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Die Musikbestände der Lippischen Landesbibliothek

von Heinrich Haxel

Druckfassung in: Mitteilungsblatt des Verbandes der Bibliotheken Nordrhein-Westfalens. Bd. 4 (1954), S. 62-66.

Die Zahl der Bibliotheken, die ausgebaute Musikabteilungen haben, ist nicht groß. Die Pflege der Musik wurde nicht als ursprünglicher Aufgabenbereich empfunden. Es müssen eben besondere Faktoren mitwirken, um eine solche Sammlung entstehen zu lassen. Ihre Anlage und ihr Ausbau kann nach zwei Gesichtspunkten erfolgen. Man will einmal historisch bedeutsames Notenmaterial und entsprechende Fachliteratur für die Musikforschung bereit halten; ein solcher Bestand hat den Charakter eines Archivgutes und kommt für den Normalfall des musiktreibenden Benutzers nicht in Frage. Der Gegentypus ist die Musikalienabteilung, wie sie in ihrer reinsten Form einige große städtische Volksbüchereien entwickelt haben. Sie entstand aus der Konsequenz heraus, möglichst alle jene volksbildnerischen Bedürfnisse zu erfüllen, die durch das Mittel der Schrift, und in diesem Falle der Notenschrift, befriedigt werden können. Diese Büchereien halten sich bewußt, wie in ihrem Gesamtbestand, so auch hier, allem Historifizierenden fern, das einen archivalischen Charakter haben könnte und den wissenschaftlichen Spezialisten als Benutzer erfordern würde. Es wird nicht ihr Ehrgeiz sein, einen typographisch reizvollen alten Notendruck zu besitzen oder eine frühe Musik in der Neumenschrift. Auf den praktisch Musikausübenden ist der Bestand und die Erwerbung im wesentlichen ausgerichtet, in der zeitlichen Spanne von Bach bis Hindemith sind die Bedürfnisse an Noten und Literatur eingefangen.

Die Lippische Landesbibliothek unterhält mit über 16.000 Nummern eine Musikabteilung, die beiden vorgenannten Aufgaben dient. Ihre Entstehungsgeschichte und die besondere Situation in Detmold bedingen den Charakter der Sammlung. Die Bibliothek ist eine alte fürstliche Gründung des Jahres 1613; in ihren älteren, durch alle Kriege unversehrt erhaltenen Beständen lebt noch das Klima der höfischen Umwelt. Detmold ist in ganz Nordrhein-Westfalen der einzige Ort, der bis zum Jahre 1918 Residenz war. Der Hof pflegte die Musik und unterhielt eine eigene Hofkapelle. Johannes Brahms war z. B. mehrere Jahre in fürstlichen Diensten als Hofmusikdirektor.(1)  Detmold besaß ferner ein Hoftheater, dessen Gründung auf das 18. Jahrhundert zurückgeht und das der Vorläufer des noch bestehenden Lippischen Landestheaters wurde. Es existierten noch seit alters her die Theaterakten, Rollen-, Gagen- und Regiebücher, Programme, Abonnentenverzeichnisse und reiches Notenmaterial. Dieses legte dem damaligen Leiter der Landesbibliothek, Dr. Wiegand, den Gedanken nahe, eine eigene Musikabteilung in der Bibliothek zu schaffen. Er kam damit dem Wunsche des späteren Leiters dieser Abteilung, Kirchenmusikdirektor Schramm, entgegen, der sich seit 1920 mit der Erforschung der Musikpflege in Lippe beschäftigte. Die mit Genehmigung des letzten regierenden Fürsten erfolgte Überführung des gesamten Musikalienarchivs der ehemaligen Hofkapelle in den Bestand der Bibliothek brachte einen wesentlichen Gewinn. Die Musikalienbestände umfassen gegen 2500 Nummern an Theater-, Chor-, Gesangs-, Kammer- und Unterhaltungsmusik. Eine wertvolle Sammlung von rund 240 Erst- und Frühdrucken stammt vornehmlich aus diesem Bestand. Das 18. und 19. Jahrhundert ist hier repräsentativ vertreten. Von einer Nennung der Klassiker sei abgesehen, dagegen mögen zur Illustrierung einige Namen herausgegriffen werden, die mit der Zeit ein wenig abgeblüht sind: Adam, Auber, Bellini, Boieldieu, Cherubini, Halevy, Herold, Méhul, Salieri, Spohr, Weigl, Zelter und Zumsteeg. Vor einiger Zeit konnte im Ausstellungssaal der Bibliothek eine reizvolle Auswahl der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Musikhistoriker Hans Schnoor zeigt in seiner 1954 erschienenen „Geschichte der Musik“ einige bildliche Wiedergaben wertvoller Drucke aus dem Besitz der Musikabteilung. — Zu dem Überkommenen wurde Neues erworben und gestiftet.

