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Die Lippische Landesbibliothek. Ein geschichtlicher Rückblick

von Heinrich Haxel

Druckfassung in: Lippe vor 100 Jahren. Hg. von Heinrich Haxel. Detmold, 1961.

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Das 17. Jahrhundert

Die Lippische Landesbibliothek blickt demnächst auf eine 350jährige Geschichte zurück. Als „Gräflich öffentliche Bibliothek“ wurde sie 1614 gegründet. Der äußere Anlaß war die Büchersammlung, die Simon VI., einer der bedeutendsten lippischen Regenten, bei seinem Tode 1613 in Schloß Brake hinterließ; zu ihr gehörten der Nachlaß an theologischen Schriften des Johann von Exter und vermutlich Bestände der ehemaligen Klosterbibliothek in Blomberg. Johann Piderit schreibt in seiner „Historia Graf Simonis VII.“, des Nachfolgers und eigentlichen Gründers der Bibliothek, ,,ferner hat Er auch zu befürderung der Kirchen und Schulen und des gräf[lichen] Hofflagers zu Dithmalde eine Bibliothecam oder Liberey bey die Schulen daselbst fundirt und von Hoff eine große anzahl herlicher Bücher gnädig gewilliget“.

So schließt sich die in unseren Tagen auf 200.000 Bände angewachsene Bibliothek dem Reigen der fürstlichen Gründungen ein, deren erste und glänzendste die berühmte „Carolina“ in Heidelberg war und der die Gründungen in Dresden, München, Wien und anderen Residenzen folgten. Detmold machte aber keineswegs den Beschluß; entstanden doch die Hofbibliotheken in Hannover und in Berlin in späterer Zeit. Aus diesen ersten Jahren besitzen wir noch heute, unbeschadet der Leidensgeschichte, die die Detmolder Bibliothek durch Vernachlässigung und Brandkatastrophe erfuhr, mancherlei. Es handelt sich nicht nur ihres Alters, sondern auch ihrer Bedeutung wegen um die kostbarsten Stücke, darunter Handschriften, die bereits im 16. Jahrhundert in lippischem Besitz waren.

Ihren ersten Standort nahm sie in den Räumen des ehemaligen Augustiner-Nonnenklosters in der Schülerstraße, das damals der Provinzialschule als Aufenthalt diente, daher auch die gelegentliche Bezeichnung „Gräflich öffentliche Bibliothek auf dem Schulhof“. Hier blieb sie mehr als zwei Jahrhunderte. Erst 1821 siedelte sie in einen Pavillon des Schlosses über.

Die Finanzen der Grafschaft waren immer bescheiden. Sie wurden umso bescheidener, je mehr die Herren des kleinen Landes wie andere deutsche Fürsten dem Vorbild des Pariser Hofes nachzueifern suchten. Hinter einer mühsam erstellten Fassade herrschten Not und Ärmlichkeit. Man erinnert sich der doppelsinnigen Worte Peters des Großen, die er an den Grafen Friedrich Adolf gerichtet haben soll: „Ew. Liebden sind zu groß für Ihr Land.“

So konnte man sich keinen Beamten leisten, der seine Kraft allein für die Bibliothek eingesetzt hätte. Man koppelte mehr als 200 Jahre das Amt des Bibliothekars mit dem des Archivars. Eine unglückliche Koppelung, bei der die Bibliothek von vornherein zurückstehen mußte; hatte doch für das ständig in Prozesse verwickelte Grafenhaus das Archiv eine praktischere Bedeutung, es mußte die Beweismittel für umstrittene Rechte in seinen Urkunden und Verträgen bereithalten. Konnte man aber schon hier nicht einmal Ordnung halten, so daß dauernd Verluste eintraten, so durfte nicht viel für die Betreuung der Büchersammlung erwartet werden. Zudem wissen wir, daß der Dienst für die Bibliothek keine Einkünfte abwarf.

Durch die Erbstreitigkeiten der Söhne Simons VI. war das junge Pflänzlein bereits im Anfang seines Wachstums bedroht. Graf Otto, der im Schloß Brake saß, betrachtete die Bibliothek, weil sie ihren Anfang in Brake genommen hatte, als Eigentum. Bedenkenlos nahm er Teile an sich, die erst – hoffentlich in Gänze – nach seinem Tode wieder zurückfallen sollten. Es heißt in einer Beschwerde, die Otto und sein Bruder Philipp gegen den regierenden Grafen Simon Ludwig erhoben, „dieweilen auch die Vätterliche Bibliothec zum Verderben stehet“.

Der erste der Bibliothekare war Caspar Pezel. Er wurde anfangs für die Bibliothek angestellt und späterhin auch noch mit dem Archiv beauftragt, woraus zu schließen wäre, daß Simon VII. jedenfalls nicht gemeint hatte, daß die Bibliothek in Zukunft nur mitlaufen sollte, wie es bei den Nachfolgern des Amtes die Regel war. Von dem Katalog, den Pezel angefertigt hatte, hat sich nichts erhalten. Seiner zwielichtigen Haltung im Streit der gräflichen Brüder – im unehrlichen Spiel hatte er dem Grafen Otto Akten und Bücher ausgeliefert – verdankt die Bibliothek einen Gewinn; die Regierung hielt sich nach Pezels Tod an seinem Nachlaß schadlos, und es flossen ihr auf diese Weise 800 Bücher und Handschriften zu, von denen ein Teil sich noch bis auf unsere Tage erhalten hat.

Man muß vermuten, daß der Kreissekretär Busch, der sodann mit dem Archiv beauftragt wurde, sich kaum um die Bibliothek gekümmert hat; das gleiche gilt für Johann Tecklenburg, der 1641 genannt wird; es heißt für diese Zeit, die Bibliothek wäre heillos zerstreut, nicht nur die Grafen und Gräfinnen, auch die Beamten hätten rücksichtslos genommen, was jeder brauchte, und sich um die Rückgabe nicht gekümmert. Kein Wunder, daß die Bibliotheksgeschäfte sozusagen mit der linken Hand gemacht wurden. 1644 wird ein Gottfried Schmitt als Bibliothekar erwähnt. 1655 gab Simon Gülicher ein kurzes Gastspiel, und im gleichen Jahr noch wird Simon Phönius beauftragt. Er ist in die lippische chronique scandaleuse eingegangen. Die jämmerlichen Einkünfte, die ihm oft lange vorenthalten blieben, machten ihn zum Dieb am fremden Eigentum. Er wurde 1662 hingerichtet, und wie es heißt, im Sack „außen aufm Kirchhof am Ende“ verscharrt. Noch bei seinen Lebzeiten hatte man ihm die Bibliothek genommen und sie dem herrschaftlichen Lehrer Conrad Hering anvertraut. Nach diesem Zwischenspiel war der Nachfolger des Phönius in beiden Ämtern Johann Jobst Reinecker, Sekretär am Konsistorium und Peinlichen Gericht. Auch er hat die Erwartungen, der Bibliothek zu Glanz zu verhelfen, nicht erfüllt.

Das 18. Jahrhundert

Sind die Vorgenannten im Grunde nur Namen, die für die Entwicklung der Bibliothek nichts bedeuten, so hat immerhin Franz Caspar Barkhausen aus der bekannten lippischen Familie im Jahre 1707 einen Katalog angefertigt, Auch er konnte nur wieder feststellen, was seine Vorgänger bereits beklagten, daß überall Unordnung herrsche und in den Räumen ein Tisch fehle, um Bücher abzulegen, ein Stuhl, um sich zu setzen, nicht einmal für Licht wäre gesorgt, auch wären, wie im Schloß, die Räume auf die Dauer gesundheitsschädigend.
Der Nachfolger wird der Kabinettssekretär Otto Friedrich Kellner, der unter den besagten Umständen der Arbeit ebenfalls keine Freude abgewinnen konnte. Nach 1741 amtiert sein Sohn Emil Florus Theodor Kellner, er ist zugleich Hofgerichtsfiskal, Forstgerichtssekretär, eine zeitlang Landrezeptor. Die Häufung von Aufgaben neben denen des Bibliothekars und Archivars, typisch für jene Zeiten, konnte kaum eine fruchtbringende Arbeit für das einzelne Arbeitsgebiet erwarten lassen. Wir begegnen dann Friedrich Adolph Clausing, ohne daß seine Tätigkeit besondere Spuren hinterlassen hätte.

