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Christian Dietrich Grabbe: Die Hermannsschlacht

Eine Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek
ab 5. Februar 2009 im Landestheater Detmold

„Der Gedanke an die Heimath (der einem in der Ferne wohl kommt, jedoch nicht mit Heimweh zu verwechseln ist) hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, was mir so nahe lag: nämlich ein großes Drama aus der Hermannsschlacht zu machen; alle Thäler, all das Grün, alle Bäche, alle Eigenthümlichkeiten der Bewohner des lippischen Landes, das Beste der Erinnerungen aus meiner, so viel ich davon weiß, auch, wenn Du willst, aus Deiner Kindheit und Jugend, sollen darin grünen, rauschen und sich bewegen.“

Diese Sätze schrieb Christian Dietrich Grabbe am 8. Januar 1835 aus Düsseldorf an seine Frau Louise in Detmold. Überliefert ist der Brief im Grabbe-Archiv der Lippischen Landesbibliothek, das seit nunmehr hundert Jahren planmäßig Grabbes Handschriften, Briefe, Drucke und Bildmaterial sowie die Rezeptionszeugnisse aus den Bereichen Dichtung, Musik, Kunst, Film und Theater und die gesamte Forschungsliteratur in seltener Fülle und Geschlossenheit sammelt.

Grünende Täler, rauschende Bäche, bewegende Erinnerungen? Mitnichten plante Grabbe das chauvinistische Heldenstück, das erst hundert Jahre nach seiner Entstehung auf die Bühnen kam. Seiner lippischen Heimat ein lebendiges Denkmal zu setzen, war seine Absicht – in sentimentalem Rückblick auf eine Kindheit am historischen Schauplatz der Varusschlacht. Und was hat Grabbes Nachwelt daraus gemacht?

„Wollte man die Tragödie zur Aufführung bringen, so müßte man dazu dieselben räumlichen Dimensionen, dieselbe Localität benutzen, auf welchem der Varuszug und die Hermannschlacht stattfanden“, bemerkte 1838 eine Besprechung von Grabbes Drama. Das war eine hellsichtige Äußerung. Denn obwohl sich das Drama schon in der wilhelminischen Zeit als nationalgeschichtlicher Stoff angeboten hätte, gelangte Grabbes Hermannschlacht erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts auf die Bühne – und zwar zunächst auf das Freilichttheater.

Auf der Naturbühne konnte bei häufigen Ortswechseln das Kampfgetümmel anschaulich werden, bei dem die Römer durch „schwellende Bäche“, „klebrigten Sand“, „regentriefende Wälder und morastige Wiesen“ an
einer ordnungsgemäßen Schlachtführung gehindert werden. Hier konnten ganze Legionen von Laienschauspielern in ausgedehnter Landschaft militärische Operationen durchführen, konnte Thusnelda im Zweispänner auf das Schlachtfeld sprengen. Hier wurde das Drama zum „Volksschauspiel, das heute in der Erziehung des deutschen Menschen zum volklichen und sozialen Denken eine wichtige Zeitaufgabe erfüllt“.

Nicht nur das germanische Sujet machte Grabbes Stück nach 1933 bühnenfähig – mit seinem antizivilisatorischen Affekt bot es für die völkische Lesart viele Anknüpfungspunkte. Heimatverbundenheit und Gemeinschaftssinn spielten eine herausragende Rolle. Ebenso unschwer ließen sich Führerprinzip, Gefolgschaftstreue und unbedingter Hero­ismus hineinprojizieren. Alle Stereotypen der nationalsozialistischen Ideologie waren auf das Drama übertragbar. Da sich das auch mit seinen anderen Stücken machen ließ, avancierte Grabbe schnell zum Geistesheros des Nationalsozialismus. Sein 100. Todestag 1936 gab Gelegenheit, ihn für die völkisch-nationalistische Kulturpropaganda zu instrumentalisieren. Bei der Detmolder Grabbe-Woche 1936 erklärte Reichsdramaturg Rainer Schlösser als Vertreter des Schirmherrn Joseph Goebbels und Vorsitzender der Grabbe-Gesellschaft: „Er ist der einzige völkische Visionär seiner Zeit. Er ist der einzige Legionär dieser Idee.“

Zwischen 1936 und 1941 nahmen sechs deutsche Bühnen­häuser die Hermannschlacht auf den Spielplan. Mit dem Einzug in den Theaterinnenraum war eine grundsätzliche Änderung der Raumkonzeption verbunden: Wie die Bühnenfotos zeigen, ersetzten die Bühnenbildner die lebendige Vegetation der Naturtheater durch einen düster-zerklüfteten und von kahlen Bäumen in fahlem Licht bestandenen Bühnenraum, um das Theaterstück ins Tragisch-Heroische zu steigern.

