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Die Heimatsammlung

von Heinrich Haxel

Druckfassung in: Lippe vor 100 Jahren. Hg. von Heinrich Haxel. Detmold, 1961, S. 27-33.

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Die Romantische Bewegung weckte in letzter Stunde am Vorabend des technischen Zeitalters unser modernes Geschichtsbewußtsein, den Sinn für den Eigenwuchs vergangener Epochen, schlechthin für das, was wir unter Patina begreifen. Man erkannte nun die Notwendigkeit, Bestandsaufnahme von dem zu machen, was verblieben und als Zeuge entschwundener Tage zu erhalten war. Kunstgeschichte war hinfort nicht mehr allein die Sache der Ästhetik. Franz Kugler schuf mit seiner 1840 erschienenen „Pommerschen Kunstgeschichte“ den Modellfall für eine Inventur von Baudenkmälern in einer geschlossenen Landschaft.

In seinem Gefolge stehen auch die Bemühungen von Otto Preuß, Bibliothekar der Lippischen Landesbibliothek und Richter in einer Person, eine Bestandsaufnahme der Baudenkmäler im heimischen Lippe vorzunehmen. Auch er wußte, daß die neue Zeit das Alte in seinem Bestand bedrohte, schreibt er doch im Vorwort seines 1873 erschienenen verdienstvollen Werkes „Die baulichen Alterthümer des Lippischen Landes“, oft genug habe man es erlebt und erlebe es täglich noch, daß so manches Denkmal der Vergangenheit ohne Not aufs sorgloseste beseitigt und dadurch der bisher redende Zeuge für immer stumm gemacht würde. Er bemerkt außerdem, daß der Verfasser über seine eigenen Bemühungen hinaus manche Notiz den Mitteilungen anderer verdanke:

„Namentlich ist ihm vielfach eine werthvolle Sammlung von Zeichnungen der hiesigen Landesbibliothek zu Statten gekommen, welche diese dem Kunsttalente des Pastors Emil Zeiß zu Barntrup verdankt, eine Sammlung, die, neuerdings noch durch die nicht minder kunstfertige Hand des Hauptmanns Hugo von Donop hieselbst um eine Reihe weiterer Blätter vermehrt, jetzt bereits den größten Theil der wichtigeren baulichen Alterthümer unseres Landes in schönen und zuverlässigen Abbildungen darstellt.“

Viele dieser Zeichnungen verdanken ihre Entstehung der Anregung von Preuß. Am 16. Februar 1862 schreibt Emil Zeiß an ihn: „Seien Sie überzeugt, daß ich Ihnen bei Ihrem lobenswerthen Streben für die Geschichte unsers Landes, wenn ich kann, gern Handlangerdienste verrichte ...“ Für die Jahre 1863 und 1864 finden sich Anweisungen der Landesregierung, Zeiß die Auslagen zu erstatten, die ihm bei den Fahrten entstanden waren. Eine spätere Verfügung aus dem Jahre 1875 spricht von der „seit einer Reihe von Jahren für die Öffentliche Bibliothek angelegten Sammlung von Zeichnungen baulicher Antiquitäten“.

Preuß hat es sicherlich bedauert, daß es vermutlich aus finanziellen Gründen nicht möglich war, seinem Buch die Zeichnungen beizugeben. Er sagt im Vorwort weiterhin:

„Vielleicht gelingt es dieser kleinen Schrift, für unser Thema in weiteren Kreisen des Landes das Interesse soweit anzuregen, daß es möglich wird, demnächst einmal eine Anzahl der interessantesten Blätter jener Sammlung als ein antiquarisches Album des lippischen Landes, dem dann dieser Aufsatz als erläuternder Text dienen würde, in Nachbildungen zu veröffentlichen.“

Er hat dieses Ziel, das alte Lippe im Bild festgehalten zu wissen, zäh über den Zeitpunkt der ersten Ausgabe verfolgt. In der zweiten vermehrten und verbesserten Auflage von 1881 dankt er u. a. dem Gymnasial-Zeichenlehrer Carl Dewitz in Lemgo für eine Anzahl schöner Blätter. Es war höchste Zeit für diese Inventur, zumal im besonderen Sinne.

Ein wenig später wäre vielleicht die untrügliche Kamera das Medium dieser Aufnahmen gewesen, während jetzt noch der Zeichenstift bemüht wurde. Auf diese Weise aber haben wir neben der getreuen Wiedergabe zugleich den Genuß der individuellen Handschrift des Zeichners.

