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Briefe aus der Fürstin Feder (8): Amtsübergabe

von Christine Rühling • 14.12.2020

Auszug der Sitzordnung beim Festakt zur Amtsübergabe, Beilage zu Slg 74 Nr. 1,86

Offizielle Zeremonien folgen bis heute festen, genau geplanten Abläufen. Da höfische Gesellschaften stark durch Rituale und sichtbare Zeichen der Macht geprägt waren, folgten wichtige Ereignisse einem minutiös festgelegten Drehbuch. Fürstin Pauline zur Lippe (1769-1820) plante die Übergabe der Regierung an ihren Sohn Leopold II. (1796-1851) ganz genau. In den Briefen an ihren Vertrauten Friedrich Simon Leopold Petri (1774-1850) findet sich der Entwurf für die Stabsübergabe, der in einer Abschrift Petris überliefert ist. Dabei geht Pauline ins Detail: In einem beiliegenden Sitzplan ist genau festgelegt, wer an welcher Stelle platziert wird. Dann folgt der Abriss des Ablaufes, der an eine Theaterinszenierung erinnert. Hier die Regieanweisung:

„Wenn alles versammelt ist, wird mein jüngster Sohn bitten, in das Audienzgemach zu treten, worin sich alles ordnet, wie vorgezeichnet. Dann trete ich ein paar Schritte in den Kreis und halte eine Rede, mein Sohn beantwortet sie mit wenigen Worten. Ich grüße die Versammlung und trete in das Nebenzimmer ab, meine Schwiegertochter kommt herein und stellt sich neben den Fürsten. Es wird allen beiden Glück gewünscht, vom Regierungsdirektor, Kammerdirektor, Kanzleidirektor, Rat Ernst. Generalsuperintendenten mit ein paar Worten, von den übrigen durch Verbeugung, wenn es zuerst vor meinem jüngsten Sohn geschehen ist. Dann entfernen sich alle und die Handlung hat ein Ende.“

Zum Entwurf Slg 74 Nr. 1,86: →hier.

Im gleichen Dokument ist Paulines Entwurf der Rede vorhanden, die die Fürstin am 27.7.1820 am Ende der Regierungsverhandlung zu halten gedachte. Emotion ist der Fürstin in jenem „rührenden Moment[]“ anzumerken. Sie richtet sich an die Anwesenden:

„Wir haben lange, viel und oft gemeinschaftlich gewirkt, wir hatten immer einen Sinn, einen Zweck, wir haben uns nie missverstanden. Oft kam ich gedrückt und leidend in Ihre Sitzungen und verließ sie wohler, gestärkter. Sie waren und bleiben mir unausgesetzt ergeben, und wie in der Überspannung kurzen Moment, mancher von mir abzufallen schien und zum Vorwurf anrechnete, was mir vorher laut verdankt wurde, da bleibt die Regierung mir mit persönlicher Unannehmlichkeit unerschütterlich treu. Mein Herz bewahrt für alles dieses Dank, so lange es schlagen wird, und gedenkt mit gleichen Gefühlen der Vorangegangenen, der von uns durch Todt, hohes Alter, anderweitige nützliche Tätigkeit Getrennten, immer noch Geliebten.“

Interessant ist, dass sich bei den Briefen auch ein Entwurf dieser Rede in der Hand Petris findet, der Paulines sehr ähnelt, an entscheidender Stelle jedoch glättet und die Emotion mildert: Ob Petri hier mit ein wenig mehr Distanz korrigierend eingegriffen hat?

Vergleichen Sie selbst: Slg 74 Nr 1,88: →hier.

Ganz leicht scheint es Pauline nicht gefallen zu sein, das Ruder aus der Hand zu geben. Schon vor der Amtsübergabe lenkte sie die Geschicke des späteren Fürsten Leopold. So schrieb sie am 4. Januar 1820 an Petri:

„Etwas ruhiger bin ich, seit mir mein Sohn versprach, regelmäßig die Sessionen als Regent wenigsten 3 Stunden zu besuchen, und keinen geheimen Referenten zu nehmen, sondern in solchen Fällen die Regierungsräte im Vortrag wechseln zu lassen. […] Ich werde an das Halten des Versprechens im Notfall erinnern, da ich das erste halbe Jahr nach dem Regierungsantritt hier im Schloss zu bleiben habe versprechen müssen.“

Vgl. Slg 74 Nr 1,76: →hier

Es ist kaum vorstellbar, dass es große Überzeugungskraft gekostet hat, ihr dieses Versprechen abzuringen. In der oben genannten Rede an die Regierung heißt es zum Schluss:

„Kann auch künftig mein Geschäftsgedächtnis, meine Geübtheit im Französischen Schreiben, meine Ansicht einem von Ihnen nützen, [erlaubt mein Sohn im Fall einer von Ihnen verreiset, mir wie bisher zu sublevieren, Satz gestrichen] o! wie gern würd es geschehen, jedes Mal eine willkommene Rückerinnerung an meines Lebens nützlichsten Zeitraum sein – Doch ich scheide ohnehin nicht ganz von Ihnen, meinen Herren, ich habe mir ja ein sehr schönes Regierungsdepartement, Fürsorge für die Armen, vorbehalten!

Paulina“


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