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Grabbes »Napoleon«: Werk und Wirkung

Ausstellung anlässlich der Tagung „Innovation des Dramas im Vormärz: Grabbe und Büchner“ in der Landesbibliothek
vom 11.9. bis zum 16.10.2015

Als „Herrschaft der hundert Tage“ bezeichnet man die Zeit von der erneuten Machtübernahme Napoleons in Frankreich nach seiner Rückkehr von Elba bis zum endgültigen Machtverlust nach der Niederlage von Waterloo, d.h. die Zeit vom 1. März bis zum 22. Juni 1815. Das war vor rund 200 Jahren. Anlass genug, Grabbes Drama Napoleon oder die hundert Tage als Fokalpunkt für diese Ausstellung zu nehmen, die den Umfang des Grabbe-Archivs zeigt.

(Credit: Die Grafik oben und auf der Ausstellungsübersichtseite wandelt das Theaterplakat zur Detmolder Napoleon-Aufführung 1988/89 ab.)

Werk und Ausgaben

Nr. 1, GA Ms 23a, Bl. 1r
Nr. 1, GA Ms 23a, Bl. 43r
Nr. 6
Nr. 7, 8, 9, 10

1.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon. Druckvorlage, teils von Schreiberhand, teils eigenhändig. Mit eigenhändigen Korrekturen und Ergänzungen.
GA Ms 23a

Mit dem Schätzpreis von 25.000 DM wurde die Werkhandschrift im Frühjahr 1959 vom Auktionshaus Stargardt angeboten. Die letzte große Werkhandschrift aus Privatbesitz war damit für die Landesbibliothek zunächst zu teuer. Das Schiller-Nationalmuseum in Marbach sprang ein und erwarb die Handschrift, während Landesverbandsvorsteher Heinrich Drake um Spendengelder warb. Auch das Land Nordrhein-Westfalen beteiligte sich, so dass im November 1960 die Handschrift in das Grabbe-Archiv der Landesbibliothek übernommen werden konnte.

Aufgeschlagen sind:

  • Eigenhändiges Titelblatt
  • Eigenhändiges Vorwort
  • 1. Akt, 1. Szene von Schreiberhand
  • 1. Akt, 3. Szene „Oheim, du bist zu liberal“ – von Schreiberhand mit Streichungen Grabbes.
  • 1. Akt, 5. Szene. „Wie wäre er über Lyon heraus- 
    gekommen, hätt er nicht schon eine Armee um sich ...“ – von Schreiberhand mit Streichungen und Einfügung Grabbes.

Das Grabbe-Archiv enthält 9 vollständige Werkmanuskripte (wenn man die 42 Theaterkritiken als 1 Werk rechnet), zahlreiche Fragmente, vor allem zur Hermannsschlacht.

2. 
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen. Frankfurt am Main: Joh. Christ. Hermann‘sche Buchhandlung (G. F. Kettembeil), 1831.
GA 12.1831

3.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen. Zweyte Auflage. Frankfurt am Main: Joh. Christ. Hermann‘sche Buchhandlung (F. E. Suchsland), 1863.
GA 12.1863

Die Erstausgabe des Napoleon erscheint 1831 im Verlag des Freundes Georg Friedrich Kettembeil. Grabbe hatte die erste Fassung des historischen Dramas in einem Produktivitätsschub in rund acht Monaten niedergeschrieben. Den Weg auf die Bühne fand es erst einmal nicht. Trotzdem reichte die Nachfrage, um 1863 – Kettembeil war 1857 verstorben – den Druck einer zweiten (neu gesetzten) Auflage zu rechtfertigen. 

4.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Ein Schauspiel in fünf Aufzügen. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut, 1886.
GA 12.1886

5.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Ein Schauspiel in fünf Aufzügen. Zum 100. Geburtstage des Dichters herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Paul Friedrich. Halle a. d. S.: Hendel , 1901.
GA 12.1901

6.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen. Mit Enleitung und Anmerkungen von Dr. Robert Hallgarten. Leipzig: Hesse, 1903.
GA 12.1903

Hesses Volksbücherei lässt auf den ersten Seiten Platz für Notizen: „Durch den Besitzer auszufüllen!“ sind „Eindrücke und Betrachtungen“ sowie Datum und Theater der Aufführung, welcher der Besitzer hoffentlich besucht hat. Der erzieherische Charakter der Ausgabe ist nicht zu übersehen. – Die Zahl der erschienenen wohlfeilen Ausgaben seit den 1870er Jahren deutet auf eine zunehmende Anziehungskraft von Thema und Dichter.