Die seit 1936 betriebene Metamorphose Grabbes zum Klassiker kulminierte in der zyklischen Präsentation seines Gesamtwerks im Rahmen der Bochumer Grabbe-Woche 1941. Auf der Städtischen Bühne Bochum brachte Saladin Schmitt nacheinander sieben Dramen Grabbes auf die Bühne. Hier wurde Grabbe Teil des ewig gültigen dramatischen Kulturerbes. Im Juli 1941 wurde die Hermannschlacht als glanzvoller Abschluss erstmals aufgeführt. Vom Blut-und-Boden-Spektakel hatte sich das Stück vollständig emanzipiert. „Grabbe ist eiserne Ration deutscher Kunst“, ließ sich Reichsdramaturg Schlösser im Programmheft zur Detmolder Grabbe-Woche 1941 zitieren, die mit einem Gastspiel der Bochumer Hermannschlacht beschlossen wurde.

Grabbes Fall nach 1945 war tief. Und der seiner Hermannschlacht war noch tiefer. Fünfzig Jahre lang kam sie auf dem deutschen Theater nicht vor. 1995 hat Armin Petras am Schauspielhaus Chemnitz „Hermannschlachten“ inszeniert und Grabbe wie Kleist als Vorlage genannt; es waren von Grabbe aber lediglich kurze Textpassagen in eine Fassung von Kleists Drama einmontiert. So sind die Inszenierungen am Landestheater Detmold, am Stadttheater Bielefeld und am Theater Osnabrück im Jahr 2009 die ersten Versuche seit 1941, mit Grabbes Hermannschlacht den Ursachen des deutschen Nationalismus nachzugehen.

Nr. 1: FA 12.1836
Nr. 2
Nr. 3

1
Christian Dietrich Grabbe.
Lithographie von W. Severin nach einem Bildnis von Wilhelm Heine

2
Eigenhändiges Manuskript
Christian Dietrich Grabbes zur „Hermannsschlacht“

„mit flammenwehender Seele“ sprengt Grabbes Hermann auf seinem Gaul in die Schlacht. Entwurf zur Szene Erster Tag, 1836.

Grabbe begann mit der Arbeit am Drama im Januar 1835 und arbeitete es bis Juli 1836 ständig wieder um. Er bekam die Stofffülle nicht recht in den Griff. Aus den vielen verschiedenen Entwürfen des Dramas sind weit über hundert Fragmente erhalten, von denen sich 64 im Detmolder Grabbe-Archiv befinden.

GA Ms 58

3
Bruchstücke aus: „Die Hermannsschlacht“
von Ch. D. Grabbe.
In: Phönix Nr. 294 vom 12. Dezember 1836

Varus: Der Eber schmeckt gut, nur ranzig.
Thusnelda: Wir mögen ihn nicht anders.
Varus: De gustibus non est disputandum.

Vorabdrucke von Szenen der „Hermannsschlacht“ aus frühen Manuskripten erschienen zum Jahreswechsel 1836/37 in der Zeitschrift „Phönix“. Hier die Küchenszene, in der sich Hermanns Gesinde über Fleischsuppe, Gemüse, Schinken und Eber her macht. Varus dagegen schmeckt es nicht. In dieser frühen Fassung trägt Hermann noch den Namen Armin.

 Z 1835d.4°-1836

4
Christian Dietrich Grabbe: Die Hermannsschlacht.

Düsseldorf: Schreiner, 1838. 

Am 21. Juli 1836 schloss Grabbe die Arbeit an seiner ›Hermannsschlacht‹ ab und sandte die Fassung letzter Hand zur Durchsicht an den Freund Moritz Leopold Petri. Nach seinem Tod im September 1836 gelangte das Manuskript in die Hände seiner Witwe. Sie ließ eine Abschrift herstellen, die sie im November 1836 an den Verleger Schreiner in Düsseldorf übersandte. Das Drama erschien mit einführenden Biographie von Eduard Duller 1838 in Düsseldorf. Die Auflage betrug 1.000 Exemplare.