Nach ihm kam Johann Ludwig Knoch. Sein später Nachfolger Kiewning, dem die vorliegende Darstellung für die Abfolge der Bibliothekare verpflichtet ist, bescheinigt ihm zwar bei aller Kritik, daß er einen aufgestapelten Aktenhaufen in ein erhaltungswertes Archiv umgewandelt habe; für die Entwicklung der Bibliothek aber bedeutete er keinen Markstein. Er soll die ersten Jahre jeden Sonnabendnachmittag eine Stunde lang in der Bibliothek „herumgekramt“ haben, hätte aber nie den Ehrgeiz besessen, auch nur einen Federstrich für die Aufstellung eines Kataloges anzusetzen. Da ihm die Bibliotheksarbeit nicht lag, hat er es daher sicherlich als Entlastung empfunden, als man den damaligen Konrektor Franz Wilhelm Wellner von der Detmolder Provinzialschule mit der Bibliothek betraute. Von ihm besitzen wir zwei gedruckte Abhandlungen unter dem Titel „Erster Versuch einer Nachricht von der Hochgräflich Lippischen öffentlichen Bibliothek zu Detmold worinn zugleich einige Handschriften auf Pergament näher beschrieben werden. Lemgo, mit Meyerschen Schriften, 1773“ und „Fortgesetzte Anzeige der auf der Hochgräfl. Lipp. öffentlichen Bibliothek befindlichen Pergamen und anderer Handschriften. Lemgo, mit Meyerschen Schriften, 1774“. Diese beiden Arbeiten Wellners sind insofern bemerkenswert, als sie uns mit Handschriften bekanntmachen, von denen der größte Teil über alle Veränderungen und Unglücksfälle hinaus der Bibliothek bis auf unsere Tage verblieb und zu ihren Kostbarkeiten gehört. Wir erfahren ferner aus ihnen, daß Graf Simon August 1751 „eine ansehnliche Summe zum Ankauf der beträchtlichsten Werke“ zur Verfügung stellte, als die „schöne und weitläuftige Blumische Bibliothek öffentlich verkauft wurde“, ebenso, daß der Graf „aus Höchstderoselben zahlreichen Cabinets-Bibliothek gnädigst zu schenken geruheten“. Man freut sich, bei der allgemeinen Misere und der sonstigen Uninteressiertheit des gräflichen Hauses einmal ein wenig von bescheidener Fürsorge zu hören. Wellner bestätigt, was wir auch sonst immer wieder aus den Akten hören, daß die Bibliothek nicht viel benutzt wurde, und er schreibt ferner, daß es seine Hauptabsicht sei, „die Aufmerksamkeit des gelehrten Publicums gegen eine Büchersammlung rege zu machen, welcher aus Mangel des bisherigen Gebrauchs weniger Achtsamkeit gewidmet ist, als sie in der That verdienet“. In der „Fortgesetzten Anzeige“, ein Jahr später, meint er, daß er mit Vergnügen seine Erwartung erfüllt gesehen habe. „Nicht nur einheimische, sondern auch auswärtige Kenner sind seitdem begieriger geworden, die Schätze der hiesigen Bibliothek näher kennenzulernen, und Gebrauch davon zu machen. Durchreisende einsichtsvolle Gelehrte haben sich durch den Augenschein belehret, und ganze Stunden darauf verwendet. Sie fanden und gestanden es mit Vergnügen, daß die Sammlung höchst schätzbar und beträchtlich sey, und überhaupt“, und nun bewegt sich der Staatsdiener Wellner in den barocken Floskeln des Hofdienstes, „den erhabenen Stiftern und Versorgern derselben unsterblichen Ruhm und Bewunderung schaffe.“ Bedenkt man das Elend der Bibliothek das Jahrhundert hindurch, so nehmen sich diese Worte seltsam genug aus. Wichtig ist ferner die Bemerkung, daß im Jahre 1774 ein Vorrat von 160 handgeschriebenen Büchern vorhanden sei. Zweifellos ist ein Teil hiervon bis auf unsere Tage verloren gegangen, sofern Wellner richtig gezählt hat. In der gleichen Druckschrift kündigt er an, daß seine nächste Verpflichtung sei, ein Verzeichnis baldmöglichst zu bringen. Seine Anrufung Gottes, mit äußerster Kraft derselben Genüge zu tun, ist leider vergeblich gewesen, obgleich ihm sogar ein Entgelt in Aussicht gestellt wurde. Wir besitzen von seiner Hand keinen Katalog.

Sein Mitarbeiter Finke, später Pastor in Barntrup, hat dann ohne Entschädigung den Katalog angelegt. Dabei stellte sich heraus, daß im Jahre 1778, also vier Jahre später, es sich nicht um die von Wellner großzügig  angegebenen 7.000, sondern nur um 5.761 Bücher gehandelt hat, übrigens eine im Vergleich mit anderen Bibliotheken für die Zeit gar nicht einmal geringe Zahl. Die unwürdige Unterbringung des Archivs, die die Gesundheit der Archivare untergrub und die Archivalien dem Verderb anheimgab, war Anlaß, Knoch den Auf trag zu geben, einen Neubau zu entwerfen. Da die Bibliothek in ihrem Klostergebäude ebenfalls nicht würdig untergebracht war, erschien erstmalig der Gedanke, beide Einrichtungen räumlich zu vereinigen; man war auch der Auffassung, daß sie, läge sie in der Schloßanlage, stärker benutzt würde. Man wollte bei dieser Gelegenheit auch die inzwischen geschaffenen Büchereien verschiedener Regierungsstellen mit dem Bibliotheksbestand zusammenlegen. – Man ersieht also aus dieser Tatsache, daß im Laufe der Zeit mehrere Büchersammlungen entstanden waren und der 1614 gegründeten Einrichtung kaum Beachtung geschenkt worden war, sonst hätte man sie zugleich als Zentralbibliothek für Regierungsgeschäfte ausgebaut. Gelder, die ihr dann zugeflossen wären, waren also anderweitig verwandt. Auf diese Weise wird eine Bibliothek, die ohne Zugänge bleibt, ein Museum, und ist nicht mehr ein lebendiges Instrument, dessen man sich täglich bedienen kann. – Der Plan Knochs fand, modifiziert durch den Landbaumeister Teudt, seine Verwirklichung; die Bibliothek blieb aber an ihrem alten Standort.

Das 19. Jahrhundert

Christian Gottlieb Clostermeier
BA LP-3-64

Christian Gottlieb Clostermeier, der Schwiegersohn Knochs, sein Mitarbeiter, später sein Nachfolger, wurde beauftragt, die Bibliothek zu ordnen. Es ist beachtlich, daß die Anordnung von der Fürstin Pauline ausging, deren Aktivität sich sogar auf ein im allgemeinen Bewußtsein so tief schlummerndes Problem wie das der Bibliothek erstreckte. Sie ließ die Bestände innerhalb der Schloßanlage in einen Pavillon des Reithauses „oberhalb des Stalles für fremde Pferde“ überführen. Dort wurden, wie Knoch vorgeschlagen, die anderen amtlichen Büchereien mit der Bibliothek zusammengelegt. Hinzu traten mehrere Büchersammlungen der Grafen Friedrich Adolf, Simon Henrich und Simon August, die bis in das 17. Jahrhundert zurückreichten, ferner eine Handbücherei des Fürsten Leopold I. und seines Bruders Prinz Kasimir August.
In dieser neuen Umgebung blieb die Bibliothek zwei Menschenalter, bis sie dann in das Gebäude übersiedelte, das ihr noch jetzt dient. Clostermeier soll erstmalig die Bezeichnung Landesbibliothek gebraucht haben, hat aber im Grunde genommen die Folgerungen, die darin lagen, nicht gezogen. Für ihn war sie eine Art Behördenbibliothek. Er empfahl sogar, ganze Fachgebiete zum Ausbau der Gymnasialbibliothek abzugeben und den Bestand nur auf bestimmte Disziplinen einzuschränken. Dennoch hat Clostermeier das große Verdienst, einen ausgezeichneten Katalog geschaffen zu haben. Mit Unmut nur hatte er den Auftrag entgegengenommen und ihn vorzeitig abgegeben. Wir besitzen von seiner Hand das Geständnis:

„Meine eigentliche Bibliothekverwaltung hat gedauert vom 31. Octob. 1818 bis 30. Dez. 1824 fünf (?) Jahre und 2 Monate, und war für mich ein wahres Märterthum. ... und die bei allen andern Arbeiten fortgedauerte 5jährige Anstrengung meiner Geisteskräfte mit der unsäglichen Bibliothekschreiberei hat dieselben beinahe vollends vernichtet. ... jetzt bin ich nach angestellter Durchsicht der Bibliothekacten überzeugt geworden, daß die mir aufgebürdete Bibliothekorganisation auch großen Antheil an meiner Schwachheit und Geisteszerrüttung hat.“

Er ist nicht nur durch die viele Arbeit und durch den Aufenthalt in den gesundheitsschädigenden Räumen verbraucht worden, man hat ihm auch manchen Lieblingsplan zerschlagen. Er hätte gern den Sohn des Detmolder Zuchtmeisters und Leihbankverwalters, keinen Geringeren als den künftigen Dramatiker Christian Dietrich Grabbe, als Gehilfen für seine Arbeit auch an der Bibliothek herangezogen. Vielleicht wäre hier das Leben des unglücklichen Mannes anders verlaufen, vielleicht. Eine Frage allerdings bleibt, ob die Bibliothek dabei gewonnen hätte. Bibliotheken sind, wie alle anderen Institutionen auch, den Gesetzen einer verwalteten Welt unterworfen. Die Unregelmäßigkeiten, die zum Lebensstil Grabbes zu gehören schienen, wären der Bibliothek ebensowenig zustatten gekommen wie jeder anderen Arbeitsstätte. An Stelle Grabbes wurde ihm der Registrator Wasserfall zur Seite gegeben, den er, zumal als seinen Nachfolger, ablehnte. Ihm wurde die Bibliothek übertragen. Verbittert schrieb Clostermeier in seinen persönlichen Aufzeichnungen: „Die Ehre, der Schöpfer des ganzen hiesigen Bücherwesens von 1786 zu seyn bis 1824, mit welchem meine Bibliothekverwaltung aufhörte, kann mir nicht genommen werden.“

Nach Wasserfalls Tod 1838 stand zum zweitenmal in Frage, ob ein Dichter, der sich als geborener Lipper empfahl, in Beziehung zur Bibliothek treten sollte. Es handelte sich um Ferdinand Freiligrath. Früh kam er mit ihr in Berührung. Seine Eltern wohnten in der Nachbarschaft von Clostermeier, und dieser fand Gefallen an dem aufgeweckten Jungen und ließ ihn bei den Arbeiten in der Bibliothek sich zur Hand gehen. Jahrzehnte später erinnert sich Freiligrath in dem faksimiliert wiedergegebenen Brief an Preuß vom 30. Juli 1862, der ihn um Überlassung von Originalhandschriften gebeten hatte, an jene Tage: „Was könnte mir angenehmer und willkommener sein, als die ersten Handschriften einiger meiner Gedichte in der Dir anvertrauten Bibliothek niederlegen zu dürfen, – in derselben Bibliothek, der ich mit meine frühesten Anregungen verdanke und, als ,Bibliothekpage‘ des guten alten Clostermeier auf ihren Leitern hangend, bald in jenes rothgebundene Exemplar der ersten Ausgabe von Vossens Odyssee, (mit dem Autographos des alten Gleim auf dem Vorsatzblatte), bald in die bildervollen Quartanten des Hawkesworth’schen Reisewerkes mich vertiefte, statt die mir zum Aufstellen angewiesenen Bücher von Repositor zu Repositor zu schleppen.“

