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[Über das Stammbuch Simons VI., LLB Mscr 84]

[von Otto von Meysenbug; Bericht seines Vortrags]

Druckfassung in: Mitteilungen zur lippischen Geschichte und Landeskunde 3 (1905), S. 223-227.

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O. Freiherr v. Meysenbug berichtete ausführlicher über das Stammbuch des Grafen Simon VI. zur Lippe. Im Jahre 1594 fand in Regensburg ein Reichstag statt. Auch auf diesem Tage wußte Kaiser Rudolf, wie auch sonst bei feierlichen Gelegenheiten, eine echt kaiserliche Pracht zu entfalten und mit einem zahlreichen glänzenden Hof- und Beamtenstaate aufzutreten. Das diplomatische Korps war gleichfalls reichlich vorhanden, dazu drei Kurfürsten, mehrere Bischöfe, viele Fürsten, Grafen und Herren, Vertreter der Reichstädte, auch sie durchweg mit einem zahlreichen Gefolge. Graf Simon zur Lippe, der ebenfalls erschienen war, wußte sich nicht nur das volle Vertrauen des Kaisers zu erwerben, sondern verstand es auch, schließlich mit allen Parteien gut auszukommen, so daß man sich nicht wundern darf, in seinem Stammbuch Personen der verschiedenen Bekenntnisse friedlich nebeneinander zu finden.

Auf seiner Reise nach Regensburg hatte Graf Simon ein Buch erworben, das den Titel führte: Symbolorum et Emblematum ex Re Herbaria Desumtorum Centuria una, gesammelt von Joachim Camerarius, Arzt zu Nürnberg, gedruckt zu Nürnberg 1590, obwohl das Vorwort vom Mai 1593 datiert ist, in vortrefflicher Buchausstattung, geschmückt mit 100 Radierungen. Die Ausstattung rührt von keinem Geringeren als Johann Sibmacher her, einem der bekanntesten deutschen Zeichner jener Zeit. Redner vermutet in dem Verfasser des Werkes einen Sohn oder Enkel des berühmten Humanisten gleichen Namens, welch letzterer 1574 als Professor in Leipzig starb. Auch noch im 18. Jahrhundert findet man Angehörige dieser Familie als Mediziner und Botaniker. Es handelt sich um ein grundgelehrtes Werk mit philologischen und ethischen Betrachtungen aus dem Gebiet des Pflanzenreichs, mit Abhandlungen über das erste Vorkommen und die Verbreitung von Symbolen, Entstehung der Geschlechtswappen, Ähnlichkeiten und Unterschiede von Emblemen, Abzeichen, Insignien, Wappen, Symbolen, Sprichwörtern, Rätseln, usw., Erklärung einzelner Symbole und Bericht über ihre Entstehung und Herkunft.

Unzweifelhaft ist dieses Werk entweder im Hinblick auf die schon verbreitete oder sich damals verbreitende Sitte, Stammbücher zu führen, verfaßt oder hat vielleicht sogar Anlaß dazu gegeben. Jedenfalls eignete es sich besonders dazu.

In seinem Exemplar sammelte nun Graf Simon innerhalb von etwa drei Wochen nicht weniger als 86 Unterschriften. Er muß dabei mit einer geradezu bewundernswerten Beharrlichkeit vorgegangen sein, da die Eintragungen nur zum Teil während der Sitzungen erfolgt sein können, wie die verschiedenen Tinten beweisen. Es sind in dem Stammbuche nur wenige Namen vertreten, die sich ein dauerndes Gedächtnis in der Weltgeschichte gesichert haben, doch genug solcher, die damals eine führende Rolle spielten, und manche, die noch in den Anfängen der unheilvollen Epoche des dreißigjährigen Krieges an hervorragender Stelle wirkten. Eine überwiegend große Anzahl von Katholiken hat sich in dem Stammbuch des protestantisch-reformierten Herrn verewigt. Graf Simon sah darauf, daß jeder auch eine Devise eintrug, doch gelang ihm das nicht überall durchzuführen.

