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Wir laden ein: Westafrika in den 1890ern: Eine Lady im Umgang mit Geistern und Krokodilen

von Julia Hiller von Gaertringen • 12.02.2009

Donnerstag, 26. Februar 2009, 19.30 Uhr: Lesung aus Mary Kingsleys „Die grünen Mauern meiner Flüsse“. 5. Teil der Lesereihe „Abenteurer, Forscherinnen und Entdecker“, mit Frank Meier.


„Ich bin eher ein Windstoss als ein menschliches Wesen.“ Mary Kingsleys war eine sittsame junge Dame der viktorianischen Ära, aber sie bereiste nur in Begleitung Einheimischer die Flüsse Westafrikas auf einem Kanu. Mary Kingsley stritt für das Verständnis und die Achtung dieser so fremden Kulturen, aber sie war überzeugte Kolonialistin. Mary Kingsley verfügte über keinerlei schulische Ausbildung, aber sie schrieb Bücher, die heute zu den Klassikern der Völkerkunde zählen. Mary Kingsleys Leben war außerordentlich, aber fest verwoben in die Widersprüche ihrer Zeit. Mary Kingsley wirft Fragen auf, und man kommt ihr nicht nah. 

Warum Westafrika? Was veranlasste Mary Kingsley, in den Jahren 1893 bis 1895  zwei Reisen nach Westafrika zu unternehmen? Die Gegend entlang des Flusses Ogowe galt als „das Grab des weißen Mannes“. Die Einwohner wurden in Europa als blutrünstige Wilde beschrieben, und tatsächlich kam es bei einigen Stämmen in Notzeiten zu Kannibalismus. Gefährlicher noch waren Malariamücken und Tsetsefliegen. 

Im Vorwort von „Die grünen Mauern meiner Flüsse“ beschreibt sie die Entscheidung zum Aufbruch als Akt der Befreiung. Bis zum 30. Lebensjahr war sie als unverheiratete bürgerliche Frau an die Familie gebunden und musste erst die schwerkranke Mutter, dann den Vater, schließlich den Bruder, einen studierten Junggesellen, umhegen. Der Tod der Eltern, ein Umzug des Bruders und eine kleine Erbschaft ermöglichten ihr erstmals im Leben die Verfolgung eigener Ziele. So steckte sich Mary Kingsley ein fernes Ziel und bereiste ein Gebiet, das auf damaligen Landkarten noch durch weiße Flecken gekennzeichnet war. Dies wirkt abenteuerlustig, selbstständig und emanzipiert. Düsterer äußerte sie sich in einer Privatkorrespondenz über ihre Motive: „Todmüde war ich und fühlte, dass mich jetzt niemand mehr brauchte, (…) und so brach ich nach Westafrika auf, um dort zu sterben.“

Mary Kingsleys Reisebericht

Mary Kingsleys Reisebericht „Die grünen Mauern meiner Flüsse“ ist frei von der Bedrückung ihrer privaten Briefe. Es finden sich darin sehr poetische Beschreibungen der exotischen Dschungel- und Flusslandschaft. Ihre Darstellungen der Blütenpracht inmitten undurchdringbarer „grüner Mauern“, der schauderhaften Atmosphäre in „krokodilverseuchten“ Mangrovensümpfen und der Geräuschkulissen der nächtlichen Tropen sind hochsuggestiv. 

Im Wesentlichen beschäftigt sich das Buch mit der Darstellung westafrikanischer Kulturen. Da Mary Kingsley weit in  fremdes Gebiet vordrang und den Einheimischen als alleinreisende Europäerin ohne herrschaftliche Begleitung begegnete, gelangen ihr sehr intensive Einblicke in die Bedeutung dortiger Fetisch- und Dämonenkulte. Stets streng in dunklen hochgeschlossenen Kleidern mit bodenlangem Rock und Korsett gewandet scheute sie auch nicht davor zurück, sich an den Feuern der Fang, die im Ruf des Kannibalismus standen, niederzulassen. Ihre geradezu freundschaftliche Zuneigung zu den Westafrikanern ging mit regelmäßigem Befremden einher. Sie war fasziniert von der Vorstellung der Allgegenwart ruheloser Totengeister, doch hegte sie zugleich den bei Europäern zu erwartenden rationalen Vorbehalt. Diese kleinen Brüche in der Wahrnehmung des unerhört Fremden verstand Mary Kingsley in wunderbar leichter Ironie zu vermitteln. 

Ihr gelang dieses Meisterwerk in der Endphase des kolonialen „Wettlaufs um Afrika“; ihr selbst war der Imperialismus Englands eine Selbstverständlichkeit. Als sie ihre Reise unternahm galt es schon als provokant, die westafrikanische Kultur als „anders“ zu bezeichnen, ohne hinzuzufügen, dass sie „minderwertiger“ sei. Mit „Die grünen Mauern meiner Flüsse“ setzte Mary Kingsley bewusst ein Zeichen sowohl gegen den blinden Missionseifer als auch gegen den pseudo-anthropologischen Rassismus, der den Blick auf Afrika dominierte.

Die Lesereihe Abenteurer, Forscherinnen und Entdecker

Jede Veranstaltung legt den Schwerpunkt auf eine andere Region der Welt und beschäftigt sich mit einer anderen Epoche des Reisens. Die Zuhörer werden dennoch Lesung für Lesung auf Gemeinsamkeiten in den jeweiligen Texten stoßen.

Veranstaltungsort ist der Vortragssaal der Lippischen Landesbibliothek. Der Eintritt beträgt 8 €, inkl. Wein und Imbiss. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Bitte melden Sie sich an unter 05231/92660-0 oder unter llbmail(at)llb-detmold.de.


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