Wenn der Plan, Freiligrath mit der Leitung der Bibliothek zu beauftragen, sich s. Zt. zerschlug, so lag das letztlich an ihm. Er spürte wohl selbst, daß ein ungebundenes Leben für seine ihm gestellte Aufgabe die angemessenere Form war als ein beamtetes Dasein. Den ihm später angebotenen Dienst an der Weimarer Landesbibliothek schlug er bekanntlich ebenfalls aus. Die Enge der kleinen Detmolder Residenz hat ihn zweifellos in seinem Entschluß noch bestärkt, äußerte er sich doch bei anderer Gelegenheit einmal dahin, er wolle nicht wie der unglückliche Grabbe ein Gegenstand der Unterhaltung der Detmolder werden. Aus seinem Brief vom 12. August 1839 an Levin Schücking, den Freund der Droste-Hülshoff, erfahren wir, daß er auch mit diesem nicht habe konkurrieren wollen; Schücking hatte sich nämlich um die Detmolder Bibliothekarstelle beworben, war aber als „Ausländer“ nicht berücksichtigt worden. Im gleichen Brief heißt es, auch in Bezug auf die Besetzung des Postens, „warum sollt’ ich am Ende gar dem ehrlichen kleinen Preuß mich in den Weg stellen?“

Die Ära Preuß

Otto Preuß. HSA 22-6

Dieser „ehrliche kleine Preuß“ wurde nun Bibliothekar, und damit begann ein bedeutungsvoller Abschnitt. Es war das erste Mal in der mehr als 200jährigen Geschichte, sieht man von kurzen Unterbrechungen ab, wie z. B. am Ende des 18. Jahrhunderts, als man den Konrektor der Provinzialschule beauftragte, daß die Bibliotheksgeschäfte nicht neben denen des Archivs herliefen. Zwar konnte auch Otto Preuß nicht seine ungeteilte Arbeitskraft der Bibliothek zuwenden; er war zugleich beamteter Jurist und in den späteren Jahren sogar mit den Direktorialgeschäften des Hofgerichtes, des Kriminalgerichtes und der Justizkanzlei betraut. Dazu fand er noch Zeit für grundlegende wissenschaftliche Arbeiten, so verdanken wir ihm neben den „Baulichen Alterthümern des Lippischen Landes“ z. B. „Die Lippischen Familiennamen mit Berücksichtigung der Ortsnamen“ und „Die Lippischen Flurnamen“; mit Falkmann gab er die „Lippischen Regesten“ heraus. Umso beachtlicher ist es, was er in nahezu zwei Menschenaltern neben dem juristischen Amt und wissenschaftlichen Arbeiten für die Landesbibliothek geleistet hat. Ihre Reichweite und Inanspruchnahme war damals natürlich wesentlich geringer als im 20. Jahrhundert, das auch die Bibliotheken in den Sog des Massenzeitalters gezogen hat. Nicht umsonst konnte Spitzweg in jenen Tagen die liebenswürdige Idylle vom Bibliothekar auf der Bücherleiter schaffen.

Wir wissen, daß die Bibliotheken bis in das 19. Jahrhundert hinein durchaus noch nicht so „öffentlich“ waren, wie der Name verhieß. Noch hatte nicht ohne weiteres jeder Gebildete Zugang zu ihren Beständen. Wenn der Detmolder Apotheker Samuel Gloxin 1668 Bücher entleihen wollte, die ihm für seine Laborarbeiten nützlich waren, hatte er ein umständliches Gesuch an die „Hoch Edellgebohrenen, gestrengen undt wolledlen vesten undt hochgelahrten hochgräflich lippischen Herren Landdrosten, Cantzler undt räthe, großgünstige hochgeehrte Herren“ zu richten. Die Erschwernis lag, wie wir sehen, zum Teil an den Unterhaltsträgern; die Benutzungsordnung der Marburger Universitätsbibliothek vom Jahre 1564 sah sogar noch das Anketten der Bücher vor. Andererseits hütete der Bibliothekar die Schätze, die ihm anvertraut waren, wie seine eigenen Augäpfel, schon um sie oftmals eigenen Arbeiten vorzubehalten. Zuweilen mag auch die Liebe zum Buch und zur Handschrift ihn diese fast als Eigentum empfunden haben lassen. Mit solchem Gefühl hielt man sich sozusagen schadlos für die zumeist mehr als mäßige Besoldung. Sicherlich spielte auch Hochmut gegenüber dem Außenseiter eine Rolle, wissen wir doch, daß der berühmteste Bibliothekar nicht nur seiner Zeit, Leibniz, die größten Ausflüchte suchte, um zu vermeiden, seine Bibliothek zeigen zu müssen, was umso verwunderlicher erscheint, als jener Leibniz die trefflichsten und noch nicht überholten Bemerkungen über Nutzen und Sinn einer solchen Einrichtung gemacht hat. Der nächstberühmte Bibliothekar, Gotthold Ephraim Lessing, hat nicht minder treffliche Bemerkungen von sich gegeben, aber im Grunde sich ähnlich verhalten. In seinem Brief vom 27. Juli 1770 lesen wir, er möchte auch nicht der Stallknecht sein, der jedem hungrigen Pferde die Spreu in die Raufe trüge, und weiterhin, eine eigentliche Amtstätigkeit hätte er kaum, als die er sich selbst machen würde. Dabei wurden die Bibliotheken ohnehin nicht sehr strapaziert. Man weiß von einem Professor, der die Universitätsbibliothek Rostock im 17. Jahrhundert nur alle fünf Jahre einmal um ein Buch angegangen haben soll. Allerdings muß man bedenken, daß der Umfang der Bestände nicht im entferntesten die Zahlen in unseren Tagen erreichte. Die spätere Landesbibliothek in Hannover zählte in dem Augenblick, als Leibniz ihre Leitung übernahm, 1676, nur 1.310 Druckschriften und 158 Handschriften.

Dafür waren aber die Eigenbüchereien gemeinhin viel umfangreicher. Erst die Aufklärung, die die Voraussetzung für eine dogmenlose Wissenschaft schuf, steigerte die Inanspruchnahme und damit die Vermehrung der öffentlichen Bestände. Man sieht die enge Verflechtung zwischen den geistigen Strömungen und dem Bibliothekswesen. Wesentlich war auch, daß bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein der Staat im entferntesten nicht die Rolle spielte, wie zwangsläufig im Massenzeitalter. Die ständische Gliederung früherer Tage förderte aber den geselligen Zusammenschluß, und so begegnen wir schon bald Lesegesellschaften, deren einziger Zweck darin bestand, ihren Mitgliedern neu erscheinende Bücher und Zeitschriften in einem eigenen Lesezimmer oder durch Umlauf zugänglich zu machen. Aber die Pflege der Literatur war bald nicht mehr auf die eigentlichen Lesegesellschaften beschränkt, jede anspruchsvollere gesellige Vereinigung nahm sie auf, mochte sie bestimmtes Fachwissen fördern oder aber der Geselligkeit schlechthin dienen.

Detmold von der „Caffee-Mühle“ aus in den 40er Jahren des vergangen Jahrhunderts.
Das Hermannsdenkmal wurde in das Bild hineinprojiziert. Lithographie

Die kleine Detmolder Residenz, sie zählte noch 1830 kaum mehr als 4.000 Einwohner, kannte diese Einrichtung seit Jahrzehnten ebenfalls. In der bereits zitierten Schrift des Konrektors Wellner von 1776 – damals zählte die Stadt 1.858 Einwohner – heißt es u. a.:

„Auch haben sich die respective Herren Interessenten der hiesigen großen Lesegesellschaft großmüthigst entschlossen, ihren bereits ansehnlich angewachsenen, und noch stets zunehmenden Vorrath neuer, und mit vieler Einsicht und Geschmack gewählten Bücher und periodischen Werke, als ein daurendes Denkmaal dieses löblich und gemeinnützigen Instituts, gleichfals derselben zu überliefern; wofür Denenselben hiedurch der verbindlichste und schuldige Dank öffentlich gebracht wird.“

