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Fürstin Pauline und die Landesbibliothek

von Ernst Anemüller

Druckfassung in: Unter der Grotenburg. Lippische Blätter für Kunst, Geschichte und Heimatpflege. 1921, Nr. 1. Online: http://s2w.hbz-nrw.de/llb/periodical/pageview/1668912

Ueber die Verdienste der Fürstin Pauline um die Volksschule ist viel und oft gesprochen und geschrieben worden. Weniger bekannt ist, was die Fürstin für unsere Landesbewohner(?) getan hat. Davon soll hier einiges mitgeteilt werden.

Im Jahre 1614 wurde die „Gräfliche Bibliothek“ von Grafen Simon VII. begründet, und zwar bildete ihren Grundstock die Büchersammlung des 1613 verstorbenen Grafen Simons VI., der ein geistig sehr regsamer Mann war. Aufgestellt wurde die Bibliothek in einem Raume der alten Klosterkirche in der Schülerstraße, wo auch die 1602 vom Fragen Simon VI. begründete „Gräfliche Provinzialschule“, das jetzige Gymnasium, sich befand. Dort verblieb sie bis vor etwa hundert Jahren. Wir hören nicht viel von ihr. Aber wir wissen doch, daß sie öfters durch wertvolle Sammlungen vermehrt wurde. Wahrscheinlich, ja selbstverständlich ist, daß sie für alle Beamten des Staates zugänglich war. Privatpersonen scheinen nicht ohne weiteres Zutritt gehabt zu haben. Sonst hätte wenigstens im Jahre 1668 der Apotheker Georg Samuel Gloxin zu Detmold, der fü eine medizinische Arbeit einige Bücher entleihen wollte, es nicht nötig gehabt, ein langes umständliches Gesuch deswegen an die „Hoch Edellgeborhnen gestrengen auch wolledlen vesten edt hochgelehrten hochgräflich lippischen Herren Landtdrosten, Cantzlar endt rähte, großgünstige hochgeehrte Herren“ zu richten. Auch mit den Katalogen der Bibliothek scheint es nach einer Nachricht aus dem 18. Jahrhundert nicht besonders gut bestellt gewesen zu sein.

Es ist anzunehmen, daß die Fürstin Pauline, wie sie mit ihrem klaren Geiste alle Bestrebungen verfolgte und alle Möglichkeiten erwog, die geeignet waren, Bildung und Gesittung zu befördern, auch  die Entwickelung der Gräflichen Bibliothek auf dem Schulhofe genau beobachtete. Sie wird im Laufe der Jahre zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß hier manches gebessert werden müsse. Sie hatte augenscheinlich die Beobachtung gemacht, daß es unpraktisch sei, in Detmold mehrere Bibliotheken zu unterhalten, die nicht nach einem einheitlichen Plane arbeiteten. Denn es gab außer der Gräflichen Bibliothek auf dem Schulhofe noch eine Herrschaftliche Bibliothek auf dem Residenzschlosse und eine Regierungsbibliothek. Am 31. Oktober des Jahres 1818 erließ die Fürstin an den Kammerdirektor Helwing ein Schreiben, in dem sie kundgab, daß es schon lange ihr Wunsch gewesen sei „die hiesigen verschiedenen Büchersammlungen zu einer Bibliothek zu vereinigen.“ Der Kammerdirektor wurde beauftragt, mit dem Generalsuperintendenten Weerth, dem Vize-Kanzleidirektor Ballhorn-Rosen und dem Archivrat Clostermeier Rücksprache zu nehmen und einen Plan zu entwerfen. Alle diese Herren stimmten dem Vorhaben der Fürstin mit aufrichtiger Freude zu. Clostermeier wurde die Leitung der Bibliothek übertragen, sein Gehilfe und späterer Nachfolger war der Kammerregistrator Wasserfall. Im Jahre 1821 wurden zum ersten Male nach dem dafür bewilligten Etat Anschaffungen für die neuorganisierte Bibliothek gemacht und BÜcher ausgeliehen; es war, wie sich Clostermeier ausdrückt, das Geburtsjahr der Bibliothek. Aufgestellt wurde die Bibliothek im Oberstocke des Pavillons 7 auf dem Schloßplatze, da wo bis vor einigen Jahren das Zivilkabinet sich befand und wo jetzt das Landes-Wohlfahrtsamt eingezogen ist. Dort ist sie bis 1886 geblieben. Auf Clostermeier und Wasserfall folgte als Leiter der gelehrte Otto Preuß, der in zielbewußter zweiundfünfzigjähriger Arbeit die Landesbibliothek auf den von seinen Vorgängern geschaffenen Grundlagen weiter entwickelt hat.

Es war der Fürstin Pauline leider nicht mehr vergönnt, die Eröffnung der auf ihre Anregung neuorganisierten Bibliothek zu erleben. Daß sie aber diese Anregung gegeben hat, soll ihr unvergessen bleiben. Sie hat damit eine Anstalt begründet, auf die Lippe stolz sein kann, die im Laufe der ersten hundert Jahres ihres Bestehens schon unendlich viel Gutes gewirkt hat und in Zukunft hoffentlich zum Wohle unserer ganzen Bevölkerung immer schöner und besser ausgestaltet werden wird.