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[Mitteilungen aus der Geschichte der Landesbibliothek]

Sitzung vom 8. März 1901

von Ernst Anemüller

Druckfassung in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde. Bd. 1. 1903, S. 190-193.

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Der Bibliothekar der Fürstlichen Landesbibliothek, Dr. Anemüller, machte Mitteilungen aus der Geschichte der Landesbibliothek. Der Redner betonte zunächst, daß die Art, wie ein Staat für seine Bildungsanstalten sorge, einen Maßstab abgebe für seine größere oder geringere Fähigkeit, den ihm gestellten Kulturaufgaben gerecht zu werden, und wies dann darauf hin, daß in der Zeit zwischen dem Ausgange des Mittelalters und dem dreißigjährigen Kriege zahlreiche Bibliotheken durch die Munifizenz geistig bedeutender Fürsten entstanden seien, so zu Dresden, Heidelberg, Kassel, Braunschweig. So ließ auch Graf Simon VII. zur Lippe um das Jahr 1614 die Bibliothek seines Vaters, des 1614 gestorbenen Grafen Simon VI., der Öffentlichkeit zugänglich machen und in einem Saale des Gymnasiums auf dem sog. Schulhofe, d.h. in dem früheren Augustiner-Nonnenkloster in der Schülerstraße, aufstellen. Diese Bibliothek trug den Namen „Gräfliche Bibliothek auf dem Schulhofe“, hatte jedoch mit der Schule nichts zu tun. Bibliothekar war der jeweilige Archivar, bis um 1771 die Verwaltung dem Rektor Wellner übertragen wurde und dann auch dessen Nachfolgern. Vermehrt wurde die Bibliothek besonders durch die Pflichtexemplare der Meyerschen Hofbuchdruckerei zu Lemgo und durch mehrere wertvolle Schenkungen, so durch die Bibliothek des 1599 verstorbenen Pfarrers und Generalsuperintendenten Johann v. Exter und die des Rates Pezel, dessen Vater im 16. Jahrhundert in Wittenberg Professor der Theologie gewesen war, und die u.a. auch wertvolle Manuskripte enthielt. Die Katalogisierung scheint ziemlich mangelhaft gewesen zu sein.

Außer dieser gräflichen Bibliothek auf dem Schulhofe bestanden noch einige andere Bibliotheken in Detmold. Diese waren:

  1. die herrschaftliche Bibliothek auf dem Residenzschlosse, bestehend wahrscheinlich aus den Bibliotheken dreier regierender Herren, der Grafen Friedrich Adolf, Simon Heinrich Adolf und Simon August, also aus dem 18. Jahrhundert, und nach Simon Augusts Tode 1782 nicht wesentlich vermehrt;
  2. die Bibliothek des Fürsten Friedrich Wilhelm Leopold, der 1802 starb, etwa 2.500 Bände;
  3. die Bibliothek des Prinzen August, etwa 400 Bände;
  4. die Bibliothek der Regierung, vermutlich Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen. Sie wurde 1786 unter die Leitung des Archivars gestellt und enthielt fast nur solche Bücher, die zum Behufe der Betreibung der herrschaftlichen Prozesse angeschafft worden waren. Sie enthielt zuletzt etwa 600 Bde.

Am 31. Oktober des Jahres 1818 beauftragte die Fürstin Pauline, da es schon lange ihr Wunsch gewesen sei, die verschiedenen Büchersammlungen zu einer Bibliothek zu vereinigen, den Kammerdirektor Helwing, mit dem Generalsuperintendenten Weerth, dem Vizekanzleidirektor Ballhorn-Rosen und dem Archivrat Clostermeier darüber Rücksprache zu nehmen und einen Plan bilden zu lassen. Sie würde gern eine kleine Summe jährlich dazu bestimmen. Die Genannten erklärten sich mit dem Plane durchaus einverstanden, nur in Einzelheiten gingen ihren Ansichten auseinander. Das bedeutendste unter den eingereichten Gutachten ist das Clostermeiers, der ein bis ins kleinste hinein klares Bild der zu ergreifenden Maßregeln entwarf. Es war selbstverständlich, daß nur er der Leiter der neuen Anstalt sein konnte. Clostermeier, ein Süddeutscher von Geburt, zählte damals fast siebzig Jahre. Er war auf einem Auge erblindet und die Gicht plagte ihn sehr. „Alle meine gichtischen Uebel“, schreibt er einmal, „sind aus meinem vielen und langen Aufenthalt in dem größten Theils auf nassem Grund gebauten, noch jetzt feuchten Archivgebäude entsprungen.“ (Es ist dasselbe Gebäude, in dem sich noch jetzt das Landesarchiv befindet.) Aber er war geistig noch ungemein frisch, von großer Gelehrsamkeit und von unermüdlichem Fleiße. Es ist ein schönes Zeichen für die hohe Einsicht der damaligen Regierung, daß sie bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten über die Organisation der Bibliothek sich stets der überlegenen Sachkenntnis Clostermeiers fügte.