Die Landesbibliothek hütete diese Zeichnungen durch alle Jahrzehnte als optische Ergänzung zu ihrer umfangreichen Schrifttumssammlung über Lippe, und der Wunsch von Preuß kann nun, fast 90 Jahre später, in Erfüllung gehen. Dem Lippischen Heimatbund ist es zu danken, daß der Verfasser dieser Zeilen, dem ebenso wie Preuß die Landesbibliothek anvertraut ist, in einem eigenen Band Ansichten zusammenstellen darf, deren Originale und Vorlagen sämtlich Eigentum der Bibliothek sind und weit überwiegend jenem Vorrat entstammen, den noch Preuß gesammelt hat.

Einige Bemerkungen zu dieser Sammlung. Sie zählt rund 700 Einzelblätter, Bleistift- und Federzeichnungen, getuschte und aquarellierte, Aquarelle selbst, Kupferstiche und Lithographien. Hinzu kommen 31 Skizzenbücher, eine Schenkung des Oberamtsrichters Cronemeyer aus dem Jahre 1946, deren Zeichner Ludwig Menke und der erwähnte Carl Dewitz sind. Mehr als 70 Orte sind in der Sammlung vertreten, Detmold und Lemgo allein mit je über 100 Blättern. Aber auch für die damalige Zeit entlegene Orte wie z. B. Elbrinxen oder Silixen sind in die Aufnahmen miteinbezogen.

Auf diese Weise ist die ganze kleine lippische Welt vor hundert Jahren eingefangen mit ihren Städten und Dörfern, ihren Kirchen, Schlössern und Burgen, Bürger- und Bauernhäusern, aber auch mit Einzelheiten wie Giebeln, Torbogen, Wappen, Inschriften u. a. Auch die Landschaft finden wir in dieser historischen Topographie. Wie ein Baudenkmal im Laufe der Zeit durch Veränderungen seine Gestalt gewechselt haben kann, ebenso verändern Eingriffe durch wachsenden Verkehr oder Bebauungen auch das Gesicht der Landschaft. Allein schon das natürliche Wachstum verschafft dem Spätgeborenen einen anderen Anblick, als ihn der Vorfahr hatte. In einigen Fällen muß angenommen werden, daß man um den drohenden Abbruch wußte, denn ein oder zwei Jahre später ist das Dargestellte der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Häufig sind die Zeichnungen nicht datiert, dann mußte die Anlage einer Straße, das Verschwinden bzw. das Neuerstehen von Gebäuden als Kriterium dienen. Zuweilen kommt man auch einem kleinen Schwindel auf die Spur, wie auf der Gesamtansicht von Detmold, die von der „Caffee-Mühle“, jetzt Richthofenstraße, aus aufgenommen wurde. Über alles Maß grüßt der Hermann von der Teutoburg aus falscher Richtung. Man hat ihn auf den zweifellos schon vorhandenen Sockel voreilig projiziert. Das Bild stammt vermutlich aus den 40er Jahren.

Bei jenen Ansichten, die ursprünglich keine näheren Angaben trugen, wurde, wenn die eigenen Bemühungen keinen Erfolg hatten, die Hilfe von Ortsansässigen in Anspruch genommen oder von Persönlichkeiten, die im Falle abgetragener oder veränderter Bauwerke diese aus eigener Anschauung noch in Erinnerung hatten; es sei ihnen an dieser Stelle gedankt.

Mit dieser Sammlung besitzt Lippe in einer seltenen Geschlossenheit für das 19. Jahrhundert eine künstlerische Topographie, wie sie nicht jede Landschaft aufzuweisen haben wird. Die Kleinheit des Gebietes erweist sich hier einmal als Vorteil; es zu erfassen, bot sich leichter an. Die Blätter vermitteln uns nicht nur das liebenswürdige Klima unserer Städte und Dörfer im 19. Jahrhundert, sie spiegeln auch zugleich die Persönlichkeit der Zeichner wider. Ihre Geburtsjahre fallen bis auf eine Ausnahme in die ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts. Sie atmeten in ihrer Jugend die Luft des Biedermeiers, und so waren sie innerlich gestimmt genug, das romantische Element, das sich bis zum Einbruch des technischen Zeitalters erhalten hatte, im Bilde an uns weiterzugeben.

Unter den Zeichnern, die in diesem Band vertreten sind, verdienen einige besondere Hervorhebung.

