft der Vereinigung bedeutend erleichtert, an Raum sehr gewonnen und an Kosten erspart werden, wenn alles Überflüssige und Unnütze, sei es nun theologischen oder juristischen Inhalts, verkauft oder als Makulatur weggegeben und der Ertrag zu den Kosten der neuen Einrichtung verwandt würde. Höchstwahrscheinlich wird dann das Ganze auf die Hälfte reduziert. Wenn diese Sichtung vorgenommen wird, bevor die Bücher, welche man zu behalten gedenkt, ihrem jetzigen Lokal entnommen werden, so läßt sich der Überschlag machen, wie umfassend die neuen Repositorien sein müssen, und es wird sich dann auch ergeben, was dem Bibliothekar zugemutet werden könne, ob er eines oder mehrerer Gehilfen bedürfe und wie jener und diese zu remunerieren seien. Vorläufig wäre von jedem Aufseher der einzelnen Bibliotheken anzugeben, was nach seiner Ansicht zu verwerfen und zu behalten sei. – Von Serenissimae gnädiger Entscheidung hängt es ab, ob diese gutachtliche Angabe einer Prüfung durch eine etwa zu ernennende Kommission zu unterwerfen sei. [Die Bretter der alten Repositorien könnten wieder verwandt werden.]

Gegen den Vorschlag, daß von der allgemeinen Bibliothek die Schulbibliothek gesondert werde, läßt sich, wenn man ihn gehörig bestimmt, nichts einwenden. Verwechslung der Begriffe ist es aber, wenn die Schule mit der Theologie in Verbindung gesetzt und von einer weltlichen und geistlichen Bibliothek Rede ist. Mit der Schule hat die Theologie nichts mehr und nichts weniger zu schaffen als die Jurisprudenz oder die Kameralwissenschaften. Ein Gymnasium sorgt für die Grundlagen der allgemeinen Bildung behuf aller gelehrten Fächer. Die Lehrer an den Gymnasien sind jetzt bei weitem nicht immer Theologen, und daß es gewöhnlich der Scholarch ist, muß als etwas Außerwesentliches angesehen werden, es könnte ebensowohl der weltliche Rat des Consistorii oder ein anderer zum Scholarchen ernannt werden. – Es wird sich leicht bestimmen lassen, was zur Schulbibliothek zu rechnen sei, wohin bei weitem aber nicht alle Bücher gehören, die auch Schulmänner benutzen.

Bei der allgemeinen Bibliothek würde man sich sehr enge Grenzen setzen, wenn man sie auf das Dienstpersonal der höheren Kollegien, mit Ausschließung indessen des Consistorii, beschränken wollte, und zudem nur auf solche Schriften dachte, die zunächst die Fakultäts-Wissenschaft betreffen. In dem g[nädigsten] P[ro] M[emoria] der durchl. Fürstin ist von den Gebildeten überhaupt Rede, und man darf hoffen, daß höchstdieselbe auch diejenige, die nicht in loco sind, an der Wohltat eines solchen Instituts teilnehmen zu lassen geruhen werden. Mir ist keine öffentliche Bibliothek bekannt, bei der nur das Interesse von etwa 10-12 Personen berücksichtigt wäre, sollten diese auch übrigens noch so vielen Einfluß auf das Ganze haben. Bücher von ephemerem Wert, Compendia, wiederholte Erläuterungen für irgendein in einem Hauptwerk ausgeführtes System etc. dürfen bei einer öffentlichen Bibliothek von beschränktem Fonds für kein Fach angeschafft werden: teils, weil jeder wohl ohnehin Gelegenheit findet, sie sich zu verschaffen, teils, weil sie gewöhnlich in den ersten Jahren nach ihrer Erscheinung benutzt werden müssen, wenn sie überhaupt nützen sollen, und dies, wenn sie nicht in mehreren Exemplaren gekauft würden, nur wenigen zugutkommen könnte. Für Stücke dieser Art ist bei den Theologen hinreichend gesorgt, da seit 8-10 Jahren eine theologische Lesegesellschaft, die jetzt 33 Mitglieder hat, besteht, welche mit einem Aufwand von höchstens 1 ½ Th. jährlich so viele Bücher anschaffen kann, daß jedes Mitglied monatlich einige Bände erhält. Ob nicht eine ähnliche Einrichtung von Kameralisten und Juristen getroffen werden kann, sei dahingestellt. Wo man sich selbst helfen und dabei frei bewegen kann, darf man dem Staat nicht zur Last fallen, der, wenn er auch sich zur Gewährung mancher Wünsche willig zeigt, doch immer mehr oder weniger beschränkende Bedingungen damit verknüpfen muß.

[Es folgen noch Hinweise auf ein vom Generalsuperintendenten von Cölln gestiftetes Lesekabinett und einen kleinen Fonds, die der Schulbibliothek zugutekommen, sowie allgemeine theoretische Betrachtungen, was man kaufen solle, z. B. teure und vielseitige Werke, auch ältere Werke neben den Neuerscheinungen. Problem der benötigten Summe, die man den Kaufgelegenheiten anpassen sollte. Mit Vorschlägen zur Aufstellung und Übernahme der Leitung durch Clostermeier einverstanden. Bei den Gehülfen käme es auf längeres Bleiben an, auch an einen gelehrten Schulmann wäre dabei zu denken.]

Die Wahl der anzuschaffenden Bücher ausschließlich dem Oberbibliothekar zu überlassen, wäre nur dann rätlich, wenn er wie der Bibliothekar der Schloßbibliothek ein anerkannt seinem Fache gewachsener, umsichtiger Mann ist, und solange der Herr Archivrat zwei Posten zu bekleiden Lust hätte, mag es keiner Kommission, wie sie im zweiten Voto gewünscht wird, bedürfen. Übrigens scheint sie nötig zu sein, und bei einer öffentlichen, das Ganze umfassenden Anstalt ist es am natürlichsten, daß sie, um Einseitigkeit zu verhüten, aus verschiedenartigen Männern, die nicht alle für ein bestimmtes Fach Vorliebe haben, zusammengesetzt werde. Wiederholt glaube ich aber ergebenst bitten zu müssen, daß mit der Vereinigung und Nutzbarmachung dessen, was wir schon besitzen und was jetzt zum Teil in Schränken dem Zugang verschlossen ist, wie die Büchersammlung des sel. Prinzen August, unverzüglich angefangen werde, weil dies, abgesehen von allem übrigen, einzelnen Menschen und dem Lande zum Vorteil gereichen kann.

Detm. d. 1. Dez. 1818

Weerth

Den Beschluß machte als 4. Votum der Begleitbericht des Kammerdirektors Helwing, mit dem er die Stellungnahmen der Fürstin Pauline vorlegte:

Votum IV. U[ntertänigstes] P[ro] M[emoria] (des Kammerdirektors Helwing, Dezember 1818)

Euer hochfürstl. Durchlaucht überreiche ich anbei die Ansichten des Herrn Archivrat Clostermeier, Vizekanzleidirekter Ballhorn Rosen und Generalsuperintendent Weerth wegen einer aus den hiesigen herrschaftlichen Büchersammlungen zu errichtenden Bibliothek. Mögen jene von noch so zufälliger und heterogener Beschaffenheit sein, so scheint ihre Vereinigung in jedem Falle schon großer Gewinn, eine Grundlage zur allgemeinen Benutzung einer nach der Beschränkung des 2ten Vorschlags des Herrn Archivrat Clostermeier zu homogenisierenden und allmählich zu erweiternden Bibliothek zu haben. Zu dem Ende wären

1.) die schon vorhandenen Kataloge von dem Herrn Archivrat Clostermeier und dem Herrn Professor Möbius zu benutzen, um die Dubletten und die Bücher, welche jeder in seiner Sammlung nicht nur in szientifischer, sondern auch selbst in literarisch-historischer Hinsicht für wertlos hält, mit einem Kreuze zu bezeichnen, damit solche nach vorgängiger höchster Genehmigung vermittels eines zu druckenden Katalogs, und insofern sie auch darin keinen Platz verdienen, bloß meistbietend an die Krämer auctionis lege verkauft werden.

2.) Nachdem durch diese Ausscheidung die bleibende Bücherzahl sich ergibt, so wäre für die Schulbibliothek die Philologie zu bestimmen und von dem Herrn Archivrat Clostermeier alles Dazugehörende an den Herrn Professor Moebius, und von diesem der übrige wissenschaftliche Vorrat an jenen abzuliefern. Ob die Theologie auch an die Schulbibliothek zu verweisen sei, wird die Beschaffenheit des bleibenden Vorrats und der dafür erforderliche Raum in dem Pavillon des Reithauses erst näher entscheiden. An sich scheint es einfacher, alle Wissenschaften in der allgemeinen Bibliothek zu vereinigen, damit das wissenschaftliche Publikum sich an einen Vorsteher zu wenden habe und die Gesetze dieses Instituts nicht auf ein zweites mit Vermehrung der Kosten anzuwenden sind, auch keine zweifache öffentliche Stunden nötig werden, wobei jedoch dem Herrn Professor Moebius die Pflicht würde, auf Begehren, ohne sich auf Lehrer und Schüler zu beschränken, Bücher aus der Schulbibliothek auch anderen gegen Scheine zu edieren, welches derselbe ohne erhebliche Beschwerde wird tun können, wenn diese bloß auf Philologie reduziert wird. Bleibt aber der Vorrat der theologischen Bücher zu unerheblich, um von dem gnädigst zu bestimmenden Fonds etwas für ihre einigermaßen zweckmäßige und wirksame Vermehrung abgeben zu können, so mag man jenem Vorrat vorerst gern in der Schulbibliothek den Platz gönnen, bis auch in dieser Hinsicht ein Fonds ausgemittelt wird; denn wenn zur Theologie kaum ein Minimum von Grundlage wäre, so würde mit einem geringen Anteil an jenem Fonds doch nichts auszurichten sein und solcher ohne Nutzen geschwächt werden und es das große Los in der Lotterie sein, wenn die Interessenten der für kurrente Bedürfnisse schon bestehenden theologischen Lesegesellschaft einmal ein größeres Werk aus der Bibliothek mit Erfolg begehren sollten. Gäbe solche aber einige Grundlage gleich den andern Wissenschaften, so wird auf jener Erweiterung ebenfalls Bedacht genommen werden müssen und mit Rücksicht auf den Raum und auf die weitere Entwicklung des Hauptplans mit der allgemeinen oder Schulbibliothek zu verbinden sein.