Rührend ist es zu lesen, wenn er weiterhin bemerkt, daß dann wohl endlich der schale und durch anderweitige Veranstaltungen ohnehin schon entkräftete Einwurf, als wenn es der hiesigen Bibliothek an neuen Literaturwerken fehle, gänzlich behoben sei. Man fragt sich, woher er die Leser für die vermeintlich neuen, in Wahrheit aber schon alten Literaturwerke hernehmen möchte, wenn die Teilnehmer der Lesegesellschaft, die ja eine Auslese der an Literatur Interessierten darstellen, nicht mehr in Frage kommen. Aber es war durchaus nichts Ungewöhnliches damals, daß abgenutzte Bücher einer öffentlichen Bibliothek zugingen; wir wollen nur hoffen, daß sie im Detmolder Falle geschenkt wurden. Wir wissen nämlich, daß nach einem Abkommen von 1782 die Universitätsbibliothek Erlangen für die im Zirkel abgelesenen Werke noch zahlen mußte, und zwar den halben Ladenpreis. Wir sehen also, daß die gebildeten Kreise sich sozusagen ihre eigenen Bibliotheken schufen. Wir können daher auch kaum Interesse in der Öffentlichkeit für das erwarten, was in den so wenig benutzten Bücherhäusern vor sich ging, z. B. daß in der Königlichen Bibliothek in Berlin in den Jahren 1722-1747 überhaupt keine Anschaffung erfolgte, ja, den Bibliothekaren das Gehalt entzogen wurde. Die Bibliotheken lebten eben ein abgesondertes Dasein, und die Verhältnisse in der Detmolder Bibliothek sind nicht so sehr ein verwunderlicher Einzelfall, wie man vielleicht annehmen möchte. Man darf dabei auch nicht verschweigen, daß man sich im Laufe der Zeit Mühe gab, die Bücher ihrem eigentlichen Zwecke zuzuführen, nämlich, gelesen zu werden. Der vorerwähnte Apotheker Gloxin hätte 100 jahre später es nicht mehr nötig gehabt, seinen umständlichen Antrag zu schreiben, heißt es doch in Wellners kleiner Abhandlung, daß „es eine öffentliche Bibliothek ist, zu der ein jeder wöchentlich, um sich selbst näher zu belehren, in gewissen Stunden gelangen kann“. Ja, wir wissen auch von einem weiteren Mittel zu berichten, um die Bibliothek bekannter zu machen; der regierende Graf Simon August befiehlt, „daß nemlich die hier studierende Jugend“, wie es heißt, „wöchentlich in zweien von den ordentlichen Arbeiten freien Stunden, auf der Bibliothek zur Bücherkenntniß und besonders des Unterscheidenden, der in den ersten Zeiten der Buchdruckerkunst erschienenen Schriften, von dem Bibliothekär angeführt werden sollen“. Ein frühes Beispiel übrigens der auch heute noch vorkommenden Klassenführungen durch eine Bibliothek.

In die Hände der 1825 gegründeten und noch bestehenden Detmolder „Ressource“ ging die Leitung der „allgemeinen Lesegesellschaft“ über; diese wird den Grundstock der 1834 datierten Leseanstalt der „Ressource“ gebildet haben, die solchen Umfang annahm, daß zeitweise zwei Bibliothekare benötigt wurden. Die vorgenannte „allgemeine Lesegesellschaft“ ist vermutlich die nämliche, der wir in Wellners Schrift bereits begegnet sind. Anläßlich eines neu erschienenen Kataloges verbreitet man sich 1847 in den „Vaterländischen Blättern“ kurioserweise in unüberbietbarem Idealismus folgendermaßen: „Der Leseanstalt und Leihbibliothek der Ressourcegesellschaft kommt der große Vortheil zu Statten, daß sie in den Händen einer moralischen Person ist, welche nie stirbt.“

Den „Vaterländischen Blättern“ des Jahres 1845 entnehmen wir, daß der 1834 gegründete „Naturwissenschaftliche Verein des Fürstenthums Lippe“, so nannte er sich damals, ebenfalls eine eigene Bibliothek besaß, denn es werden in dem vorgenannten Blatt die Mitglieder des naturwissenschaftlichen Zirkels aufgefordert, rückständige Bücher baldig einzusenden. Der 1881 gegründete „Bildungsverein“, dem ursprünglich Fachaufgaben zugedacht waren, baute seine Bücherei später so aus, daß sie geradezu für ihre Zeit die Volksbücherei vorweg nahm und ersetzte. Die Stadtverwaltung erkannte dies zweifellos, sonst hätte sie kaum diese Einrichtung bezuschußt; sie ging in den 30er Jahren unseres Jahrhunderts ein, nicht zuletzt dadurch, daß man ihren Vorstand „gleichschaltete“. Die Akten der Landesbibliothek berichten, daß 1894 die 1799 gegründete „Theologische Lesegesellschaft“ ihre Bestände an sie abgibt, das gleiche wissen wir von der „Medizinischen Lesegesellschaft“. Wir sehen also, wie Lesegesellschaften das literarische Bedürfnis des gebildeten Bürgertums bis tief in das 19. Jahrhundert hinein befriedigten; dabei sind noch nicht einmal alle in Detmold bestehenden aufgeführt, abgesehen davon, daß es daneben auch kommerziell betriebene Leihbüchereien gab. Vergessen wir zudem auch nicht, wie bereits angedeutet, daß in früheren Zeiten oftmals bedeutende Eigenbüchereien der Benutzung öffentlicher Bibliotheken entgegenstanden. Wie umfangreich auch in Detmold Privatbibliotheken gewesen sein konnten, erfahren wir aus dem auf 732 Seiten in Lemgo gedruckten „Verzeichnis derjenigen Bücher welche den zweiten Februar und folgende Tage 1774 in des Herrn Secretär Petri Hause in Detmold meistbietend öffentlich verkauft werden sollen“. Es handelt sich hierbei um nicht weniger als 4.500 Titel, die Bändezahl wird wesentlich höher gelegen haben; der größte Teil war juristische Literatur. Die Büchernachlässe des Amtmanns Krohn im Jahre 1821, des Professors Heinrich Ludwig Schierenberg und des Superintendenten August Ernst Volckhausen im Jahre 1852 waren ebenfalls so umfangreich, daß sie in eigenen Druckschriften für die Versteigerung publiziert wurden.

„eine wissenschaftliche Büchersammlung“

Nun trat aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bibliothek aus ihrer Verborgenheit heraus. Die neue von Clostermeier geschaffene Ordnung war dafür ebenso Voraussetzung wie ihre auch günstigere Unterbringung in der Schloßanlage. Bestand das frühere Dilemma darin, daß die Bibliothek nicht genügend benutzt wurde, so erhebt sich jetzt ein anderes. Die Bibliotheksleitung mußte einmal das Bestreben haben, Benutzer zu gewinnen, andererseits aber wollte sie den wissenschaftlichen Charakter der Bibliothek nicht durch ein Publikum gefährden lassen, das durch die Lesegesellschaften auch an Belletristik gewöhnt war. Im dritten Jahrgang der „Vaterländischen Blätter“ 1846 erschienen umfängliche Aufsätze, in denen der Wunsch nach einem gedruckten Katalog geäußert wurde. Preuß erwiderte und gab für seine Ablehnung finanzielle und technische Gründe an. Seinen eigentlichen Grund aber erfahren wir aus einem an die Regierung gerichteten Schreiben vom 9. November 1845. Er fürchtete weniger die Mühe, er war genau so fleißig wie die großen Arbeiter Knoch und Clostermeier, aber er hatte die Sorge, daß ein gedruckter Katalog ihm Leser und Wünsche zutreiben möchte, die seiner Vorstellung von Wissenschaftlichkeit nicht entsprächen. Er bringt sogar entschiedenerweise in Erinnerung,

„daß die hiesige öffentl. Bibliothek, worauf schon das verehrl. Rescript Hochfürstlicher Regierung hindeutet, nach Absicht ihrer Stiftung u. Art ihrer Dotirung als eine zunächst für die Dienerschaft bestimmte Geschäftsbibliothek anzusehen, nicht aber eine aus Landesfonds gegründete u. aus solchen unterhaltene Büchersammlung ist“.

Die Angelegenheit nahm den Charakter einer öffentlichen Aktion an, die Presse wurde bemüht, man sammelte Unterschriften von Subskribenten für den zu druckenden Katalog. Auch die Forderung, die Neuzugänge jeweils im Regierungsblatt anzuzeigen, hatte nicht den Beifall von Preuß. Noch im Jahre 1869 meinte er, daß die Artikel in den öffentlichen Blättern von einem Publikum ausgingen, das nicht an ernster Wissenschaft interessiert sei. Wörtlich heißt es bei ihm: 

„Man sollte es kaum glauben, aber ich weiß es aus langjähriger Erfahrung, wie groß auch unter dem gebildeten Publicum die Anzahl Derer ist, welchen der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Büchersammlung und einer Leihbibliothek niemals klar wird, und welche kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd die Bibliothek verlassen, nachdem sie vom Bibliothekar erfahren, daß z. B. weder die verlangte Amaranth von Redwitz, noch auch nur Scotts, Coopers, Marryats, Eugene Sues u. Alex. Dumas Romane dort vorhanden sind, ja ihnen nicht einmal Aussicht zu deren künftiger Anschaffung eröffnet wird.“

In der gleichen Stellungnahme präzisiert er seine Sorgen deutlicher, daß ein gedruckter Katalog „auf eine leichtere und pikante Unterhaltung hindeuten“ könnte. Die gefährlichen und pikanten Schriften aber sind „nicht nur Boccaccios, Crébillons des Jüngern, Heinses, Casanovas, Pigault-Lebruns und Anderer Unterhaltungsschriften, sondern auch aus der historischen Literatur die leichteren Memoirenschreiber, aus der Jurisprudenz die interessanten Criminalrechtsfälle u. s. w.“ Die Rufer nach einem gedruckten Katalog will er mit dem Hinweis zum Schweigen bringen, daß dieser inzwischen in abgekürzter Form noch einmal abgeschrieben sei und für acht Tage ausgeliehen werden könne. Seinen Unwillen erregte ferner, daß „jetzt regelmäßig Gymnasiasten selbst der unteren Classen in größerer Anzahl erscheinen, um gegen Cavet-Scheine ihrer Lehrer eine ganze Reihe oftmals bloß zur Unterhaltung dienender belletristischer Bücher in Empfang zu nehmen“. Sie verlangten auch Übersetzungen „der auf der Schule gerade gelesen werdenden Classiker oder gar Criminalrechtsfälle“. Wir sehen also, daß man es sich in der sogenannten guten alten Zeit ebenso gern leicht machte wie jetzt. Er schreibt ferner: „Obwohl unsere Anstalt bisher nicht den auf fast allen öffentl, Bibl. angenommenen Grundsatz befolgt hat, daß die belletrist. Werke von den auszuleihenden unbedingt ausgeschlossen sein, so ist dieselbe denn doch auch so eine zunächst nicht zur Unterhaltung dienende Leseanstalt, sondern eine für das in seinen Berufsgeschäften und Studien auf literarische Hülfsmittel angewiesene Publicum bestimmte Büchersammlung.“ Der jahrelange Kampf zwischen Preuß und der Öffentlichkeit endete damit, daß der Katalog nicht gedruckt wurde, die Neuzugänge aber auf Ersuchen des Landtags im Jahre 1869 jährlich im „Amtsblatt für das Fürstenthum Lippe“ veröffentlicht wurden.