So begann denn unter Clostermeiers Leitung die Überführung der Bücher in den Pavillon des Reithauses, auch Pavillon 7 genannt, in dieselben Räume, in welchen seit 1898 die jetzige Schloßbibliothek aufgestellt ist.

Clostermeier hatte sich von anfang an bei seinem hohen Alter einen Gehilfen für die Bibliotheksgeschäfte ausgebeten und zwar den Kammerregistrator Wasserfall, dessen Fleiß und Pünktlichkeit er besonders rühmt. Mit ihm zusammen begann er die Arbeit. Im Jahre 1821 wurden zum erstenmale nach dem dafür bewilligten Etat Anschaffungen gemacht. Die neue Bibliothek zählte etwa 10.000 Bände. Am 5. Mai 1823 bat Clostermeier um Befreiung von der Bibliotheksdirektion, da er Muße für andere Arbeite brauche, die Beschwerden des Alters ihn drückten und die Organisation der Bibliothek in den Akten vollendet sei und nur der Ausführung bedürfe. Der erbetene Abschied wurde ihm gewährt, sein Nachfolger wurde sein seitheriger Gehilfe Wasserfall.
Wasserfalls ganze Amtszeit ist durch die Organisationsarbeiten nach Clostermeiers Plan ausgefüllt. Ende 1829 starb Clostermeier und Wasserfall wurde sein Nachfolger auch im Archive, wodurch die Arbeiten auf der Bibliothek augenscheinlich etwas verzögert wurden.

Im November 1838 starb Wasserfall. Sein Nachfolger wurde der Amtsauditor Otto Preuß, der am 12. Dezember 1838 im Alter von 22 Jahren seine Tätigkeit begann. Er führte zunächst mit frischen Kräften die von Clostermeier vorgezeichnete Organisation durch und beendigte sie der Hauptsache nach 1845, in mancher Hinsicht erst 1855. Im Jahre 1853 wurde der Zwischenraum zwischen dem Pavillon 6 am Marstalle und dem Pavillon 7 am Reithause überbaut und so ein neuer geräumiger zweiter Saal für die schon recht an Raummangel leidende Bibliothek gewonnen. Als dann nach einigen Jahrzehnten auch dieser Raum überfüllt und eine nochmalige Erweiterung ausgeschlossen war, gelang es Preuß mit Hilfe der Fürstin Witwe Elisabeth, die Prinzessin Luise, die Schwester des Fürsten Woldemar, u bewegen, das ihr gehörige Palais an der Hornschen Straße dem Lande zur Unterbringung der Bibliothek zu schenken. Im Jahre 1886 fand der Umzug in die neuen schönen Räume statt, die in Kürze allerdings auch wieder einer Erweiterung bedürfen werden. Mit dem Ende des Jahres 1890 trat Preuß nach einer reichgesegneten Tätigkeit von 52 Jahren von der Direktion der Bibliothek zurück.

Die weiteren Ausführungen des Vortragenden beschäftigten sich mit den Grundsätzen die für die Vermehrung der Landesbibliothek maßgebend sein müssen, mit einigen größeren ihr zu Teil gewordenen Schenkungen und mit deren Entwickelung ihres Anschaffungsetats. Dabei ergab sich, daß die Aufgaben der Bibliothek seit den Tagen der Fürstin Pauline die gleichen geblieben sind, daß die literarische Produktion in diesen achtzig Jahren sich in riesenhafter Weise gesteigert hat – daß aber der Etat unserer Bibliothek in diesen achtzig Jahren sich gast ganz gleich geblieben ist! Keine Landesanstalt, keine Behörde des lippischen Staates ist in dieser Zeit so wenig gefördert worden, wie die Landesbibliothek. Der Bibliothek sie dadurch schwerer, kaum wieder gutzumachender Schaden zugefügt worden, besonders in den letzten drei Jahrzehnten. Daher sei es höchste Zeit, diese Versäumnisse nachzuholen und der nunmehr auf etwa 100.000 Bände angewachsenen Bibliothek endlich die Mittel zu gewähren, die sie zu ihrer gedeihlichen Weiterentwickelung nötig hat.