Wilhelm Tegeler

Beginnen wir mit dem Ältesten unter ihnen, mit Wilhelm Tegeler, der auch in Thieme-Beckers Allgemeinem Lexikon der bildenden Künstler Eingang gefunden hat. Er wurde als Sohn eines Schreinermeisters aus Mosebeck 1793 in Detmold geboren. Sein Bestreben, einmal ein „geschickter Maler“ zu werden, erfuhr von dem letzten der lippischen Hofmaler, von Valentini, dessen Stellungnahme für ihn nicht unwichtig sein konnte, eher Behinderung als Förderung; dennoch empfing Tegeler eine zögernde Unterstützung durch den Hof. Er besuchte in den Jahren 1816-1817 die Kasseler Akademie, die damals bereits ihren Höhepunkt überschritten hatte. Der David-Schüler Justus Krauskopf, der selbst nicht an der Akademie lehrte, übte als Lehrer den stärkeren Einfluß auf ihn aus. Der lippische Hof schoß ihm Mittel vor für eine Studienreise, deren Endstation München war. Dort besuchte er von 1820-1823 die Kunstakademie, und hier war er auch unter Cornelius an der Ausmalung der Glyptothek beteiligt. In dem damaligen Richtungsstreit zwischen den Deutsch-Römern, den Romantikern im Sinne Caspar David Friedrichs und den Anhängern eines heroischen Landschaftsstils neigte er dieser Richtung zu. Nach seiner Heimkehr gelang es ihm in Detmold nicht, die Stelle eines Bühnenmalers am Hoftheater, die ihn voll befriedigt hätte, zu erhalten. Offenbar war man von seinem Talent, auch nach dem Abschluß seiner Studien, nicht überzeugt genug. Statt dessen bot ihm der Hof 1828 die tägliche Fron eines nüchternen Verwaltungsdienstes an, in dessen Verlauf er es schließlich bis zum Kammerregistrator brachte. Wir glauben Knoch und Clostermeier zu hören, wenn Tegeler über die gesundheitsschädigenden Räume im Schloß, in denen er bis zu seinem Lebensende verdammt war zu arbeiten, sich beklagte. Sie brachten ihm zeitlebens Rheuma ein. Auf dem Friedhof an der Weinbergstraße fand er 1864 sein Grab, das schon vor der Aufhebung in unseren Tagen verschwunden war.

Neben seinen Bildern hat er uns auch ein Tagebuch hinterlassen, das die Landesbibliothek verwahrt. Es läßt uns nicht nur an seiner Entwicklung teilnehmen, es ist auch bezeichnend für alle jene Begabungen, denen die Träume ihrer Jugend nicht reifen wollen, weil die Anlage nicht stark genug ist, um es zu einer persönlichkeitsgeprägten Leistung zu bringen.

Die Freundschaft mit Bandel, dem Erbauer des Hermannsdenkmals, dessen er sich in Detmold sehr annahm, war für ihn, der sonst in einer wenig musischen Umwelt leben mußte, ein Gewinn.

Mag er auch vor dem strengen Urteil der Kunstgeschichte nicht viel bedeuten, so möchten wir doch sein kleines aber liebenswürdiges Werk nicht missen, in dem Rottmanns heroischer Landschaftsstil nachklingt. Er hat mit seinen Ansichten nicht nur die historische Topographie Lippes bereichert, die Bilder atmen Frische, und ihre gewisse Naivität spricht uns, die wir im 20. Jahrhundert sogar für die Reize der Sonntags- und Laienmaler à la Henri Rousseau Verständnis haben, vielleicht stärker an als seine Zeitgenossen.

Das Selbstporträt Tegelers, das das Lippische Landesmuseum für die Wiedergabe im vorliegenden Band zur Verfügung stellte, ist gleichzeitig eine optische Autobiographie. In einer Büste, den Türmen der Frauenkirche und einer Stadtansicht, die dem Bild beigegeben sind, hält der Maler die Orte fest, die ihm Schicksal bedeuteten. Kassel als erste Lehrstätte, daher die Büste als Malvorlage, München, die Stadt der für ihn reichsten Begegnungen, und schließlich in der Stadtansicht Geburts-, Arbeits- und Todesstätte, Detmold selbst.

Ludwig Menke

Auch Ludwig Menke ist gebürtiger Detmolder. Er wurde 1822 als Sohn des Ökonomen der Pflegeanstalt geboren. Nach dem Besuch des Polytechnikums in Hannover fand er in seiner Heimatstadt Anstellung als Zeichenlehrer am Leopoldinum und an der Töchterschule; die Gewerbeschule half er mit begründen und wurde ihr Leiter. 1882 starb er in Detmold.

