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30 Jahre Grabbe-Archiv Alfred Bergmann in der Lippischen Landesbibliothek

von Klaus Nellner

Druckfassung in: Mitteilungsblatt. Verband der Bibliotheken Nordhrein-Westfalens, N.F. 19 (1969), 142-145.
Erschien auch in: Mitteilungen der Grabbe-Gesellschaft, H. 5. 1968.

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Mit dem Übergang der Grabbe-Sammlung von Prof. Dr. Alfred Bergmann in den Besitz der Lippischen Landesbibliothek im Jahre 1938 und ihrer feierlichen Eröffnung als „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ am 15. Oktober desselben Jahres, einem der bedeutsamsten Daten in der damals schon um mehr als nochmals drei Jahrzehnte – genauer: bis zum 25. Februar 1904 – zurückreichenden Geschichte der Sammlung, erfüllte sich für ihren Begründer ein weiteres, wesentliches Ziel seiner Tätigkeit als Grabbe-Forscher: Die Gewähr war gegeben für den ungeteilten Fortbestand und die kontinuierliche Weiterführung des Archivs, die Gefahr seiner Zerstreuung, das Schicksal vieler wertvoller Privatsammlungen, gebannt. Zwei andere Ziele durften 1938 ebenfalls als erreicht gelten: Die Korrektur und Vertiefung der wissenschaftlichen Erforschung von Grabbes dichterischem Werk und die Anregung eines echten Interesses einer breiten Öffentlichkeit an der Persönlichkeit des Dichters, das bisher über das Nacherzählen einiger biographisch-pikanter Anekdoten zumeist nicht hinausgekommen war. Der monströse Grabbe-Kult allerdings in den dreißiger Jahren, von Staats wegen verordnet, konnte den nüchternen Betrachter wenig glücklich stimmen, da er bloß eine neue Verzerrung und Verfälschung des Grabbe-Bildes bedeutete. Heute ist Grabbe nicht mehr „völkischer Seher“; zurückgeschraubt auf maßvolle Betrachtungsweise bemüht sich die Literaturwissenschaft um gerechte Beurteilung und Erklärung der Ausnahmeerscheinung Grabbe, wobei manche Vertreter der neueren Germanistik zu distanziert-kühlen Ergebnissen gelangen, während Theaterregisseure in immer wieder neu interpretierenden Inszenierungen die Wirkung seiner Dramen auf der Bühne erproben.

Wandlungen fanden auch statt im äußeren Bild des Grabbe-Archivs. Im Rahmen der umfangreichen Erweiterungs- und Renovierungsarbeiten in der Lippischen Landesbibliothek erhielten seine angestammten Eckräume im obersten Stockwerk des Gebäudes ein neues Gesicht. Außerdem wurde es auf den angrenzenden, früher der heimatgeschichtlichen Sammlung dienenden Raum ausgedehnt. Die Regale im mittleren Zimmer wurden durch schön gemaserte Nußbaumschränke mit Glastüren ersetzt, so daß ein repräsentativer Hauptraum enstand, in dem die Bücher – die Anzahl der bibliophilen, zeitgenössischen Halblederbände im Archiv ist beträchtlich – eine besonders schonende Aufstellung erhalten konnten. Vor dem Schrank mit den Werken Grabbes steht die von Bandel 1841 geschaffene Büste des Dichters. Für die beiden Nebenräume wurden aus dem Material der vorhandenen Regale – „von Detmolder Handwerkern so formschön und gediegen gefertigt“, lobte die heimische Presse seinerzeit – neue, etwas niedrigere gebaut. Hier wählte man Schleiflack als Anstrich. In den Fächern unterhalb der Schränke und Regale befinden sich hinter Holztüren die über hundert Kästen mit Broschüren und der Panzerschrank, zu klein fast inzwischen für die Handschriften von Werken und Briefen. Zweckmäßig war die Anschaffung eines Stahlschranks mit flachen Schubfächern, in denen die großformatigen Bühnenbildentwürfe, Theaterplakate und ungerahmten Bildnisse, vor Beschädigung geschützt, liegend aufbewahrt werden.

Unberührt von äußeren Wechselfällen wie der Überführung von Weimar nach Detmold, der Auslagerung während des Krieges in ein Salzbergwerk bei Grasleben und der Rückkehr von dort, zunächst in Kellerräume der Bibliothek, unbeeinflußt vor allem aber auch von Ideologien, zeitbedingten Übertreibungen und Moden widmet sich das Grabbe-Archiv seiner eigentlichen Aufgabe: Der innerhalb des von Alfred Bergmann weitgesteckten Rahmens vollständigen Erfassung von allem für die wissenschaftliche Grabbe-Forschung Erforderlichen, also aller greifbaren Handschriften und Werke des Dichters, natürlich auch der Übersetzungen letzterer in fremde Sprachen, jeder Arbeit und jeder Äußerung über ihn, des Bildmaterials zu seiner Biographie, der Unterlagen zur Bühnengeschichte der Dramen und schließlich der zur Veranschaulichung des zeitgenössischen literarischen Hintergrunds wesentlichen Werke. Seine wohlbegründeten Anschaffungsprinzipien sind in Alfred Bergmanns Buch „Meine Grabbe-Sammlung“ nachzulesen; mit Sachkenntnis und Konsequenz ist darüber zu wachen, daß der Sammeleifer „nicht auf eine falsche Bahn gerät“, ausdrücklich von der Anschaffung ausgeschlossen sind daher „Reliquien“. Das Grabbe-Archiv soll nicht Weihe-Stätte sein, Ort stummer Verehrung, sondern, wie jedes wissenschaftliche Archiv, stets befragbare Auskunftei, eine zuverlässige Quelle sachlicher Information.