Wer die Handakten dieser Jahre studiert, stellt fest, daß sie damals noch nicht so umfänglich waren wie in späterer Zeit. Man mußte eben alles kalligraphisch und genau mit der Hand schreiben, die verführerische Schreibmaschine fand erst um 1900 Eingang in den Dienstbetrieb der Bibliothek. Interessant ist auch, wie die Devotionsfloskeln im Umgang mit einer fürstlichen Regierung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sozusagen demokratischer werden. Was für Zeiten aber, in denen ein Benutzer, der wegen fälliger Bücher angemahnt wird, die Ehre haben durfte, das Schreiben von einem Minister unterzeichnet zu sehen, so geschehen noch im Jahre 1892. Ebenso trugen die Unterschrift des Ministers Mitteilungen an die Bibliothek, daß ihr ein Werk geschenkweise zugehe. Wir finden ein Schreiben, in dem Preuß verspricht, dafür zu sorgen, daß die hohen Herrschaften von den Fenstern des Bibliothekszimmers sich die Spiele der Renz’schen Kunstreitertruppe ansehen könnten, nicht ohne die Regierung wissen zu lassen, welch ein mühseliges Geschäft das Wegräumen der Bücher vor den betreffenden fünf Fenstern bedeute. Dem Bibliothekar stand kaum mehr an Personal als der Bibliotheksdiener zur Verfügung, der die Bände nach Verfallstagen bei den Lesern einzusammeln hatte. Die Ausleihe fand lange Zeit nur einmal in der Woche statt und ganze zwei Stunden. Preuß beantragte 1872, daß die jährlich ausgeworfenen 30 Taler für den Bibliotheksdiener auf 50 erhöht werden möchten, zumal die bisherige Bezahlung auch schon für das Jahr 1824 vorgesehen war. Der sonst so Obrigkeitlichdenkende bemerkt bei dieser Gelegenheit, er hätte schon seit Jahren vorgehabt, die Erhöhung zu beantragen, glaubte aber immer, daß die in fast allen Ländern für notwendig erachtete allgemeine Verbesserung der Gehälter der Staatsdiener endlich auch unser Land erreiche und damit seine Absicht erledigen würde. Diese Unterbezahlung der öffentlichen Dienste im Verhältnis zu anderen Ländern als Folge ständiger finanzieller Nöte finden wir bis in das 20. Jahrhundert hinein. Auch der Bücherwurm begegnet uns in den Akten, wenn auch nur als Objekt einer Eingabe an die Regierung; er wird hier leicht dämonisiert als „feindliches Insekt“ bezeichnet.

In das Ende der Amtszeit von Preuß fällt noch ein wichtiges Ereignis, die Schenkung des sogenannten Prinzenpalais in der Hornschen Straße im Jahre 1886. Wir entnehmen einem Manuskript Ernst Anemüllers, des Nachfolgers von Otto Preuß, folgende Einzelheiten:

„Die Geschichte dieser Schenkung ist nur wenigen Leuten bekannt geworden, aktenmäßig läßt sie sich überhaupt nicht feststellen. So möge hier niedergelegt werden, was sich darüber in meiner Erinnerung erhalten hat. Das sog. Prinzenpalais war im Anfange der 40er Jahre von einem in Amerika reichgewordenen Kaufmann mit Namen Ebert gebaut worden. Es war später Wohnsitz des Prinzen Woldemar und Eigentum der Prinzessin Luise, der Lemgoer Stiftsdame. Die Fürstin Elisabeth hat auf Betreiben von Otto Preuß die Schenkung des Palais zum Zweck der Unterbringung der Bibliothek veranlaßt. Es war anfangs nicht beabsichtigt, dem naturwissenschaftlichen Museum neue Räume zu schaffen. Der naturwissenschaftliche Verein packte aber schnell zu und nahm die beiden oberen Stockwerke des Palais für sich in Anspruch, da die Bibliothek in dem Erdgeschoß reichlich Raum hatte.“

Aus dieser Zeit gibt Anemüller ein kleines Situationsbild:

„Die Zimmer waren reichlich hoch für moderne Begriffe, so daß große Leitern unerläßlich waren. Das Expeditionszimmer war das große Mittelzimmer unter den Säulen vor der Treppe. In ihm hockte der vom Kabinettsminister für die 2 Geschäftsstunden am Mittwochnachmittag von 2-4 Uhr, später auch am Sonnabend von 12-1 Uhr zur Verfügung gestellte Kanzleirat Schmidt an seinem Stehpulte in der Ecke, während der Bibliotheksdiener Lesemann (mit dem jetzigen Diener nicht verwandt), schon alt und recht wacklig sich bemühte, die gewünschten Bücher zu suchen, und der Militäranwärter Würdig sich mit Erfolg bestrebte, sich in die neue Stellung des Kastellans und Dieners einzuleben. Am Tische stand Otto Preuß bereit, immer freundlich und würdevoll, die Wünsche seiner allerdings nicht zahlreichen Besucher entgegenzunehmen.“

Am 31. Dezember 1890 beendete Preuß seine Tätigkeit als Bibliothekar im Alter von 74 Jahren. Mehr als ein halbes Jahrhundert stand er der Bibliothek vor. Als Clostermeier 1824 den Katalog für die erneuerte Bibliothek abschloß, schätzte man den Bestand auf 10.000 Bände, als Preuß ging, hinterließ er über 60.000. Er hat den endgültigen Schritt von der „Liberey zu befürderung der Kirchen und Schulen und des gräflichen Hofflagers“ zur allgemeinen wissenschaftlichen Bibliothek vollzogen.

Benutzer im 19. Jahrhundert

Wir fragen uns nun, wer waren die Benutzer? Die Journale seit dem Jahre 1824 sind erhalten, sie bewahren die Namen der Entleiher und die Titel der entliehenen Bücher. Die Listen spiegeln in etwa die fortschreitende soziale Entwicklung wider. Ursprünglich lasen nur die Honoratioren, späterhin begegnen wir auch einem Kommis oder einem Handwerksmeister, und es bleibt nicht immer bei den Namen der bekannten Familien. Höchst selten begegnen wir einem weiblichen Entleiher, einer Madame Schröder, die „Yorricks empfindsame Reise“ liest, oder einer Mademoiselle Plath, der es Tassos „Befreites Jerusalem“ angetan hat. Im Jahre 1833 zählte man 69 Benutzer, die 815 Bände entliehen. Der bedeutsamste Name ist Christian Dietrich Grabbe, von dem die Journale ausweisen, daß er in zehn Jahren, von 1824 bis 1834, 1.071 zum Teil mehrbändige Werke entlieh, Dreifach ist die Begegnung Grabbes mit der Bibliothek. Wir erfuhren, daß Clostermeier ihn gern als Helfer bei seinem Bibliotheksauftrag neben sich gesehen hätte. Ist er auch nicht ihr Bibliothekar geworden, so war er immerhin ihr eifrigster Benutzer, und sie diente ihm als unschätzbare Materialquelle für sein dichterisches Schaffen. Es war daher nur folgerichtig, wenn die gleiche Stätte, die Grabbe soviel bedeutete, späterhin die Sammlung erwarb, die in der wissenschaftlichen Welt unter dem Namen „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ bekannt wurde, und womit der Bibliothek die Betreuung seines Werkes in Zukunft auferlegt ist.

Grabbe ist aber nicht der einzige Dichter, für den die Bibliothek viel bedeutete. Wir wissen bereits, daß auch Freiligrath mit ihr verbunden war, als er Clostermeier bei dessen Arbeiten zur Hand ging. Wie sehr ihn seine Persönlichkeit beeindruckt hatte, zeigt sein emphatischer Nachruf. Aus der 24 Strophen umfassenden Ode im asklepiadeischen Versmaß des Neunzehnjährigen, die mit den Worten beginnt: „Clostermeier ist todt!“, sei eine Strophe zitiert: 

„Ihn betrauert das Land, dem er die Manneskraft,
Treu des Herrschers Geschlecht, bieder und gut geweiht.
Sieh wie Lippias Rose
Ernst den Purpur der Blätter senkt!“

Clostermeier hätte zweifellos diese Zeilen mit später Genugtuung gelesen, konnte er sich doch bei Lebzeiten nur über mangelnde Liebe seiner Zeitgenossen beklagen.

Wie steht es nun mit den Beziehungen zwischen Bibliothek und bedeutenden Persönlichkeiten, die einige Zeit Detmolder Mitbürger waren? Willi Schramm schreibt in seiner Arbeit „Johannes Brahms in Detmold“, daß dieser bekanntlich ein eifriger Bücherwurm und ständiger Gast in der öffentlichen fürstlichen Bibliothek gewesen sei. Er bezieht sich hierbei auf Angaben von Karl von Meysenbug, einem Mitglied der bekannten Detmolder Familie, der auch Malwida von Meysenbug angehört. In den vorerwähnten Ausleihejournalen findet sich aber Brahms als Entleiher nicht, vielleicht haben andere das Ausleihegeschäft für ihn besorgt. Ebensowenig finden wir den Namen Albert Lortzings, der in den Jahren 1826-1833 als Singschauspieler am Hoftheater tätig war.