Die gleichzeitige Übernahme der Musikbibliothek des ehemaligen 1781 gegründeten lippischen Lehrerseminars – übrigens ein frühes Beispiel der Fürsorge um den pädagogischen Nachwuchs – brachte gesangspädagogische Werke aus der Zeit Pestalozzis und seiner Schule. Ebenso konnten Notenbestände vom Oratoriumverein und ähnlichen Vereinigungen eingegliedert werden. Die Musikalienarchive der alten Badekapellen in Meinberg, Salzuflen, Lippspringe und Oeynhausen wurden nach Material ehemaliger Hofmusiker untersucht.(2)  Abschriften und Photokopien zur Musikgeschichte, die verschiedenen Bibliotheken entnommen wurden, runden das Bild ab. In der „Heimatgeschichtlichen Musiksammlung“ sind Kompositionen und Erinnerungsstücke als Dokumente der Musikfreudigkeit in Lippe zusammengefaßt. Mag ihre Bedeutung auch manchem lokal erscheinen, dennoch wird der Musikforscher an diesem geschlossenen Material als Beispiel landschaftsgebundener Musiktradition interessiert sein. Vom damaligen Leiter der Abteilung wurden Werke lippischer Musiker aus Beständen anderer Institute spartiert, sie gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Als Kuriosum sei erwähnt, daß der Name Grabbe, der Lippe mit der großen Geistesgeschichte Deutschlands verbinden sollte, bereits 200 Jahre früher in der heimischen Musikgeschichte auftaucht, nämlich Giovanni Grabbe, dessen „11 primo Libro de Madrigali a cinque voci“ in Venedig um 1609 erscheint. Grabbe stand in gräflichen Diensten, war geborener Lemgoer und lebte längere Zeit in Detmold. Eine lippische Musikgeschichte, die liebevoll den Einzelheiten nachgeht – ihr Verfasser ist der mehrfach erwähnte Willi Schramm, der inzwischen verstarb – ist im Manuskript vorhanden. Eine Teilarbeit erschien bisher in „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ Bd. 3, Seite 250 ff. unter dem Stichwort „Detmold“; vgl. ferner vom gleichen Verfasser „Geschichte des Detmolder Musiklebens" in „Geschichte der Stadt Detmold“ 1953, Seite 297 ff. Diese Arbeiten sind erwähnt, weil sie zugleich ein Bild der musikalischen Tradition geben, auf der sich der musikwissenschaftliche Bestand der Landesbibliothek aufbaut.