Die Vermehrung des oftgerühmt großen Bestandes an Handschriften – „Quellen“ im eigentlichsten Sinn – bleibt das ehrgeizigste, allerdings auch kostspieligste Ziel des Archivs. Die denkwürdigen Umstände des Kaufs der Napoleon-Handschrift im Jahr 1960 sind bei den daran Beteiligten noch in guter Erinnerung. Seitdem förderten die Auktionen, zumeist übrigens die bei Stargardt in Marburg, regelmäßig weitere Manuskripte zutage, die fast alle – unter erheblichen Kosten, das einzelne Stück war nie für weniger als 1000 bis 2000, ja 4000 Mark zu haben – erworben werden konnte. Von den Grabbe-Briefen darunter seien genannt: zwei an die Meyersche Hofbuchhandlung in Lemgo, zwei an seinen Düsseldorfer Verleger Schreiner, je einer an Louise Christiane Clostermeier und an Friedrich August Rosen (1805-1837), Sohn des Detmolder Justizkanzleidirektors F. B. Rosen und Professor für Orientalistik und Sanskrit an der Universität London, und der „bekenntnisreiche“ Brief an den Schriftsteller Theodor von Kobbe. Die Bedeutung des letztgenannten Schreibens hat Alfred Bergmann in der Zeitschrift „Heimatland Lippe“, Jg. 60, 1967, S. 136-138, erläutert.

Erfreulicherweise ist das Archiv nicht nur auf die Vermehrung durch Kauf angewiesen; kostenlos meistens werden ihm vor allem die Programmhefte und die wertvollen Szenenfotos von Grabbe-Aufführungen durch die Bühnen überlassen. Ein Geschenk – von der Stadt Detmold aus dem ehemaligen Heimatmuseum – ist auch das Grabbe-Bildnis von Bruno Wittenstein (1876-1968), dem in Hamm geborenen und seit 1903 in Detmold tätigen Porträt- und Landschaftsmaler. Die undatierte Arbeit in Öl bringt eine interessante, auf keinen Fall idealisierende Darstellung des Dichters.

Teile des Grabbe-Archivs wurden kürzlich in zwei Ausstellungen der Öffentlichkeit vorgeführt, 1967 in Recklinghausen im Rahmen der Ruhrfestspiele und 1968 im Landestheater Detmold anläßlich der Aufführung von „Heinrich VI“, womit an die Tradition der von Alfred Bergmann veranstalteten Ausstellungen in Leipzig, 1920 im Stadtgeschichtlichen Museum und 1922 im Deutschen Museum für Buch und Schrift, und 1936 und 1938 in Detmold angeknüpft wurde. Allerdings gehören Ausstellungen nun zweifellos zu den nachrangigen Aufgaben von Archiven, die ihrem Inhalt und Wesen entsprechend nie mit Museen konkurrieren wollen. Die Notwendigkeit, die Alfred Bergmann zu seinen Ausstellungen veranlaßte, für Grabbe zu werben und auf die Grabbe-Sammlung als Mittel der wissenschaftlichen Forschung hinzuweisen, besteht nicht mehr. Das beweisen – nicht erst seit dem Erscheinen des wohlfeilen Bändchens von Paul Raabe: „Quellenkunde zur neueren deutschen Literaturgeschichte“, Stuttgart 1962, 2. erw. Aufl. 1966, das nun jedermann zuverlässige Information über Standorte und Umfang der Nachlässe und Archive deutscher Schriftsteller bietet, – die zahlreichen Anfragen von Professoren und Doktoranden, Regisseuren, Bühnenbildnern und Verlagslektoren des In- und Auslands, die bei ihrer Beschäftigung mit Grabbe Material und Angaben unter den verschiedensten Gesichtspunkten im Grabbe-Archiv suchen – und fast immer finden. Theater ziehen Bühnenbilder und Szenenfotos früherer Aufführungen zum Vergleich heran, für eine Dissertation über die Bühnengeschichte von Grabbes Dramen können gedruckte Bühnenbearbeitungen zur Verfügung gestellt werden, Verlage erhalten Illustrationen, dem Westdeutschen Rundfunk ist an einer Statistik sämtlicher Aufführungen von Grabbes Dramen gelegen, während eine Kieler Bühne nur wissen will, ob Grabbes „Cid“ überhaupt je aufgeführt worden ist.