Die Ära Anemüller. Der Bibliotheksbrand

Auf Empfehlung von Preuß wurde Dr. Ernst Anemüller sein Nachfolger, der die Bibliothek bis 1918 neben seinem Amt als Gymnasialprofessor leitete. Von 1918-1924 widmete er sich der Bibliothek hauptamtlich. Seine wesentlichste Sorge war, der wachsenden Raumnot abzuhelfen. Als das neue Palais in der Neustadt nach dem Abtreten Leopolds IV. an den Staat fiel, richtete er sein Augenmerk auf dieses Gebäude. Umso mehr wandte er sich gegen die Absicht, das Neue Palais „zur Errichtung eines Kurbades zu verwenden“. Damals bemühte man sich nämlich, durch Erbohrung von Quellen Detmold zum Kurort zu machen. Diese Bemühungen schlugen fehl, und es zog nun allerdings nicht die Bibliothek in das Palais, sondern das Lippische Landesmuseum, das aus den Sammlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins und bedeutenden Stiftungen von privater Hand hervorgegangen war. Für die Bibliothek ergab sich der Gewinn, daß ihr nunmehr das ganze Haus zur Verfügung stand.

In Anemüllers Amtszeit fällt ein Vorgang, der für die damalige bibliothekarische Welt, die noch nicht durch die Katastrophen des zweiten Weltkrieges hindurchgegangen war, beispiellos gewesen ist: der Brand der Bibliothek im Jahre 1921. Wir folgen der Darstellung von Anemüller. Danach ist das Feuer wahrscheinlich im Dachgeschoß entstanden und hat sich schnell von Osten nach Westen ausgebreitet. Der westliche Teil der Dachkonstruktion brach zusammen und riß bei seinem Sturz das gesamte Treppenhaus in die Tiefe. Durch seine Zerstörung wurden ungefähr 20 Personen abgeschnitten, die damit beschäftigt waren, aus dem obersten Stockwerk und vom Boden Bücher zu retten. Kräftige Soldatenfäuste, wie er schreibt, hoben lange Leitern in die Höhe, die aber doch nicht ganz ausreichten. Die von Feuer und Qualm Eingeschlossenen schlugen die nicht zum Öffnen eingerichteten Fenster ein, kletterten auf die Außenwand und ließen sich, mit den Füßen nach der obersten Leitersprosse suchend und mit den Händen am Fenstergesims sich haltend, hinab und gelangten endlich wohlbehalten nach unten, ohne daß auch nur einer davon verunglückt ist. Wir wissen aber aus anderer Quelle, daß es eine Anzahl Verletzter gab, von denen vier in das Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Mehr als 30.000 Bände wurden vernichtet, ganze Fachabteilungen, geschlossene Zeitschriftenreihen, wertvolle Kupferwerke und Lippiaca. Auch die beachtliche Sammlung der Orientalia ging fast ganz verloren. Sie war eine Stiftung der Detmolder Familie Rosen, der die bekannten Orientalisten Friedrich August, Georg und der Reichsaußenminister Friedrich Rosen angehören. Die Ursache des Brandes ist nie völlig aufgeklärt worden.

Der Eindruck in der Öffentlichkeit war stark, ja, man kann sagen, daß man sich in vielen lippischen Kreisen durch dieses Unglück erst damals bewußt wurde, welchen kulturellen Schatz das Land besaß. Am nächsten Tage bereits erklärte das Landespräsidium in einem Aufruf, daß die Landesbibliothek wieder neu erstehen müsse, und die Öffentlichkeit wurde zur Mithilfe aufgefordert. Die Zeitungen nahmen sich der Aktion an. Aus den interessierten Kreisen flossen Spenden, die Bibliotheken des In- und Auslandes stifteten Bücher, es bildete sich eine „Gesellschaft der Freunde der Bibliothek“, der aber über den Anlaß hinaus kein längeres Leben beschieden sein sollte. Auch der Erlös eines Spiels zwischen dem Bielefelder und Detmolder Sportverein floß dem Wiederaufbau zu; im 19. Jahrhundert wäre kaum ein solches Beispiel zu berichten gewesen.
Die Frage war, ob man die Bibliothek an der alten Stelle wieder aufbauen sollte oder anderswo. Anfangs war man geneigt, sie an einem anderen Ort erstehen zu lassen, und zwar dachte man an den jetzt als gärtnerische Anlage genutzten Platz Ecke Bismarckstraße–Doktorweg, gegenüber dem Landestheater. Das wäre zweifellos eine glückliche Lösung gewesen. Bisher war sie im drittletzten Hause am Rande der Stadt angesiedelt, nun hätte sie den Platz in der Mitte bekommen. Aber je mehr Zeit ins Land ging, umso weniger Aussicht hatte dieser Plan. Zweifellos auch aus finanziellen Gründen baute man die Ruine wieder aus. Das Innere war neu zu gestalten; die einmal gegebenen hohen Fenster gestatteten leider nicht, den Raumkörper zweckmäßiger auszunutzen. Man führte ein eisernes Büchermagazin mit sieben Stockwerken hoch, das dem Feuer kein so leichtes Spiel gönnen konnte wie die frühere Anlage. Die Atmosphäre des ehemaligen Palais hat sich auch im Umbau erhalten. Berücksichtigt man die schlechte wirtschaftliche Lage in den 20er Jahren, so gelang es sogar, dem Gebäude eine gewisse Repräsentation zu geben.

1924 schied Anemüller nach 34jähriger Tätigkeit aus. In seine Dienstzeit fielen die Anfänge der Volksbüchereibewegung. Er gründete und leitete in Personalunion die lippische Wanderbücherei, die die Bildungsbedürfnisse auf dem Lande und in den kleineren Orten befriedigte. Im Gegensatz zu Otto Preuß war Anemüller auf die Publizität der Bibliothek bedacht. So faßte er in einem Druckkatalog die Zugänge der Jahre 1869-1895 zusammen. Fortan gab er in etwa jährlichen Abständen die Zugänge in gedruckten Verzeichnissen einer weiteren Öffentlichkeit bekannt. Außerdem bleibe nicht unerwähnt die mit Otto Weerth herausgegebene „Bibliotheca Lippiaca“.

1924–1945

Nach Anemüllers Weggang trat ein, was er befürchtet hatte, man griff wieder auf die Personalunion zwischen Archiv und Bibliothek zurück. Die Leitung übernahm bis zum Jahre 1933 der Leiter des Landesarchivs Dr. Hans Kiewning. Sein Nachfolger in beiden Ämtern wurde Dr. Eduard Wiegand. Der Zusammenbruch 1945 bedingte wieder einen Wechsel. Bis 1950 wurde die Bibliothek von dem Leiter des Landesarchivs Dr. Erich Kittel mitverwaltet. Das Land Lippe nahm indessen als letzter deutscher Kleinstaat Abschied von seiner vielhundertjährigen Selbständigkeit; es ging in dem neuen Gebilde Nordrhein-Westfalen auf. Anders als Oldenburg und Braunschweig bei ihrem Aufgehen in Niedersachsen gelang es Lippe, dank seines Landespräsidenten Heinrich Drake, die in die Ehe mit Nordrhein-Westfalen eingebrachte Mitgift selbst zu verwalten. Es wurde der Landesverband Lippe geschaffen, bei dem die Lippische Landesbibliothek verblieb, wohingegen das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen übernahm. Damit wurde auch die Personalunion gelöst und die Bibliothek unter eigene Leitung gestellt, mit der der Verfasser dieser Zeilen beauftragt wurde.

Der große Brand hatte die Bibliothek weit zurückgeworfen. Leider gelang es nicht, durch Bereitstellung von Sondermitteln die Lücken auch nur der Zahl nach zu schließen, ja die laufenden Mittel konnten nicht einmal Verbesserung erfahren, die ohnehin nötig gewesen wären, um der wachsenden Produktion auf dem Büchermarkt in etwa nachzukommen, im Gegenteil, sie verminderten sich noch. Die finanzielle Lage Lippes machte 1930 sogar ein Gutachten des Reichssparkommissars nötig. Hätte man seine Vorschläge befolgt, wären die Mittel noch geringer ausgefallen, die Ausleihetage eingeschränkt und die Bibliothek wäre einem Siechtum erlegen. Dies konnte allerdings verhindert werden und die wirtschaftliche Entwicklung besserte sich in der Folgezeit. Im zweiten Weltkrieg hatte die Bibliothek Glück. Wenn ein Drittel aller deutschen Bibliotheksbestände durch ihn verloren ging, so ergaben sich weder in Detmold selbst Verluste noch im Bergwerk Grasleben, wohin wesentliche Teile ausgelagert waren.

Die Lippische Landesbibliothek heute

Werfen wir einen Blick auf die Bibliothek, wie sie sich gegenwärtig präsentiert, so stellen wir fest, daß sie trotz ihres wechselvollen Schicksals mit ihren 200.000 Bänden längst aufgabenmäßig über die Grenzen des lippischen Landes hinausgewachsen ist. An diesem steten Wachstum haben auch die Stiftungen und Nachlässe Anteil, die ihr zugeflossen sind, z. B. von den Familien von Donop, von Wolffgramm, Bröffel und Rosen.