Anfang der 40er Jahre bot sich die Gelegenheit, in zwei Käufen die Sammlung eines in der Musikwelt bekannten Mannes geschlossen zu erwerben, des ehemaligen Kapellmeisters und Theaterdirektors Georg Richard Kruse (1856-1944), des Gründers und Leiters des Lessing-Museums in Berlin, der als Verfasser einer Lortzing- und Nicolai-Biographie bekannt wurde. Hiermit erfuhr die Musikabteilung schon zahlenmäßig einen sehr starken Zuwachs. Zugleich wurde sie, soweit sie musikwissenschaftlich angelegt war, davor bewahrt, sich in einer landschaftsgebundenen Aufgabe zu begrenzen. Ganz neue Stoffgebiete wurden gewonnen. Der zuerst (1941] erworbene Teil der Sammlung sind die „Lortzingiana“, sie wurden zu einem „Lortzing-Archiv“ zusammengefaßt; seinen Kern bilden die bereits am Ort vorhandenen Lortzing-Bestände aus fürstlichem Besitz. Es war also nicht so, daß man auf Grund dieser Erwerbung erst und sozusagen durch Zufall sich der Pflege Lortzings annahm. Die Sammlung wurde vielmehr gerade darum erworben, weil sie um den vorhandenen Bestand herum gruppiert werden konnte. Es besteht nämlich ein sinnvoller Bezug zwischen dem Komponisten und Detmold. Er hat in den Jahren 1826 bis 1833 am hiesigen Theater als „Singschauspieler“ gewirkt. Bereits im alten theatergeschichtlichen Bestand sind vermutlich sämtliche Rollenbücher von ihm und seiner Frau, die ebenfalls Schauspielerin war, erhalten. Das Archiv, das ungefähr 850 Nummern enthält, bewahrt neben der Literatur über ihn eine reiche Bildersammlung, Berichte über Aufführungen und Neuinszenierungen, Szenenentwürfe und Figurinen auf. Die Detmolder Zeit ist nicht ohne Bedeutung für ihn gewesen, hier soll er seine ersten Singspiele und Vaudevilles geschaffen haben.(3)  Der wissenschaftliche Wert der Sammlung besteht vor allem darin, daß sich sehr viel autographisches Material von der Hand Lortzings und seines Freundeskreises in ihr findet, Textentwürfe – bekanntlich schrieb Lortzing gern seine eigenen Libretti –, werkhandschriftliche Kompositionsentwürfe und fertige Kompositionen. Es handelt sich um ungefähr 180 originalhandschriftliche Stücke. Mancherlei ist auch im Entwurf steckengeblieben, anderes war bis vor einiger Zeit unbekannt, so daß der Musikforschung Gelegenheit gegeben war, Entdeckungen zu machen. Von Otto Nicolai, dessen Biograph Kruse ebenfalls war, wird u. a. eine Werkhandschrift zu den „Lustigen Weibern von Windsor“ aufbewahrt. – Der 1944 erworbene Krusesche Nachlaß weist insofern eine Geschlossenheit auf, als der Sammler mit besonderer Liebe der Spieloper, dem Singspiel, dem Lied bis in seine letzten Abarten, wie dem Gassenhauer, nachging – er war übrigens der Herausgeber einer Coupletsammlung –, ein Material, das darum auch Volks- und geschmackskundliches Interesse erregen darf. Kruse ist eine jener betriebsamen Erscheinungen, deren Sammeleifer die Nachwelt ein Bild der Zeit verdankt, das nicht nur das Endgültige, sondern auch die mit ihr dahingegangenen Erscheinungen bewahrt. Als Theaterdirektor und als Mitarbeiter des Reclam-Verlages liefen bei ihm sehr viele Fäden zu den verschiedensten Persönlichkeiten, nicht nur der musikalischen Welt, zusammen. Seine Beziehungen zur Literatur dokumentieren sich auch in der Sammlung. Er selbst hat einen großen Teil der Libretti im Reclam-Verlag betreut. Wir danken diesem Umstand den größeren Teil der mehr als 1000 Textbücher, die in dieser Geschlossenheit sich nicht so leicht an einem zweiten Ort wiederfinden lassen. Gegenwärtig wird die Autographensammlung aufgearbeitet, die Komponisten, Künstler, Kritiker und Musikschriftsteller vornehmlich des 19. und 20. Jahrhunderts vereinigt, sie zählt viele Hunderte von Nummern.

1946 bekam die Gründung der Musikabteilung eine nachträgliche Rechtfertigung, sofern sie solcher bedurft hätte. In diesem Jahr nämlich wurde in Detmold die Nordwestdeutsche Musikakademie errichtet, die Zweite vom Land Nordrhein-Westfalen unterhaltene Musikhochschule. In den kurzen Jahren ihres Bestehens hat sie in der musikalischen Welt des In- und Auslandes sich Geltung verschafft. Rund 50 Dozenten unterrichten an dieser Stätte, es werden Ausbildungs- und Meisterkurse für Komposition, Dirigieren, Gesang und sämtliche Instrumente abgehalten. Ein Seminar für Privatmusikerzieher, eine Opernschule, eine Abteilung für evangelische Kirchenmusik und ein akustisches Institut zur Ausbildung von Tonmeistern sind ihr angegliedert. Daneben besteht seit kurzem unter eigener Leitung ein „Institut für Schul- und Volksmusik“ zur Ausbildung der Musikerzieher an Volksschulen. ln enger Verbindung mit der Nordwestdeutschen Musikakademie wurde nun der weitere Ausbau der Musikbestände, vor allem nach der Seite der praktisch-künstlerischen Musikausübung, betrieben. Die Lippische Landesbibliothek übernahm damit die Aufgaben einer Hochschulbibliothek. Sämtliche Lehrgegenstände der Akademie werden berücksichtigt. Der Ausbau konnte in jeder Sparte auf vorhandenem und zum Teil reichem Material weiter fortgeführt werden. Daß diese Aufbauarbeit erfolgreich ist, beweist die Tatsache, daß die Dozenten und Studenten den weitaus größten Teil der Benutzer der Musikabteilung darstellen. Der Akademie geht der Ruf voraus, daß sie neben der Pflege der älteren vor allem Pionierarbeit für die moderne Musik leistet. Selbstverständlich berücksichtigt die Bibliotheksleitung diesen Umstand. Die reichen Bestände an klassischer Musik bekommen auf diese Weise ein Gegengewicht und eine Ergänzung. Die laufenden Neuerwerbungen an Noten wie Schrifttum werden durch Anschlag in der Akademie Dozenten- und Studentenschaft bekanntgegeben.

