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Die Lippische Landesbibliothek

von Adolf Keysser

Druckfassung in: Lippische Landeszeitung 156 (1922), Nr. 18 vom 21.1.

Die Sorge um die Wiederherstellung der Anstalt hat einen lebhaften Streit der Meinungen hervorgerufen. Daß dabei die Platzfrage im Vordergrunde steht, ist begreiflich, sie ist auch so wichtig, daß von ihrer Lösung die Zukunft der Bibliothek ganz wesentlich abhängig ist. Die Entscheidung, dem Vernehmen nach nahe bevorstehend, kann nun aber, auch abgesehen von der sicher nicht einfachen Finanzierung, nicht lediglich nach Zweckmäßigkeitsgründen entschieden werden, die außerhalb der Bibliothek liegen, es wird sich vielmehr empfehlen, einige bibliothekarische Grundfragen vorher zu erörtern.

Es muß zunächst festgestellt werden, daß es sich um eine Wiederherstellung von Grund auf handelt, und zwar nicht nur bezüglich der Unterkunft der Bibliothek, sondern in ihrer Gesamtorganisation. Dabei ist keineswegs an irgendwelche unbegründeten aber kostspieligen Neuerungen zu denken, vielmehr an die Möglichkeit in einem Neubau, unter günstigeren äußeren Umbständen, eine alte Sammlung auf einer Entwicklungsbahn weiter zu leiten und zu fördern, die wohl bei allen öffentlichen Bibliotheken schon betreten worden ist und in einer volkstümlicheren Ausgestaltung der Bücherbestände und deren Benutzungseinrichtungen gipelt. Mit dieser Feststellung soll keine Kritik an Leistungen geübt werden, deren Unzulänglichkeit nur zum Teil auf die langjährige nebenamtliche Verwaltung der Anstalt und auf die Geringfügigkeit ihrer Geldmittel zurückzuführen ist; der Hauptmangel war ihre Unterbringung in einem für Detmolder Verhältnisse recht weit abgelegenen Gebäude.

Unsere Landesbibliothek ist aus einer alten „Fürstenbibliothek“ hervorgegangen, die – wie viele ihresgleichen – eine Mischung von wissenschaftlicher Sammlung und Liebhaberbücherei darstellte. Die vielberufene deutsche Kleinstaaterei hat wenigstens dem deutschen Vaterlande für seine höchsten Kulturinteressen eine stattliche Zahl von Pflege- und Heimstätten geschaffen und erhalten; es wäre verdienstlich und ein Gebot der Dankbarkeit, bei Gelegenheit jede „Geschichte der deutschen Höfe“ um ein ansehnliches Kapitel zu bereichern, das die Verdienste auch der kleineren von ihnen um den Schulunterricht, um die Pflege der Wissenschaften und Künste darzustellen hätte. So zeigen auch die zahlreichen alten Hof- und Landesbibliotheken heute noch vielfach einen überraschenden Reichtum an älteren Schätzen und Kostbarkeiten der Literatur, und sie sind zudem in der Mannigfaltigkeit und Eigenart ihrer Bücherbestände mit den Verhältnissen der Landschaft und ihrer Bevölkerung, deren literarischen Bedürfnissen sie zunächst dienen müssen, auf das Engste verwachsen.

Dieser Rückblick auf Vergangenes ist umso mehr geboten, als wir heute – in einer ganz anders gearteten Zeit – den ganzen Weiterbau unseres deutschen Bibliothekswesens doch immer nur auf den Fundamenten – wenn auch auf erweiterten – der alten, herrlichen Bestände vollziehen können. Freilich, der Weiterbau sieht heute anders aus, als man in alten Zeiten ahnen konnte. Die heute geradezu ungeheure Masse und Mannigfaltigkeit der Bücherproduktion, ja, das Entstehen ganz neuer Literaturzweige von größter Bedeutung für Wissenschaft und Leben haben es mit sich gebracht, daß die Bibliotheken immer mehr in den Mittelpunkt aller geistigen Interessen gerückt werden. Die Bibliothek ist die Schule der Erwachsenen, das sollte nirgends mehr verkannt werden. Nun trägt ja ein Teil der Büchereien (vor allem die der Universitäten und der technischen Hochschulen) mehr den Charakter von Fachanstalten, aber die Landes- (ebenso die Stadt-) Bibliotheken sind ohne Frage unser wichtigstes Bildungsmittel; sie sind nicht nur unsere „Arsenale der Wissenschaft“, sondern Werkzeuge und zugleich Dokumente unseres Kulturfortschrittes überhaupt; dennn Alles, was gedacht, empfunden, geforscht, überhaupt an geistigen Werten gewonnen ist, kommt – soweit es überhaupt durch das geschriebene oder heute fast durchweg gedruckte Wort festgelegt werden kann – in Gestalt des Buches gewissermaßen als Münze unter die Kulturmenschheit. So bildet die Bibliothek zugleich auch die natürliche und notwendige Ergänzung aller übrigen wissenschaftlichen Sammlungen wie aller anderen Veranstaltungen für Wissenschaft und Kunst.

