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Aus den Vorbereitungen zur Ausstellung Lippe 1848: Heinrich Schierenberg

von Harald Pilzer • 07.08.1998

Der Detmolder Gymnasialdirektor Professor Heinrich Schierenberg ist der erste lippische Abgeordnete in einem gesamtdeutschen Parlament – in der deutschen Nationalversammlung, die seit 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche tagt.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Fürstentums konnten alle männlichen Einwohner an einer politischen Wahl teilnehmen. Der Wahlrechtsentwurf des Frankfurter Vorparlaments hatte dies so vorgesehen. Es war in Lippe allerdings weder eine direkte noch eine geheime Wahl.

Zwar durfte jeder selbständige, unbescholtene Lipper männlichen Geschlechts – und zwar ungeachtet seiner Religionszugehörigkeit – wählen und auch die besitzlosen Tagelöhner und Einlieger, die den größten Bevölkerungsanteil in Lippe ausmachten, waren zum ersten Mal an der Wahl beteiligt, doch diese geschah indirekt, über Wahlmänner. In den Dorfkrügen kam die männliche Bevölkerung zusammen, um über die Wahlmänner abzustimmen. Die Wähler waren noch unerfahren, die Aufklärung über die politische Bedeutung ließ zu wünschen übrig. Die Zeitung Die Wage kritisierte denn auch mehrmals das Verfahren, bei dem Amtspersonen eingegriffen und die Wahlberechtigten in eigenem Interesse beeinflußt hätten So seien Kandidaten vorgegeben, die Stimmabgabe für andere verhindert worden. Welche politischen Positionen die einzelnen Kandidaten schließlich vertraten, wird den vielen kaum bekannt gewesen sein, politische Parteien, einen regelrechten öffentlichen Wahlkampf gab es noch nicht. Manche Kandidaten ließen immerhin in den Zeitungen ihr „politisches Glaubensbekenntnis“ abdrucken.

Die endgültige Wahl fiel schließlich auf Heinrich Schierenberg. Professor Schierenberg war angesehener Lehrer und Direktor des Detmolder Gymnasiums Leopoldinum, das sich damals noch in der Leopoldstraße, in dem Gebäude der heutigen Stadtbücherei befand. Er hatte Lippe schon im Vorparlament vertreten.

Schierenberg galt als Verfechter einer konstitutionellen Monarchie. In Frankfurt gehörte er zur Fraktion der gemäßigten Linken. Bei den lippischen Demokraten fiel sein Abstimmungsverhalten in den folgenden eineinhalb Jahren nicht immer auf Zustimmung. Mehrfach wurden ihm „Adressen“ zugesandt, um aus seinem Wahlkreis heraus Einfluß nehmen zu können auf die politischen Entscheidungen, die in Frankfurt fielen.

In seiner Schule in Detmold hinterließ Schierenberg derweil eine Lücke, sein Kommissarius kämpfte zeitweise gegen die demokratischen Umtriebe, die das Gymnasium am allerwenigsten verschont zu haben schienen. Mehrere Lehrer schlossen sich im weiteren Verlauf der Revolution den demokratischen Volksvereinen an, nahezu die gesamte Oberstufe war offensichtlich fasziniert von der neuen demokratischen Bewegung. Die Schüler der Sekunda (heute Klasse 12) gründeten gar einen radikal-demokratischen Verein und forderten die sofortige Absetzung des Fürsten!

Die Detmolder hatten aber auch ihre eigene Paulskirche. Doch hier ließ die Durchsetzung eines neuen Wahlgesetzes zu einer Volksvertretung für das Fürstentum Lippe noch lange auf sich warten. Im maerz waren noch die Vertreter der alten Stände – der Ritterschaft, der Städte und der ländlichen Gutsbesitzer – zusammengetreten. Immerhin waren die Verhandlungen erstmals öffentlich – sie fanden in der alten Lutherkirche in der Detmolder Schülerstraße statt. Doch von einem feierlichen Einzug der Abgeordneten – wie immer wieder in diesen Tagen auf Bildern von der Paulskirche in Frankfurt am 18. Mai 1848 zu sehen – konnte in Lippe keine Rede sein. Die Bevölkerung blieb skeptisch gegenüber den Vertretern der alten Ordnung. Erst 1849 konnte hier nach einem neuen Wahlrecht gewählt werden. Nahezu dreiviertel der Abgeordneten zogen daraufhin neu in den Landtag ein. Ihre Zahl war von 20 auf 25 erhöht worden, aber nicht einmal ein Drittel der bisherigen Ständeabgeordneten wurden wiedergewählt.

Ob aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, ob wegen der Umwidmung einer Kirche zum politischen Versammlungsort – wie in Frankfurt – oder angesichts bestimmter politischer Erwartungen: schon damals erhielt die Detmolder Lutherkirche die Bezeichnung „Paulskirche“. Die Kirche wurde 1896 abgerissen, weil sie für die Gemeinde zu wenig Raum bot; an ihrer Stelle steht heute die – größere – Martin-Luther-Kirche.

In der Ausstellung Lippe 1848 - Von der demokratischen Manier eine Bittschrift zu überreichen, die am 4. Oktober 1998 in der Lippischen Landesbibliothek beginnt, wird näheres darüber zu erfahren sein. Zu sehen gibt es dann unter anderem Bilder aus der Detmolder „Paulskirche“, detaillierte Kleidervorschriften für die Ständeabgeordneten im Lippischen Landtag, Wählerlisten anläßlich der Wahl zur Frankfurter Nationalversammlung sowie zum lippischen Landtag und eine Handschrift aus dem Gedenkbuch der Abgeordneten in der Frankfurter Paulskirche, entstanden kurz vor der Auflösung der Versammlung. Übrigens: Professor Schierenberg ist ebenfalls dabei.

Siehe auch: 1. Ankündigung, 2. Ankündigung.


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