3.) wäre dem Herrn Kammerrat Gerke aufzutragen, einen Anschlag für die Einrichtung der Pavillonzimmer zur Bibliothek nach Verhältnis ihrer bleibenden Bücherzahl und mit Rücksicht auf ihre vorerstige Vermehrung einzureichen. Ohne die Tür schon zuzumauern, könnte vielleicht Tisch und Stuhl an dieser Seite als spanische Wand stehen, um für den seltenen Fall, wenn gnädigste Landesherrschaft die Reitbahn in Augenschein nehmen wollte, jene wegnehmen zu können.

4.) Dem Herrn Archivrat Clostermeier wäre die Einrichtung der allgemeinen und dem Herrn Professor Moebius der Schulbibliothek sowie die Anfertigung der Real- und alphabetischen Kataloge, auch ersterem der Vorschlag eines für solche Einrichtung anzunehmenden Gehülfen und des für diesen quartaliter zu bewilligenden einstweiligen Gehaltes zu überlassen.

5.) Erst nach Vorlegung jener Kataloge lässet sich ermessen, welche Summe für eine planmäßige Ergänzung der Vorräte jeder Wissenschaft für den bezielten Zweck vorerst jährlich erforderlich sei, um solchen noch einigermaßen für die jetzige Generation innerhalb der wesentlichsten Schranken zu erreichen und sodann die Öffnung der Bibliothek für das dazu geeignete Publikum nach den weiteren Vorschlägen des Herrn Archivrat Clostermeier zu organisieren.

Detmold, den 3. Dezember 1818

Helwing

Die Fürstin Pauline erklärte sich für befriedigt und forderte vor weiteren Anordnungen die von Helwing unter 1 vorgeschlagene Ausscheidung der Dubletten und wertlosen Schriften und den unter 3 vorgesehenen Kostenvoranschlag für die Einrichtung des Pavillons, für die der Kammerrat Gerke am 30. Juni 1819 550-600 Rthlr vorsah. Die vorläufige Entscheidung der Fürstin Pauline lautete:

Die Vota bestärken auch mich in dem Resultat, daß die Vereinigung der Bibliotheken nützlich sein wird. Ehe ich aber etwas Näheres bestimme und auf die Vorschläge des Herrn Kammerdirektors zurückkomme, ist das in denselben ad 1) und ad 3) Bemerkte in Ausführung zu bringen, damit man genau erfahre, was wir besitzen und ob und wie das gewählte Lokal paßt, wonach dann das weitere sich richtet.

Detmold, den 5ten Dezember 1818

Pauline

Bezüglich der zu 1 angeordneten Maßnahmen machte Clostermeier mit Erfolg geltend, daß das Ausscheiden wertlosen Materials zweckmäßigerweise erst nach Vereinigung der Bestände im neuen Lokal erfolge. Die endgültige Entscheidung gab am 6. Juli 1819 der damalige Regierungschef, Regierungsdirektor Karl Friedrich Funk von Senftenau, folgendermaßen bekannt:

Serenissima Regens haben die Vereinigung der hiesigen Büchersammlungen behuf Organisierung einer öffentlichen Bibliothek unter Bewilligung der für das Locale erforderlichen Baukosten gnädigst zu genehmigen geruhet und werden es gerne sehen, wenn die Organisation unter Leitung der Regierung und unter Beihülfe eines wissenschaftlich gebildeten jungen Mannes bei der mechanischen Einrichtung und bei der Auslieferung der Bücher an den anzuordnenden öffentlichen Tagen von dem Archivrat Clostermeier übernommen und zu dem Ende von demselben der mit einer jährlichen Belohnung zu 30-40 Thlr. anzustellende Gehülfe in Vorschlag gebracht wird ...
[Die Kammer wurde ersucht, die bauliche Einrichtung unter Rücksprache mit Archivrat Clostermeier baldgefällig ausführen zu lassen.]

Das Profil der öffentlichen Bibliothek von 1824

Die neue öffentliche Bibliothek in Detmold(5) war danach keine Neuschöpfung von Grund auf, sondern sie entstand durch Zusammenlegung mehrerer älterer Büchersammlungen, wie man die Gebilde nüchtern bezeichnete. Ihrer Art nach waren es Fürstenbibliotheken und Behördenbibliotheken. Die Grenzen zwischen beiden sind zum Teil flüssig. Der nach Alter und Umfang bedeutendste Bücherbestand, die herrschaftliche Bibliothek auf dem Schulhofe, wie sie Clostermeier nannte, war im wesentlichen dem Ursprung nach eine Fürstenbibliothek, die dann zum Gebrauch der Landesbediensteten im Gebäude des Gymnasiums bereitgestellt wurde. Aus mehreren fürstlichen Handbibliotheken bestand die Büchersammlung im Schloß. Auch diese durfte bereits von den Beamten benutzt werden, und ihre Verwaltung hatte man dem Archivar Clostermeier übertragen. Beides dürfte sich daraus erklären, daß es sich dabei nicht zuletzt um staatsrechtliche und kameralistische Werke gehandelt hat, wie sie zum Handgebrauch der Landesherren und insbesondere zu ihrer Ausbildung angeschafft und benutzt worden waren. Bei den von Leopold I. herrührenden Büchern wird ausdrücklich auf dessen Studienaufenthalt in Leipzig Bezug genommen. Interessanterweise hat die Fürstin Pauline einen wertvollen Bestand von der ganzen Aktion ausgenommen: ihre eigene Handbibliothek, von der sie sich aus begreiflichen Gründen zu ihren Lebzeiten nicht trennen wollte. Er stellt heute einen Sonderbestand der Landesbibliothek dar.(6) Reine Behördenbibliothek war dann die in den Bibliotheksplan mit einbezogene Regierungsbibliothek, die nach den Angaben Clostermeiers ursprünglich nur prozeßrechtliche Literatur enthielt. Auch deren Verwaltung war bereits dem Archivar übertragen worden. Er konnte sie um Gebrauchsliteratur für die Regierungsgeschäfte und um historische Werke vermehren und hat später einmal beklagt, daß er sich von diesem ihm bequem zugänglichen Bestand zugunsten der vereinigten Hauptbibliothek hat trennen müssen.

Sowohl vom Inhalt der vereinigten Bücherbestände wie von der Person des für die Verwaltung in Aussicht genommenen Archivars Clostermeier her gesehen ist es verständlich, wenn auch beim Plan der neuen öffentlichen Bibliothek der Gedanke an eine Behördenbibliothek besonderes Gewicht behielt. Es fehlte dabei keineswegs an Werken, die nicht in dieses Schema zu pressen waren, wie etwa aus den Schloßbeständen klassische schöne Literatur und Reisebeschreibungen. Im Auftrag der Fürstin Pauline steht kein Wort davon, daß sie in erster Linie an die Bedürfnisse ihrer Behörden und Beamten gedacht hätte, sie sprach im Gegenteil von der „Allgemeinheit der hiesigen Gebildeten“, denen die nützliche Einrichtung zugute kommen würde. Aber bereits Helwing fordert die Gutachten an für eine einzurichtende Bibliothek „zum Gebrauche der geistlichen und weltlichen hiesigen Dienerschaft“. Auch wenn man dabei nur an akademisch Gebildete dachte und alle Advokaten und gelehrten Schulmänner, Ärzte, Apotheker usw. einbezog, die ein staatlich kontrolliertes Amt ausübten, blieb das eine Akzentverschiebung. Zu bedenken ist freilich, daß, wenn man Kirchen- und Schulbibliotheken im engeren Sinne ausnahm, an Leitbildern für öffentliche Bibliotheken den Beteiligten nur die Universitätsbibliothek und die Behördenbibliothek zur Verfügung stand. An eine alle Wissensgebiete umfassende Universitätsbibliothek konnte aber bei der Begrenztheit der Mittel und Räume nicht gedacht werden. Was sollte also geschehen?

Für die stärkste Beschränkung auf eine Geschäftsbibliothek nur für Regierung, Rentkammer und höhere Justizkollegien sprach sich der künftige Bibliothekar Clostermeier aus. Er wollte außer der Medizin und den Naturwissenschaften auch die gesamte Theologie und Philologie ausschließen und nahm lieber eine eigene Schulbibliothek auf dem Schulhof und die Abzweigung von Anschaffungsmitteln für diese besondere zweite Bibliothek in Kauf. Wie groß muß Clostermeiers Furcht vor einer geistlichen Bibliotheksaufsicht und Mitsprachebefugnis gewesen sein, daß er mit den Schulwissenschaften die gesamte humanistische Allgemeinbildung bei seiner zentralen Bibliothek über Bord werfen wollte! Sein eigentlicher Gegenpart war der Generalsuperintendent Weerth. Er ersparte Clostermeier nicht die bissige Bemerkung, er habe noch nie von einer öffentlichen Bibliothek für nur 10-12 einflußreiche Personen gehört! Er erinnerte mit Recht daran, daß die Fürstin an die Gebildeten überhaupt und doch wahrscheinlich auch außerhalb Detmolds gedacht habe. Gegen eine Schulbibliothek im engen Sinne hatte er nichts, aber er warnte davor, Theologie und die literarischen Interessen der Schulmänner mit unter den Begriff Schulbibliothek zu fassen. Ballhorn Rosen und zuletzt Helwing mühten sich um einen Kompromiß. Auch Ballhorn Rosen dachte in erster Linie an die Staatsdiener und hatte – wie Weerth – auch nichts gegen die Sonderexistenz einer „eigentlichen“ Schulbibliothek. Er wies aber darauf hin, daß aus der jetzigen sogenannten Schulbibliothek vieles in die Hauptbibliothek gehöre, und er setzte sich für die Bildung einer Bibliotheks-Kommission aus den bisherigen Gutachtern ein, als Organisationskommission und zur Beratung des Bibliothekars bei den künftigen Anschaffungen. Damit war ein weiteres wichtiges Problem angerührt. Helwing empfahl sonst abschließend, nachdem Clostermeier in einem zweiten Gutachten(4) vom 12. April 1819 sich damit einverstanden erklärt hatte, nur für eine Schulbibliothek im engsten Sinne die Bücher auf dem Schulhof zu belassen, grundsätzlich das Nebeneinander von zwei Bibliotheken, einer allgemeinen unter Leitung von Clostermeier und einer Schulbibliothek unter Leitung des Professors Möbius,(7) der aber philologische Werke auch an andere als an Lehrer und Schüler ausleihen müsse. Die Entscheidung über die Theologie ließ Helwing noch offen und machte sie vom Umfang des nach Ausscheiden des Wertlosen übrigbleibenden Bestandes abhängig.