Eröffnet wird das Stammbuch durch Herzog Friedrich von Württemberg und Teck, den Enkel Philipps d. Gr. von Hessen und Stammvater des jetzt regierenden Königshauses. Dann folgen als geistliche Herren: Bischof Julius von Würzburg, Gründer der Würzburger Universität, einer der eifrigsten Vertreter der Gegenreformation; Erzbischof Wolfgang von Mainz aus dem Geschlecht der Dalberg; Erzbischof Ernst von Köln der erste bayerische Prinz auf diesem erzbischöflichen Stuhl, der Typus der geistlichen Fürsten seiner Zeit, tapfer, lebenslustig, ein leidenschaftlicher Tänzer und Schürzenjäger; Philipp zu Rodenstein, Domsänger zu Worms und Domherr zu Speyer, im nächsten Jahre Bischof zu Worms; Philipp Cratz von Scharpffenstein, Domdechant zu Mainz, später ebenfalls Bischof von Worms; Johann Adam von Bicken, Domherr zu Mainz und Würzburg, später Erzbischof von Mainz. Von geistlichen Ordensrittern sind vertreten: Hans Dietrich von Hohen-Landenberg, Komtur des deutschen Ordens. Aus dem Gefolge der geistlichen Fürsten haben sich eingetragen: Philipp von Dieburg, kurmainzischer Hofmeister, Anton von Schmidtberg, trierischer Erbschenk; Hans Heinrich von Heußenstamm, kurmainzischer Erbmarschall; Johann zu Groißbeck, kurkölnischer Oberst-Kammerher. Besondere Schwierigkeit macht zuweilen die Eintragung eines einfachen Namens ohne Angabe von Titeln und Würden. So deutet Redner Rudolf Coradus auf ein Mitglied der jetzt gräflichen, ursprünglich aus Italien stammenden, damals aber schon das Inkolat in Böhmen besitzenden Familie Coreth oder Corado von Starkenberg.

Die deutschen altfürstlichen Häuser fehlen durchweg; sie hielten sich fast alle dem Reichstag fern. Dagegen haben sich eine Anzahl von Herren aus alten Dynastengeschlechtern eingetragen, von denen ein Teil in kaiserlichen oder sonstigen Diensten stand, ein anderer als Vertreter des Reichsgrafenstandes gekommen war. Kurz aufgeführt sind es: Fabian Burggraf zu Dohna, ein Jugendfreund des Grafen Simon; Christoph Burggraf von Dohna; Wilhelm Graf von Oettingen, österreichischer Gesandter; die Grafen Wolfgang und Georg Friedrich von Hohenlohe-Langenburg; Conrad Graf zu Tübingen; Georg Ludwig Landgraf zu Leuchtenberg; Albrecht Graf von Fürstenberg; Ludwig Graf zu Löwenstein-Wertheim; Alexander von Pappenheim; Wolfgang Ernst Graf von Stolberg-Wernigerorde, brandenburgischer Gesandter; ein Wild- und Rheingraf und Graf zu Salm; Johann Ludwig Graf zu Leiningen-Westerburg; Johann Eberhard von Cronberg, Burggraf zu Burg und Stadt Friedberg.