7.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder Die hundert Tage.
Leipzig: Reclam, [1905].
GA 12.1905 

8.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder Die hundert Tage.
Leipzig: Reclam, [1922].
GA 12.1922

9.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder Die hundert Tage.
Leipzig: Reclam, [1941].
GA 12a.1941

10.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder Die hundert Tage. Hg. und mit einem Nachwort von Alfred Bergmann.
Stuttgart, Leipzig: Reclam, 1994.
KA 544 Nr. 9

Im Reclam-Verlag erscheinen Textausgaben seit 1870. Der Textsatz zwischen den Ausgaben von 1905 und 1922 unterscheidet sich nicht; die 1941er Ausgabe wurde neu in Fraktur gesetzt. Seit 1960 erscheint bei Reclam (Stuttgart) ein von Alfred Bergmann herausgegebener Text.

11.
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder Die hundert Tage. Bühnenbearbeitung: Dr. Günther Stark. Bühnenmusik: August Vogt.
Berlin: Arcadia 1935.
GA 12.1935

Mit der vermehrten Präsenz des Napoleon auf der Bühne entstehen auch Bühnenfassungen, die nicht einfach zum Nachspielen benutzt werden dürfen: „Dieses unverkäufliche Manuskript darf nur auf Grund eines besonderen schriftlichen Vertrages mit dem Verlage verwertet ... werden.“

 

Dokumente zur Entstehung und zum Leben

Nr. 13, GA Ms 158: Napoleon wird ungeheuer
Nr. 20, GA B 110
Nr. 23, GA B 61 (Ausschnitt)

12
Christian Dietrich Grabbe: Eigenhändiger Brief an
Georg Friedrich Kettembeil vom 15. März 1830. 1 Dbl.
GA Ms 158

Im August 1829 hatte Grabbe an Friedrich Steinmann in Münster von seinen „künftigen Dramen“ geschrieben: „eben kommt mein Barbarossa aus dem Druck; ein Lustspiel: Aschenbrödel ist wieder darin [= im Druck]; Kaiser Heinrich VI geht im September ab, im November Napoleon oder die hundert Tage, und Ende December sehr wahrscheinlich das Trauerspiel: die Abbassiden.“ Natürlich zieht sich die Arbeit am Stoff länger hin. Im März 1830 schreibt Grabbe an seinen Verleger und Freund Kettembeil:

Lieber Freund,

ich bin wieder ziemlich gesund. Aber Geschäfte. Doch die Advocatur 
habe ich abgegeben, und widme mich nun mehr der Muse. Na-
poleon wird gut. Heinrich VI ist es aber doch auch.  [...] 
Napoleon wird ungeheuer. Frische Kraft in mir. Ich  trinke weniger.
[...]

13
Christian Dietrich Grabbe: Eigenhändiger Brief an
Georg Friedrich Kettembeil vom 10. Dezember 1830. 1 Dbl.
GA Ms 168

Erst im Dezember 1830 scheint die Druckfassung des Napoleon sich der Fertigstellung zu nähern. Grabbe schickt die Handschrift häppchenweise an den Kettembeil.

Lieber Kettembeil

meine Abschreiber schreiben abscheulich, — 
ich kann Dir nur den Anfang Napoleons schicken,
und so Post für Post weiter. [...]

14
Ausleihjournal der Fürstlich Öffentlichen Bibliothek Detmold 1824-1829, von der Hand des Bibliothekars Friedrich August Wasserfall.
GA Ms 492-1

15
Alfred Bergmann: Grabbe als Benutzer der Öffentlichen Bibliothek in Detmold. Detmold, Selbstverlag, 1965.


Am 20. Februar 1828 hat Grabbe zum ersten Mal Mignets „Geschichte der französischen Revolution von 1789 bis 1814“ ausgeliehen, die er bei der Arbeit am Napoleon am 12. Mai 1830 noch einmal benötigte. Grabbe war der eifrigste Benutzer der Landesbibliothek; seine Entleihungen sind in den Ausleihjournalen nachzuweisen. Alfred Bergmann hat sich die Mühe gemacht, diese systematisch und vollständig zu dokumentieren. Zwischen dem 16. Juni 1824 und dem 10. September 1834 sind es 1071 Entleihungen.