Aufschlußreich für den Ernst, mit dem er seine künstlerische Begabung pflegte, ist, daß er noch als Mann in den 40er Jahren die Kunstakademie in Karlsruhe besuchte. Dort entwickelte er sich unter dem Einfluß von Frank Gude zum eigentlichen Landschaftsmaler Lippes. Seine Hauptleistung liegt auf dem Gebiet der Ölmalerei. Thieme-Beckers Künstlerlexikon führt ihn auf. Seine Arbeiten sind in den verschiedensten technischen Verfahren publiziert, im Lichtbild, im Steindruck und in der Chromolithographie. Auf diese Weise hat er in einer breiten Öffentlichkeit für das schöne Lippe geworben, so im „Album von Schieder“, 1864, und in den „Ansichten aus dem Fürstenthum Lippe“, 1868. Mit seinen 1875 herausgebrachten Bildbänden „Das Hermanns-Denkmal und der Teutoburger Wald“ und „Erinnerung an das Hermanns-Denkmal und dessen Umgebung“ schuf er vor allem für lange Zeit ein gültiges Bild vom Lipperland, das durch die Errichtung des Hermannsdenkmals in jenen Jahren an Volkstümlichkeit gewonnen hatte.

Emil Zeiß

Emil Zeiß, 1833 im Detmold benachbarten Stapelage geboren, gehört einer ursprünglich hessischen Familie an. Großvater und Vater waren bereits in Lippe Pastoren. Er studierte ebenfalls Theologie, war 1857 Rektor in Horn, 1864 Pfarrer in Barntrup und seit 1886 in Heiligenkirchen; seine Ruhestätte fand er 1910 auf dem Schwalenberger Bergfriedhof. Menke war sein Zeichenlehrer auf dem Detmolder Gymnasium. Das Zeichnen als Liebhaberei hat er sein Leben hindurch betrieben. Er selbst hat sich immer nur als Dilettant bezeichnet, der nicht unter die Künstler gehöre. Wir verdanken aber diesem „Dilettantismus“ einen Großteil der Aufnahmen für das „Antiquarische Album der öffentlichen Bibliothek“. Seine zahlreichen zum Teil geschmackvoll aquarellierten Zeichnungen stehen durchaus nicht hinter den Arbeiten von Menke zurück.

Aus den erhaltenen Briefen der 60er und 70er Jahre an Preuß ersehen wir, daß es ihm nicht nur darauf ankam, seiner Lust am Zeichnen nachzugehen. Er hat mit dem Aufnehmen der Bauwerke zugleich Forschungsarbeit verbunden, die auf den Text von Preuß nicht ohne Einfluß geblieben sein kann.

Hugo von Donop

Auch Hugo von Donop ist wie Emil Zeiß Zeichner aus Liebhaberei. 1840 in Detmold geboren, gehört er der bekannten seit Jahrhunderten in Lippe ansässigen Adelsfamilie aus dem Hause Wöbbel an. Der Vater war Offizier. Er selbst trat 1857 in die hannoversche Armee ein und nahm im Kriege 1866 gegen Preußen an der Schlacht bei Langensalza teil. Im Kriege 1870/71 wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Er schied 1877 als Major aus und stand dann im hessischen Hofdienst als Kammerherr, später war er Oberhofmeister am Weimarer Hof. 1895 starb er in St. Blasien. Seine zeichnerische Begabung verdankt Hugo von Donop zweifellos seiner Mutter, einer geborenen Auguste Charlotte Lorentz, deren Vater fürstlicher Oberstallmeister am Detmolder Hof war. Früh verwitwet, ging sie mit dem Geheimen Medizinalrat Dr. med. Kirchner aus Oerlinghausen eine zweite Ehe ein. Im Familienbesitz befindet sich u. a. das hier wiedergegebene Aquarell von ihrer Hand, das sie mit ihren vier Kindern zeigt, darunter Hugo, dem Ältesten, im Alter von sieben Jahren. Den Sinn für künstlerische Dinge vererbte sie auch an ihren Sohn Lionel (1844–1912), der Kustos der Berliner Nationalgalerie wurde und sich als Kunsthistoriker schriftstellerisch betätigte.