Als man am 6. Juli 1819 die Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek endgültig beschloß und anordnete, waren wesentliche Fragen noch ungeklärt geblieben. Bis zur Eröffnung der Bibliothek am 6. April 1824 hat es dann auch noch ein lebhaftes Hin und Her der Meinungen, auch bereits getroffener, dann aber wieder abgeänderter Entscheidungen gegeben. Clostermeier hat in dieser Sache ganze Aktenhefte voll geschrieben, bis er schließlich resignierte und Ende 1823 in den Ruhestand trat. Sein Nachfolger wurde sein bisheriger Gehilfe, der Kammerregistrator Wasserfall. Für die Auffassungen und Entscheidungen grundsätzlicher Art ist es nicht erforderlich, dem Niederschlag der Verhandlungen hier im einzelnen nachzugehen. Es genügt, sich an die Instruktion zu halten, die Clostermeier auf Verlangen für seinen Nachfolger unter dem 24. September 1823 einreichte, und an die Änderungen, die die Regierung daran vornahm. Hier die Texte:(8)

Instruktion des Archivrats Clostermeier von 1823

Unmaßgeblicher Entwurf zur Instruktion des Kammerregistrators Wasserfall als Bibliothekar der hiesigen im Pavillon am Reithause aufgestellten Haupt- oder Öffentlichen Bibliothek, Nomine Regiminis. [Von Clostermeier der Regierung am 24. Sept. 1823 mit ausführlichem Begleitbericht vorgelegt.]

1 Die dem Bibliothekar gedachter Bibliothek obliegenden Geschäfte zerfallen von selbst in vier Hauptteile, und diese umfassen die Kassenverwaltung, die Versorgung der Bibliothek durch anzukaufende Bücher, die Aufsicht beim öffentlichen Gebrauche derselben und die Ausführung ihrer innern Einrichtung und Katalogisierung.

Erster Abschnitt
Von der BibIiothek-Kassen-Verwaltung

2 Der von Serenissimo Regente der durch die Vereinigung der verschiedenen älteren hiesigen Büchersammlungen gebildeten und zum öffentlichen Gebrauch bestimmten Hauptbibliothek zur jährlichen Verwendung gnädigst angewiesene Fonds bestehet in 820 Thalern ... Da nach der ersten Bestimmung im Regierungserlaß an das Konsistorium vom 17ten Julius 1821 die Theologie mit ihren Hülfswissenschaften ebensowohl als die eigentliche Schulgelehrsamkeit von der öffentlichen Bibliothek ausgeschlossen bleiben sollte, dennoch aber in der Folge die exegetische und dogmatische, also die eigentliche gelehrte Theologie in den Plan der öffentlichen Bibliothek aufgenommen worden ist, so muß es allerdings für billig angesehen werden, daß auch noch aus der Konsistorialkasse ein jährlicher Beitrag zu jener Bibliothek erfolge.

3-8 ...

Zweiter Abschnitt
Von der Versorgung der Bibliothek durch anzukaufende Bücher

9 Nach den Resultaten der bisher stattgehabten Verhandelungen erstreckt sich die öffentliche Bibliothek weder auf das allgemeine Erziehungswesen und den Elementarunterricht noch auf das gelehrte Schulfach, auch nicht auf die praktische oder populäre Theologie. Diese Gegenstände sind der auf dem Schulhofe auch neu einzurichtenden Bibliothek überlassen. Ferner bleiben alle bloß zur angenehm unterhaltenden Lektüre bestimmte Werke als Gedichte, Romane, Schauspiele, gewöhnliche Reisebeschreibungen, desgleichen alle der häuslichen Andacht gewidmeten Bücher ohne Ausnahme von dem Plan der Hauptbibliothek ausgeschlossen.

10 Der Charakter dieser Bibliothek soll der einer ernsten wissenschaftlichen und zugleich praktischen Tendenz sein. Vorzüglich die Landesdienerschaft soll in derselben die Mittel finden, sich einen noch höheren Grad der Ausbildung in den verschiedenen Teilen des Staatsdienstes zu erwerben, als schon auf der Universität sich anzueignen möglich war, und zugleich in den zur allgemeinen Kultur gehörigen Kenntnissen mit der Zeit fortschreitend sich weiter auszubreiten.

11 Als Bedürfnis für jeden Gelehrten und überhaupt auch für jeden, der auf eine allgemeine Bildung Anspruch macht, kommen die philosophischen Wissenschaften, die allgemeine Literatur, die allgemeine und deutsche Sprachkunde insbesondere, die Geschichte mit allen ihren Hülfswissenschaften, die Naturwissenschaften, Naturgeschichte und Naturlehre mit allen verwandten Disziplinen, die Mathematik, der ästhetische Kunstsinn und das Treiben des Zeitgeistes sowohl in religiöser als politischer und merkantilischer Hinsicht in Betracht.

12 In den besondern Fächern seines Wissens darf der Gottesgelehrte, der Rechtsgelehrte, der Staatsmann, der Kameraliste, der Oekonome, der Arzt, der Architekt und der Soldat nicht vergeblich nach Belehrung in der Hauptbibliothek suchen. Für diese gehört also die biblische Exegese und Dogmatik, die Religionsphilosophie und Religions- und Kirchengeschichte mit allem, was in das kirchliche Verfassungswesen einschlägt; die Rechtswissenschaft in ihrem ganzen Umfange; die Staats-, Finanz-, Kameral- und Forstwissenschaft mit der Landwirtschaft; die Heilkunde mit der Wundarznei- und Entbindungskunst, der psychischen Medizin, der Pharmazie und der Veterinärkunst; die bürgerliche Baukunst und von den militärischen Wissenschaften wenigstens was zur allgemeinen Bildung eines würdigen Militärs erfordert wird.

[13-20 Darin Grundsätze des Ankaufs: größere und Standardwerke, ausführliche Lehrbücher jeden Faches, keine Fremdsprachen außer Französisch (13). – Da wenig Platz, nur Wichtiges; Neues vor altem, sofern nicht von bleibendem Wert und zur Füllung von Lücken (14). – Laufende Orientierung über Neuerscheinungen (15). – Einteilung der Mittel; Fortsetzungswerke (16). – Zweimal im Jahr begründete Kaufvorschläge an Regierung, bei denen auch Wünsche von einzelnen Gliedern der Regierung und Kammer zu berücksichtigen (17). – Ankauf, Einband, Zugangsverzeichnis (18). – Auktionen (19). – Pflichtexemplare der Meierschen Hofbuchhandlung (20).]

Dritter Abschnitt
Von der Aufsicht bei dem öffentlichen Gebrauche der Bibliothek

21-27 ...

Vierter Abschnitt
Von der innern Einrichtung und Katalogisierung der Bibliothek

28 Nachdem die zu vereinigenden sechs verschiedenen Büchersammlungen, nämlich die ältere herrschaftliche auf dem Residenzschlosse,
die Handbibliothek des höchstseligen Fürsten Leopold, weiland regierenden Fürsten zur Lippe,
die Bibliothek des auch höchstseligen Prinzen August zur Lippe,
die Büchersammlung der Regierung, welcher die von Fürstlicher Rentkammer zur allgemeinen Bibliothek abgegebenen Bücher beigefügt worden,
der von der alten herrschaftlichen Bibliothek auf dem Schulhof ins neue Bibliotheklokal gebrachte Teil
und endlich die Sammlung der seit 1821 angeschafften und ferner noch anzuschaffenden Bücher nach ihren respektiven Verzeichnissen in jenem Lokal aufgestellt sind, so kommt es nunmehr darauf an, diese sechs verschiedenen Massen nach Ausscheidung derjenigen Bücher, welche der öffentlichen Bibliothek nicht entsprechen, in eine einzige dergestalt zu verschmelzen, daß die in den einzelnen Sammlungen vorhandenen, ihrem Gegenstande und Inhalte nach mit einander wissenschaftlich verwandten Werke vereinigt und nicht nur in einen allgemeinen szientifisch-systematisch geordneten Katalog verzeichnet, sondern auch darnach wirklich aufgestellt werden. Ist diese Einrichtung zum Stande gebracht, so ist alsdann auch ein alphabetischer Namenkatalog der ganzen Bibliothek anzufertigen.

[29 Verzettelung der Titel würde größtenteils bald vollzogen sein,] „und ist also nunmehr bald zur zweiten Operation zu schreiten“.