D 865

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Nr. 8

Nr. 9

Nr. 10

5
Christian Dietrich Grabbe: Die Hermannsschlacht.
Für die Bühne bearbeitet von Hans Bacmeister.
Ausgabe für Freilicht-Theater. Lübbecke 1934.

Die Uraufführung von Grabbes „Hermannsschlacht“ inszenierte im Sommer 1934 die Spielgemeinde Nettelstedt am Wiehengebirge in der Bearbeitung des Berliner Dramaturgen Hans Bacmeister. Dessen aus Grabbes Text schnipselweise neu zusammengesetztes Stück machte aus der „Hermannsschlacht“ ein völkisches Blut-und-Boden-Drama. Zutaten aus dem Bereich des volksläufigen Germanen-Kitsches sollten das Stück dem kultischen Thingspiel annähern.

GA 3926 KA 205

6
Christian Dietrich Grabbe: Die Hermannsschlacht.
Für das Freilichtspiel bearbeitet von Hermann Schultze. Hamm, Westf. 1937.

Der große Erfolg der Freilichtbühne Nettelstedt veranlasste die benachbarte Waldbühne Heessen bei Hamm 1937 zu einer Inszenierung von Grabbes „Hermannsschlacht“ mit 300 Mitwirkenden.

Genutzt wurde eine Bühnenfassung von Hermann Schultze, die schonender mit dem Originaltext umgeht. Doch auch er tat sich schwer mit dem unheldischen Schluss und ließ am Ende – seine freie Erfindung – Thusnelda mit den Frauen erscheinen. Sie bekränzen die Sieger mit Eichenzweigen, und alles Volk ruft „(ergriffen, wie Schwur): Heimat Deutschland!! (Hehre Marschweise und Zug des Volkes in die Grotenburg.) Ende.“

GA 3928 KA 206

7
Plakat zur Aufführung von Grabbes „Hermannsschlacht“ auf der Waldbühne Heessen 1937.
Hamm, Westf.: Breer & Thiemann, 1937. - Entwurf: J. H. Evers

GA P 15

8, 9
Grabbes „Hermannsschlacht“ auf der Waldbühne Heessen bei Hamm 1937:
• Thusnelda bringt Verpflegung und Nachschub an Kriegern.
• Die siegreichen Germanen jubeln am Ende der Schlacht ihrem Heerführer Hermann zu.

Aufnahme: Foto-Viegener, Hamm/Westf.

10
Christian Dietrich Grabbe: Die Hermannsschlacht. Ein Spiel auf der Freilichtbühne.
Text: Heinrich Hollo. - Minden 1938.

1938 wurde die „Hermannschlacht“ bei den Goethe-Freilichtspielen an der Porta Westfalica gezeigt. Der Bühnentext stammte von Heinrich Hollo, Impulsgeber der nationalsozialistischen Grabbe-Instrumentali­sierung. Seine Version griff sehr freizügig in den Text ein, kürzte erheblich und ordnete die Szenen wie eine Collage neu an.

GA 3929 KA 206

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Ehrenkarte zum Eintritt zur „Hermannschlacht“ bei den Goethe-Freilichtspielen an der Porta Westfalica.

Detmold, KA 68 Nr 117

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Grabbes „Hermannsschlacht“ auf der Freilichtbühne Porta Westfalica 1938:
• Reitender Germane in der Schlacht.
• Varus und Eggius in der Schlacht.
• Römische Gerichtsszene: Erneste Klopp wird abgeführt.
• Schlachtszene. Hermann mit erhobenem Schwert.

Aufnahme: W. Hagemeyer, Barkhausen

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Gedenkfeier am Grab des Dichters Grabbe
zur Eröffnung der Grabbe-Woche 1936. Sonnabend, 26. September 1936

• Von links: Ministerialrat Dr. Wismann, Kulturreferent Viehoff, Reichsstatthalter Dr. Meyer, Stellvertretender Regierungschef Wedderwille, Landeskulturwalter Schmidt. - Aufnahme: Ernst Wächter, Detmold
• Aufnahme: Otto Meyer-Spelbrink, Detmold
• Aufnahme: Martin Knauer, Düsseldorf

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Grabbe-Woche
in Detmold 1936: Einladung des Gauleiters und Reichsstatthalters beider Lippe Alfred Meyer

21
Grabbe-Woche
in Detmold 1936: Anmeldebogen für Besucher der Grabbe-Woche 1936

22
Grabbe-Woche
in Detmold 1936: Eintrittskarten zu Festveranstaltungen des Landestheaters Detmold im Rahmen der Grabbe-Woche 1936

23
Grabbe-Woche
in Detmold 1936: Programm

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Fotos:
Grabbe-Woche in Detmold 1936: Ausstellung im Landestheater.