Eine Weiterbildung der Bibliothek und eine Anpassung an die Bedürfnisse der Zeit liegt in ihrem Wesen und ihrer Zweckbestimmung begründet. Eine populärere Ausgestaltung der Bücherbestände vollzieht sich, auch wo sie nicht programmmäßig ausgesprochen ist, unter der Hand ganz von selbst, sie findet Rückhalt und Richtung in der zunehmenden Produktion an allgemeinverständlichen Schriften, vor allem aber in dem gesunden Zuge unserer Zeit, alle Volksschichten für eine möglichst umfassende und vielseitige Bildung zu gewinnen.

Dieses Ziel kann niemals erreicht werden, wenn die Benutzungseinrichtungen nicht ganz auf der Höhe sind. Vor Allem ist eine günstige Lage des Gebäudes – möglichst nahe bei dem Mittelpunkte der Stadt – vonnöten. Für unseren Neubau sollen wohl zunächst zwei Pläne in Betracht kommen: Anbau an das Staats-Archiv (Regierungsgebäude) und Wiederaufbau des abgebrannten Gebäudes. Die Verbindung mit dem Archiv würde – bei gut zentraler Lage – das Bedenken haben, daß bei einem Brande die nahe benachbarten Sammlungen gleichzeitig gefährdet sind (das schöne naturkundliche Museum ist durch seine Ueberführung in das Palais dem Brande glücklich entgangen); ob Belichtung und Ausdehnungsfähigkeit (auf mindestens 300 000 Bände) ausreiche, hat die Bauverwaltung zu entscheiden. Ganz bedenklich ist der andere Plan: Ausbau des alten Hauses in der Hornschen Straße. Wird, wie anzunehmen ist, die schöne, einfache Fassade mit ihren breiten Fenstern und Pfeilern erhalten, so ergibt sich – da die doppelseitigen Büchergestelle auf die Pfeiler, die dazwischen liegenden Gassen auf die Fenster auslaufen müssen – eine Raumverschwendung ohnegleichen, die auch durch die geringeren Baukosten dieses Projektes kaum ausgeglichen werden kann. Das größte Bedenken beruht aber in der Lage des Hauses. Man erwäge nur, daß eine moderne Bildungsanstalt in gewissem Sinne eine Verkehrsanstalt ist, daß sie nicht bloß der Gelehrtenwelt, sondern der gesamten Bevölkerung zu dienen hat; es handelt sich dabei häufig genug nicht lediglich um Befriedigung des „Bildungshungers“ oder um wissenschaftliche Forschungsarbeit, sondern um die schleunige Erledigung von Ermittelungen für die wichtigsten Bedürfnisse des täglichen Lebens, vor allem des Writschaftslebens. Große Encyklopädien, geographische Handbücher, Statistiken, Adreßbücher, Wörterbücher, juristische Handbücher, Gesetzsammlungen – das sind nur einige willkürlich herausgegriffene Tpyen aus der Büchermasse, die eine wohlausgestattete Lesesaal-Handbibliothek dem Publikum als Nachschlage-Material zu bieten hat. Für einzelne, anscheinend kleine, oft aber sehr wichtige Ermittlungen einen weiten Weg machen zu müssen, ist unwirtschaftlich und ein stetiges Hindernis für eine ausgiebige Benutzung der Bibliothek, die Folge ist zudem eine nahezu völliges Brachliegen der aufgewendeten, auch in Anbetracht des heutigen geringen Geldwertes noch sehr ansehnlichen Summen für Bau und Einrichtung.

Möge bei den entscheidenden Stellen noch in letzter Stunde erwogen werden, daß es sich um die Zukunft unserer wichtigsten Landesanstalt für Wissenschaft und Bildung handelt, möge vor allem der lippischen Bücherei eine neue, ihrer Bedeutung voll enstprechende Stelle eingeräumt werden, möge sie bald auf einem der vorhandenen freiliegenden Bauplätze, etwa in der Nähe des Theaters, nicht aber am äußersten Ende der Stadt, zu neuer Wirksamkeit wieder erstehen.

Hiddesen b. Detmold. Prof. Dr. a. Keysser,
  Bibliotheksdirektor a. D.