Die Regierungsbibliothek Minden

Einen begrüßenswerten Zuwachs empfing die Landesbibliothek durch die ehemalige Regierungsbibliothek Minden, 1948 ging sie ihr als Leihgabe zu. Mit ihren nahezu 20.000 Bänden war sie ehedem die zweitgrößte Verwaltungsbücherei einer preußischen Regierung, Als offizielles Gründungsjahr gilt 1715. Ihr allgemeinwissenschaftlicher Charakter erfuhr noch eine Verstärkung durch die einverleibte Büchersammlung der 1848 aufgelösten „Westfälischen Gesellschaft für Wissenschaft und Cultur in Minden“. 1962 wird der überwiegende Teil der ehemaligen Mindener Regierungsbibliothek in den Eigenbestand der Lippischen Landesbibliothek übergehen, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen jene Teile an sich gezogen hat, die es für seine Arbeit benötigt.

Leider gelang es nicht bis zur Auflösung des lippischen Staates, eine allgemeinverbindliche Pflichtexemplar-Anordnung zu erwirken, dabei waren glückliche Ansätze dazu vorhanden. Wir wissen, daß die gräfliche Regierung von Anbeginn der bedeutenden Meyerschen Hofbuchhandlung in Lemgo auferlegte, je ein Exemplar der Bibliothek zuzuführen, ein früher Nachweis des sogenannten Pflichtexemplars.

Das Grabbe-Archiv Alfred Bergmann

Sammlungen profilieren Bibliotheken untereinander. Dr. Wiegand gelang es während seiner Amtszeit, zu den bereits vorhandenen Grabbiana die Sammlung des Grabbeforschers Dr. Alfred Bergmann als „Grabbe-Archiv Alfred Bergmann“ der Bibliothek einzuverleiben. Damit besitzt sie eine der wenigen großen Literatursammlungen, die zudem in einem ungewöhnlich weitgespannten Rahmen angelegt ist. Das Archiv enthält einmal die verschiedenen Werkausgaben, sodann Handschriften, u. a. die vollständigen Manuskripte von „Herzog Theodor von Gothland“, „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, „Nanette und Maria“, Bruchstücke zu „Don Juan und Faust“, „Hannibal“ und der „Hermannsschlacht“, ferner über zweihundert Briefe von seiner Hand, die Literatur über Grabbes Werk bis in einzelne biographische Notizen – verstreut in Zeitschriften und Zeitungen –, Dissertationen, ferner Grabbe als Vorwurf in der Dichtung, die Bühnengeschichte seiner Dramen in Programmen, Theaterzetteln und Rezensionen, Bühnenentwürfe und Figurinen, Aufnahmen von einzelnen Szenen. Der Rahmen ist so weit gespannt, daß auch zeitgenössische Ansichten von Orten gesammelt sind, an denen er sich aufhielt, ebenso Porträts von Persönlichkeiten, die ihm begegneten. Da man davon ausging, daß auch die Literatur in diesem Archiv gesammelt werden müßte, die Grabbe Anregung oder Anlaß zur Auseinandersetzung bot, so findet sich fast alles aus dem 18. bzw. 19. Jahrhundert bis zu seinem Tode Erschienene, auch das Wesentlichste des Auslandes, zumeist Erstausgaben in Originaleinbänden. Die bereits erwähnten Ausleihe- und Benutzerjournale der Landesbibliothek, die Grabbe als Leser von mehr als 1.000 Werken ausweisen, werden als Anregung für das Sammeln von Bedeutung gewesen sein. Nicht nur die große Literatur ist vertreten, auch Unterhaltungsschrifttum minderer Autoren, das eine unsichtbare Hauptrolle in der Literaturkomödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ spielt. So liegt auch für den Literatur-Soziologen ein unschätzbares Material dritten und vierten Ranges vor, das ein nahezu totales Zeitbild des Geschmacks ermöglicht, in unsere Tage übertragen sozusagen von Thomas Mann bis Courths-Mahler.

Das Archiv erfuhr und erfährt seit seiner Eingliederung eine ständige Anreicherung nicht nur an Sekundärliteratur, auch an Handschriften. Die bedeutsamste Erwerbung war das vollständige „Napoleon-Manuskript“, zu einem großen Teil Werkhandschrift, eine einzigartige Gelegenheit, bedenkt man, daß kaum noch ein Originalmanuskript der großen deutschen Dramatiker sich in Privathand befindet. Es konnte 1960 aus Stiftungsmitteln angekauft werden. So bildet das Archiv die wesentliche Grundlage für die historisch-kritische Ausgabe von Grabbes Werken, die im Auftrage der Göttinger Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird.

Der im Faksimile wiedergegebene Brief Grabbes vom 8. Januar 1835 zeigt uns, daß seine letzte dramatische Schöpfung, die „Hermannsschlacht“, dem Bedürfnis entsprang, der lippischen Heimat ein literarisches Denkmal zu setzen. Daß dem Clostermeierschen Werk „Wo Hermann den Varus schlug“ eine Art Patenschaft dabei zukommt, entbehrt ebenfalls nicht des Interesses.

Die Freiligrath-Sammlung

Auch Persönlichkeit und Werk Ferdinand Freiligraths, des anderen großen Detmolders, betreut die Bibliothek in einer eigenen Sammlung. Diese kann sich an Bedeutung nicht mit der Grabbe-Sammlung messen. Den Grundstock zu der Sammlung legte der Dichter selbst. 1862 schenkte er auf Bitten von Otto Preuß, mit dem er bekanntlich noch aus seinen Detmolder Jahren her befreundet war, acht Gedichtmanuskripte, Brouillons, wie er sie nannte, innerhalb seines Werkes bedeutsame Schöpfungen, wie z. B. „Der Alexandriner“, „Der Blumen Rache“ und das für die Detmolder Verhältnisse besonders bemerkenswerte Gedicht „Bei Grabbes Tod“.

Die Sammlung enthält fernerhin, außer seinen eigenen Werken in den verschiedenen Ausgaben, die Handbücherei des Knaben Freiligrath, sodann Stammbücher aus der Jugendzeit, ein Konvolut von rund hundert Briefen der Eltern und Großeltern, weit über zweihundert eigenhändige Briefe, rund vierzig Gedichtmanuskripte einschließlich der vom Dichter selbst geschenkten und ein reiches Bildmaterial.

Auch die Freiligrath-Sammlung erfährt ständige Vermehrung; so konnten 1951 vier Stammbücher von einer in England lebenden Enkelin erworben werden. In ihnen ist der weitgedehnte zum Teil internationale Freundeskreis Freiligraths in oft bedeutsamen literarischen Schöpfungen festgehalten. Wir finden ebenso Gottfried Keller mit eigenen Gedichtniederschriften wie Hans Christian Andersen mit einem deutsch geschriebenen kleinen Märchentext, sodann Eintragungen von Friedrich Hebbel, Victor von Scheffel, Emanuel Geibel, Willibald Alexis, Gottfried Kinkel, Henry W. Longfellow. Aus gleicher Hand konnten einige reizvolle Silhouetten in charakteristischen Situationen des Dichters erworben werden. Ferner wurde die Originalausgabe der „Neuen Rheinischen Zeitung“, das Organ von Marx und Engels, angekauft, das nur eine Lebensdauer von noch nicht einmal einem Jahr hatte. Freiligrath war eine zeitlang ihr Mitherausgeber neben Georg Weerth, der ebenfalls geborener Detmolder war und aus dessen Familie der Ankauf erfolgen konnte. Die Briefe, die an Detmolder gerichtet sind – die bemerkenswertesten gingen an die Witwe Grabbes, Louise Christiane, geb. Clostermeier – konnten 1960 durch den Ankauf der Korrespondenz zwischen Freiligrath und dem Naturwissenschaftler und Museumsleiter Carl Weerth aus den Jahren 1838-1875 vermehrt werden.

Die Heimatbildsammlung

In den 60er bis 80er Jahren wurde auf Betreiben von Otto Preuß eine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen lippischer Baudenkmäler und Landschaften angelegt, zu der eine weitere Sammlung von Porträts lippischer Persönlichkeiten hinzutrat. Hierdurch wird das lippische Schrifttum im wahren Sinne des Wortes zu einem historischen Bild dieses Raumes abgerundet. Damit erfüllt die Lippische Landesbibliothek den Auftrag, der jeder Landesbibliothek gestellt ist, die Geschichte der Landschaft, für die sie repräsentativ steht, so vollständig wie möglich zu bewahren. Entstehung und Charakter der vorgenannten Sammlung werden zum Schluß des geschichtlichen Rückblicks über die Bibliothek eingehender gewürdigt, ebenso ihre bemerkenswertesten Zeichner.

Lippiaca

Um die lippischen Bestände der Benutzung stärker zu erschließen, hatte bereits, wie erwähnt, Ernst Anemüller gemeinsam mit Otto Weerth 1886 in der „Bibliotheca Lippiaca“ 926 der wesentlichsten Titel veröffentlicht. Die 70 Jahre später, 1957, im Auftrage des Landesverbandes herausgegebene und von Wilhelm Hansen bearbeitete „Lippische Bibliographie“ weist bereits 16.300 Titel aus. Durch die Angabe der Signaturen der Landesbibliothek ist sie gleichzeitig ein Katalog ihrer Lippiaca.

