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Die Lippische Landesbibliothek zu Detmold

von Ernst Anemüller

Druckfassung in: Lippischer Dorfkalender. N. F. 8 (1923), S. 70-72.

„Bibliotheken sind Schatzkammern aller Reichtümer des Geistes“. So sprach einst der große Philosoph Leibniz, der berühmteste aller Bibliothekare. Alles, was die Menschheit in langen Jahrhunderten an geistigen Gütern erarbeitet hat, wird in Bibliotheken sorgsam aufbewahrt und gehütet. Aber was hülfe es, wenn diese Schätze nur von außen und aus der Ferne bewundert und nicht auch dem lebenden Geschlecht nutzbar gemacht würden. Das war früher freilich nicht oft der Fall und es kostete bis in Zeiten hinein, die noch garnicht weit zurückliegen, an vielen Orten große Mühe, Zutritt zu einer Bibliothek und die Erlaubnis zur Ausnutzung ihrer Bücher zu erlangen. Diese Zeiten sind jetzt glücklicherweise vorbei. Der Grundsatz, daß die in Bibliotheken verwahrten Bücher in liberalster Weise zugänglich sein müssen, ist heutzutage allgemein anerkannt und die dazu nötigen Einrichtungen werden immer mehr vervollkommnet. Wo das aber noch nicht der Fall ist, da darf man mit Recht gegen die verantwortlichen Stellen den Vorwurf arger Rückständigkeit erheben.

Nach der Erfindung der Buchdruckerkunst entstanden im 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland viele Bibliotheken, und zwar fast ausschließlich auf Veranlassung gelehrter und kunstliebender Fürsten. Unter diese Sammlungen ist die Bibliothek zu Detmold eine der ältesten, erheblich älter sogar als die vom Großen Kurfürsten begründete spätere Königliche, jetzige Staatsbibliothek zu Berlin. Der Graf Simon VII. zur Lippe verwendete zur Errichtung der Bibliothek die reichhaltige Büchersammlung seines im Jahre 1613 verstorbenen Vaters, des Grafen Simon VI. Diese „Gräfliche Bibliothek“ wurde in der alten Augustiner-Nonnenkirche in der Schülerstraße untergebracht, die etwa der jetzigen lutherischen Kirche gegenüber lag und leider im Jahre 1830 abgerissen wurde. In dieser Klosterkirche, die auch die sogenannten Provinzialschule (das spätere Gymnasium) beherbergte, befand sich die Bibliothek bis zum Jahre 1821. Sie war reich an alten Drucken und Handschriften und wurde beständig vermehrt. Ihre Benutzer waren im wesentlichen die gelehrten Kreise Detmolds. Für andere scheint es ziemlich umständlich gewesen zu sein, die Erlaubnis zur Benutzung der Bibliothek zu erhalten. Wenigstens besitzen wir noch aus dem Jahre 1668 einen Brief des Detmolder Apothekers Samuel Gloxin, der, wie er schreibt, zu einer sehr nützlichen medizinischen „Laboration“ einige Bücher entleihen wollte und deswegen ein langes Gesuch an die „Hoch Edellgebohrenen, gestrengen undt wolledlen vesten undt hochgelahrten hochgräflich lippischen Herren Landdrosten, Cantzler und räthe, großgünstige hochgeehrte Herren“ richten mußte. aber so war es nicht nur heir, sondern zu jener Zeit auch an vielen anderen Orten. Erst allmächlich drang die Anschauung durch, daß Bibliotheken dazu da sind, benutzt zu werden. Eine neue Zeit brach für die Gräfliche Bibliothek erst unter der Regierung der Fürstin Pauline an. Am 31. Oktober des Jahres 1818 ordnete sie eine Reorganisation der Bibliothek an, verschiedene andere Sammlungen sollten mit ihr vereinigt und der ganze Bücherbestand sollte allgemein zugänglich gemacht werden. Mit der umfangreichen Aufgabe wurde der kluge Archivrat Clostermeier beauftragt, der sie in mustergültiger Weise löste. Vom Jahre 1824 ab wurde aus der „Oeffentlichen Bibliothek“, wie sie nunmehr hieß (der Name „Landesbibliothek“ bürgerte sich erst später ein) Bücher verliehen. Untergebracht wurde die Bibliothek in dem Pavillon neben der bedeckten Reitbahn, wo später, bis zum Jahre 1918, das fürstliche Zivilkabinett sich befand. Unter der vortrefflichen Leitung des gelehrten Otto Preuß, der sich auch durch seine zahlreichen Schriften so große Verdienste um Lippe erworben hat, entwickelte sich die Landesbibliothek in erfreulicher Weise. Allmählich wurden die Räume zu eng. Da veranlaßte im Jahre 1884 die Fürstin-Witwe Elisabeth, die sich lebhaft für die Bibliothek interessierte, die Prinzessin Luise zur Lippe, das ihr gehörige geräumige Palais am Ende der Hornschen Straße dem Staate zur Unterbringung der Bibliothek zum Geschenk zu machen. Die neuen Räume wurden im Jahre 1886 bezogen und boten reichlichen Platz, aber freilich auf nicht lange Zeit. Man hatte in der Annahme, daß die Bibliothek auf lange Jahre hinaus genug Raum habe, auch dem naturwissenschaftlichen Museum in dem neuen Gebäude Unterkommen gewährt. Aber beide Sammlungen, Museum wie Bibliothek, wuchsen in den folgenden Jahrzehnten dermaßen an, daß die Raumnot unerträglich wurde und die schwersten Gefahren für die Erhaltung der Bibliothek wie des Museums herbeiführte. Endlich konnte im Jahre 1921 das naturwissenschaftliche Museum in das vom Fürsten dem Staate abgetretene „Neue Palais“ an der Neustadt übersiedeln und die Bibliothek sollte die nunmehr frei gewordenen Museumsräume zu ihren bisherigen noch dazu erhalten. Schon waren die notwendigen Erneuerungs-Arbeiten beinahe abgeschlossen, als plötzlich, am Nachmittage des 22. November 1921, jedenfalls infolge eines Schornsteinschadens im Dachstuhl des Palais, ein verheerender Brand ausbrach, gegen den bei dem herrschenden Wassermangel alle Anstrengungen der Detmolder und der Bielefelder Feuerwehr sich als machtlos erwiesen. Die hölzernen Decken wurden vom Feuer ergriffen, die breite Holztreppe brach gleich im Anfange des Brandes zusammen, fast das ganze Gebäude brannte aus oder wurde wenigstens stark beschädigt. Die auf dem Boden und im obersten Stockwerk befindlichen Büchermassen konnten nur zum geringsten Teil gerettet werden, etwa 30.000 Bände verbrannten. Aber es glückte wenigstens, die im untersten Stock und im Keller befindlichen Bücher zu erhalten und in benachbarte Gebäude zu retten. Gleichwohl ist der Schaden außerordentlich groß. Viele kostbare alte Drucke, die überhaupt nicht mehr zu ersetzen sind, sind verloren. Lange Reihen von Zeitschriften, an denen Generationen gesammelt haben und auf die Bibliotheken immer besonders stolz sind, sind völlig zerstört und selbst gegen die größten Geldopfer kaum mehr zu erhalten; Tausende von Werken, die von Freunden der Bibliothek gestiftet wurden, sind zugrunde gegangen.

