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Zündnadeln
Ernste und heitere Bilder aus dem deutschen Nationalkrieg gegen Napoleon III.

Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek
vom 5.11.2004 bis zum 28.02.2005

von Sylvia Maria Kijas

Aktuell: Die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek e.V. hat für die Lippische Landesbibliothek vier weitere Zündnadeln erwerben können. Durch die Internet-Präsentation der aktuellen Ausstellung wurde ein privater Besitzer der Nummern 14, 15, 24 und 25 auf die Landesbibliothek aufmerksam und bot seine Blätter zum Verkauf an.

Die Lippische Landesbibliothek hat sich daraufhin entschlossen, ihre Ausstellung über die Zündnadeln bis zum 31. März 2005 zu verlängern.

Die Zündnadeln sind politische Nachrichtenplakate, die im Zeitraum von 1870 bis 1871 im Verlag und Depot gemeinnütziger Schriften in Darmstadt erschienen sind. Insgesamt sind 28 Ausgaben der Zündnadeln verlegt worden, von denen die Lippische Landesbibliothek bereits die Ausgaben Nummer 1, 2, 3, 9 und 13 besaß, die nach ihrer Restaurierung seit Anfang November 2004 der lippischen Öffentlichkeit präsentiert wurden. Seit heute sind auch die neuerworbenen Blätter in der Landesbibliothek zu sehen.

Die Zündnadeln verweisen im Untertitel auf ihren Inhalt: sie präsentieren politische Karikaturen zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, die durch bissige Textkommentare begleitet werden und zum Schmunzeln und Nachdenken anregen.

Wahrscheinlich verdanken die Zündnadeln – die zwar auch scharf schießen, aber niemanden verletzen oder gar töten – ihren Namen dem zu dieser Zeit in ganz Europa und Amerika grassierenden Zündnadelfieber, das nicht als Krankheit, sondern als ansteckende Euphorie über das weltweit erste Hinterladergewehr (Zündnadelgewehr) von Nikolaus Dreyse zu verstehen ist. Diesem Gewehr u. a. ist der Sieg der Preußen über Österreich und seine Verbündeten im Krieg von 1866 zuzuschreiben. 1870 mag eine tiefe Hoffnung der Deutschen auf einen erneuten Sieg die Namensgebung der Zündnadeln beeinflusst haben.

Im Mittelpunkt der politischen Karikaturen stehen die Ereignisse des – wie die Zündnadeln verkünden – ‚Deutschen Nationalkrieges gegen Napoleon III.’ aus der Sicht der deutschen Bevölkerung, vorrangig dargestellt in Form von humoristischen Bildern, aber auch in Texten und Gedichten. In den Bildern und den begleitenden Kommentaren finden sich folglich Meinungen, Gedanken, Bewertungen, Hoffnungen, Wünsche aber auch Ängste der Deutschen über die Franzosen, ihre ‚Waffenbrüder’ in den verbündeten deutschen Staaten, über ihre Politiker und v. a. über den Kaiser der Franzosen, Napoleon III.

Dieser erklärte am 19.7.1870 Preußen den Krieg, nachdem er seine Empörung über eine mögliche Besteigung des spanischen Throns durch den Erbprinzen Leopold von Hohenzollern nicht zügeln konnte und dies als willkommenen Anlass zur Kriegserklärung an Preußen nahm. Obwohl die Krone Spaniens durch das Haus Hohenzollern abgelehnt wurde, kam es dennoch zum Krieg mit Preußen, dem sich die Armeen der nord- und süddeutschen Staaten anschlossen. 658.000 französischen Soldaten (inklusive Kolonialarmeen) standen 936.707 Soldaten der verbündeten Staaten gegenüber. Nach einem ersten Sieg der Franzosen am 2.8.1870 bei Saarbrücken gewannen die deutschen Armeen ab dem 4.8.1870 Schlacht um Schlacht. Bereits am 1.9.1870 – nach der Eroberung der Festung Sedan – konnte Napoleon III.  gefangengenommen werden. Dieser wurde in seiner Abwesenheit abgesetzt, und in Paris rief die Nationalversammlung am 4.9.1870 die Dritte Republik aus. Am 18.1.1871 wurde das Deutsche Reich gegründet und König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum ersten deutschen Kaiser gekrönt.  Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 endete nach einem Sieg der deutschen Armeen mit dem Friedensvertrag von Frankfurt am 10.5.1871. Frankreich erklärte sich bereit, Elsass-Lothringen mit einem Territorium von 14.870 km2 und einer Bevölkerung von 1.628.000 Menschen abzutreten und eine Entschädigungssumme von 5 Mrd. Francs zu zahlen.