16
Las Cases, Emmanuel Auguste Dieudonné Marius Joseph de:
Mémorial de Sainte-Hélène ... par le comte des Las Cases. Bd. 1, Bd. 2. Paris: Selbstverlag, 1823.
G 2473a-1 und -2.

17
A. F. Mignet: Geschichte der französischen Revolution von 1789 bis 1814. Bd. 1. Wiesbaden: Ritter, 1825.
G 2448a-1

18
Almanach royal, pur les années M. DCCC. XIV et M. DCCC. XV, présenté a sa Majesté par Testu. Paris: Testu, 1815.
G ....

Las Cases Tagebuch von der Zeit der Gefangenschaft Napoleons auf Saint Helena machte seinen Verfasser weltberühmt. Grabbe lieh es sich während der Arbeit am Napoleon aus, ebenso wie Mignets Geschichte der französischen Revolution und den „Almanach royal“.

19
Gottfried von Blomberg: Detmold von Osten (mit Residenzschloss, Marktkirche, Neustadt und Neuem Palais. Gouache. Datiert auf den 29. September 1807.
GA B 104

Das Bild zeigt Detmold, wie es zu Lebzeiten Grabbes ausgehen haben mag. Der Künstler ist Gottlieb Alexander Georg Emil Freiher von Blomberg (1744-1834), lippischer Hofmarschall. Über seine künstlerische Ausbildung ist nichts bekannt.

20
Detmolder Strafwerkhaus und Zuchthaus. Von Fritz Günther nach einer Zeichnung von Johann Ludwig Knoch aus dem Jahr 1801.
GA B 110

21
Christian Dietrich Grabbe. Lithografie von W. Severin nach einer Zeichnung von Wilhelm Pero. GA B 6


22
Fürstin Pauline. Lithografie.
GA B ...

23
Wellington bei Waterloo. Kupferstich nach einem Gemälde von Abraham Cooper (1837).
GA B 61

Wirkung und Rezeption

Nr. 24
Nr. 26
Nr. 27
Nr. 28
Nr. 29
Nr. 30

24
Christian Dietrich Grabbe: Napoleon oder die hundert Tage. Ein Drama in 13 Bildern. Bühneneinrichtung von Leopold Jessner. Berlin: Oesterheld, 1923.
KA 533 Nr. 10

Das durchschossene Exemplar enthält Regiebemerkungen, Skizzen und Szenenfotos sowie die Personenverzeichnisse der Premiere vom 5.5.1922 und weiteren Aufführungen bis zur „Neueinstud. im Schillertheater“ zum 7.3.1925.

25
Richard Sprick: Kohle- und Kreidezeichnung. Napoleon oder die hundert Tage, 1. Akt, 4. Szene. Napoleon und Bertrand auf Elba. Zur Inszenierung der Städtischen Bühne Bochum 1935.
Ohne Signatur.

Richard Sprick (1901-1968) lebte während der dreißiger Jahre als Zeichenlehrer in Bochum. Im Auftrag der Tagespresse fertigte er hin und wieder Rollenporträts zu den Bochumer Inszenierungen. In der Regieanweisung heißt es: „Nördliches Gestade von Elba, nicht weit von Porto Ferrajo. Anbrechender Abend“. Das Bühnenbild stammt von Johannes Schroeder.

26
Richard Sprick: Walther Kaltheuner als Napoleon. Bleistiftzeichnung.
Ohne Signatur.

Kaltheuner spielte den Napoleon in der Bochumer Inszenierung von Saladin Schmitt; Premiere war am 19. September 1935.

27
Rudolf Lothar: Vom Theater. Grabbes „Napoleon“ im Theater an der Wien. Theaterrezension der Aufführung Wien 1900 in „Die Wage“ Wiener Wochenschrift. 3 (1900) Nr. 41, 7. Oktober, S. 236-237.