Um einen Einblick zu geben, in welcher Breite die Bestände angelegt sind, mag eine ungefähre Aufgliederung gegeben werden. Der bisher aufgenommene Notenbestand zählt über 11.000 Bände und enthält geistliche Vokalmusik: Oratorien, Passionen. Messen und Requiems, Kantaten, Motetten, Hymnen – diese Sparte wird besonders im auswärtigen Leihverkehr durch musikalische Vereinigungen zu Aufführungszwecken beansprucht –; weiterhin weltliche Chormusik, gemischte Chöre, Gesangsstücke mit Klavier oder mehreren Instrumenten, Liederbücher, Schul- und Volksgesang, Volkstänze, Tanzbeschreibungen, Melodramen, Singspiele, Possen, Operetten, Volksstücke, Vaudevilles, Balletts, Pantomimen, Bearbeitungen von Bühnen- und Tonfilmmusik jeder Art, Orchestermusik, Kammermusik, Gesamtausgaben (in Teilwerken oder vollständig u. a. von Bach, Brahms, Buxtehude, Gluck, Händel, Pergolesi, Scheidt, Telemann, Prätorius) und Denkmäler. Eine reiche Zahl von Klavierauszügen und handlichen Studienpartituren tritt neben die großen Ausgaben. Der Literaturbestand zählt z. Zt. 3.000 Nummern und enthält reiches biographisches Material, Handbücher und Wörterbücher, Literaturgeschichte, Fachlexika und bibliographische Nachweise und Kongreßberichte, ältere und führende Zeitschriften der Gegenwart, Periodica, allgemeine Musikgeschichte und solche einzelner Länder und Orte, Perioden und Formen, die Geschichte der Oper und Operette, Geschichte der Notenschrift, Darstellungen über Gesang, Volkslied- und Schulgesang, Instrumenten- und Instrumentationskunde und -lehre, sowie Theorie. Stillehre, Ästhetik, Soziologie, Pädagogik und die vorher erwähnten Textbücher.

Die Musikabteilung wird durch eine bibliothekarische Fachkraft betreut, die Verbindung zur Nordwestdeutschen Musikakademie unterhält die Dozentin für Musikwissenschaft. Auf diese Weise ist gewährleistet, daß die Bedürfnisse der Akademie Berücksichtigung finden. Die Aufarbeitung der verschiedenen Archivbestände nimmt noch geraume Zeit in Anspruch. ln einigen Jahren wird der Gesamtbestand über die Z. Zt. vorhandenen 14.000 Nummern hinaus mehrere tausend Nummern mehr umfassen. Sie wachsen ihm nicht nur durch die erhöhten Mittel der laufenden Anschaffung zu, sondern eben durch die Aufarbeitung der vorhandenen Nachlässe. Sofern es sich nicht um Unica handelt, steht das erarbeitete Material natürlich auch dem auswärtigen Benutzer zur Verfügung. Diese Zeilen wollen nun auch den anderen Bibliotheken zur Anregung dienen, vielleicht in noch stärkerem Maße als bisher auf die hier vorhandenen Bestände zurückzugreifen. Die Musikabteilung ist neben den anderen Spezialabteilunqen, wie z. B. dem Grabbe-Archiv, ein Faktor innerhalb der nahezu 170.000 Bände umfassenden Lippischen Landesbibliothek.

Anmerkungen

1) Vgl. Willi Schramm: Johannes Brahms in Detmold. 1933.

2) Vgl. auch Willi Schramm: Die Geschichte der Kurmusik in Bad Meinberg und Bad Salzuflen. In: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde. Bd. 18 (1949), S. 140ff.

3) Vgl. auch Willi Schramm: Albert Lortzing während seiner Zugehörigkeit zur Detmolder Hoftheatergesellschaft 1826-33. Eine Theatergeschichte von Detmold, Bad Pyrmont, Osnabrück und Münster. 1951.