Mehr noch als mit seinen Standesgenossen zu verkehren, mußte Graf Simon damals bei seinen ehrgeizigen Bestrebungen daran liegen, engere Fühlung mit den am kaiserlichen Hofe einflußreichen Personen sowohl vom Hof- als wie vom Zivilstaat zu gewinnen, was ihm auch reichlich gelang. Einer ganzen Anzahl dieser Persönlichkeiten begegnen wir im Stammbuch. Es sind das der Oheim des berühmten Friedländer, Adam von Wallenstein; fünf Lobkowitz; Ladislaus Berka, Baron von Duba und Lippa, kaiserlicher Kämmerer; Ladislaus von Zedlitz; Freiherr Wolf von Rumph, lange Zeit der höchste Vertraute des Kaisers und gewissermaßen sein Faktotum, der ihn schon in seiner Jugend auf seine astrologischen und alchymistischen Studien gebracht haben soll und außerdem ein großer Jesuitenfreund war; Paulus Sixt Trautson, ebenfalls ein besonderer Günstling des Kaisers, und noch zwei andere Glieder dieser Familie; Ludwig von Colloredo, ein besonders gut angeschriebener Kämmerer; Antonius Graf von Arco, kaiserlicher Stabelmeister, Johann Christof Freiherr von Proskow, der später den vergeblichen Versuch gemacht hat, den Tod des Kaisers Rudolf zu verheimlichen; Freiherr Ulrich Desiderius Duiskowsky, kaiserlicher Truchseß; Johann Christof von Hornstein; Johann von Barwitz, Geheimsekretär des Geheimen Rats; der Reichsvizekanzler Dr. Wolf von Freymond; Otto Heinrich von dem Bylandt Freiherr von Rheydt, ein alter Freund des Grafen Simon und kaiserlicher Mundschenk; Hans von Mötticht und Tscheltschau, kaiserlicher Silberkämmerer; Johann Achilles Ylsung zu Khurab und Linda; Hans Heinrich von Neuhausen; Ulrich Freiherr von Neuhaus; Eberhard Wambolt von Umbstadt; Hans Christoph Zott v. Pernegg; Hans Ludwig von Ulm; Dr. Eisengrün von Richtenfels; Michael Eham; Paul Gartzweiler, Johann Zinner; Andreas Hanniwald, Sekretär des Reichshofrats; Johann Engelhofer, Ambrosius Benck; Ludwig von Hoyos; Ferdinand Hoffmann, Freiherr von Grünbühel und Strechau; Luz Quadt von Wickradt, kurpfälzischer Amtmann zu Bacharach; Wolf Dietrich von Mörle; Vollradt von Plessen; der Ogerst Valens Heinrich vom Stain; Georg Freiherr zu Frauenhaus und auf Driftlfing; Johann Freiherr von Haym; M. Ph. von Sprinzenstein; ein Herr von Vels; Dionisius von Michalowitz; ein Herr von Bocholtz; Jörg Czettrich von Cünsperg und Mant; Otto Stoß Herr von Kaunitz; Hans Pannerfreiher von Kyau; Adam Korschensky von Tereschau, Hans von Carlowitz; Teobald Herrn von Dysenberg; Otto Hieronymus von Kittlitz; Andre Rindtsmaull zu Frauenheim und Perneckh; Arnold Bormann Ritter; Stephan Zobel von Gibelstadt von der fränkischen Reichsritterschaft und Georg Rudolf Hirßbach.

Es sind nur wenige Namen, die der Vortragende nicht hatte entziffern können. Über das Schicksal der meisten Persönlichkeiten wußte er Auskunft zu geben. Viele von den angegebenen Geschlechtern, von denen einzelne Mitglieder sich in das Stammbuch eingetragen haben, sind ausgestorben. Für Graf Simon wird das Stammbuch ein kostbares Andenken gewesen sein. Wie oft mag sein Blick in den wenigen Stunden der Erholung und Beschaulichkeit, die er sich gönnte, auf diesen Einzeichnungen geruht haben, und wie oft wird sich dann in seiner Erinnerung jenes farbenprächtige Bild mit seinem lebhaften Treiben und Drängen der aus allen Gegenden des heiligen Römischen Reichs zusammengeströmten Menge in der uralten starkbevölkerten Reichsstadt Regensburg entwickelt haben.

[Manuskript des Vortrags im Nachlass Otto Meysenbugs, siehe HS 13 Nr. 14]