Groß war die Teilnahme, die das furchtbare, in der Geschichte der deutschen Bibliotheken unerhörte Unglück überall wachrief. in Lippe erklärte schon am 23. November das Landespräsidium in einem Aufrufe, daß die Landesbibliothek wieder neu erstehen müsse. in diesem Aufrufe hieß es dann: „Was sonst auch auf uns lastet und wie namenlos auch das Geschick unseres Volkes ist: die wichtigsten Kulturaufgaben dürfen und sollen auch im lippischen Lande nicht leiden.“ Alle Volksgenossen wurden dann aufgefordert, nach ihren Kräften an diesem Werke des Wiederaufbaues mitzuarbeiten. Zugleich wurde auch eine „Gesellschaft der Freunde der Landesbibliothek“ ins Leben gerufen, die auch später, wenn die notwendigste Arbeit geschehen ist, der Bibliothek helfend zur Seite stehen soll. Die erlassenen Aufrufe hatten die erfreuliche Wirkung, daß viele Geldspenden für den Wiederaufbau der Bibliothek einliefen. Auch Bücher wurden vielfach gestiftet, weniger allerdings aus Lippe selbst, als von deutschen und außerdeutschen Bibliotheken. Sofort erhob sich nun auch die Frage, ob das alte Gebäude wieder aufgebaut oder eine neues errichtet werden sollte. Zweifellos war ein neues, modernes Gebäude in der Mitte der Stadt, am besten auf dem in staatlichem Besitze befindlichen Platze zwischen dem Theater und der Dresdner Bank, bei weitem dem Wiederaufbau der Bibliothek an der bisherigen Stelle, im drittletzten Hause am Ende der Hornschen Straße, vorzuziehen. Und Anfangs dachte auch niemand an diese letztere Möglichkeit. Indessen zwang die fortschreitende Geldentwertung, vielleicht auch in Verbindung mit anderen Erwägungen, schließlich doch dazu, sich für den Wiederaufbau des alten Gebäudes zu entscheiden. Und so wurde im Frühjahr 1922 damit begonnen, die traurige Ruine des alten Baues wieder herzurichten und feuersicher auszubauen. Ein siebenstöckiges, eisernes Büchermagazin im Ostteile des Gebäudes soll die Hauptmasse der Bücher aufnehmen, und wenn diese Zeilen in den Händen der Leser sind, ist vielleicht schon der ganze Neubau vollendet. Bedauerlich ist freilich, daß nun auch künftighin für voraussichtlich lange Jahrzehnte die Landesbibliothek an einem für Detmolder Verhältnisse recht entlegenen Platze hausen wird, indessen muß man sich einstweilen mit dem Worte trösten, daß das Bessere des Guten Feind ist. Hoffentlich wird später ein glücklicheres Geschlecht das vollenden, was unserer jetzigen Zeit noch versagt blieb.