30 Diese bestehet in Hinsicht auf die Anfertigung des wissenschaftlichen Katalogs insbesondere darin, daß sämtliche Titelkopien von einer Sammlung nach der andern ohne Rücksicht auf die Formate der Bücher in fünf verschiedene Massen von einander separiert werden. Den vier ersten Massen liegt die bekannte Einteilung der Wissenschaften in vier Fakultäten zum Grunde. Es kommen also in die erste Masse die philosophischen Bücher, in deren Klasse alles dasjenige, was die Bibliothek für die allgemeine gelehrte Bildung besitzt, gehört; in die zweite die theologischen, in die dritte die juristischen und in die vierte die medizinischen Werke. Die fünfte Masse bilden die Bücher, welche eigentlich keiner Fakultät allein angehören, also vermischten Inhalts sind. Unter diese Kategorie sind zu setzen alle wissenschaftlichen Wörterbücher, welche nach ihren Titeln sich nicht auf eine oder mehrere genannte Wissenschaften beschränken. [Es folgen Beispiele.] In diese fünfte vermischte Büchermasse sind auch alle diejenigen Werke aufzunehmen, welche zwar eigentlich in den Bibliothekplan nicht passen, aber doch in irgendeiner Rücksicht wenigstens vorerst und solange es der Raum verstattet, gerne in der Bibliothek behalten werden mögen ...

[31-44. Darin 42:] „Als einen seiner Fürsorge empfohlenen Anhang der Bibliothek kann der Bibliothekar die Verwahrung, Aufzeichnung und Ordnung der Altertümer, Münzen, Naturseltenheiten und anderer Objekte, welche der Bibliothek überlassen werden möchten, betrachten. Zur Verwahrung dieser Sachen ist der im Vorraum des Bibliotheklokals befindliche Schrank bestimmt.“

Clostermeier

Die Einwände des Konsistoriums und der Kammer, die von der Regierung um Stellungnahme zum Instruktionsentwurf Clostermeiers gebeten worden waren, betrafen die Einbeziehung zu vieler Details, zu starke Berücksichtigung augenblicklicher, vorübergehender Verhältnisse und besonders die angestrebte selbständige Kassenführung, die abgelehnt wurde, und das Verfahren bei der Bücheranschaffung. Die Regierung gab daraufhin dem künftigen Bibliothekar folgende Anweisung:

Anweisung der Regierung an den Kammerregistrator Wasserfall von 1823

An den Kammerregistrator Wasserfall

Dem Kammerregistrator Wasserfall wird hierbei die von dem Archivrat Clostermeier für ihn entworfene Instruktion wegen der Bibliotheksverwaltung zur Nachachtung, jedoch vorbehaltlich zweckmäßiger von ihm mit Rücksicht auf die von demselben besichtigte Bückeburger Bibliothek vorzuschlagender Modifikationen in denjenigen Bestimmungen, welche zunächst ihn selbst, seine Geschäfte oder auch die innere und äußere Anordnung der Bibliothek betreffen, in or[iginali] s[ub] l[ege] r[emissionis] kommuniziert. Besonders gilt dieses von der Einteilung der Bücher nach den 4 Fakultäten, worin z. B. die Kameral- und Finanz- und andere Wissenschaften keine besondere Rubrik erhalten würden. Auch hat er vorzuschlagen, wieviel der Regul nach auf die ihm vorzuschlagenden Bücherankäufe aus Auktionen jährlich zu verwenden sei, um seine Aufmerksamkeit auf die in öffentlichen Blättern angekündigt werdenden Kataloge von dergleichen Auktionen zu richten, um sich solche kommen zu lassen ...

ad 9) sollen klassische Dichter nicht ausgeschlossen werden, wohl aber
ad 11) das Treiben des Zeitgeistes, insofern er nur ephemeren Wert hat.
ad 17) hat er die durch Allegierung der betreffenden Rezensionen zu begründenden Vorschläge wegen der anzuschaffenden neuen Bücher vorerst und bis auf weitere Verfügung
1) aus der Theologie, insoweit solche der allgemeinen Bibliothek zugeteilt werden, und aus der Philosophie von Fürstlichem Consistorio,
2) aus der Jurisprudenz von beiden Justizcollegiis und von Fürstl. Kriminalgericht,
3) aus der Medizin und Chirurgie nebst Zubehör im ganzen Umfange dieser Wissenschaften, wie sie auch in die übrigen verteilten Fächer einschlagen, von den Medizinalräten,
4) aus der bürgerlichen und medizinischen Polizei sowie aus den Staatswissenschaften und Diplomatie von der Regierung,
5) aus der Kameral- und Finanzwissenschaft und Baukunst mit Einschlusse des Wasser-, Wege- und Bergbaues bei Fürstlicher Kammer, und
6) aus der Geschichte, Geographie, Statistik, Reisebeschreibungen, Physik, Naturgeschichte, Mathematik mit Einschlusse der Militärwissenschaften und Kriegsgeschichte wie auch aus den schönen Wissenschaften von dem hiesigen Schulcollegio
mit beigefügten Preisen spätestens 14 Tage vor Ostern und Michaelis zu erwarten und solche halbjährig mit seinen eigenen Vorschlägen, welche er insbesondere auch auf Literatur und vermischte Schriften zu richten hat, vermittels gutachtlichen Berichts mit beigefügtem Zusammentrage der hiernach sich ergebenden und nach Verhältnis der Fächer und ihrer Lücken zu verwendenden Summen zu übergeben, um die Genehmigung der Regierung zu befördern.
ad 19) hat der Wasserfall die Kataloge der Bücherauktionen bei denjenigen Behörden, zu deren Fach die darin verzeichneten Bücher gehören (jedoch mit Ausnahme der auswärtigen Medizinalräte, wenn die Zeit dazu zu kurz wäre) zum Vorschlage der anzukaufenden Bücher und der dafür zu kommittierenden Gebote zirkulieren zu lassen und den nach den Fächern zur Übersicht des Betrages praeterpropter zu formierenden Zusammentrag mit Ausschluß der vorgeschlagenen, aber auf der Bibliothek schon vorhandenen Bücher und Hinzufügung seiner eigenen etwaigen Vorschläge mittels gutachtlichen Berichts der Regierung einzusenden. Wenn den Vorschlägen der Ladenpreis praeterpropter beigefügt werden kann, so wird es der Regierung angenehm sein, jedoch bedarf es bei den älteren Büchern keiner Beziehung auf Rezensionen. Erlaubt es die Zeit nicht, so muß er die Mitteilung des Katalogs auf die Behörde oder Behörden, deren Wissenschaften vorzüglich darin vorkommen, zur nötigen schleunigen Genehmigung der Regierung beschränken ...
Endlich wird ihm bekanntgemacht, daß cl[ausula] c[oncernens] ad 17) et 19) den daselbst benannten Behörden dato kommuniziert ist und hat er diejenigen, welche ihm ihre Vorschläge oder in deren Ermangelung einen Vacatschein nicht mit Ablauf der Frist mitgeteilt haben werden, sodann sofort der Regierung anzuzeigen. Die Erledigung dieser Instruktion wird in 14 Tagen, insoweit sie sodann geschehen kann, von dem p. Wasserfall erwartet.
Detmold, 30. Dez. 1823
Et expediatur s[ub] r[ubrica] cl[ausulae] das Patent für den Wasserfall als Bibliothekar in Beziehung auf vorstehende Instruktion.

Leopold FzL.

Bekanntmachung wegen Eröffnung der Bibliothek zu Detmold.

Die von Serenissimo gnädigst gestiftete allgemeine Bibliothek ist jedem Gebildeten künftig am Mittwoch von 2 bis 4 Uhr geöffnet. Die Bücher werden auf 4 Wochen gegen einen Schein verliehen; jedoch außerhalb Orts nur, wenn ein hiesiger Einwohner als Selbstleiher die Besorgung übernimmt.

Detmold den 6ten April 1824
Fürstlich Lippische Regierung

(LV 7, 228)

Clostermeier sprach der Haupt- oder Öffentlichen Bibliothek, die übrigens ein Siegel mit der Umschrift FÜRSTL. LIPPISCHES BIBLIOTHEKSIEGEL erhielt, einen ernsten wissenschaftlichen und zugleich praktischen Charakter zu; letzteres läßt noch an seine vorgeschlagene Geschäftsbibliothek denken, doch war nun neben den Weiterbildungsmöglichkeiten der nach wie vor besonders angesprochenen Landesdienerschaft an die Bedürfnisse jedes Gelehrten und jedes Strebens nach allgemeiner Bildung gedacht. Unter den Ziffern 11 und 12 werden in breiter Streuung Wissenschaften und Berufe genannt, für die Literatur bereitgehalten werden soll. Dazu gehört nun doch die eigentliche theologische Wissenschaft. Ausgeschlossen bleiben aber allgemeines Erziehungswesen, „das gelehrte Schulfach“, praktische und populäre Theologie, deren Pflege der Bibliothek auf dem Schulhof überlassen bleibt. Infolgedessen taucht Ziffer 12 in dem Satz: „In den besonderen Fächern seines Wissens darf der Gottesgelehrte, der Rechtsgelehrte (usw.) nicht vergeblich nach Belehrung in der Hauptbibliothek suchen“, der gelehrte Schulmann nicht auf, vom Elementarlehrer oder gar Besucher des Lehrerseminars, das es in Detmold seit 1781 gab, zu schweigen. Ausgeschlossen wurde weiter die ganze schöne Literatur als „bloß zur angenehm unterhaltenden Lektüre bestimmte Werke“. Clostermeier hatte also allzu viele Erweiterungen zu seinem bewußt begrenzten Bibliotheksprogramm nicht zulassen wollen. Er hatte sich bis dahin auch erfolgreich einer Öffnung der Bibliothek vor vollendeter Ordnung und Katalogisierung widersetzt. In seiner Instruktion bezeichnete er erneut die Bibliothek als zur Zeit noch „nicht für das ganze gelehrte Publikum des Landes zugänglich“ (21), wollte nun aber doch die Staatsdienerschaft und sonstige Honoratioren schon zulassen.

Die Behörden hatten am Entwurf einiges auszusetzen. Die Instruktion wurde am 30. Dezember 1823 nur allgemein „zur Nachachtung“ an Wasserfall mitgeteilt, ihm jedoch ausdrücklich anheimgegeben, Modifikationen vorzuschlagen. Bezüglich des Charakters und Aufgabenbereiches der Bibliothek wurde korrigierend bestimmt, daß klassische Dichter nicht ausgeschlossen werden sollen. Das war eine knappe, aber für die Zukunft entscheidende Änderung der Weichenstellung. Ebenso ist die Bibliothek dann ohne Einschränkung „jedem Gebildeten“ am 6. April 1824 geöffnet worden.