Carl Dewitz

Carl Dewitz ist zum Unterschied von den Vorhergehenden kein gebürtiger Lipper. Er wurde 1852 in Insterburg geboren. Die Königsberger Kunstakademie bescheinigte ihm in seinem Abgangszeugnis, daß er „wohlbefähigt sei und vorzügliche Kenntnisse im Bauzeichnen und in der Ornamentik besitze“. Als er dann 1880 für zwei Jahre nach Lippe verschlagen wurde – er fand als Zeichenlehrer am Lemgoer Gymnasium Anstellung – da war er gerade der rechte Mann, um im Gefolge von Emil Zeiß weitere Aufnahmen für das „Antiquarische Album der öffentlichen Bibliothek“ zu machen. Die Fähigkeit, sozusagen wie ein Architekt zu zeichnen, hat ihm das Lob des lippischen Landeskonservators Karl Vollpracht eingetragen:

„Die Objekte sind genau aufgemessen, fachmännisch untersucht und gezeichnet, vielfach auch ein- oder mehrfarbig aquarelliert. Dewitz begnügt sich nicht mit dem, was er vor sich sieht, er legt auch Grundmauern bloß und rekonstruiert nach den vorgefundenen Spuren Grundrisse und Hofpläne mit Vorsicht und Geschick, immer bestrebt, ein vollständiges und überzeugendes Bild des Gegenstandes zu geben. Seine Aufnahme erfaßt nicht nur das Bauwerk im Grundriß und Aufbau, sondern auch alle Einzelteile und besonderen Merkmale. Giebelform, Tür, Fenster, Wappen und Inschrift, der plastische Schmuck in Stein und Holz, die Fachwerkkonstruktion, die Türklopfer und Wetterfahnen werden aufgenommen, Bei den kirchlichen Gebäuden sind auch die Gewölbeformen, die Kanzeln, Orgeln, Sakramentshäuschen, Säulenkapitäle und -basen, die Pfeilerquerschnitte, Grabsteine und Epitaphien, Kronleuchter, alte gemalte Glasfenster, Wandmalereien sowie die Glocken mit Inschriften und Schmuckwerk aufgenommen und dargestellt.“

Und es ist nichts Geringes, wenn fernerhin festgestellt wird, daß er ein sehr schätzbares, mit großer Treue und Sachkenntnis behandeltes denkmalbaukundliches Material gesammelt habe, das zusammen mit dem von Zeiß beigebrachten als ein frühzeitiger Versuch eines Denkmälerinventars angesehen werden könne, ja, es sei für die große 1935-1939 durchgeführte Inventarisierungsarbeit vielfach eine wertvolle Handhabe gewesen.
Wir verdanken seine Arbeiten nicht nur einer reinen Schaffensfreude, Bei seinem geringen Einkommen, er verdiente jährlich bestenfalls 1.300 Mark, war es für ihn geradezu eine Notwendigkeit, sein Einkommen aufzubessern. In einem Brief an Otto Preuß vom 13. Februar 1881 bittet er bei Lieferung von hundert Blättern für das einzelne Blatt um eine Bezahlung von 2 Mark. Bedenkt man, daß mit diesem Auftrag verbunden war, im ganzen Land herumzureisen, glaubt man ihm gern, daß er, wie er schreibt, „unter 2 Mark Schaden erleiden würde“.

In seiner Stellung am Lemgoer Gymnasium konnte er sich nicht halten, weil er Disziplinschwierigkeiten bei seinen Schülern hatte; sein Nachfolger übrigens auch. So verließ er bald Lippe, was zweifellos ein Verlust war. Es ist erstaunlich, daß er in dieser kurzen Zeit- spanne ein so umfangreiches Aufnahmewerk hinterlassen konnte. Sein späteres Schicksal ist unbekannt.

Alfred Yark

Auch ein Ausländer ist von den eindrucksvollsten lippischen Baudenkmälern angesprochen worden. Es handelt sich um Alfred Yark, einen Engländer, von dem man vermutet, daß er mit Ferdinand Freiligrath in Beziehung stand. In zehn großformatigen Aquarellen unter dem Titel „Miscellaneous Lippish Scenery“ hat er uns Lemgoer Bauten, sowie das Braker und Sternberger Schloß aus dem Jahre 1839 überliefert. Die Blätter, ursprünglich im Besitz des Bückeburger Hofes, gehören nunmehr zur Bildersammlung des „Grabbe-Archivs Alfred Bergmann“ der Landesbibliothek. Yark ist auch als Autor aufgetreten; in seinem zweiten Beitrag für das „Lippische Magazin“ vom 30. März 1842, der sich mit Sternberg befaßt, datiert er in Paderborn und bezeichnet sich als „Bauconducteur“. Weiteres wissen wir von ihm nicht. Den Baufachmann verrät eine gewisse Trockenheit in der Linienführung, die Aquarelle muten aber in ihren Farben an.