Außer den Zündnadeln selbst stellt die Lippische Landesbibliothek Objekte des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 in Form von Orden, Medaillen etc. aus.

Die Zündnadeln Nummer 2 verspotten den angeblichen Wunsch der Franzosen, bald nach ihrem Sieg über die deutschen Armeen in Saarbrücken (2.8.1870) in Berlin einzuziehen. Die Zeichnung zeigt oben die sich als Sieger gebärdenden Franzosen im besetzten Berlin, die mit einem großen Fest am 15.8.1870 den Napoleonstag begehen.

Die Zeichnung unten verkündet etwas gänzlich anderes: die in Weißenburg (4.8.1870) besiegten Franzosen kommen zu einem Festschmaus, der ihnen von ‚deutschen Fräuleins’ bereits am 4.8.1870 gereicht wird. Doch ist dies kein Siegesschmaus, es ist ein Schmaus, den sie der wohlgebildeten, zivilisierten Bevölkerung der deutschen Staaten verdanken. Diese zeigt sich gegenüber ihren Kriegsgefangenen als menschenfreundlich: die Franzosen erleben das Vergnügen einer Fahrt mit der deutschen Eisenbahn und gelangen in den Genuss eines Büffet-Festempfanges bei ihrer Ankunft in Berlin.

Die Zündnadeln Nummer 13 zeigen in der oberen linken Ecke ein Bild zur französischen Ballonpost, die während der Zeit des Einschlusses von Paris durch die deutschen Armeen die einzige Möglichkeit darstellte, wichtige Post wie Beschlüsse der provisorischen Regierung der jungen französischen Republik aus der Stadt herauszubringen. Dass auf diesem Wege von den beiden großen Zeitungen ‚Gaulois’ und ‚Figaro’ auch die sogenannten ‚Zeitungsenten’ mit Falschmeldungen (z. B. „Bismarck gefangen“, „Kronprinz todt“) verbreitet wurden, ist auf dieser Karikatur in besonders treffender Weise verdeutlicht.

Die Zündnadeln Nummer 1 zeigen auf dem rechten Bild zwei französische Soldaten auf Fahrrädern mit der Bildunterschrift „Französische Cavallerie“. Die Zeichnung über die damals in Deutschland in den verbündeten Armeen nicht eingesetzte ‚schnelle Truppe’ der Fahrräder vermittelt unverhohlen den Spott über dieses französische Militärfahrzeug. Die Kavallerie war damals in den deutschen Armeen die einzige ‚schnelle Truppe’. Nichtsdestotrotz wurde der Nutzen des Fahrrades auch von den deutschen Armeen erkannt und anschließend in der eigenen Armee fest etabliert – was die Karikaturisten damals natürlich nicht ahnen konnten.

Obwohl Karikaturisten die größte Pressefreiheit besitzen und sich ihre gezeichneten Leitartikel dem Betrachter selbst in Nuancen sofort erschließen, lässt sich keinerlei Häme erkennen. Die Zeichner nehmen in jeder Hinsicht für Preußen und seine Verbündeten Partei. Napoleon III. trug durch seine Kriegserklärung wesentlich dazu bei, dass sowohl international als auch in den deutschen Staaten eine Solidarität mit Preußen entstand und frühere Meinungsverschiedenheiten in den Hintergrund traten. Die Empörung über das Verhalten Napoleons III. begünstigte die Bildung des Deutschen Reiches. Denn egal ob Preuße, Hesse oder Bayer: ein gemeinsamer Gegner schweißt zusammen und lässt näher zusammenrücken. Das – zu Beginn rein militärische – Bündnis der deutschen Staaten griff mental über auf die Bevölkerung und ließ sie zu einer Nation zusammenwachsen, deren ‚Seele’ sich am sichersten, am verräterischsten im Werk ihrer Karikaturisten spiegelt.