Ein weiterer wesentlicher Punkt war das Verfahren beim Bücherankauf, bei der Bestandsvermehrung. Ballhorn Rosen hatte, wie wir sahen, in seinem Votum eine beratende Bibliothekskommission vorgeschlagen. Weerth hatte eine solche zwar nicht gegenüber dem erfahrenen Clostermeier, aber doch auch grundsätzlich für nötig erklärt, um bei der Wahl der anzuschaffenden Bücher Einseitigkeit zu verhüten. Clostermeier hat in seinem Instruktionsentwurf (17) für das Verfahren zwei Maßnahmen vorgeschlagen: Zweimal im Jahr die Vorlage begründeter Kaufvorschläge durch den Bibliothekar an die Regierung und die Berücksichtigung von Anschaffungswünschen der Regierungs- und Kammermitglieder. In seinem Begleitbericht vorn 24. Sept. 1823 zur Instruktion hatte Clostermeier sich unter Berufung auf das Vorbild des langjährigen Leiters der Göttinger Universitätsbibliothek Professor Heyne († 1812) gegen eine Kommission erklärt, welche die Einheitlichkeit des Auswahlverfahrens und einen sinnvollen Ausgleich unmöglich mache; ein Bibliothekar müsse sich gekränkt fühlen, wollte man ihm nicht den Vorschlag der jährlich anzuschaffenden Bücher an die Regierung überlassen. Die Räte könnten wie in Göttingen die Professoren Vorschläge machen. Die Regierung hat dann in diesem Punkt die einschneidendste Änderung des Entwurfs vorgenommen. Ein halbes Dutzend und mehr Dienststellen und Amtspersonen, nämlich Konsistorium, Justizkanzlei, Hof- und Kriminalgericht, die an verschiedenen Orten sitzenden Medizinalräte, Regierung, Fürstl. Kammer und das Detmolder Schulkollegium sollten außer dem Bibliothekar selbst zweimal im Jahr Anschaffungsvorschläge einreichen, zu welchen sich der Bibliothekar gutachtlich zu äußern hatte. Der Versuch, dann auch Käufe auf Buchauktionen (ad 19) in dieses Schema zu pressen, mutet geradezu grotesk an. Hier überschlug sich der kleinstaatliche Bürokratismus der Reaktionszeit. Clostermeier sparte nicht mit Kritik an der so angerichteten „babylonischen Verwirrung in Ansehung der Auswahl der Bücher“. Wenn er auch den Einwand gegen die Einteilung der Bücher nach den vier Fakultäten, bei der Kameral- und Finanzwissenschaft keine angemessene Rubrik erhalten würden, durch den Hinweis auf Leipziger Vorlesungsverzeichnisse entkräften wollte, in denen Kameralistik und Staatswissenschaften zur philosophischen Fakultät gehörten, so überzeugt das nicht ganz. In seiner Instruktion (30) hatte er die Bücher der philosophischen Fakultät mit Büchern für die allgemeine Bildung gleichgesetzt. Gerade seine zur Geschäftsbibliothek tendierenden Auffassungen hätten hier eine besondere Akzentuierung verlangt. Im übrigen waren die Fakultäten als Rahmenbegriffe für die Systematik der Fächer überhaupt überflüssig.

Die Ära Otto Preuß

Es muß naheliegen, die Anfänge der Lippischen Landesbibliothek über die Gründungsepoche und den 1824 erreichten noch recht unbefriedigenden Stand hinaus noch ein Stück weiter zu begleiten;(9) ist doch auch einstweilen der Name „Landesbibliothek“ noch nicht gefallen. Förmlich eingeführt scheint er überhaupt nicht zu sein, er taucht, soweit ich sehe, zuerst auf im Zusammenhang mit der Schenkung des Palais der Prinzessin Luise zur Lippe an die Bibliothek im Jahre 1885. Im Jahre 1886 erfolgte der Umzug der Bibliothek in ihr jetziges Gebäude, und mit Ablauf des Jahres 1890 gab der Geheime Oberjustizrat Otto Preuß die Leitung der Bibliothek ab, nachdem er sie als Nachfolger Wasserfalls seit 1838 über 52 Jahre verwaltet hatte. Preuß(10) ist ein bibliotheksgeschichtliches Phänomen. Er war zuletzt bis zu seiner Pensionierung in diesen Ämtern im Jahre 1879 Direktor der lippischen Obergerichte, des Hofgerichts, des Kriminalgerichts und der Justizkanzlei. In seinem Nebenamt als Bibliothekar fand er die Zeit, persönlich die Besucher der Bibliothek an den Entleihungstagen zu beraten und neu angeschaffte Bücher zu katalogisieren und zu signieren. Darüber hinaus ist er der Verfasser gelehrter, bis heute noch nicht überholter Werke, zusammen mit dem Archivar Falkmann der Lippischen Regesten (1860-1868), ferner über die baulichen Altertümer des Landes (1873, 2. Aufl. 1881), nach seiner Entlastung von den richterlichen Ämtern über die lippischen Familiennamen (1883, 2. Aufl. 1887) und Flurnamen (1891). Bei Einweihung des Hermannsdenkmals 1875 hat er die Festrede gehalten.

Sein Nachfolger Professor Anemüller hat ihn, der den Buchbestand um 30.000 Werke vermehrte und einen für seine Zeit vorbildlichen systematischen Katalog geschaffen hat, geradezu als Schöpfer der Lippischen Landesbibliothek bezeichnet. Zweifellos ist er als der eigentliche Vollender des 1818 begonnenen und in den ersten beiden Jahrzehnten sicherlich nicht über alle Sorgen um die Fortexistenz erhabenen Werkes anzusehen. Aus dem halben Jahrhundert seines Wirkens seien hier nur einige Entwicklungslinien weitergezogen.

Im Jahre 1845 fiel auf Protest der Philologen die unsinnigste Einschränkung für den Bestandsaufbau aus der Ära Clostermeier, der Ausschluß der Philologie. Die Regierung stimmte zu und erklärte, das beanstandete Prinzip sei auch bisher schon nicht streng durchgeführt worden. Eine Folge war, daß erneut über 200 Titel aus der Schulbibliothek nunmehr in die Hauptbibliothek gebracht wurden. Früh tauchte auch das Problem der auswärtigen Leser auf, denen in der Bekanntmachung von 1824 die Vermittlung durch einen Detmolder Einwohner auferlegt war. Preuß wollte aus Verwaltungsgründen davon nicht abgehen, so daß eine Neufassung der Benutzungsbestimmungen in einer Bekanntmachung von 1851 keine Änderung brachte. Erst 1894 ist in dieser Beziehung eine Lockerung eingetreten. Auch den in diesem Zusammenhang geäußerten Wunsch nach dem Druck des Katalogs lehnte Preuß ab. Von Interesse ist, daß der Landtag auch auf Grund von Auseinandersetzungen in der Presse dann doch einige Maßnahmen veranlaßte, von deren Notwendigkeit Preuß auch nicht unbedingt überzeugt war. Das betraf die laufende Veröffentlichung der Neuerwerbungen im Interesse der Auswärtigen ab 1869 im Fürstl. Lippischen Regierungs- und Anzeigeblatt und 1881 die Verlegung der jährlichen Schließung von Dezember in den Sommer, da im Winter mehr gelesen würde als im Juli/August. Am wissenschaftlichen Charakter der Bibliothek hat Preuß betont festgehalten. Er wollte sie nicht als Leihbibliothek für leichte Unterhaltungslektüre mißbrauchen lassen (1845) und beklagte sich, viele begriffen nicht den Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Büchersammlung und einer Leihbibliothek (1869). Die Instruktion von 1823/24 ist von Preuß noch 1862 erwähnt und vorgelegt worden; dann scheint sie in Vergessenheit geraten zu sein. Das umständliche Verfahren bei der Bücherauswahl für Neuanschaffungen, das eine ganze Anzahl Behörden und Beamte zu regelmäßigen bibliothekarischen Dienstleistungen zwang, die ihnen fernlagen, konnte auf die Dauer nicht funktionieren und hatte laufende Mahnungen zur Folge. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es einschlief. Im Jahre 1875 erließ die Regierung folgende Zirkularverfügung:(11)

Zirkularverfügung der Regierung von 1875

Bei Gründung der hiesigen öffentlichen Bibliothek wurde die Einrichtung getroffen, daß die obern Behörden und fachmännischen Kollegien des Landes halbjährlich Vorschläge bezüglich der Anschaffung von Büchern dem Bibliothekar zu machen und dieser behuf Einholung unserer Genehmigung zur Anschaffung der vorgeschlagenen Werke darüber hierher zu berichten, demnächst aber vorzugsweise die genehmigten Vorschläge bei den Anschaffungen zu berücksichtigen hatte. Diese seit längern Jahren nicht mehr aufrechterhaltene Einrichtung in ihrem damaligen Umfange wieder ins Leben zu rufen, würde weder den jetzigen Verhältnissen noch einem vorliegenden Bedürfnisse entsprechen. Dagegen halten wir es für angemessen, <Fürstliche Rentkammer> darauf hinzuweisen, daß ihr auch jetzt noch die Befugnis zusteht, derartige Vorschläge zu machen, und wir daher anheimgeben, falls die Anschaffung eines noch nicht auf der öffentlichen Bibliothek befindlichen Werkes, einer Zeitschrift pp. dortseits gewünscht wird, den bezüglichen Vorschlag an den Bibliothekar Geh. Justizrat Preuß gelangen zu lassen. Letzterer ist dahin instruiert, daß er derartige Vorschläge jeder Zeit entgegenzunehmen und, falls seinerseits kein Bedenken gegen die Anschaffung des vorgeschlagenen Werkes obwalte, dasselbe anzuschaffen und davon der vorschlagenden Behörde pp. entsprechende Mitteilung zu machen, andernfalls aber über den Vorschlag nebst seinen Bedenken dagegen zur Entscheidung hierher zu berichten habe.

