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Kontakt halten – auch bei großem Abstand: Briefe von Wilhelmine Weerth an ihren Sohn Georg

von Heidi Köhler • 18.05.2020

Wilhelmine Weerth, Bleistiftzeichung, Signatur: B 5 W.

Das Weerth-Archiv der Landesbibliothek sammelt und erschließt Dokumente zu Leben und Werk des in Detmold geborenen Dichters Georg Weerth (1822 – 1856).

Zu diesen Dokumenten gehören auch sieben Briefe seiner Mutter Wilhelmine Weerth (1785-1868) aus den Jahren 1853 bis 1856, die ich aus der Kurrentschrift in die lateinische Schrift transkribiert habe. Es sind Schreiben einer besorgten Mutter an ihren Sohn, der sich – beruflich bedingt - in exotischen Gegenden aufhält (Karibik, Südamerika).

Um zum geliebten Sohn über die große Distanz hinweg Kontakt zu halten und ihn am familiären Alltag teilhaben zu lassen, werden alltägliche Begebenheiten geschildert, Geschehnisse aus der Region berichtet, Bekannte und Verwandte erwähnt und gelegentlich auch Ereignisse des Weltgeschehens gestreift.

Wilhelmine zeigt großes Interesse an Georgs Unternehmungen, indem Sie zu seinen Briefen Fragen stellt und Kommentare abgibt, um so einen gedanklichen und gefühlsmäßigen Austausch mit ihrem Sohn herzustellen. Geschenke, die Georg an die Familie schickt, werden mit herzlichen und ausführlichen Dankesworten erwähnt, kleine Anekdoten und ironische Kommentare machen das Lesen dieser Zeilen interessant.
Aussagen, die mich beim Entziffern der eng beschriebenen Seiten berührt haben, weil sich in ihnen die Liebe und Sorge Wilhelmines um den Sohn zeigt, gibt es viele:

„Lieber Georg! Wieder sind mir deine beyden Briefe - v. St. Thomas u. Georgetown – zu me[ine]r innigsten Freude zu theil geworden…“ (22.7.1853, Signatur: A 6 W)

„Nun aber erst recht bey deiner schauderhaften Reise nach Upata. … das schlafen mit nassen Kleidern, in d. Hängematte, außer Hauses – Nein, das war mir doch zu arg! ... Du  ewig unersätt - licher – Alles was sich auf der Erde u[nd]. unter dem Himmel befindet kennen lernen zu wollen _ ! Ich kann nicht anders, etwas schelten muß ich dich darüber, – wenn ich nur fassen könnte, d[a]ß. es mir etwas hülfe? Wenn ich dich aber recht inständig darum bitte, dich nicht in unnöthige Gefahr zu begeben, dann – hoffe ich – wirst du doch darauf Bedacht nehmen.“ (26.9.1853, Signatur: A 8 W)

„… so wüsste ich doch nun schon gern wieder, ob du auch glücklich Cuba entronnenbist, wovon Du Dir’s als Knabe, in den Kopf gesezt hattest, an jener Insel noch einmal Schiffbruch zu leiden. Hoffentl[ich] hat die Wirklichkeit deine phantastischen Träume zu Schanden gemacht […] Es behüte dich Gott! [...]  Deine treue Mutter“ (26.9.1853, Signatur: A 8 W)

„Heute […]sollen diese Blätter abgehen – wann werden sie dich erreichen? Mögen sie dich nur im besten Wohlsein antreffen! Von Allen den Unsrig[en]. empfängst du die allerbesten u[nd}. zug[eich]l. dankbarst[en]. Grüße. Gott sei ferner mit dir - mein treuer Sohn! Deine ewig treue Mutter.„ (23.1.1854, Signatur: A 9 W)

„Dank, für die vor etwa 14 Tage[n]. in Empfang genommenen Kostbarkeiten des Südens …. Aber ach! Könntest du d[eine]r. alten Mutter nur auch zugleich ein paar neue Zahnen-Reihen aus Mexico besorgen – damit ich ungestraft in die gewiß sehr bekömmlichen Pomeranzen […]mithineinbeißen könnte - ? doch da das nicht wohl angehen wird, übe ich – wohl oder übel – edle Selbstverleugnung und lasse Andre sie speisen ….“ (23.1.1854, Signatur: A 9 W)