Musiksammlung, Lortzing-Archiv

Die Bibliothek unterhält eine Musikaliensammlung. Ihre Entstehungsgeschichte und die besondere Situation in Detmold bedingen den Charakter der Sammlung. Wie alle Fürstenhöfe, so pflegte auch der Detmolder Hof die Musik und unterhielt eine eigene Hofkapelle. Johannes Brahms war z. B. mehrere Jahre in fürstlichen Diensten als Hofmusikdirektor. Detmold besaß ferner ein Hoftheater, dessen Gründung in das 18. Jahrhundert zurückgeht, und das der Vorläufer des noch bestehenden Lippischen Landestheaters wurde. Die alten Theaterakten, Rollen-, Gagen- und Regiebücher, Programme, Abonnentenverzeichnisse und reiches Notenmaterial sind seit altersher im Bibliotheksbestand. Es gelang mit Einwilligung des letzten regierenden Fürsten, das gesamte Musikalienarchiv der ehemaligen Hofkapelle zu übernehmen, ebenso die Musikbibliothek des früheren 1781 gegründeten Lippischen Lehrerseminars. 1944 bot sich die Gelegenheit, die Sammlung des ehemaligen Kapellmeisters und Theaterdirektors Georg Richard Kruse (1856-1944) zu erwerben. Kruse ist bekannt als Verfasser einer Lortzing- und Nicolai-Biographie. Die bereits in der Bibliothek vorhandenen Lortzing-Bestände aus fürstlichem Besitz erfuhren durch die Lortzingiana in der Kruseschen Sammlung eine wünschenswerte Abrundung. Es hatte einen tieferen Sinn, das Andenken an Lortzing zu pflegen, war er doch in den Jahren 1826-1833 am hiesigen Theater als Singschauspieler tätig. Bereits im alten Theatergeschichtlichen Bestand sind vermutlich sämtliche Rollenbücher von ihm und seiner Frau, die ebenfalls Schauspielerin war, erhalten. Das Lotzing-Archiv, das ungefähr 850 Nummern enthält, bewahrt neben der Literatur über ihn eine reiche Bildersammlung, Berichte über Aufführungen und Neuinszenierungen, Szenenentwürfe und Figurinen. Die Detmolder Zeit ist nicht ohne Bedeutung für ihn gewesen, hier soll er seine ersten Singspiele und Vaudevilles geschaffen haben. Der wissenschaftliche Wert der Sammlung besteht vor allem darin, daß sich sehr viel autographisches Material von der Hand Lortzings und seines Freundeskreises in ihr findet, Textentwürfe – bekanntlich schrieb Lortzing gern seine eigenen Libretti –, werkhandschriftliche Kompositionsentwürfe und fertige Kompositionen. Es handelt sich um ungefähr 180 originalhandschriftliche Stücke. Von Otto Nicolai wird u. a. eine Werkhandschrift zu den „Lustigen Weibern von Windsor“ aufbewahrt. Der Krusesche Nachlaß weist insofern eine Geschlossenheit auf, als der Sammler mit besonderer Liebe der Spieloper, dem Singspiel, dem Lied bis in seine letzten Abarten, wie dem Gassenhauer, nachging – er war übrigens der Herausgeber einer Coupletsammlung –, ein Material, das darum auch volks- und geschmackskundliches Interesse erregen darf. Als Theaterdirektor und als Mitarbeiter des Reclam-Verlages liefen bei ihm sehr viele Fäden zu den verschiedensten Persönlichkeiten, nicht nur der musikalischen Welt, zusammen. Seine Beziehungen zur Literatur dokumentieren sich auch in der Sammlung. Er selbst hat einen großen Teil der Libretti im Reclam-Verlag betreut. Wir verdanken diesem Umstand den größeren Teil der mehr als 1.000 Textbücher, die die Bibliothek besitzt.

Der reiche Notenbestand der Musikaliensammlung wird ergänzt durch eine nach Tausenden von Bänden zählende Literatur. – Die Pflege der Musikalien durch die Bibliothek bekam eine nachträgliche Rechtfertigung, sofern sie solcher bedurft hätte, durch die 1946 erfolgte Gründung der Nordwestdeutschen Musikakademie in Detmold. Dozenten und Studenten sind ihre gegebenen Benutzer.

Handschriften und alte Drucke

Fürstliche Privatbibliotheken haben zu allen Zeiten Interesse erregt, gewähren sie doch Aufschlüsse über Geschmack und geistige Spannweite ihrer Sammler. Die Landesbibliothek bewahrt als Leihgabe des ehemaligen Fürstenhauses die Handbücherei der Fürstin Pauline auf. Mehr als 1.000 Werke und zahlreiche Zeitschriften geben uns einen Einblick in die wissenschaftlichen Studien einer bedeutenden Regentin und die literarischen Neigungen einer großen Dame um die Wende des 18. Jahrhunderts.

Leider müssen wir annehmen, daß die Lippische Landesbibliothek an alten Handschriften in der Frühzeit reicher war als jetzt. Von den verbliebenen alten Manuskripten seien nur die genannt, die in der wissenschaftlichen Welt besondere Beachtung fanden und literarisch gewürdigt wurden: „Der Naturen Bloeme“ des Jakob von Maerlant, eine versifizierte Naturgeschichte in flämischer Sprache mit über 1.000 Initialen und Illuminationen. Die Handschrift ist um 1300 zu datieren und bereits im 16. Jahrhundert im Besitz des Detmolder Bürgermeisters Smerheim; weiterhin ein lateinischer Bibelkodex, eine Handschrift des Klosters Berich in Waldeck, 1596 im Eigentum des lippischen Kanzlers Justus Schneidewind – beide Handschriften wurden schon von Wellner aufgeführt –, ferner eine mittelniederdeutsche Übersetzung des „Buchs der zehn Gebote“ des Franziskaners Markus von der Lindau aus der Zeit um 1360, früher im Besitz des benachbarten Nonnenklosters zu Lügde. – Eine besondere Kostbarkeit ist das Stammbuch Engelbert Kaempfers (1651-1716), des bekannten Forschungsreisenden, eines geborenen Lemgoers. Es enthält 133 Eintragungen; wir können mit ihnen seinen Reiseweg bis nach Japan und zurück verfolgen, sie sind in den vielfältigsten Sprachen, von der lateinischen über die europäischen bis zu unbekannten asiatischen Idiomen gehalten. Der umfangreiche Nachlaß Kaempfers befindet sich leider nicht in deutscher Hand, sondern im Britischen Museum. Das gedruckte Werk liegt in verschiedensten fremdsprachlichen Ausgaben in der Landesbibliothek vor.

Wer die Regale alter Bibliotheken nachdenklich entlang geht, liest an ihren Bänden die wechselvolle Geschichte der Ideen ab. Zuweilen kann man den endgültigen Durchbruch einer Bewegung geradezu an der Zugangsnummer eines Buches datieren. Am 18. April 1891 ergeht ein Antrag an die Landesregierung: „Endlich glaube ich auch noch ein bisher allerdings verbotenes Buch vorschlagen zu müssen, nämlich August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“, 10. Auflage, 1891. Es befinden sich auf der Bibliothek zwar eine Anzahl Werke über die Sozialdemokratie, jedoch noch kein eigentlich sozialdemokratistisches. Um ein richtiges Bild von der Gesamtheit der mächtigen sozialpolitischen Bewegung der Gegenwart zu erhalten, sind auch solche unentbehrlich. Das erwähnte Buch, das sich zudem durch eine gute und klare Darstellung auszeichnet, enthält nach dem Urteil von den Kennern der volkswirtschaftlichen Literatur vieles Gute und Richtige. Vor allem giebt es ein deutlicheres Bild der Ansichten und Bestrebungen der sozialdemokratischen Partei als sich aus dem dieselbe kritisierenden Werke gewinnen läßt.“ Man beachte, es handelt sich bereits um die 10. Auflage. Am 8. März 1900 wird wiederum die Landesregierung angegangen, diesmal geht es um die Anschaffung eines Werkes über die Gewerkschaftsbewegung. In der Antwort heißt es lakonisch, „Wenn derartige Werke Leser finden, habe ich gegen die Anschaffung nichts zu erinnern.“

Was die Bezeichnung der Bibliothek anbelangt, so wissen wir, daß sie anfangs „Gräflich öffentliche Bibliothek“ hieß, auch „Herrschaftliche öffentliche Bibliothec auf dem Schulhoff“. Clostermeier soll bereits im Anfang des 19. Jahrhunderts von der „Landesbibliothek“ gesprochen haben. Für Otto Preuß war sie die „Öffentliche Bibliothek“. Späterhin hat sich die Bezeichnung „Fürstliche Landesbibliothek“ durchgesetzt, auch „Fürstlich lippische Landesbibliothek“. Es dauerte einige Zeit, bis man sich nach den Revolutionstagen des Jahres 1918 entschloß, das Wort „fürstlich“ auf dem vorgedruckten Briefkopf zu streichen. Aus der dann verbliebenen Titulatur „Landesbibliothek“ entwickelte sich späterhin die auch heute noch übliche Bezeichnung „Lippische Landesbibliothek“.

Alte Bibliotheken sind in Jahrhunderten gewachsene Gebilde und daher Gott sei Dank untereinander nicht zum Verwechseln ähnlich; jede trägt die Spuren ihrer Geschichte. Die Besonderheit der Bestände, nicht nur die Zahl der Bände, bestimmt ihren Wert. Wir sahen, als die Wissenschaft aus ihrer Dogmatik und die Gesellschaft aus ihrer ständischen Gebundenheit heraustraten, und es seitdem Öffentlichkeit im modernen Sinne gibt, wurden erst die so früh mit dem Titel „öffentlich“ ausgezeichneten Bibliotheken wahrhaft öffentlich. Waren sie also in früheren Jahrhunderten mehr oder minder am Rande des kulturellen Bewußtseins, sind sie jetzt aus dem Leben der Gegenwart nicht mehr fortzudenken. Sie stehen mitten im Dienste der täglichen wissenschaftlichen Arbeit. Sind sie auf diese Weise aktuell, so sind sie gleichzeitig mit ihren überkommenen Beständen alter Handschriften, Inkunabeln und seltener Drucke Zeugen und Bewahrer der Vergangenheit. Keine geringe Aufgabe in einem selbstgewissen Zeitalter, das stärker als jedes vorhergegangene meint, angesichts seiner naturwissenschaftlichen und technischen Erfolge ohne Tradition auskommen zu können.