Detmold, den 20. Juli 1875
Fürstlich Lippische Regierung
B. Meyer

Diese Entscheidung war eine postume Rechtfertigung Clostermeiers, der diese Lösung vorgeschlagen hatte. Preuß hat noch in einem Bericht(12) vom 21. Jan. 1891 zu dem gleichen Tatbestand gemeint, er habe sich hinsichtlich der Bücherauswahl, des wichtigsten und schwierigsten Geschäftes eines Bibliothekars, nun schon seit Jahren einer freieren Bewegung zu erfreuen gehabt, als man sie von vornherein dem neu eintretenden Bibliothekar gewähren werde. Die frühere Einrichtung, daß die Oberbehörden jährlich einmal von der Regierung zu Anschaffungsvorschlägen für ihr Ressort aufgefordert wurden – so faßte man offenbar zuletzt die anfänglichen Mahnungen auf –, sei namentlich deshalb in Abgang gekommen, weil dadurch zu große Verzögerungen entstanden. Es sei vielleicht angemessen, statt dessen den neuen Bibliothekar zu verpflichten, seine Vorschläge aus ihm ferner liegenden Fachwissenschaften von Zeit zu Zeit dafür bestimmten Stellen zur Billigung beziehungsweise Ergänzung vorzulegen. In einer neuen Dienstanweisung für den Bibliothekar, die Preuß am gleichen Tage mit seinem Bericht auf Anfordern vorlegte, hatte er – vorbehaltlich weiterer Anweisungen – dabei für Staatswissenschaften und Volkswirtschaft an den zuständigen Rat der Regierung, für Rechtswissenschaft an den Landgerichtspräsidenten gedacht. Im übrigen war diese Dienstanweisung eine wesentlich kürzere und nüchternere, mehr auf die praktischen Amtsobliegenheiten abgestellte Kodifikation als die ältere Instruktion Clostermeiers. Die von Preuß formulierte Dienstanweisung möge als letztes Dokument(12) hier im Auszug folgen.

Dienstanweisung für den Bibliothekar an der Landesbibliothek [als Entwurf vorgelegt vom Geh. Ober-Justizrat O. Preuß am 21. Jan. 1891].

[Erhaltung des Bestandes, Überwachung des Kastellans (1). – Betreuung des Publikums (2). – Benutzungsbestimmungen (3). – Ausleihungsjournal (4). –]

5 Bei der Wahl der neu anzuschaffenden Bücher hat der Bibliothekar es sich angelegen sein zu lassen, die einzelnen Fächer der Literatur möglichst gleichmäßig zu berücksichtigen, etwaige Lücken derselben in der Bibliothek allenfalls auch durch Ankäufe älterer Werke auf Auktionen oder vom Antiquare, auszufüllen und von den neuen Erscheinungen bei der Auswahl nur diejenigen Werke in Betracht zu ziehen, hinsichtlich deren entweder schon der Name des Verfassers für den Wert genügende Bürgschaft leistet oder über deren Eigenschaft als die Wissenschaft fördernder Arbeiten von dauerndem Werte die Kritik einverstanden ist. Es wird dabei vorausgesetzt, daß der Bibliothekar von dem Inhalte der von der Bibliothek gehaltenen Literaturzeitungen fortwährend genaue Kenntnisse nehme, auch dabei den etwa ihm kund werdenden Wünschen des Publikums, soweit sie berücksichtigungswert erscheinen, entgegenkomme und bei etwaigen Zweifeln über Anschaffungen aus dem Gebiete der ihm ferner liegenden Fachwissenschaften den Rat Fachverständiger einziehe. Es bleibt vorbehalten, dem Bibliothekar darüber, ob und an welchen Stellen er regelmäßig die Eröffnung von Anschaffungsvorschlägen aus einzelnen Fachwissenschaften zu veranlassen hat, weitere Anweisung zugehen zu lassen. Einstweilen wird ihm schon jetzt zur Pflicht gemacht, alle Vierteljahr seine Vorschläge aus dem Gebiete der Staatswissenschaften und Volkswirtschaft dem Departementsrate Fürstlicher Regierung, aus dem Gebiete der Rechtswissenschaft dem Präsidenten des Fürstlichen Landgerichts zur Billigung und zur etwaigen Vervollständigung vorzulegen.

[Etat nicht überschreiten (6). – Regierung entscheidet über Annahme von privaten Zuwendungen und Vermächtnissen (6a, Zusatz der Regierung). – Zugangsverzeichnisse, Bekanntgabe der Zugänge (7). – Verkehr mit Buchbinder (8). – Behandlung der Neuzugänge (9). – Gesonderte Aufbewahrung der Abschrift des systematischen Katalogs und des Katalogs der Münzsammlung der Feuerversicherung wegen (10). – Behandlung der Rechnungen (11). – Urlaub (12, Zus. d. Reg.). – „Die jederzeitige Änderung dieser Dienstanweisung bleibt vorbehalten“ (13, Zus. d. Reg.).]

Bemerkungen zur Geschichte der Landesbibliothek aus heutiger Sicht

Blickt man zurück, so gibt es unter den Bibliotheksproblemen, um deren Lösung man sich in Lippe zwischen 1818 und 1890 bemüht hat, zeitbedingte Sorgen und Maßnahmen, die nicht mehr die unsrigen sind und z. T. befremden, aber auch zeitlose Fragen, die sich immer wieder stellen. Naiv mutet heute die damals von niemand in Zweifel gezogene, ausnahmslos gültige Suprematie der Fürstlichen Landesregierung an, die grundsätzlich sich als allein für Entscheidungen befugt ansah und deshalb auch über Bücheranschaffungen entschied. Auch ein Mann wie der als Richter und Wissenschaftler gleich hoch geachtete Geh. Justizrat und Bibliotheksleiter Preuß ließ sich seine Anschaffungsvorschläge genehmigen, was natürlich regelmäßig geschah, ohne daß man auf die Idee kam, diesen geschäftlichen Leerlauf abzustellen. Es ist im übrigen wohl charakteristisch für alle kleinstaatlichen Verwaltungen, daß im überschaubaren Bereich die Zentrale auch in kleinsten Details unmittelbar bis tief hinunter regiert und daß die Befugnisse der Leiter untergeordneter Behörden allgemein stärker beschnitten sind als in größeren Staaten.

Ernster zu nehmen ist das Problem der Buchauswahl in personeller und sachlicher Hinsicht. Wenn eine kleine Landes- oder wissenschaftliche Stadtbibliothek mit wenigen Bibliothekaren Fachbestände sehr verschiedener Art durch Anschaffungen laufend zu ergänzen hat, so liegt der Gedanke nahe, den an der Bibliothek nicht vorhandenen Fachreferenten irgendwie anderweitig zu ersetzen. Die Beteiligung anderer Behörden an der Buchauswahl lag insbesondere dann nahe, wenn die begrenzten Landesmittel grundsätzlich nur Buchanschaffungen an einer Stelle zuließen, so daß eigene Behördenbibliotheken nicht neu entstanden. Die Dienstbibliothek des Lippischen Landesarchivs war z, B. infolgedessen sehr unzureichend mit historischen Nachschlagewerken ausgestattet, weil der eigene Haushaltstitel für Bücher im Hinblick auf die Existenz der Landesbibliothek klein gehalten wurde. Hier bestand also der Zwang zur Kollaboration von beiden Seiten; bis 1838 und erneut wenigstens zeitweise wieder nach 1924 waren beide Dienststellen durch Personalunion des Leiters verbunden, so daß sich dann das Problem von selbst löste. Sich Rat und Vorschlag für Bücheranschaffungen von anderen Behörden zu erbitten war freilich nur dann sinnvoll, wenn es dort nicht nur Berufspraktiker, sondern auch wissenschaftlich und literarisch interessierte Männer gab. Wichtiger als das Amt dürfte hier die Person sein. Ich habe, als ich in den Jahren nach dem Kriege zugleich Direktor der Lippischen Landesbibliothek war, für verschiedene Wissensgebiete von Fachleuten gutachtliche Äußerungen über den vorhandenen Buchbestand machen lassen, um eine Grundlage für die Ausfüllung von Lücken zu bekommen. Man wird, meine ich, um ähnliche Maßnahmen nicht herumkommen, wenn eine wissenschaftliche Bibliothek den Besitz von Werken anstrebt, die über Literatur zur allgemeinen Bildung hinausgehen. Daß man auch den Rat des zuständigen Fachmanns bei Anlage des systematischen Katalogs nicht entbehren kann, sei nur angedeutet. Welche Fächer im Bestandsausbau zu berücksichtigen sind und wie weit man dabei gehen soll, hängt von der Benutzungsfrequenz, dem Vorhandensein oder Fehlen von Spezialbibliotheken am Ort oder in seiner Nähe und natürlich von den vorhandenen Geldmitteln ab. Den von Clostermeier ausgesprochenen Wunsch, aus jedem Fach gute neuere Lehrbücher zu besitzen, wird auch heute eine wissenschaftliche Bibliothek begrenzten Umfanges zu erfüllen trachten. Die mühsamen, ständig einen Kompromiß zwischen Wunsch und Möglichkeit suchenden Überlegungen dieser Art sind grundsätzlich heute nicht viel anders als damals, nur daß das einzelne Institut jetzt nicht mehr isoliert dasteht und dadurch eher von krassen Mißgriffen bewahrt bleibt, wie bei Clostermeier die Abweisung der für die Schulwissenschaften, d. h. für die allen gemeinsame Bildung dienenden Schriften einer war.

