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Juli im Jahr der Bibel:
Die "Biblia Polyglotta" aus der Druckerei Plantin

In den Sprachen Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Altsyrisch und Chaldäisch.

Von Julia Freifrau Hiller von Gaertringen

Titelblatt

„Königliche Polyglotte“ oder „Biblia Regia“ heißt die Bibel des Monats Juli in der Lippischen Landesbibliothek (Signatur: Th 61.2°). Denn sie wurde im Auftrag und auf Kosten des spanischen Königs Philipp II. in den Jahren 1569 bis 1573 in Antwerpen gedruckt. Und wahrhaft königlich ist die Meisterleistung, die dieses achtbändige Druckwerk bis heute darstellt. Der Bibeltext musste nicht nur in verschiedenen Sprachen parallel gedruckt, sondern auch mit Lettern aus vier verschiedenen Alphabeten kunstvoll arrangiert werden.

Polyglotten, d.h. mehrsprachige Bibelausgaben, die neben dem Urtext Übersetzungen in verschiedene andere Sprachen enthalten, erlebten ihre Blütezeit im 16./17. Jahrhundert und dienten vor allem wissenschaftlichen Zwecken. Sie ermöglichten es, auf einer einzigen Druckseite mehrere Textfassungen zu überblicken und direkt miteinander zu vergleichen, um den Bibeltext philologisch überprüfen zu können. Der Fachgelehrte, der alten Sprachen kundig, vermag sie mit Gewinn für seine theologische Arbeit zu nutzen. Der Laie kann sie lediglich als beeindruckende Zeugnisse gelehrten Fleißes und drucktechnischer Perfektion bewundern.

Die Antwerpener Polyglotte wurde in Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten von dem spanischen Theologen und Orientalisten Benito Arias (1527-1598), genannt Montanus, herausgegeben. Sie umfasst acht großformatige Bände. Die ersten vier Bände enthalten das Alte Testament. Aufgeschlagen zeigen sie auf der linken Seite den hebräischen Urtext mit der lateinischen Übersetzung, auf der rechten Seite die griechische Fassung der Septuaginta mit eigener lateinischer Übersetzung, unten links die chaldäische Fassung, wie sie im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in Babylonien entstanden ist, und unten rechts wiederum die lateinische Übersetzung dazu. Der fünfte Band präsentiert das Neue Testament in griechischer und syrischer Fassung, jeweils mit lateinischer Übersetzung sowie einer Lautumschrift des syrischen Textes ins Hebräische. Der sechste Band enthält dann noch einmal den gesamten Bibeltext in der hebräischen und griechischen Ursprache und dazu eine von Arias korrigierte interlineare, d.h. zwischen die Zeilen des Urtextes gesetzte lateinische Übersetzung.

Die letzten beiden Bände, genannt „Apparatus“, geben dem gelehrten Nutzer der Polyglotte ein wissenschaftliches Instrumentarium an die Hand: ein hebräisch-lateinisches, ein griechisch-lateinisches und ein syrisches Wörterbuch, eine hebräische, griechische, chaldäische und syrische Grammatik, ein syrisch-chaldäisches Lexikon, Fundstellenverzeichnisse, Namensregister, Lesartenverzeichnisse und einige altertumskundliche Schriften von Arias, z.B. über die Topographie Jerusalems.

Illustriert ist die Polyglotte nicht. Nur der 8. Band, in dem archäologische Kenntnisse ausgebreitet sind, enthält einige Sachillustrationen, etwa zur Arche Noah, zum Tempel in Jerusalem oder zu Kultgegenständen des jüdischen Ritus, und Landkarten, die mit der Lage der heiligen Stätten in Palästina bekannt machen. Die Initialen der biblischen Bücher sind als hübsch verzierte kleine Kupferstiche in den Text eingefügt.

Anfang des Alten Testaments: Links
Anfang des Alten Testaments: Rechts

Gedruckt wurde die Antwerpener Polyglotte in einer der bedeutendsten Buchdruckereien des 16. Jahrhunderts: in der Offizin von Christoph Plantin (1518-1589). Plantin, gelernter Buchbinder, gründete 1555 in Antwerpen eine Druckerei. Die Stadt war zu dieser Zeit nicht nur eines der reichsten Zentren des Welthandels, sondern auch eine Metropole des Buchdrucks. Im Verlauf der nächsten 34 Jahre wurden in Plantins Offizin 2450 verschiedene Werke aus allen Fachgebieten gedruckt. Die Antwerpener Polyglotte gilt als seine Spitzenleistung. Als sie in den Jahren um 1570 produziert wurde, arbeiteten bei Plantin bis zu 70 Mitarbeiter an 22 Druckerpressen gleichzeitig. Die Offizin war ein Großbetrieb, dessen Ausmaß erst im 19. Jahrhundert wieder erreicht wurde.

Der Auftrag für die Polyglotte war für Plantin auch aus existentiellen Gründen wichtig: er druckte nämlich insgeheim calvinistische Schriften und kooperierte mit reformierten Geschäftspartnern – das war in den spanischen Niederlanden lebensgefährlich. Um der Gefahr zu entgehen, wandte er sich mit dem Angebot, eine Neuauflage der vergriffenen älteren Complutenser Polyglotte von 1520 herzustellen, an Philipp II. von Spanien. Und er hatte Erfolg. Mit dem Druck der Polyglotte für Philipp II. bekannte Plantin sich zugleich öffentlich zum Katholizismus und sicherte sich seine Geschäftsinteressen als Monopolist für Druck und Vertrieb liturgischer Werke im katholischen Spanien.

Anfang des Neuen Testaments: Links
Anfang des Neuen Testaments: Rechts

Dem Zweck des Paralleldrucks entsprechend wählte Plantin für seinen Bibeldruck ein Großfolio-Format. Die hebräischen Drucktypen kaufte er in Köln und Paris, die griechischen und syrischen Schriften stammten von dem französischen Schriftgießer Robert Granjon. Der Ruhm der Antwerpener Polyglotte beruht vor allem auf der exzellenten Ausstattung mit den besten typographischen Erzeugnissen ihrer Zeit. Aber der Druck dieser Bibel war vor allem ein Prestige-Projekt. Kostendeckend ist der Verkauf der Bibel nicht gewesen. Die Antwerpener Polyglotte wurde in einer Auflage von 1213 Exemplaren hergestellt. 1200 Exemplare wurden auf Papier unterschiedlicher Qualität gedruckt, 13 auf Pergament gedruckte Exemplare waren für Philipp II. von Spanien bestimmt.

Eines der auf Papier gedruckten Exemplare gehörte dem reformierten Theologen Christoph Pezel (1539-1604), der 1579 in Bremen wirkte und dort als Superintendent die bremische Kirche im reformierten Sinne neu ordnete. Pezel war an der Einführung des reformierten Bekenntnisses auch in anderen Teilen des Reiches beteiligt; er hatte großen Einfluss auf Simon VI. zur Lippe, der die Grafschaft Lippe seit 1579 regierte und hier seit 1599 schrittweise, aber zielstrebig das reformierte Bekenntnis durchsetzte. Mit dem Buchbesitz von Caspar Pezel († 1634), der seit 1600 als Rat am Hof Simons VI. tätig war, gelangte später auch die Bibliothek seines Vaters Christoph in den Altbestand der Lippischen Landesbibliothek. So verfügt die Bibliothek heute über eine der wichtigsten wissenschaftlichen Bibelausgaben und eines der kostbarsten typographischen Meisterwerke der frühen Neuzeit.

Das Jahr der Bibel 2003 in der Landesbibliothek

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