Aufnahmen: August Kesting, Detmold

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Grabbes „Hermannsschlacht“ im Schauspielhaus Düsseldorf 1936:
• Gerichtsszene. Erneste Klopp beschwert sich.
• Hermann tritt zur Gerichtsszene.

Aufnahme: Martin Knauer, Düsseldorf.

Am 23. September 1936 hatte die „Hermannsschlacht“ am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere – reichsweit angekündigt, als Bühnenuraufführung deklariert und folglich mit hohen Erwartungen behaftet. Gespielt wurde eine Version des Generalintendanten der Städtischen Bühnen, Walter Bruno Iltz, der selbst Regie führte. Er schuf eine wiederum neue, stark verkürzte Collage aus kleinteiligen Versatzstücken des bei Grabbe dreitägigen Geschehens. In Düsseldorf kam das Stück als ›Führerdrama‹ auf die Bühne, das unverhohlen und appellativ der tagespolitischen Aktualisierung dienstbar war.

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Grabbes „Hermannsschlacht“ im Alten Theater Leipzig 1938:
• Thusnelda mit ihrem Vater Segestes und dem Sohn Thumelico
• Hermann und Thusnelda
• Germanen in der Nacht
• Hermann und Varus im Feldherrnzelt. Bereit liegt Hermanns römischer Panzer
• Schluss-Szene auf dem Palatin
• Sterbender Augustus

Darstellerin der Thusnelda: Eva Eras, des Hermann: Horst Beilke, des Segestes: Hans Finohr, des Thumelico: Jochen Bracklo, des Augustus: Hans Jungbauer, der Livia: Martina Otto, des Tiberius: Peter Lühr, des Prätorianers: Gerhard Bekker.

Aufnahmen: Atelier E. Hoenisch, Leipzig

In der Spielzeit 1938/39 wurde Grabbes „Hermannsschlacht“ unter der Regie von Otto Werther am Alten Theater Leipzig inszeniert.

In den Freilichtaufführungen und den Inszenierungen der „Hermannsschlacht“ in Düsseldorf und Bielefeld wurde die Schluss-Szene mit dem Tod des Augustus, die das Geschehen in eine welthistorische Perspektive stellt, einfach weggelassen. In Leipzig allerdings wurde sie gespielt.

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Grabbes „Hermannsschlacht“ im Stadttheater Bielefeld 1938:

• Küchenszene
• Hermann und Varus im Feldherrnzelt
• Tod des Varus
• Hermann im germanischen Heer

Darstellerin der Thusnelda: Pia Mietens, des Hermann: Hermann Schomberg, des Varus: Peter Otten.

Aufnahme: Kathrin Grebe, Bielefeld

In der Inszenierung von Alfred Kruchen hatte Grabbes „Hermannsschlacht“ am 12. Oktober 1938 in Bielefeld Premiere.

Die Bielefelder Aufführung endete wie die Düsseldorfer ohne die Augustus-Szene. Auch hier durfte der visionäre Führer uneingeschränkt sein Charisma behalten; kein römischer Kaiser, kein germanisches Festgelage begrenzte seine historische Bedeutung.

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Enthüllung der Büsten Grabbes und Wagners
vor dem Landestheater Detmold im Rahmen der Grabbe-Woche 1941.

Aufnahme: Alfred Bergmann, Detmold

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Plakat zur Christian-Dietrich-Grabbe-Woche 1941.
Bochum 1941. - Entwurf: Erich Fornoff.

Auf der Städtischen Bühne Bochum hatte Saladin Schmitt in den Jahren 1935-1941 nacheinander sieben Dramen Grabbes auf die Bühne gebracht. Im Juli 1941 wurden die Stücke innerhalb einer Woche noch einmal gespielt und die „Hermannsschlacht“ als glanzvoller Abschluss erstmals aufgeführt