In Bezug auf die Zugänglichkeit der Bibliothek ging die Entwicklung allerdings recht langsam vor sich. Clostermeier hatte die Bibliothek wöchentlich einmal, und zwar am Mittwoch Nachmittag, zwei Stunden lang zugänglich gemacht und so blieb e[s] bis zum Jahre 1884, wo eine dritte Stunde noch hinzukam. Später gelang es, die wöchentliche Oeffnungszeit wenigstens auf fünf Stunden zu erhöhen, aber erst das Jahr 1918 brachte die Erfüllung der selbstverständlichen Forderung, daß die Bibliothek täglich für das Publikum geöffnet wurde. Der Brand hat ja natürlich wieder eine große Störung hervorgerufen. Aber nach Fertigstellung des Neubaues soll selbstverständlich den berechtigen Wünschen der Benutzer in dieser Hinsicht durchaus Rechnung getragen werden.

Wenig erfreulich war auch namentlich seit dem Jahre 1870 die Entwicklung des Anschaffungsetats der Bibliothek. Die Summe, welche die Fürstin Pauline als genügend für die Vermehrung betrachtet und eingesetzt hatte, war um die Jahrhundertwende im wesentlichen noch die gleiche geblieben wie achtzig Jahre vorher, trotzdem doch die Erzeugung von Büchern so ungeheuer angewachsen war. Erst später gelang es allmählich, die Anschaffungssumme zu erhöhen, wenn auch bei weitem noch nicht in dem durch die Verhältnisse auf dem Buchmarkte gebotenen und von den Benutzern der Bibliothek gewünschten Maße. Hierin wird die Zukunft noch vieles zu bessern haben.

Eine wesentliche Erweiterung der Aufgabe der Landesbibliothek wurde seit dem Jahre 1911 in Angriff genommen, als es sich darum handelte, das schwierigste Problem zu lösen, in Lippe auch den einfachen und literarisch noch ziemlich bedürfnislosen Lesern auf dem Lande besonders gute Lektüre zuzuführen und auf diese Weise an dem Kampfe gegen schlechte Literatur mitzuhelfen. Als Mittel zu diesem Zweck wurde eine von der Landesbibliothek ganz unabhängige, aber unter der gleichen Leitung stehende Wanderbibliothek begründet, welche die Aufgabe hat, die lippischen Dörfer mit guten Büchern zu verstehen, die alle zwei bis drei Jahre gegen andere umgetauscht werden sollten. Diese Einrichtung hat schon manche segensreiche Früchte getragen.  Sie wurde zwar durch den Krieg erheblich gestört und hatte auch sonst mit manchen Hindernissen zu kämpfen, die dem Mangel an Verständnis für die Bedeutung dieser Sache entsprangen. Aber es ist doch sehr zu wünschen und zu hoffen, daß auch die Wanderbibliothek allmählich in lebhafteren Gang kommt und, soweit es an ihr liegt, zur geistigen und sittlichen Erziehung des Volkes mit beizutragen in den Stand gesetzt wird.

In dem mehr als dreihundert Jahre langen Entwicklungsgange der lippischen Landesbibliothek spiegelt sich ein gutes Stück deutscher und lippischer Kulturgeschichte. Die Bibliothek hat zunächst für enge, dann für immer weitere Kreise wichtige Aufgaben auf geistigem Gebiete mit immer wachsendem Erfolge erfüllt und sie wird es sicher auch künftighin zu tun imstande sein, wenn ihr in verständnisvoller Weise die Mittel zu ihrem weiteren Wachstum seitens des Staates gewährt werden und wenn auch die Bevölkerung des Landes zur Erreichung dieses Zieles an ihrem Teil jederzeit mitzuwirken sich bemüht.