Durch seinen umfangreichen Bestand an Literatur aus dem Zeitraum 1750 bis 1850, vor allem an äußerst seltenen Zeitschriften wie dem „Komet“, der „Europa“, dem „Phönix“ oder dem „Telegraph für Deutschland“ – dem vollständigsten Exemplar der Welt – ist das Archiv nicht nur für die Erforschung Grabbes, sondern darüberhinaus der deutschen Literaturgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unentbehrlich geworden. So konnten kürzlich für eine Dissertation über den Juristen Friedrich Wilhelm Carové (1789-1852) Zeitschriftenbeiträge im „Phönix“ bibliographiert und in Fotokopie zur Verfügung gestellt werden, im „Telegraph für Deutschland“, für eine andere Dissertation, Arbeiten des literarischen Gegners von Carové, Karl Gutzkow. Jenem Gutzkow, der in Grabbe nur die „Grimasse der Genialität“ sah.

Unbedingte Voraussetzung für eine so umfassende und vielseitige Auswertung der Bestände des Grabbe-Archivs zum Nutzen der Forschung sind seine fortwährend gewissenhafte Ergänzung und die sorgfältige Pflege seiner inneren und äußeren Ordnung. Ein Höchstmaß an bibliothekarischer Umsicht erfordert die Ermittlung der Desiderata und Neuerscheinungen, auch solcher außerhalb des Buchhandels, aus Allgemein- und Fach-Bibliographien, Literaturzeitschriften und Antiquariatskatalogen. Das gilt besonders für die Erwerbung von Zeitschriftenaufsätzen und Beiträgen in Sammelwerken, literarischen Erscheinungsformen, deren Erfassung in Bibliotheken im allgemeinen unterbleibt, in Spezial-Sammlungen und Archiven dagegen unerläßlich ist. Rasches Zugreifen erfordern die in kleiner Zahl vervielfältigten Dissertationen, ihre spätere Reproduktion auf fotografischem Wege verursacht erhebliche Mehrkosten. An Hand der Bühnenspielpläne müssen die Aufführungen von Grabbe-Dramen registriert und die Theaterleitungen um Überlassung der Programme, von Fotos, Plakaten und Bühnenbildentwürfen, die Rundfunkanstalten um Zusendung der Manuskripte von Grabbe betreffenden Sendungen gebeten werden. Nur durch eine derart lückenlose und stets aktuelle Dokumentation, deren Bedeutung übrigens Rechnung getragen wurde, indem man sie der Lippischen Landesbibliothek zur vertraglich festgelegten Pflicht machte, vermag das Grabbe-Archiv seine Aufgabe zu erfüllen.

Seit seinem Ausscheiden aus dem Bibliotheksdienst im Juli 1952 muß das Archiv auf Alfred Bergmanns Leitung verzichten. Die verschiedenen Arbeiten der Erwerbung, der Katalogisierung, der Buchpflege, der technischen Archiv-Verwaltung – mit großem Arbeitsaufwand ist allein schon die Ordnung und Aufbewahrung der zahllosen Zeitungsausschnitte in Kassetten verbunden – und der Beantwortung der mündlich und schriftlich eingehenden Anfragen nehmen mehrere Mitarbeiter der Landesbibliothek zusätzlich zu ihren übrigen Pflichten wahr. Den berechtigten, in der Sache begründeten Wunsch, alle diese Funktionen einem einzigen, sowohl mit der Literaturgeschichte wie mit dem Werk Grabbes gut vertrauten Bibliothekar anzuvertrauen, konnte die Bibliothek aus finanziellen Gründen bisher leider nicht verwirklichen.

Neben den vielen ausgeführten Vorhaben seiner Grabbe-Forschung, die die 182 Nummern zählende Bibliographie seiner Veröffentlichungen ausweist, harrt noch ein höchst Wichtiges, das Alfred Bergmann schon lange als die „Krönung seines Schaffens“ betrachtet, der Vollendung. Nachdem nun aber seine Arbeit an der historisch-kritischen Grabbe-Ausgabe vor ihrem Abschluß steht, hat er sich der Fertigstellung des beschreibenden Katalogs des Grabbe-Archivs zugewandt. Eines beschreibenden Katalogs und nicht bloß eines Titelverzeichnisses deshalb, weil nur durch jenen der Bezug jedes einzelnen Werkes im Archiv auf Grabbe und die Gliederung und Struktur des Ganzen erkannt werden können. Wenn dieser Katalog aus der „zentralen Stätte für die Grabbe-Forschung“ gedruckt vorliegen wird, ist der Literaturwissenschaft das Mittel, der notwendige Schlüssel zur restlosen Erschließung der Schätze des Grabbe-Archivs in die Hand gegeben.