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„Schach dem Herzog!“
Das Schachbuch Herzog Augusts von Braunschweig-Lüneburg von 1616

Ausstellung in der Landesbibliothek vom 19.11.2007 bis zum 31.1.2008

Titelseite des Schachbuches

Unter dem Kryptonym „Gustavus Selenus“ veröffentlichte Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Lüneburg (1579-1666) aus der Linie Dannenberg im Jahre 1616 bei Henning Groß in Leipzig unter dem Titel Das Schach- oder König-Spiel das erste Schachbuch in deutscher Sprache. Der aus einer welfischen Nebenlinie stammende Fürst war vermutlich auf einer seiner Studien- und Kavaliersreisen, die ihn 1598-1600 u. a. nach Italien führten, intensiv mit dem dort gepflegten Spiel auf den 64 Feldern in Berührung gekommen. Zurück in Hitzacker, das ihm 1604 mit der damit verbundenen bescheidenen Herrschaft als Residenz zugefallen war, widmete er sich in der Folgezeit gelehrten Studien, darunter auch zur Theorie und Praxis des Schachspiels, wissenschaftlichen Experimenten und vor allem dem Aufbau seiner Bibliothek, die später als Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel Weltruhm erlangen sollte. Denn im bereits fortgeschrittenen Alter fiel August nach dem Aussterben der Wolfenbütteler Linie im Jahre 1635 aufgrund eines Erbvergleiches unter den Welfenherzögen das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zu. Dem Landesherrn gelang es mit erheblichem Kraftaufwand, das vom Dreißigjährigen Krieg arg heimgesuchte Land und vor allem dessen Residenzstadt Wolfenbüttel wieder aufzubauen, verwaltungsmäßig zu modernisieren und dem kulturellen Leben neuen Glanz zu verleihen.

Das Schachbuch verdankt seine Entstehung neben praktischen Erfahrungen vor allem intensiven Studien der einschlägigen Literatur, die seinerzeit ausnahmslos in spanischer, italienischer und französischer Sprache vorlag, und die der Herzog sich zu beschaffen wusste.  Es entstand ein umfangreiches Werk in vier Teilen („Büchern“), das das Schachspiel in das Gebäude der Wissenschaften integriert, Figuren und Spielregeln erklärt, Eröffnungen, Mittelspiel, Endspiel und ihre zahllosen Varianten anhand vieler Beispiele vorstellt, erläutert und bisweilen diskutiert; darüber hinaus werden regionale Sonderentwicklungen, z. B. im Schachdorf Ströbeck bei Halberstadt, behandelt. Als Anhang hat der gelehrte Fürst seinem Werk mit der Rythmomachia noch ein Zahlenspiel hinzugefügt, das angeblich bereits auf Pythagoras zurückgehen soll. Es entsprach durchaus dem Wissenschaftsverständnis der Zeit, dass der anspruchsvolle Hauptteil des Werkes und damit eben gerade die professionellen Partien nicht vom Herzog verfasst worden sind, sondern eine Übersetzung des Schachbuchs Libro del juego del axedrez (1561) des Spaniers Ruy Lopez de Segura in der italienischen Fassung des Domenico Tarsi darstellen. Diese Tatsache und einige wenige vom Verfasser selbst eingefügte Spielzüge haben später gelegentlich dazu geführt, Augusts spielerische Leistungen als eher mäßig einzustufen; aufgrund der nur schmalen Quellenbasis wird diese Qualifizierung den Leistungen des Autors sicher nicht gerecht. Die Zeitgenossen sparten jedenfalls nicht mit Lob und früh wurde der Ruf nach einer Neuauflage und nach Übersetzungen laut, der sich allerdings nicht erfüllen sollte.

Die Ausstattung des Werkes war seinem fürstlichen Verfasser angemessen. Der aufwändige allegorische Titelkupferstich wurde von dem Augsburger Kupferstecher Lucas Kilian (1579-1637), dem wir zudem einen schönen Porträtstich Herzog Augusts mit einem Schachbrett als Insignie der Wissenschaften verdanken, nach detaillierten Vorgaben des Herzogs gestaltet. Dargestellt wird in drei Feldern das Schicksal des klugen und geistreichen griechischen Fürsten Palamedes, dem u.a. die Erfindung des Schachspiels vor den Mauern Trojas zugeschrieben wird. August sah sich als befähigter und weitsichtiger Regent in der unmittelbaren Traditionslinie dieses mythologischen Helden und ließ sich dementsprechend als „zweiter Palamedes“ huldigen. Auf sein Geheiß hin verewigte ihn der Künstler zudem in der Gestalt des Kolumbus auf dem Titelkupfer, da er wie jener Entdecker mit seinem deutschen Schachbuch im übertragenen Sinne Neuland betreten hatte. Herausragend ist darüber hinaus der zwischen den Seiten 216/217 eingefügte doppelseitige Kupferstich des Kupferstechers Jacob van der Heyden (1573-1645) aus Straßburg. Die von ihm festgehaltene Situation zeigt rechts Herzog August bei der Analyse einer Schachpartie, die bei Ruy Lopez überliefert ist. Der Vergleich mit zeitgenössischen Fürstenporträts hat jüngst ergeben, dass es sich bei seinem fürstlichen Gegner um Landgraf Moritz den Gelehrten von Hessen-Kassel († 1632) handelt und die Szene am Tisch von Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt († 1626) sowie wahrscheinlich von Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach († 1638) verfolgt wird. Darüber hinaus haben Lucas Kilian und Jacob van der Heyden für das Buch weitere Kupferstiche von Schachfiguren, Schachdiagrammen und Ornamenten beigesteuert.

Das Exemplar der Lippischen Landesbibliothek (Signatur V 42.2°) trägt einen hellen Schweinsledereinband des 17. Jahrhunderts mit vergoldeten Zierelementen. Auf dem Vorsatzblatt befindet sich die handschriftliche Widmung Herzog Ernst Augusts von Braunschweig-Lüneburg († 1698) aus der Linie Calenberg, der das Werk dem ihm nahestehenden Kanzleisekretär Höpfner dediziert. Ernst August, der spätere Kurfürst von Hannover, hatte das Buch von seinem Vater Georg geerbt; man kann davon ausgehen, dass dieser es von seinem Vetter Herzog August einst als Geschenk erhalten hat. Versehen ist die Widmung mit einschlägigen Versen aus Tacitus’ Annalen und Terenz’ Adelphoe („Die Brüder“), die das menschliche Leben mit einem Würfel- oder Brettspiel vergleichen, wo der Zufall durch Klugheit wettgemacht werden kann. Durch ein Chronogramm wird die Widmung in das Jahr 1669 datiert. Seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts befindet sich das wertvolle und seltene Werk in der Lippischen Landesbibliothek.

Detlev Hellfaier