„[…] vorläufig freut sich hier freilich Alt und Jung noch auf das Christfest und es schmerzt mich, nicht zu wissen, Wo und Wie Du dasselbe verleben wirst?“ (23.12.1854, Signatur: A 10 W)

„könnte ich nur auch mal etwas für Dich stricken und Dich mit einer fetten Gans, nebst Festkuchen bewirthen!“ (23.12.1854, Signatur: A 10 W)

„So leb‘ denn ferner wohl! mein theurer Sohn! Gott schütze u[nd]. leite Dich, wo Du auch sein magst!   Ewig – Deine Dich treuliebende Mutter“ (9./10.6.1856. Signatur: A 11 W)

„Wenn Du nur nicht da [in Havanna, wo das Gelbfieber grassiert] bist!! Doch, Gott ist überall! Mit tausend Grüßen von Allen, ganz u[nd]. immer Deine treue Mutter. „ (9.8.1856, Signatur: A 12 W)

 

Dieses letzte Zitat ist aus dem Brief, der den geliebten Sohn nicht mehr erreicht.

Georg Weerth stirbt am 30. Juli 1856 34jährig in Havanna. Als hätte sie es geahnt, warnt die Mutter ihren Sohn in diesem Brief vor der angekündigten Reise dorthin:

„Detmold, 9,8,o56. Höchst erwünscht waren mir Deine beyden Br[ie]fe. – Mein l[ieber] Georg! […] So frisch und lebenskräftig Du mir in D[eine]n. Briefen entgegentratest, so erschreckten mich im lezten die Worte: „Ich hoffe, am 24st. July wieder in Havanna einzutreffen.“  In Havanna – von wo … es in der Zeit[un]g. hieß, daß das gelbe Fieber dort herrsche – vor einig[en]. Tagen noch mit den Worten: „Das gelbe Fieber begann immer allgemeiner zu grassiren, nament[lich]. auf d[en]. Schiffen in St. Thomas, Jamaika und Havanna.“ was mich natürlich gar sehr beunruhigte. Carl [Bruder von Georg] weiß mir zwar immer etwas dagegen zu setzen; nach D[e]m. ersten Bri[e]f: „Ihr wüßtet das nun ja auch, und Du würdest Dich wol hüten hinzugeh’n.“ Nach d[em]. 2ten. „Wenn das Regenwetter einfiele, verlöre sich die Epidemie; udgl.“ [wie gut vorstellbar, dass der ältere Sohn in Detmold die Mutter zu beruhigen versucht; wie ironisch die Mutter dies im Brief schildert] Möge er Recht haben! Immerhin bleibt’s mir eine peinliche Zeit, bis dahin, d[a]ß. ich möglicherweise wieder Nachricht v[on]. Dir haben kann. Gott gebe, d[a]ß. es nicht zu lange dauert und – endlich nur gut lautet!“ (9.8.1856, Signatur: A 12 W)

Es kommt keine gute Nachricht! Georg Weerth erkrankt an Malaria und stirbt an den Folgen nach mehrtägiger Krankheit.

Sein Freund Friedrich Büsing schreibt über den Sterbenden: „Den Namen seiner Mama hatte er stets auf den Lippen und muß diese auch wohl sein letzter Gedanke gewesen sein.“ (Zit. nach: Uwe Zemke: Georg Weerth. Düsseldorf 1989, S. 261)

Georg Weerth wird in Havanna beerdigt. Die Nachricht von seinem Tod wird der Mutter durch die Umsicht des Freundes nicht postalisch, sondern persönlich durch ihren Sohn Carl überbracht.

Wilhelmine Weerth ist zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt. Sie hat fünf Kinder zur Welt gebracht, mit 51 Jahren ist sie Witwe geworden. Die einzige Tochter (Charlotte, genannt „Lotte“) stirbt bereits 1836 mit 22 Jahren. Wilhelmine Weerth stirbt 1868 über achtzigjährig.

Außer den sieben Briefen an den Sohn Georg besitzt die Landesbibliothek weitere 155 Briefe von ihr an die Söhne Carl und Wilhelm. Alle Briefe sind digitalisiert auf unserer Homepage einsehbar. Zu einigen Briefen gibt es die Transkription direkt neben der Originalseite.

Werfen Sie einen Blick in die liebevollen Briefe einer Mutter an ihren berühmten Sohn!


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