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Feuer, Wasser - und was dann? Der Detmolder Notfallverbund bereitet sich für den Ernstfall vor

von Christine Rühling und Elke Treude

Druckfassung in: Heimatland Lippe 111 (2018), S. 154-155.

Die Gemälde liegen mit der bemalten Seite nach unten in einer braunen Lache, und das Holzkästchen steht bis zur Hälft im Nass. Schon jetzt löst sich das Furnier von den darunter liegenden Schichten. Direkt nebenan haben sich Kleidungsstücke so mit Wasser vollgesogen, dass sie bis zur Unkenntlichkeit verzogen sind. Die hier geschilderte Situation stellt für jede Kultureinrichtung ein Horrorszenarium dar: Die wertvollen Bestände wurden bei einem Wassereinbruch sichtbar geschädigt, ihr Erhalt ist akut bedroht. Ein Bild, das dem Beobachter sofort den Schrecken in die Glieder fahren lässt, war in diesem Fall gewollt: Der Notfallverbund Detmold hat den Ernstfall eines akuten Schadensereignisses geprobt. Am 8. November 2017 übten Vertreterinnen und Vertreter Detmolder Kultureinrichtungen im Lippischen Landesmuseum unter Anleitung der Restauratorin Karin von Lerber, Museumsexponate nach einem Wasserschaden zu bergen. Auf den Flohmarkt erworbene und für den Sperrmüll gesammelte Stücke wurden so präpariert, dass die Mitarbeiter/innen unter Realbedingungen erlernen konnten, betroffene Gemälde, Zeichnungen, Möbel und Kleider möglichst ohne weitere Beschädigung zu bergen und zu stabilisieren.
Die Notfallübung war ein wichtiger Teil des Jahresprogramms des Detmolder Verbundes. 2015 schlossen sich sieben Detmolder Kultureinrichtungen zusammen, um gemeinsam präventiv Notfallvorsorge durchzuführen und sich im Ernstfall gegenseitig Hilfe zu leisten: die Bibliothek der Hochschule für Musik, das Archiv der Lippischen Landeskirche, das Stadtarchiv Detmold, das Kreisarchiv Lippe, die Lippische Landesbibliothek, das Landesarchiv NRW Abt. OWL und das Lippische Landesmuseum. Nicht zuletzt durch den Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar 2004 und den Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 ist bei Kultureinrichtungen, aber auch in Politik und Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür gestiegen, welche Bedeutung der Notfallvorsorge  zukommt. Feuer – und damit zusammenhängend Löschwasser –, Stürme, Hochwasser und Erschütterungen stellen Bedrohungen dar, die gerade in Zeiten zunehmend extremer Wetterlagen als Risikofaktoren bedacht werden müssen. Neben einer realistischen Gefahrenbewertung und Präventionsmaßnahmen ist die gezielte Vorbereitung auf verschiedene Schadensereignisse eine dringende Aufgabe. Deutschlandweit haben sich in den letzten 15 Jahren Institutionen lokal zu Notfallverbünden zusammengetan, früh waren etwa Stuttgart, Dresden und Münster etabliert. Diese Verbünde  treffen sich mittlerweile einmal im Jahr zum fachlichen Austausch, eine Veranstaltung, bei der auch der Notfallverbund Detmold vertreten ist. Die sich zunehmend etablierenden Standards der Notfallvorsorge können auf diese Weise immer weiterentwickelt und jeweils vor Ort umgesetzt werden. Die Einrichtung der Webseite www.notfallverbund.de wird in Zukunft weiter zur Professionalisierung der Notfallvorsorge beitragen.  
Was bedeuten aber Notfallvorsorge und Hilfe im Ernstfall konkret? Jede dem Notfallverbund angehörende Institution erarbeitet einen gebäudespezifischen Notfallplan. Dabei wird ein möglichst einheitlicher Aufbau der Notfallpläne angestrebt, um im Ernstfall schnell die wichtigsten Informationen greifen zu können. Der Notfallplan enthält mindestens einen Ablaufplan für Notfallmaßnahmen, einen Feuerwehreinsatzplan, einen Alarmierungsplan mit den Rufnummern der zuständigen Mitarbeiter/innen und Ansprechpartner/innen im Notfallverbund sowie einen Bergungsplan. Um letztgenannten zu erstellen, müssen die Einrichtungen eine Priorisierung für die Objektbergung festlegen. Damit auch fremdes Personal  Ortskenntnisse hat und um die unterschiedlichen Bedürfnisse in den beteiligten Einrichtungen weiß, organisiert der Notfallverbund regelmäßige Besichtigungen der Gebäude aller am Notfallverbund beteiligten Institutionen.
Und was muss passieren, wenn ein Schaden entsteht? Sollte dieser eintreten, leisten die beteiligten Institutionen gegenseitig uneigennützige und unbürokratisch personelle und technische Hilfe im Rahmen ihrer jeweils zur Verfügung stehenden Kapazitäten. Diese Hilfe betrifft insbesondere die Bergung und Sicherung des betroffenen Kulturgutes sowie die Bereitstellung von Ausweichdepotflächen für eine Überbrückungszeit. Jede Einrichtung hält eine eigene, in den Einrichtungen eingelagerte Ausstattung von Notfallboxen vor. Ist es ein größeres Schadensereignis, wird zusätzlich auf die zentral eingelagerten Notfallmaterialien des Notfallverbundes zurückgegriffen. Schon im Rahmen der bisherigen Übungen und Fortbildungen, unter anderem an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) in Bad Neuenahr-Ahrweiler mit Schwerpunkt auf Maßnahmen zum Schutz von Kulturgut, wurde deutlich, dass die Fortbildung von Mitarbeiter/innen, die Weiterentwicklung der Notfallpläne und die Netzwerkbildung vor Ort ständige Aufgaben bedeuten.
Kooperationen vor Ort, die auch andere Partner miteinbeziehen, sind auf keinen Fall zu unterschätzen. Beratende und logistische Unterstützung erhält der Notfallverbund von der Detmolder Feuerwehr, dem Bevölkerungsschutz des Kreises Lippe und der Bezirksregierung Detmold. In Bezug auf Krisenprävention, logistische Planung und konkrete Strukturierung der Abläufe bei einem Notfall sind diese Kooperationspartner Experten, die wichtige Hilfestellung leisten und so zur Stärkung des Notfallverbundes beitragen. Für diese gewinnbringende Zusammenarbeit einen herzlichen Dank!
Die am Detmolder Notfallverbund beteiligten Einrichtungen bereiten sich durch die oben genannten Maßnahmen bestmöglich auf einen möglichen Schadensfall vor. Notwendig bleiben weiterhin die Sensibilisierung für die Aufgaben des Notfallverbundes, die Notfallprävention in den einzelnen Häusern und der  kontinuierliche  Austausch zwischen den Einrichtungen. Zu hoffen bleibt, dass der Notfallverbund nie im größeren Maße zum Einsatz kommen muss.