Es bedarf noch eines Wortes über das Verhältnis zwischen Landesbibliothek und Behördenbibliotheken. Die Lippische Landesbibliothek ist, wie wir sahen, selbst z. T. aus solchen Büchersammlungen hervorgegangen. Zur Zeit der Eigenständigkeit des Landes ist es in nennenswertem Umfang auch nicht mehr zu Neubildungen dieser Art gekommen. Der Bücherbestand des Lippischen Landesarchivs blieb, wie gesagt, mehr als bescheiden, und die Lippische Landesregierung selbst, das Konsistorium, das Landgericht entwickelten zunächst über bescheidene Handapparate hinaus nichts, was den Namen Bibliothek verdient hätte. Das ist inzwischen anders geworden. Ich habe es mir selbst angelegen sein lassen, insbesondere nach Ausdehnung des Archivsprengels über den ehemaligen westfälischen Regierungsbezirk Minden, die Archivbibliothek auszubauen; sie umfaßt zur Zeit 26.000 Bände. Beim Regierungs- präsidenten entstand auf der Grundlage des von der ehemaligen Mindener Bezirksregierung übernommenen reichen Buchbestandes eine Verwaltungsbibliothek, die einschließlich der Dezernatsbestände zur Zeit etwa 33.000 Bände besitzt. Das Landeskirchenamt hat insbesondere für den theologischen Nachwuchs eine unter fachlicher theologischer Verwaltung stehende Bibliothek aufgebaut, deren Bändezahl ebenfalls nicht viel unter 30.000 liegen dürfte. Beim Landgericht befindet sich zum Gebrauch der Richter, Rechtsanwälte und des juristischen Nachwuchses eine juristische Fachbibliothek von über 5.000 Bänden, während die Bundesforschungsanstalt für Getreideverarbeitung eine Spezialbibliothek von ca. 20.000 Bänden (ohne Broschüren etc.) aufgebaut hat. Die Nordwestdeutsche Musikakademie besitzt rund 45.000 Einheiten, etwa 6.000 Bücher und 39.000 Noten, davon etwa ein Drittel Erststücke. Über kleinere wissenschaftliche Bestände verfügen noch das Landesmuseum (ca. 7.500 Bde) und die höheren Schulen (je um 5.000 Bde), diese dann auch außerhalb Detmolds. Nicht übersehen sollte man auch die sogenannte Ergänzungsbücherei bei der Staatlichen Büchereistelle für den Regierungsbezirk Detmold mit insgesamt ca. 12.000 Bänden verschiedener Art, welche mit ihren für die kommunalen Büchereien u. a. bereitgehaltenen allgemeinen Sachbüchern doch auch eine Entlastung für die Landesbibliothek bedeutet. Es ergibt sich so für die Detmolder Spezialbibliotheken ein Bestand, der bereits etwa 60 Prozent des Buchbestandes der Lippischen Landesbibliothek mit zur Zeit ca. 235.000 Bänden erreicht. Bezieht man den ganzen jetzigen Regierungsbezirk Detmold in eine solche vergleichende Betrachtung mit ein, so bleibt zwar die Landesbibliothek in Detmold die größte Bibliothek Ostwestfalens, aber es treten neben sie so gewichtige Bibliotheken wie die Stadtbücherei Bielefeld nebst der besonderen, an landesgeschichtlicher Literatur reichen Heimatbücherei, die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek in Paderborn, die Bibliothek der Kirchlichen Hochschule Bethel, auch die Bibliotheken der neuen Pädagogischen Hochschulen Bielefeld und Paderborn – von den im Aufbau begriffenen Bibliotheken der neuen Universität Bielefeld nicht zu reden. Das sind gegenüber den Zeiten von Clostermeier und Preuß sehr veränderte Verhältnisse.

Beschränken wir uns, um die Ausgangsbasis nicht zu verlieren, auf das ehemals lippische Gebiet, so steht auch hier jetzt die Landesbibliothek, wie wir sehen, neben beachtlichen Behördenbibliotheken. Die bibliothekarische Fachliteratur zu diesem Problem und über Behördenbibliotheken überhaupt ist offenbar gering.(13) Einige Gemeinsamkeiten scheint es mit dem Verhältnis der zentralen Universitätsbibliothek zu den Sonderbibliotheken an den Instituten und Seminaren der Universität zu geben, über das in letzter Zeit viel geschrieben worden ist.(14) Die Entwicklung ist dort allgemein zuungunsten der zentralen Universitätsbibliothek alten Stils verlaufen, so daß sich der unerwartete Tatbestand ergab, daß etwa 40 Prozent der Universitätsbücher der Verwaltung durch die Bibliothekare entzogen ist und daß von den Neuanschaffungen nur noch etwa ein Viertel durch ihre Hände geht, während das übrige über die Etats der Institute unmittelbar durch diese erledigt wird. Die Vorschläge zur Abänderung dieses in mancher Hinsicht unbefriedigenden und auch unwirtschaftlichen Zustandes reichen bis zur Auflösung einer zentralen Universitätsbibliothek und einer Dezentralisation der Bestände unter bibliothekarischer Leitung. Weniger weit gehende Vorschläge fordern bessere Koordinierung, Beschränkung der in Freihandaufstellung präsent zu haltenden und nicht zu magazinierenden Institutsbestände auf den engeren Aufgabenbereich, Anlage eines Gesamtkatalogs, Einheitlichkeit der Verwaltung und dadurch Abstimmung bei Anschaffung der Bücher, von denen viele zwar mehrfach, aber zahlreiche Spezialwerke doch auch nur in 1 Exemplar vorhanden sein müssen. Wer nun mit Vorstellungen dieser Art eine entsprechende Ordnung zwischen Landesbibliothek und Behördenbibliotheken treffen wollte, würde schnell an dem fundamentalen Unterschied scheitern, daß im Gegensatz zur Universität hier unterschiedliche Besitz- oder gar Eigentumsrechte vorliegen: In Detmold steht die einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, dem Landesverband Lippe, gehörende Landesbibliothek bei den übrigen genannten Bibliotheken Einrichtungen des Landes Nordrhein-Westfalen, der Kirche, des Bundes gegenüber. Aber auch eine staatliche Landesbibliothek würde gegenüber Behördenbibliotheken des gleichen Unterhaltsträgers sehr schnell vor unüberwindlichen Hindernissen stehen, wenn an unmittelbare Einwirkungen gedacht wäre.

Was eine Behörde zur bestmöglichen Erfüllung ihrer Aufgaben an Buchbeständen braucht, kann nur sie selbst entscheiden. Es ist weder ungewöhnlich, daß eine Behördenbibliothek reichere Spezialbestände besitzt als eine zentrale Landes- oder Universitätsbibliothek, noch, daß sie dort besser erschlossen sind. Ein gutes Beispiel hierfür ist etwa die Bibliothek der Bundesforschungsanstalt für Getreideverarbeitung mit ihren nicht nur inhaltlich voll katalogisierten, sondern auch karteimäßig in laufend fortgesetzter Dokumentation ausgewerteten 200 einschlägigen Zeitschriften. Daß auch ein wissenschaftliches Arbeits- und Forschungsanliegen sowohl vom bereitstehenden Arbeitsapparat her als auch durch Beratung durch einen auf gleichem Gebiet arbeitenden Fachmann einer speziell zuständigen Behörde z. T. intensiver gefördert werden kann als es mit den generellen Möglichkeiten einer zentralen Bibliothek durchführbar ist, dürfte auf der Hand liegen. Was Landes- und Universitätsbibliotheken auch in solchen Fällen ihrerseits unersetzbar zu bieten haben, sind die zentralen bibliographischen Hilfsmittel, die allgemeinen Nachschlagewerke und die Möglichkeiten des auswärtigen Leihverkehrs, dessen segensreiche Hilfe nicht hoch genug gepriesen werden kann.

Was im allseitigen Interesse gepflegt werden sollte, wäre also eine Zusammenarbeit, welche die Beziehungslosigkeit ersetzt. Eine solche Zusammenarbeit würde zunächst bedeuten, daß man sich gegenseitig darüber informiert, was man zu leisten imstande ist. Da ferner keine Behörde zum Ankauf von Büchern soviel Geld hat, wie sie möchte, und da es zweifellos nicht wenige Bücher gibt, die seltener gebraucht werden und bei denen das Vorhandensein von nur 1 Exemplar am Ort genug ist, sind Absprachen denkbar, wer ein teures Buch dieser Art kauft. Die Voraussetzung der Einsichtnahme an Ort und Stelle durch jeden Interessenten bzw. einer kurzfristigen Ausleihung zu dienstlichem Gebrauch dürfte keine Schwierigkeiten bereiten. Wichtigstes gemeinsames Arbeitsvorhaben könnte aber auch hier ein Zentralkatalog sein, der im Falle Detmolds auf rein örtlicher Basis ein durchaus lohnendes Ergebnis erwarten ließe. Ich habe damals nach dem Kriege in der bücherlosen Zeit damit begonnen, und zwar mit Laienkräften. Ich war mit Ballhorn Rosen, dessen Bibliotheksgutachten von 1818 ich damals freilich noch nicht gelesen hatte, der Meinung, daß das „wünschenswerte Erreichbare“ besser sei als das unerreichbare „wünschenswerteste ldeale“, d. h. ein Zentralkatalog mit Fehlern immer noch besser als keiner. Die Arbeit ist nicht fortgesetzt worden, vielleicht wäre aber, nachdem auch die technischen Vervielfältigungsmöglichkeiten besser geworden sind, jetzt ein neuer Anfang möglich. Da die Klagen über zu große Belastung des auswärtigen Leihverkehrs auf Landes- und Bundesebene nicht verstummen, könnten Zentralkataloge auf örtlicher Basis, die primär keinen Leihverkehr, sondern eine Steuerung des Lesers zum Ziele haben, zur Entlastung beitragen. Daß im übrigen auch auf dem Gebiet der Bibliothekstechnik eine Landesbibliothek Behördenbibliotheken Hilfestellung zu geben in der Lage wäre, sei nur noch angedeutet.(15) Die Landesbibliotheken dürften auch sonst vor neuen Aufgaben stehen, wenn die Universitätsbibliotheken neuer Art auf Forschung und Lehre der Hochschulen beschränkt werden und dann nicht mehr in der Lage sind, zugleich die Aufgaben einer Landesbibliothek wahrzunehmen.(16)

Schon Clostermeier fühlte sich 1823 der Zustimmung des „ganzen gelehrten Publikums des Lippischen Landes“ sicher, daß die neue öffentliche Bibliothek eine ausgezeichnete und ehrenvolle Behandlung verdiene. Er wies auf die Würde dieser Anstalt hin, welche zwar als die jüngste unter den hiesigen öffentlichen Instituten ins Leben trete, aber wegen ihres nicht zu berechnenden geistigen Einflusses auf die gelehrte Bildung in Hinsicht auf ihre Bedeutsamkeit gewiß nicht die geringste sei! Aus dieser Erkenntnis heraus haben die Fürstin Pauline und ihre Räte vor 150 Jahren das Werk begonnen und hat das kleine Land Lippe im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten eine wissenschaftliche Landesbibliothek bis heute getragen. Möge die Institution, ohne die auch heute wissenschaftliche Arbeit hier weithin nicht möglich wäre, auch unter veränderten Verhältnissen in angemessenen Formen weiterwirken können!