Rudolf Lothar (1865-1943) war Herausgeber der „Wage“, die 1898-1902 erschien. Er schrieb selbst über 60 Dramen. Seine Rezension beurteilt Grabbe aus der eigenen poetischen Warte ziemlich schonungslos: „Was Grabbe hinterließ, war reines Skizzenzeug, formlos, maßlos, sinnlos [...] Der Versuch, Grabbe‘s Napoleon für die Bühne zu retten, ist aussichtslos.“

28
Napoleon, Schauspiel von Ch. D. Grabbe. 1. Akt im Belle-Alliance-Theater zu Berlin: Napoleon verlässt die Insel Elba.
Aus: Bühne und Welt 1 (1889) H. 2, Tafel nach S. 61.
KA 63 Nr. 7

29
Schriften des Nationaltheaters Osnabrück, Spielzeit 1935/36, Heft 13.
Premiere war am 10.4.1936.
GA 8497 Ka 244

30
Berlin, Schauspielhaus, 5. Mai 1922. Ludwig Hartau als Napoleon.
Fotograf: August Scherl, Berlin.

Dies ist die früheste Aufführung des Napoleon, die mit Fotos in der Grabbe-Sammlung dokumentiert ist. 

31
Senftenberg, Neue Bühne,
3. Oktober 2009, Regie: Peter Schroth. Heinz Klevenow als Napoleon.
Fotograf: Steffen Rasche.

Dies ist die jüngste Aufführung des Napoleon, die mit Fotos in der Grabbe-Sammlung dokumentiert ist.

Theaterplakate und -zettel

Nr. 34
Nr. 35
Nr. 36
Nr. 40

32
Frankfurter Opernhaus: Theaterzettel zur Uraufführung am 2.9.1895. Handschriftliche Abschrift.
KA 86a Nr. 87

Grabbes Napoleon-Drama wird in Frankfurt am Sedantag uraufgeführt, am Jahrestag der Kapitulation der französischen Armee (und Napoleons III.) am 2. September 1870. Zwar kein amtlicher Feiertag des deutschen Reiches, hatte der Jahrestag doch den Charakter eines offiziellen Erinnerungstages und wurde beispielsweise in den Schulen begangen.

33
Strassburger Stadttheater: Theaterzettel der Premiere am 24.11.1899.
KA 63 Nr. 8

34
Großherzogliches Hof- und Nationaltheater Mannheim: Theaterzettel zum „Vaterländischen Abend“ am 18.12.1914 mit einer Szenenfolge „Im preußischen Feldlager“ aus „Napoleon“.
GA M2 / 41

Der „Vaterländische Abend“ im Jahr des Kriegsbeginns lockt mit „Volksvorstellungspreisen“. Mit Wagner, Grabbe und Beethoven ist ein betont deutsches Programm zusammengestellt (ohne Rücksicht darauf, dass Beethoven seine Eroica ursprünglich auf Napoleon gemünzt hatte).

35
Bremer Stadttheater: Napoleon. Plakat zur Aufführung am 5.9.1932.
GA M2 / 44

Die Premiere der Bremer Inszenierung von Walter Falk war am 30.8.1932. Ende der zwanziger Jahre hatte Grabbes „Napoleon“ bereits eine ganze Reihe von Aufführungen erlebt (Coburg, Berlin, Darmstadt, Magdeburg) und war auch schon 1926 in Bremen zu sehen gewesen, so dass jetzt mit dem „großen Schauspiel-Erfolg“ geworben werden kann.

36
National-Theater Mannheim. Theaterplakat zur Erstaufführung von
Grabbes „Napoleon“ am 28.11.1936.
GA M1 / 34

37
Hessisches Landestheater Darmstadt: Osterspielplan. Aufführung des Napoleon am 5.4.1942.
GA M2 / 42

Dies ist auf Jahrzehnte hinaus die letzte Inszenierung, die in der Grabbe-Sammlung aktenkundig ist. Erst 1963 wagen die Städtischen Bühnen in Münster eine Neuinszenierung. Die lange Pause dürfte sich mit der Inszenierungsfreude während des dritten Reiches zu tun haben; vom Ruch des völkischen Dichters konnte Grabbe sich langsamer lösen als beispielsweise Kleist.

38
Landestheater Detmold: Napoleon. Plakat zur Premiere am 28.9.1989.
GA P 30

39
Théatre de Gennevilliers: Napoleon. Plakat zur Premiere am 26.3.1996.
GA M2 / 106

40
Theater Trier: Napoleon. Plakat zur Premiere am 26.10.2002.
GA M1 / 129

Das wenig originelle Plakatmotiv mit der ikonischen Pose ist möglicherweise dem Sponsor geschuldet – die Sektmarke „Napoléon“ hat die Inszenierung „freundlich unterstützt“.