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Einladung zum Vortrag: Prof. Erhard Wiersing über Schillers Idee vom Fortschritt der Menschheit

von Julia Hiller von Gaertringen • 29.09.2005

Die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Lippischen Landesbibliothek Detmold e.V. lädt ein zum Vortrag ihres zweiten Vorsitzenden

Erhard Wiersing:
Schillers Idee vom Fortschritt der Menschheit
Historische und aktuelle Reflexionen zu Schillers Rede aus dem Jahre 1789
„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“

am Donnerstag, dem 29. September 2005, um 19.30 Uhr in der Lippischen Landesbibliothek Detmold.

Der Vortrag wird gehalten aus Anlass der Beendigung der Ausstellung „Schiller in Detmold“ am Freitag, dem 30. September 2005.

Zum Inhalt: Als der 29jährige Schiller Anfang des Jahres 1789 auf Vermittlung Goethes an der Universität Jena eine unbezahlte Honorarprofessur für Geschichte erhält, ist er weder im Besitz eines Doktortitels noch hat er überhaupt das Fach Geschichte studiert. Und dennoch ist seine „akademische Antrittsrede“ ebenso berühmt geworden und wird seither ebenso häufig  in den historischen Wissenschaften zitiert wie jener andere ebenfalls immer wieder herangezogene Aufsatz eines zur Zeit der Abfassung noch jüngeren Nicht-Historikers, Nietzsches „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1871).

In diesem Vortrag blickt Schiller – im Mai 1789, also wenige Monate, bevor in Frankreich die große Revolution ausbrechen sollte – enthusiastisch auf den kulturellen Ertrag seines Jahrhunderts zurück und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass der politische, sittliche und gesellschaftliche Fortschritt die „europäische Staatengesellschaft“ „in eine große Familie verwandeln“ werde und von nun an zwar ihre „Hausgenossen … einander anfeinden, aber nicht mehr zerfleischen“ würden können. Mit dieser Erwartung steht Schiller nicht allein. In Deutschland reiht er sich in die Versuche von Lessing, Herder, Kant und vielen anderen ein, die Lehre aus der bisherigen Geschichte der Menschheit zu ziehen, ihren von anfänglicher Primitivität zur Zivilisation führenden Weg fortzusetzen, die Menschen durch eine auf Vernunft gegründete Aufklärung zur Humanität zu bilden und die Völker zu einem friedlichen Umgang miteinander zu erziehen. Emphatisch wendet sich Schiller an seine jugendlichen Zuhörer mit den Worten: „Ein edles Verlangen muß in uns entglühen zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen, und dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser Dasein zu befestigen.“

Dabei fällt auf, daß der „Erfinder des Deutschen Idealismus“ (R. Safranski) schon damals seine Hoffnung weniger auf politische und gesellschaftliche Reformen als vielmehr auf die moralisch veredelnde Kraft der Schönen Künste und der Wissenschaften setzt. Diese Überzeugung verstärkt sich wenige Jahre später dann bei der Abfassung seiner „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1793/94). Dort distanziert sich der von der französischen Nationalversammlung zum Ehrenbürger ernannte Friedrich Schiller nicht nur ausdrücklich von der Revolution jenseits des Rheins, sondern meint auch,  dass man den Menschen zu ihrer moralischen und politischen Läuterung die Vernunft nicht mehr unvermittelt angedeihen lassen dürfe. Zuvor müssten sie vielmehr erst durch die Künste und dann auch durch Wissenschaften zu Personen in der ganzen Fülle ihrer humanen Möglichkeiten gebildet werden.

Damit schlägt Schiller, gemeinsam mit Goethe, Humboldt und den vielen anderen kreativen Geistern um 1800, jenen von der politischen Kultur des Westens abweichenden Sonderweg der Kultivierung vor allem des inneren Menschen ein, der der deutschen Kultur bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ihr Charakteristikum gegeben hat. Die in den letzten 50 Jahren gegen diesen deutschen Weg erhobene Kritik hat in der im Privaten gepflegten Innerlichkeit und in dem öffentlich vertretenen Leitbild von der gebildeten Persönlichkeit eine Flucht des Bürgertums vor politischer Mitwirkung und Verantwortung und damit letztlich auch eine Ursache des politischen Versagens Deutschlands in neuerer Zeit gesehen. Ob man damit den produktiven Geistern unserer literarischen Klassik, den Philosophen des Deutschen Idealismus und den Begründern der klassischen deutschen Bildungstheorie nicht unrecht tut und umgekehrt ihr humanitäres Potenzial noch gar nicht ausgeschöpft ist, gehört zu den Fragen, über die es sich lohnt, im gegenwärtigen Schillerjahr 2005, mit seinen zahllosen politischen, gesellschaftlichen kulturellen Unsicherheiten, erneut nachzudenken.


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