Anhang: Die Leiter der Öffentlichen Bibliothek (Landesbibliothek) in Detmold während der letzten 200 Jahre

Die Archivar-Bibliothekare des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben, wenn man etwa von Caspar Pezel (1600/1614-1634), Franz Caspar Barkhausen (1665-1715) und Otto Friedrich Kellner (1715-1741) absieht, in ihren Instituten keine erwähnenswerten Spuren hinterlassen. Auch die Landesregierung wandte diesen erst im Zeitalter der Aufklärung wieder einiges Interesse zu.

Archivrat Johann Ludwig Knoch 1762-1771
Rektor Franz Wilhelm Wellner(17) 1771-1778
Konrektor Joh. Phil. Ludolf Finke 1778
Prorektor Mag. Aug. Joh. Gottfr. Röderer 1778 bis 1783
Rektor Mag. Georg David Koeler(18) 1783-1818
Professor Anton Möbius 1818-1819/22
Archivrat Christian Gottl. Clostermeier 1819-1823
Archivrat Friedr, Aug. Peter Wasserfall 1824-1838
Geh. Justizrat Otto Preuß 1838-1890
BiblDir. Professor Dr. Ernst Anemüller(19) 1891-1924
Arch. u. BiblDir. Geh. Archivrat Dr. Hans Kiewning 1924-1933
Bibl. u. ArchDir. Dr. Eduard Wiegand 1933-1945
Arch. u. BiblDir. Dr. Erich Kittel 1946-1950
BiblDir. Dr. Heinrich Haxel 1950-1966
BiblDir. Dr. Karl A. Hellfaier seit 1966

Anmerkungen

  1. Vgl. Aug. Falkmann, Graf Simon VI. zur Lippe und seine Zeit. Beitr. z. Gesch. d. Fürstent. Lippe 3-6, Detmold 1869-1902.
  2. Vgl. Hans Kiewning, Fürstin Pauline zur Lippe 1769-1820, Detmold 1930.
  3. Über die meisten von ihnen u. a. nähere Angaben in: Menschen vom lippischen Boden. Lebensbilder, hrsg. von M. Staercke, Detmold 1936, vgl auch Kiewning, Fürstin Pauline, Namensregister, desgl. E. Kittel, Geschichte des Landes Lippe, Köln 1957.
  4. Die Vorgänge von 1818/19 befinden sich im Staatsarchiv Detmold L 77 A Fach 104a Nr. 1 Vol. I und Nr. 2 Vol. I.
  5. Der Ablauf der Ereignisse wurde näher dargelegt in meinem gleichzeitigen Aufsatz: Die Einrichtung der öffentlichen Bibliothek zu Detmold 1818-1824, in: Lipp. Mitt. aus Gesch. u. Landesk. Bd. 38, 1969, in dem anläßlich des 200. Geburtstages der Fürstin Pauline zur Lippe mehrere dem Wirken dieser Fürstin gewidmete Beiträge vereinigt sind. Kurz berührt wurden die geschilderten Gründungsvorgänge auch bereits von (Hans Kiewning), Die Landesbibliothek. In: Die Lippische Landesverwaltung in der Nachkriegszeit, hrsg. von Heinrich Drake, Detmold 1932, S 203ff. – Hans Kiewning, Das Lippische Landesarchiv in Detmold. In: Archival. Zeitschrift 42/43, 1934, S. 281ff., bes. 309, 315 ff. – Heinrich Haxel, Die Lippische Landesbibliothek. Ein geschichtl. Rückblick. In: Lippe vor 100 Jahren. Im Auftrag des Lipp. Heimatbundes hrsg. von – –, Detmold 1961, S. 4ff. – Otto Gaul, Die Detmolder Schloßplatzbauten. In: Lipp. Heimat 34, 1961, S. 83 ff. – Alfred Bergmann, Grabbe als Benutzer der öffentl. Bibliothek in Detmold, Detm. 1963, S. 17 ff. Vgl. auch Anm. 19.
  6. Ein Abdruck des Kataloges durch H. Kraemer in Lipp. Mitt. Bd. 38, 1969.
  7. Den „Siebenschläfer“ oder „Langschläfer Möbius“ erwähnt auch Freiligrath in Jugenderinnerungen der Schulzeit wieder wachrufenden Briefen an Carl Weerth von 186O und 1864 in Lipp. Mitt. 30, 1961, S. 129 (bzw. Wilh. Buchner, Ferdinand Freiligrath. Ein Dichterleben in Briefen, 2 Bde Lahr 1852, II 327 u. 349 (vgl. auch dort das Register).
  8. StA. Detmold L 77 A Fach 104a Nr. 2 Vol. III und Landes-Verordnungen Bd 7, 1820-1832, S. 228.
  9. Den Angaben liegen folgende Akten des StA. Detmold zugrunde: L 77 A Fach 104a Nr. 2 Vol. IV-IX; L 75 IV Abt. 25 Nr. 1, I; L 80 I a X 3 Nr. 14; L 92 A Tit. 200 Nr. 7; D 72 Clostermeier Nr. 42. Vgl. auch Landes-Verordnungen d. Fürstent. Lippe (auch unter d. Titel: Gesetzsammlung) 10, 1847 bis 1852 S. 552; 18, 1880-1882 S. 223; 21, 1892-1895, S. 352.
  10. Sein Lebensbild im Band „Menschen vom lipp. Boden“, s. o. Anm 3.
  11. StA. Detmold L 92 A Tit. 200 Nr. 7.
  12. StA4 Detmold L 77 A Fach 104a Nr. 2 Vol. IX.
  13. Vgl. zuletzt Norbert Fischer, Vom Wert der Behördenbibliotheken. In: Zeitschr. f. Bibliothekswesen u. Bibliographie Jg. 15, 1968, S. 350-355.
  14. Vgl. hierzu die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftl. Einrichtungen, Teil II: Wissensch. Bibliotheken, sowie zum Ausbau d. wissensch. Hochschulen, Tübingen 1967; mehrere Beiträge über das Problem brachten die Jahrgänge 1957 und 1958 der Zeitschrift f. Bibliotheksw. u. Bibliogr. und des Mitteilungsblattes des Verbandes d. Bibliotheken d. Landes Nordrhein-Westfalen.
  15. In Detmold fehlt beispielsweise ein modernes Kopiergerät, wie sie zur preiswerten Selbstbedienung durch die Studenten heute in allen Universitätsbibliotheken und zahlreichen Universitätsinstituten zur Verfügung stehen.
  16. Die 21. Jahresversammlung des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen befaßte sich im Oktober vergangenen Jahres in Detmold mit dem Thema „Die Stellung der Landesbibliothek im Bibliothekssystem des Landes“. Die Referate werden im „Mitteilungsblatt“ Nr. 1, 1970, erscheinen.
  17. Vgl. Franz Wilh. Weltner, Erster Versuch einer Nachricht von d. Hochgräfl. Lipp. öffentl. Bibliothek zu Detmold, worin zugleich einige Handschriften auf Pergament näher beschrieben werden. Lemgo 1773. – Ders., Fortgesetzte Anzeige der auf Hofgräfl. Lipp. öffentl. Bibl. befindlichen Pergamen und anderen Handschriften. Lemgo 1774. – Über die rund ein halbes Jahrhundert mit der Bibliotheksverwaltung betrauten Lehrer der Detmolder Provinzialschule (Gymnasium), aus denen man auch später noch einmal in der Person von Prof. Anemüller einen Bibliotheksleiter entnahm, vgl. die Akten des StA. Detmold L 65 Nr. 263; L 69 Nr. 72 ff.; L 77A Fach 85 Nr. 2, I; L 80 IIIa Tit. 26 Nr. 1.
  18. Von ihm besitzen die Landesbibliothek und das StA. Detmold eine Schritt: Ueber die Policey und äußere Einrichtung der Gymnasien. Von D. G. D. Koeler, Rector des Gymnasiums zu Detmold. Lemgo 1789. – Auf S. 72-74 wird unter den äußeren nötigen Hilfsmitteln auch einer Schulbibliothek gedacht: „Eine Bibliothek halte ich einer Schule für sehr nützlich, ja fast für nötig.“
  19. Eine Anemüller-Bibliographie ist 1950 in den Lipp. Mitt, Bd. 19 abgedruckt worden. Zu seinen Veröffentlichungen über Bibliotheks- und Büchereifragen gehört auch ein Vortragsreferat über die Geschichte der Landesbibliothek und insbesondere ihre Neugestaltung im 19. Jahrh. im 1. Band der Lipp. Mitt. von 1903. – Kiewning hat über den Anm. 5 zitierten Beitrag hinaus über Lippisches Bibliothekswesen nichts weiter veröffentlicht. Die einschlägigen Veröffentlichungen von Preuß nennt die Lippische Bibliographie unter H 1111, 1113, 1116, 1135, 1139. Das wenige, was sonst von den früheren nebenamtlichen Bibliothekaren über Bibliotheken veröffentlicht wurde, enthalten die Anmerkungen 17 und 18.